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Goethes Briefwechsel mit einem Kinde

Bettina von Arnim: Goethes Briefwechsel mit einem Kinde - Kapitel 29
Quellenangabe
typeletter
booktitleGoethes Briefwechsel mit einem Kinde
authorBettine von Arnim
year1984
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32467-4
titleGoethes Briefwechsel mit einem Kinde
pages5
created20000619
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1835
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Köln, wo ich vorm Jahr so fröhlich war, der launige Rumohr hat's hingekritzelt, er geht hier so ganz verträglich mit der Langenweile um, und bejammert mit aufrichtigem Herzen die Zeit, die wir miteinander am Rhein zubrachten.

Hier spielt der Wind schon manches falbe Laub von den Ästen und mir die kalten Regentropfen ins Gesicht, wenn ich frühe, wo noch kein Mensch des Weges geht, durch die feuchten Alleen des englischen Gartens wandre, denn die langen Schatten am frühsten Morgen sind mir beßre Gefährten als alles, was mir den ganzen Tag über begegnet.

Da besuche ich alle Morgen meinen alten Winter; bei schönem Wetter frühstückt er in der Gartenlaube mit der Frau, da muß ich immer den Streit zwischen beiden schlichten um die Sahne auf der Milch. Dann steigt er auf seinen Taubenschlag, so groß wie er ist, muß er sich an den Boden ducken, hundert Tauben umflattern ihn, setzen sich auf Kopf, Brust, Leib und Beine; zärtlich schielt er sie an, und vor Freundlichkeit kann er nicht pfeifen, da bittet er mich: o pfeifen Sie doch; so kommen denn noch Hunderte von draußen hereingestürzt mit pfeifenden Schwingen; gurren, rucksen, lachen und umflattern ihn; da ist er selig und möchte eine Musik komponieren, die grad' so lautet. Da nun Winter ein wahrer Koloß ist, so stellt er ziemlich das Bild des Nils dar, der von einem kleinen Geschlecht umkrabbelt wird, und ich als Sphinx neben ihm kauernd, einen großen Korb voll Wicken und Erbsen auf dem Kopf. Dann werden Marcellos Psalmen gesungen, eine Musik, die mir in diesem Augenblick sehr zusagt, ihr Charakter ist fest und herrschend, man kann sie nicht durch Ausdruck heben, sie läßt sich nicht behandeln, man kann froh sein, wenn die Kraft ausreicht, welche der Geist dieser Musik fordert. Von höherer Macht fühlt man sich als Organ benützt, Figur und Ton von Harmonie umkreist und bedingt auszusprechen. So ist diese kunstgerechte gewaltige Sprache idealischer Empfindung, daß der Sänger nur Werkzeug, aber mitdenkend, mitgenießend sich empfindet, und dann die Rezitative, das Ideal ästhetischer Erhabenheit, wo alles, sei es Schmerz oder Freude, ein tobend Element der Wollust wird.

Wie lange haben wir nichts über Musik gesprochen, damals am Rhein, da war's, als müsse ich Dir den gordischen Knoten auflösen, und doch fühlte ich meine Unzulänglichkeit, ich wußte nichts von ihr, wie man auch vom Geliebten nichts weiß, als nur, daß man in ihn verliebt ist. Und jetzt bin ich erst gar ins Stocken geraten, alles möcht' ich gern aussprechen, aber in Worten zu denken, was ich im Gefühl denke, das ist schwer; – ja, solltest Du's glauben? – Gedanken machen mir Schmerzen, und so zaghaft bin ich, daß ich ihnen ausweiche, und alles, was in der Welt vorgeht, das Geschick der Menschen und die tragische Auflösung macht mir einen musikalischen Eindruck. Die Ereignisse im Tirol nehmen mich in sich auf wie der volle Strom allseitiger Harmonie. Dies Streben mitzuwirken ist grade wie in meinen Kinderjahren, wenn ich die Symphonien hörte im Nachbarsgarten und ich fühlte, man müsse mit einstimmen, mitspielen, um Ruhe zu finden; und alles Zerschmetternde in jenen Heldenereignissen ist ja auch wieder so belebend, so begeistigend, wie dies Streiten und Gebären der verschiedenen Modulationen, die doch alle in ihren eigensinnigen Richtungen unwillkürlich durch ein Gesamtgefühl getragen, immer allseitiger, immer in sich konzentrierter in ihrer Vollendung sich abschließen. – So empfinde ich die Symphonie, so erscheinen mir jene Heldenschlachten auch Symphonien des göttlichen Geistes, der in dem Busen des Menschen Ton geworden ist himmlischer Freiheit. Das freudige Sterben dieser Helden ist wie das ewige Opfern der Töne einem hohen gemeinsamen Zweck, der mit göttlichen Kräften sich selbst erstreitet; so scheint mir auch jede große Handlung ein musikalisches Dasein; so mag wohl die musikalische Tendenz des Menschengeschlechts als Orchester sich versammeln und solche Schlachtsymphonien schlagen, wo denn die genießende, mitempfindende Welt neu geschaffen, von Kleinlichkeit befreit, eine höhere Befähigung in sich gewahrt.

