Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Bettina von Arnim >

Goethes Briefwechsel mit einem Kinde

Bettina von Arnim: Goethes Briefwechsel mit einem Kinde - Kapitel 32
Quellenangabe
typeletter
booktitleGoethes Briefwechsel mit einem Kinde
authorBettine von Arnim
year1984
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32467-4
titleGoethes Briefwechsel mit einem Kinde
pages5
created20000619
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1835
Schließen

Navigation:


An Goethe.

Am 13. Dezember 1809.

Ach, ich will dem Götzendienst abschwören! Von Dir spreche ich nicht; denn welcher Prophet sagt, daß Du kein Gott seist? –

Ich spreche von Großem und Kleinem, was die Seele irrt. O wüßtest Du, was Dir zum Heile dient jetzt in den Tagen Deiner Heimsuchung? Lukas XIX.

Ich hätte Dir vieles zu sagen, aber in meinem Herzen zuckt es, und schmerzliche Gedanken türmen sich übereinander,

Der Friede bestätigt sich. Im Augenblick der glorreichsten Siege, wo die Energie dieses Volkes seinen Gipfel erreichte, mahnt Österreich, die Waffen niederzulegen; was hat es für ein Recht dazu? – Hat es nicht lange schon tückisch furchtsam seine Sache von der der Tiroler getrennt? – Da stehen die gekrönten Häupter um diesen Edelstein Tirol, sie schielen ihn an und sind alle von seinem reinen Feuer geblendet; aber sie werfen ein Leichentuch darüber hin: ihre abgefeimte Politik! Und nun entscheiden sie kaltblütig über sein Los. Wollt' ich sagen, welche tiefe Wunden mir die Geschichte dieses Jahres geschlagen, wer würde mich bemitleiden? – Ach und wer bin ich, daß ich meine Anklage, meinen Fluch dürfte verlauten lassen? – Jeder hat das Recht, sich den höchsten Geschicken zu vermählen, dem es so rast im Herzen wie mir, ach, ich hab' auch zu nichts mehr Lust und Vertrauen; der kalte Winterwind, der heute stürmt, mit dem bin ich nicht im Widerspruch, der belügt mich doch nicht. Vor sechs Wochen waren noch schöne Tage, wir machten eine Reise ins Gebirg'. Wie wir uns dem Kettenwerk der felsigen Alpen näherten, das hat mächtig in mir gearbeitet, die Asche fiel vom Herzen, es strömte Frühlingsglut in den matten Schein der Herbstsonne. Es war herrlich unter den Tannen und Fichten auf der Hochalme, sie neigten im Windesrauschen ihre Wipfel zueinander; war ich ein Kätzchen, in ihrem Schatten hätte mich des Kaisers Majestät nicht geblendet. – Hier lag ich am jähen Abhang und überschaute das enge Tal, dem verkuppelt mit Bergen hieroglyphische Felswände entstiegen. Ich war allein auf steilster Höhe und übersah unzählige Schluchten, die gefühlvollen Entzückungsprediger waren zurückgeblieben, es war für sie zu steil. – Wären wir beide doch dort beisammen im Sommer und stiegen Hand in Hand bedachtsam, langsam, einsam den gefahrsamen Pfad hinab, das waren so meine heiligen Gedanken da oben; wärst Du dabei gewesen, wir hätten noch anderes bedacht. – Ein Kranz kühlt und steht schön zu erhitzten Wangen; was willst Du? – Tannen stechen, Eichen wollen sich nicht geschmeidig biegen, Ulme, sind die Zweige zu hoch, Pappel schmückt nicht, und der Baum, der Dein ist, der ist nicht hier. – Das hab' ich oft gesagt, der mein ist, der ist nicht hier, Du bist mein, Du bist aber nicht hier.

Es könnte sich auch fügen, daß nach Deiner prophetischen Vision in kurzer Zeit mein Weg mich mit Dir zusammen führte, ich bedarf dieser Entschädigung für die böse Zeit, die ich ohne Dich verlebte.

Eine ausgezeichnete Klasse von Menschen, worunter herrliche Leute waren, sind die Mediziner, da die Krankheiten so schrecklich durch den Krieg in Aufruhr kamen, wurden die meisten ein Opfer ihrer Tätigkeit, da merkt man denn erst, wieviel einer wert war, wenn er nicht mehr lebt. Der Tod treibt zur Unzeit die Knospen in die Blüte.