Ich werde müde vom Denken und schläfrig, wenn ich mir Mühe gebe, der Ahnung nachzugehen, da wird mir angst, ja ich möchte die Hände ringen vor Angst um einen Gedanken, den ich nicht fassen kann. Da möcht' ich mit einem Ausdruck Dir hingeben Dinge, denen ich nicht gewachsen bin, und da schwindet mir alle Erkenntnis, langsam, wie die untergehende Sonne, ich weiß, daß sie ihr Licht ausströmt, aber sie leuchtet mir nicht mehr.

Denken ist Religion, fürs erste Feueranbeten, wir werden einst noch weiter schreiten, wo wir mit dem ursprünglich göttlichen Geist uns vereinen, der Mensch geworden und gelitten hat, bloß um in unser Denken einzudringen; so erkläre ich mir das Christentum als Symbol einer höheren Denkkraft, wie mir denn überhaupt alles Sinnliche Symbol des Geistigen ist.

Nun, wenn auch die Geister sich mit mir necken und nicht fangen lassen, so erhält dies mich doch frisch und tätig, und sie haben mir auf den Weg gestreut gleich einem auserwählten Ritter der Tafelrunde gar mannigfach Ebenteuer auf holperigem Pfad, bekannt bin ich worden mit den dürren Geistern der Zeit, mit Ungeheuern verschiedener Art, und wunderbar haben mich diese Besessenen in ihr träumerisch Schicksal gezogen. Aber nicht hab' ich erblickt wie bei Dir, da von heiliger Leier mir frisches Grün entgegenglänzte, und nicht hört' ich wie bei Dir, dem unter den Füßen silbern der Pfad tönt, als der auf Straßen Apollos wandelt. Da denk' ich mit verschlossenen Augen, wie ich gewohnt war, mit Dir lächelnd des Herzens Meinung zu wechseln, den eignen Geist in der Seele fühlend. Deine Mutter sagte mir manchmal von vergangner Zeit, da wollt' ich nicht zuhören und hieß sie schweigen, weil ich grad' eben mich in Deine Gegenwart träumte.

Franz Bader, der nach seiner Glasfabrik in Böhmen gereist ist, hat mir beim Abschied beigepackte Abhandlungen für Dich gegeben und mich zugleich gebeten, Dich seiner innigsten Achtung zu versichern, er hat mir dabei mancherlei aus seinem Leben erzählt, wie er in Schottland zum Beispiel gar gefahrvolle Reisen gemacht, in einem winzigen Nachen, mit Deinem »Egmond«, im Meer zwischen Klippen und Inseln hin und her geworfen, wie er mit den Meerkatzen fechten müssen, wie Nacht und Sturm ihm alle Lebensgeister ausbliesen und er mitten in der Not nur immer Deine Bücher zu retten gesucht. Siehst Du! so treibt's Dein Geist auf allen Pfaden, zu Land wie zu Wasser, und er zieht von der Quelle an fort mit dem Strom, bis wo er sich ergießt, und so ziehen mit die noch fremden Ufer, und die blaue Ferne sinkt neigend zusammen vor Deiner Ankunft. Und es sehen die Wälder Dir nach, und die vergoldende Sonne schmückt die Bergeshöhen zu Deinem Empfang; es feiern aber im Mondglanz Dein Andenken die Silberpappel und die Tanne am Weg, die Deiner Jugend reine Stimme gehört.