Beiliegende Zeichnung ist das Porträt von Tiedemann, eines hiesigen Professors der Medizin, er interessiert sich so sehr für die Fische, daß er ein schönes Werk über die Fischherzen schrieb, mit gar guten Kupfern versehen; da Du nun in Deinen »Wahlverwandtschaften« gezeigt, daß Du Herz und Nieren genau prüfst, so werden Dir Fischherzen auch interessant sein, und vielleicht entdeckst du, daß Deine Charlotte das Herz eines Weißfisches hat; mit nächstem, wo ich noch manches andre übersende, werd' ich's mitschicken. Die Zeichnung achte nicht gering, lernst Du den Mann einmal kennen, so wirst Du sehen, daß er seinem Spiegel Ehre macht.

Um wieder auf etwas Bitteres zu kommen, die Meline mit den schönen Augenwimpern, von der Du sagtest, sie gleiche einer Rose, die der Tau eben aus tiefem Schlaf geweckt, die heiratet einen Mann, von dem die allgemeine Sage geht, er sei ein ganz vortrefflicher Mensch. O, wie ist das traurig, Sklave der Vortrefflichkeit sein, da bringt man es nicht weiter wie Charlotte es gebracht hat, man ketzert sich und andre mit der Tugend ab. Verzeih nur, daß ich immer wieder von Deinem Buch anfange, ich sollte lieber schweigen, da ich nicht Geist genug habe, es ganz zu fassen.

Seltsam ist es, daß, während die Wirklichkeit mich so gewaltig aufregt, schlägt mich die Dichtung so gewaltig nieder. Die schwarzen Augen, die groß sind und etwas weit offen, aber ganz erfüllt voll Freundlichkeit, wenn sie mich ansehen, der Mund, von dessen Lippen Lieder fließen, die ich schließen kann mit einem Spiegel, die dann viel schöner singen, süßer und wärmer plaudern als vorher, und die Brust, an die ich mich verbergen kann, wenn ich zu viel geschwätzt habe, die werd' ich doch nie mißverstehen, die werden mir nie fremd sein. – Gute Nacht hierüber.

Beiliegende Kupfer sind von unserm Grimm, die beiden Bubenköpfchen machte er nur flüchtig auf einer Reise nach dem Staremberger See, die Zeichnung davon ist noch besser, sie ist samt der Gegend, die Buben, der braune auf einer Bank in der Sonne sitzend, der blonde auf die Brunnenmauer gelehnt, alles ganz lieblich nach der Natur. Das Mädchen ist ein früherer Versuch seiner Nadel, Dein Lob hat ihm großen Eifer gegeben, sein Lehrer ist der Kupferstecher Heß, dem ich manchmal mit stillem Staunen bei seinen großen ernsten Arbeiten zusehe.

Marcellos Psalmen werden hier in Landshut zu schlecht abgeschrieben, es ist alter Kirchenstil, ich muß Geduld haben, bis ich einen Abschreiber finde.

Lebe wohl, alles grüße herzlich von mir, was Dein ist.

Meine Adresse ist in Graf Joners Hause in Landshut.

Bettine.


An Goethe.

Ich habe meine Türe verriegelt, und um doch nicht so ganz allein zu sein mit meinem Mißmut, sucht' ich Deine »Eugenie«; sie hatte sich ganz in den hintersten Winkel des Bücherschranks versteckt, mir ahnte ein Trost, ein himmlischer Gedanke werde mich drin anwehen, ich habe sie eingezogen wie Blumenduft, unter drückenden Wolken bin ich gelassen unermüdet vorwärts geschritten bis zum einsamen Ziel, wo keiner gern weilt, weil da die vier Winde zusammenstoßen und den armen Menschen nicht jagen, aber fest in ihrer Mitte halten; ja, wen das Unglück recht anbraust, den treibt's nicht hin und her, es versteinert ihn wie Niobe.