Gestern erhielt ich Dein Bild, eine kleine Paste in Gips, aus Berlin, es gleicht, was hilft's, ich muß nach Dir verlangen.

Noch ein ägyptisches Ungeheuer ist mir hier auf Bayerns feuchtem Boden begegnet, und nicht wundert mich, daß seine trockne sandige Natur hier verfault, es ist Klotz, der von den Geistern der Farbe verfolgte und gepeinigte, endlich ihrer Gewalt erliegend, sein fünfundzwanzigjähriges Werk endet. Ägyptisch nenne ich ihn, weil erstens sein Antlitz, wie von glühenden Harzen geschmiedet, zugleich eine ungeheure Pyramide darstellt, und zweitens, weil er in fünfundzwanzig Jahren mit außerordentlicher Anstrengung sich nicht vom Platze gearbeitet hat. Ich habe aus christlicher Milde (und zugleich um Dir, als welcher nach Klotzens Aussage einer Entschuldigung bedürfte, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen) sein ganzes Manuskript angehört. Nun kann ich mich freilich mit was ich von ihm erlernt, nicht breit machen, ich war mit Rätseln umstrickt, die durch seine Reden nur noch verwickelter wurden, und er war ängstlich auf seiner Hut, daß ich ihm nicht eins seiner Geheimnisse erschnappe, um es Dir zu übertragen, er möchte gern mit Dir selber hierüber sprechen, am meisten klagte er, daß Du ihm auf einen demütigen, aufrichtigen Brief keine Antwort gegeben, ich aber tröstete ihn damit, daß Du mir auf einen bittenden, liebenden Brief auch keine Antwort gegeben, und so war es gut. – Ich kann dem armen Mann nicht begreiflich machen, daß er die Perlen mit den Kleien gemischt, und daß wahrscheinlich beides zusamt von den Schweinen gefressen wird. Du aber könntest hier gewiß Gutes stiften, wenn Du Dich über seine Entdeckungen mit ihm einlassen wolltest. Beikommende Tabelle hab' ich ihm für Dich abgeluchst, sie gefällt mir so wohl, daß ich sie wie ein schönes Bild betrachte.

Jetzt hab' ich noch eine geringe Frage, aber sie gilt mir viel, denn sie soll mir eine Antwort eintragen: hast Du Albrecht Dürers Bildnis, welches schon vor sechs Wochen von hier abging, erhalten? – wo nicht, so bitte ich, lasse doch in Weimar bei den Fuhrleuten nachfragen.

Es geht hier eine Sage unter dem Volk, es werde bald eine Erscheinung sein, die soll »Wahlverwandtschaften« heißen und von Dir in Gestalt eines Romans ausgehen. Ich habe einmal einen fünf Stunden langen, saueren Weg nach einem Sauerbrunnen gemacht, er lag so einsam zwischen Felsen, der Mittag konnte nicht zu ihm niedersteigen, die Sonne zersplitterte tausendfach ihre Strahlenkrone an dem Gestein, alte dürre Eichen und Ulmen standen wie die Todeshelden drum her, und Abgründe, die man da sah, waren keine Abgründe der Weisheit, sondern dunkle, schwarze Nacht, mir wollt's nicht behagen, daß die himmlische Natur solche Launen habe, der Atem wurde mir schwer, und ich hatte das Gesicht ins Gras gewühlt. Wenn ich aber diese Wahlverwandtschaften dort an der Quelle wüßte, gern wollt' ich den schauerlichen, unheimlichen Weg noch einmal machen, und zwar mit leichtem Schritt und leichtem Sinn, denn erstens dem Geliebten entgegengehen beflügelt den Schritt, und zweitens mit dem Geliebten heimgehen ist der Inbegriff aller Seligkeit.