Da nun das Buch gelesen ist, verzieht sich der dichte Erdennebel, und nun muß ich mit Dir reden. – Ich bin oft unglücklich und weiß nicht warum, heute meine ich nun, es komme daher, weil ich dem Boten Deinen Brief abzunehmen glaubte, und es war ein anderer, nun klopfte mir das Herz so gewaltig, und dann war's nichts. Als ich hereinkam, fragten alle, warum siehst Du so blaß aus? Und ich reichte meinen Brief hin und fiel ganz matt auf einen Sessel, man glaubte wunder, was er enthalte, es war eine alte Rechnung von 4 Fl. von dem alten Maler Robert aus Kassel, bei dem ich nichts gelernt habe; sie lachten mich alle aus, ich kann aber doch nicht lachen; denn ich hab' ein bös Gewissen, ich weiß ja wenig, was Geist, Seele und Herz für Prozesse miteinander führen, warum hab' ich Dir denn allerlei geschrieben, was ich nicht verantworten kann? Du bist nicht böse auf mich, wie könnte mein unmündig Geschwätz Dich beleidigen, aber Du antwortest nicht, weil ich ja doch nicht verstehe, was Du sagen könntest, und so hat mich mein Aberwitz um mein Glück gebracht, und wer weiß, wann Du wieder einlenkst. Ach, Glück! Du läßt dich nicht meistern und nicht bilden, wo du erscheinst, da bist du immer eigentümlich und vernichtest durch deine Unschuld alles Planmäßige, alle Berechnung auf die Zukunft.

Unglück ist vielleicht die geheime Organisation des Glückes, ein flüssiger Demant, der zum Kristall anschießt eine Krankheit der Sehnsucht, die zur Perle wird. O, schreib mir bald.

Am 12. Januar 1810. Bettine.


Goethe an Bettine

Das ist ein liebes, feines Kind, listig wie ein Füchschen, mit einer Glücksbombe fährst Du mir ins Haus, in der Du Deine Ansprüche und gerechte Klagen versteckst. Das schmettert einem denn auch so nieder, daß man gar nicht daran denkt, sich zu rechtfertigen. – Die Weste, innen von weichem Samt, außen glatte Seide, ist nun mein Bußgewand, je behaglicher mir unter diesem wohlgeeigneten Brustlatz wird, je bedrängter ist mein Gewissen, und wie ich gar nach zwei Tagen zufällig in die Westentasche fahre und da das Register meiner Sünden herausziehe, so bin ich denn auch gleich entschlossen, keinen Entschuldigungen für mein langes Schweigen aufzusuchen. Dir selbst aber mache ich es zur Aufgabe, mein Schweigen bei Deinen so überraschenden Mitteilungen auf eine gefällige Weise auszulegen, die Deiner nie versiegenden Liebe, Deiner Treue für Gegenwärtiges und Vergangenes auf verwandte Weise entspricht. Über die »Wahlverwandtschaften« nur dies: der Dichter war bei der Entwickelung dieser herben Geschicke tief bewegt, er hat seinen Teil Schmerzen getragen, schmäle daher nicht mit ihm, daß er auch die Freunde zur Teilnahme auffordert. Da nun so manches Traurige unbeklagt den Tod der Vergangenheit stirbt, so hat sich der Dichter hier die Aufgabe gemacht, in diesem einen erfundnen Geschick wie in einer Grabesurne die Tränen für manches Versäumte zu sammeln. Deine tiefen, aus dem Geist und der Wahrheit entspringende Ansichten gehören jedoch zu den schönsten Opfern, die mich erfreuen, aber niemals stören können, ich bitte daher recht sehr, mit gewissenhafter Treue dergleichen dem Papier zu vertrauen und nicht allenfalls in Wind zu schlagen, wie bei Deinem geistigen Kommers und Überfluß an Gedanken leichtlich zu befahren ist. Lebe wohl und lasse bald wieder von Dir hören.

Weimar, den 5. Februar 1810. Goethe.

 

Meine Frau mag Dir selbst schreiben, wie verlegen sie um ein Maskenkleid gewesen und wie erfreut sie bei Eröffnung der Schachtel war, es hat seinen herrlichen Effekt getan. Über der lieben Meline Heirat sage ich nichts, es macht einem nie wohl, wenn ein so schönes Kind sich weggibt, und der Glückwunsch, den man da anbringt, drückt einem nur auf dem Herzen.


An Goethe.

Fahre fort, so liebreich mit mir zu sein, packe selbst zusammen, was Du mir schickst, mache selbst die Adresse aufs Paket, das alles freut mich, und Dein Brief, der allen Schaden vergütet, ja meine eignen Schwächen so sanft stützt, mich mir selbst wiedergibt, indem er sich meiner annimmt.

Nun, ich bin angeblasen von allen Launen, ich drücke die Augen zu und brumme, um nichts zu sehen und zu hören, keine Welt, keine Einsamkeit, keinen Freund, keinen Feind, keinen Gott und endlich auch keinen Himmel.

Den Hofer haben sie in einer Sennhütte auf den Passeirer Bergen gefangen, diese ganze Zeit bin ich diesem Helden mit Gebet heimlich nachgegangen, gestern erhalt' ich einen Brief mit einem gedruckten Tiroler Klagelied: »Der Kommandant der Heldenschar, auf hoher Alp gefangen gar, findet viel Tränen in unseren Herzen.«Ach, dieser ist nicht unbeweint von mir, aber die Zeit ist eisern und macht jede Klage zu Schanden, so muß man auch das Ärgste fürchten, obschon es unmöglich ist. Nein, es ist nicht möglich, daß sie diesem sanften Helden ein Haar krümmen, der da für alle Aufopferung, die er und sein Land umsonst gemacht hatten, keine andre Rache nahm, als daß er in einem Brief an Speckbacher schrieb: »Deine glorreichen Siege sind alle umsonst, Österreich hat mit Frankreich Friede geschlossen und Tirol vergessen.«

In meinem Ofen saust und braust der Wind und treibt die Glut in Flammen und brennt die alten bayrischen Tannen recht zu Asche zusammen, dabei hab' ich denn meine Unterhaltung, wie es kracht und rumpelt und studiere zugleich Marpurgs Fugen, dabei tut mir denn gar wohl, daß das Warum nie beantwortet werden kann, daß man unmittelbare Herrschaft des Führers (Dux) annehmen muß, und daß der Gefährte sich anschmiegt, ach, wie ich mich gern an Dich anschmiegen möchte; wesentlich möchte ich ebenso Dir sein, ohne viel Lärm zu machen, alle Lebenswege sollten aus Dir hervorgehen und sich wieder in Dir schließen, und das wäre eine echte, strenge Fuge, wo dem Gefühl keine Forderung unbeantwortet bleibt, und wo sich der Philosoph nicht hineinmischen kann.

Ich will Dir beichten, will Dir alle meine Sünden aufrichtig gestehen, erst die, an welchen Du zum Teil Schuld hast, und die Du auch mitbüßen mußt, dann die, so mich am meisten drücken, und endlich jene, an denen ich sogar Freude habe.

Erstens: sage ich Dir zu oft, daß ich Dich liebe, ja, ich weiß gar nichts anders, wenn ich's hin- und herwende, es kömmt sonst nichts heraus.

Zweitens: beneide ich alle Deine Freunde, die Gespielen Deiner Jugend und die Sonne, die in Dein Zimmer scheint und Deine Diener, vorab Deinen Gärtner, der unter Deinem Kommando Spargelbeete anlegt.

Drittens: gönne ich Dir keine Lust, weil ich nicht dabei bin, wenn einer Dich gesehen hat, von Deiner Heiterkeit und Anmut spricht, das ist mir eben kein besonder Vergnügen; wenn er aber sagt, Du seist ernst, kalt, zurückhaltend usw. gewesen, das ist mir recht lieb.

Viertens: vernachlässige ich alle Menschen um Deinetwillen, es gilt mir keiner etwas, aus ihrer Liebe mache ich mir gar nichts; ja, wer mich lobt, der mißfällt mir, das ist Eifersucht auf mich und Dich und eben kein Beweis von einem großen Herzen und ist eine elende Natur, die auf einer Seite ausdürrt, wenn sie auf der andern blühen will.

Fünftens: hab' ich eine große Neigung, die Welt zu verachten, besonders in denen, so Dich loben, alles, was Gutes über Dich gesagt wird, kann ich nicht hören, nur wenige einfache Menschen, denen kann ich's erlauben, daß sie über Dich sprechen, und das braucht nicht grade Lob zu sein, nein, man kann sich ein bißchen über Dich lustig machen, und da kann ich Dir sagen, daß sich ein unbarmherziger Mutwille in mir regt, wenn ich die Sklavenketten ein bißchen abwerfen kann.

Sechstens: hab' ich einen tiefen Unwillen in der Seele, daß Du es nicht bist, mit dem ich unter einem Dach wohne und dieselbe Luft einatme, ich fürchte mich in der Nähe fremder Menschen zu sein, in der Kirche suche ich mir einen Platz auf der Bank der Bettler, weil die am neutralsten sind, je vornehmer die Menschen, je stärker ist mein Widerwillen; angerührt zu werden, macht mich zornig, krank und unglücklich; so kann ich's auch in Gesellschaften auf Bällen nie lange aushalten, tanzen mag ich gern, wenn ich allein tanzen könnte, auf einem freien Platz, wo mich der Atem, der aus fremder Brust kömmt, nicht berührte. Was könnte das für einen Einfluß auf die Seele haben, nur neben dem Freund zu leben? – Um so schmerzlicher der Kampf gegen das, was geistig und leiblich ewig fremd bleiben muß.

Siebentens: wenn ich in Gesellschaft soll vorlesen hören, setze ich mich in eine Ecke und halte die Ohren heimlich zu, oder ich verliere mich über dem ersten besten Wort ganz in Gedanken, wenn denn einer etwas nicht versteht, so erwache ich aus einer andern Welt und maße mir an, die Erklärung darüber zu geben, und was andre für Wahnwitz halten, das ist mir verständlich und hängt zusammen mit einem innern Wissen, das ich nicht von mir geben kann. Von Dir kann ich durchaus nichts lesen hören, noch selbst vorlesen, ich muß mit mir und Dir allein sein.

Achtens: kann ich gegen niemand fremd oder vornehm bleiben, wenn ich im mindesten unbequem bin, so werde ich ganz dumm; denn es scheint mir ungeheuer dumm, einander was weiszumachen. Auch daß sich der Respekt mehr in etwas Erlerntem, als in etwas Gefühltem äußert; ich meine, daß Ehrfurcht nur aus Gefühl der inneren Würde entspringen müsse. Dabei fällt mir ein, daß nahe bei München ein Dorf liegt, was Kultersheim heißt, auf einem Spaziergang dahin erklärte man mir, daß dieser Name von Kultursheim herrühre, weil man da dem Bauernstand eine höhere Bildung zu geben beabsichtigt habe; das Ganze hat sich jedoch auf den alten Fuß gesetzt, und diese guten Bauern, die dem ganzen Lande mit schönem Beispiel voranschreiten sollten, sitzen bei der Bierkanne und zechen um die Wette, das Schulhaus ist sehr groß und hat keine runde, sondern lauter viereckige Scheiben, doch liebt der Schulmeister die Dämmerung; er saß hinter dem Ofen, hatte ein blaues Schnupftuch über dem Kopf hängen, um sich vor den Fliegen zu schützen, die lange Pfeife war ihm entfallen, und er schlief und schnarchte, daß es widerhallte; die Schreibbücher lagen alle aufgehäuft vor ihm, um Vorschriften im Schönschreiben zu machen; – ich malte einen Storch, der auf seinem Neste steht und schrieb darunter:

»Ihr Kinder lernt bauen euer Nest mit eigner Hand aufs allerbest. Die Tanne in dem Walde stolz, die fällt zu euerm Zimmerholz. Und dann, wenn alle Wände stehn, müßt ihr euch nach 'ner Eich' umsehn; daraus ihr schnitzelt Bank und Tisch, worauf ihr speist gebratnen Fisch. Das best' Holz nehmt zu Bett und Wiegen für Frau und Kind, die ihr werd't kriegen, und lernt benützen Gottes Segen bei Sonnenschein und auch bei Regen. Dann steht ihr stolz auf eignem Hort wie der Storch auf seinem Neste dort. Der möge stets bei euch einkehren, um böses Schicksal abzuwehren. Dann lernt noch schreiben euern Namen, unter gerechte Sach', ich sage Amen. Das ist das echte Kultursheim, worauf ich machte diesen Reim.«

Ich flirrte jeden Augenblick zur Tür hinaus, aus Angst, der Schulmeister möge aufwachen, draußen machte ich meinen Reim und schlich wieder auf den Zehen herbei, um ihn mit einer einseitigen Feder, die wahrscheinlich mit dem Brodkneip zugeschnitten war, aufzuschreiben, zuletzt nahm ich das blaue Band von meinem Strohhut und machte eine schöne Schleife um das Buch, damit er's doch sehen möge; denn sonst hätte dies schöne Gedicht leicht unter dem Wust der Schreibbücher verloren gehen können. Vor der Tür saß Rumohr, mein Begleiter, und hatte unterdessen eine Schüssel mit saurer Milch ausgespeist, ich wollte nichts essen und auch mich nicht mehr aufhalten, aus Furcht, der Schulmeister könne aufwachen. Unterwegs sprach Rumohr sehr schön über den Bauernstand, über ihre Bedürfnisse, und wie das Wohl des Staats von dem ihrigen abhinge, und wie man ihnen keine Kenntnisse aufzwingen müsse, die sie nicht selbst in ihrem Beruf unmittelbar benützen könnten, und daß man sie zu freien Menschen bilden müsse, das heißt: zu Leuten, die sich alles selbst verschaffen, was sie brauchen. Dann sprach er auch über ihre Religion, und da hat er etwas sehr Schönes gesagt, er meinte nämlich, jedem Stand müsse das als Religion gelten, was sein höchster Beruf sei; des Bauern Beruf sei, das ganze Land vor Hungersnot zu schützen, hierin müsse ihm seine Wichtigkeit für den Staat, seine Verpflichtungen für denselben begreiflich gemacht werden, es müsse ihm ans Herz gelegt werden, welchen großen Einfluß er auf das Wohl des Ganzen habe, und so müsse er auch mit Ehrfurcht behandelt werden, daraus werde die Selbstachtung entstehen, die doch eigentlich jedem Menschen mehr gelte wie jeder andre Vorteil, und so würden die Opfer, die das Schicksal fordert, ungezwungen gebracht werden, wie die Mutter, die ihr eignes Kind nährt, auch demselben mit Freuden ihr letztes aufopfert; so würde das unmittelbare Gefühl dem Wohle des Ganzen wesentlich zu sein, gewiß jedes Opfer bringen, um sich diese Würde zu erhalten; keine Revolutionen würden dann mehr entstehen; denn der gewitzigte Staatsgeist in allen würde jeder gerechten Forderung vorgreifen, und das würde eine Religion sein, die jeder begreife, und wo das ganze Tagewerk ein fortwährendes Gebet sei; denn alles, was nicht in diesem Sinn geschehe, das sei Sünde; er sagte dies noch viel schöner und wahrer, ich bin nur dieser Weisheit nicht gewachsen und kann es nicht so wiedergeben.

So bin ich denn auf einmal von meiner Beichte abgekommen, ich wollte Dir noch manches sagen, was man sündlich finden dürfte, wie daß ich Dein Gewand lieber habe wie meinen Nebenmenschen, daß ich die Stiege küssen möchte, auf der Deine Füße auf- und niedersteigen usw. – Dies könnte man Abgötterei nennen, oder ist es so, daß der Gott, der Dich belebt, auch an jeder Wand Deines Hauses hinschwebt? – Daß, wenn er in Deinen Mund und Augen spielt, er auch unter Deinen Füßen hingleitet und selbst in den Falten Deines Gewandes sich gefällt, daß, wenn er sich im Maskenzug in alle bunten Gestalten verwandelt, er wohl auch im Papier, in welches du den Maskenzug einpackst, verborgen sein kann? Also, wenn ich's Papier küsse, so ist es das Geliebte in Dir, das sich mir zulieb' auf die Post schicken ließ.

Adieu! Behalte Dein Kind lieb in trüben wie in hellen Tagen, da ich ewig und ganz Dein bin.

Bettine.

 

Du hast mein Tagebuch erhalten, aber liest Du auch darin, und wie gefällt Dir's? –

Am 29. Februar.

 << Kapitel 31  Kapitel 33 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.