9. September 1809. Bettine.


An Bettine.

Ihr Bruder Clemens, liebe Bettine, hatte mir bei einem freundlichen Besuche den Albrecht Dürer angekündigt, so wie auch in einem Ihrer früheren Briefe desselben gedacht war. Nun hoffte ich jeden Tag darauf, weil ich an diesem guten Werk viel Freude zu erleben gedachte, und wenn ich mir's auch nicht zugeeignet hätte, es doch gern würde aufgehoben haben, bis Sie gekommen wären, es abzuholen. Nun muß ich Sie bitten, wenn wir es nicht für verloren halten sollen, sich genau um die Gelegenheit zu erkundigen, durch welche es gegangen, damit man etwa bei den verschiedenen Spediteurs nachkommen kann, denn aus Ihrem heutigen Briefe sehe ich, daß es Fuhrleuten abgeliefert worden. Sollte es inzwischen ankommen, so erhalten Sie gleich Nachricht.

Der Freund, welcher die Kölner Vignette gezeichnet, weiß, was er will, und versteht mit Feder und Pinsel zu hantieren, das Bildchen hat mir einen freundlichen guten Abend geboten.

Franz Badern werden Sie schönstens für das Gesendete danken. Es war mir von den Aufsätzen schon manches einzelne zu Gesicht gekommen. Ob ich sie verstehe, weiß ich selbst kaum, allein ich konnte mir manches daraus zueignen. Daß Sie meine Unart gegen den Maler Klotz durch eine noch größere, die Sie mir verziehen haben, entschuldigt, ist gar löblich und hat dem guten Mann gewiß besonders zur Erbauung gedient. Die Tafel ist wohlbehalten angekommen, so angenehm auch der Eindruck ist, den sie auf das Auge macht, so schwer ist sie doch zu beurteilen; wenn Sie ihn daher bewegen können, den Schlüssel zu diesem Farbenrätsel herzuleihen, so könnte ich vielleicht durch eine verständige und gegründete Antwort mein früheres Versäumnis wieder gutmachen.

Wieviel hätte ich nicht noch zu sagen, wenn ich auf Ihren vorigen lieben Brief zurückgehen wollte? Gegenwärtig nur so viel von mir, daß ich mich in Jena befinde, und vor lauter Verwandtschaften nicht recht weiß, welche ich wählen soll.

Wenn das Büchlein, das man Ihnen angekündigt hat, zu Ihnen kommt so nehmen Sie es freundlich auf, ich kann selbst nicht dafür stehen, was es geworden ist.

 

Mit eigner Hand: Nimm es nicht übel, daß ich mit fremder Hand schreibe, die meine war müde, und ich wollte Dich doch nicht ohne Nachricht lassen über das Bild, suche ihm doch ja auf die Spur zu kommen, fahre fort, an mich zu denken und mir etwas von Deinem wunderlichen Leben zu sagen, Deine Briefe werden wiederholt gelesen mit vieler Freude, was Dir auch die Feder darauf erwidern könnte, es wäre doch immer weit entfernt von dem unmittelbaren Eindruck, dem man sich so gern hingibt, selbst wenn es Täuschung wär', denn wer vermag bei wachenden Sinnen zu glauben an den Reichtum Deiner Liebe, den man als Traum aufzunehmen wohl am besten tut. – Was Du zum voraus über die »Wahlverwandtschaften« sagst, ist prophetischer Blick, denn leider geht die Sonne düster genug dort unter. Suche doch ja dem Albrecht Dürer auf die Spur zu kommen. Lebe recht wohl.

Jena, den 11. September 1809. Goethe.

*

Heute bitt' ich wieder einmal um Verzeihung, liebe Bettine, wie ich es schon oft hätte tun sollen. Ich habe Dir wegen des Bildes vergebene Sorge gemacht, es ist in Weimar wirklich angekommen, und nur durch Zufall und Vernachlässigung kam die Nachricht nicht an mich herüber. Nun soll es mich bei meiner Rückkehr in Deinem Namen freundlichst empfangen und mir ein guter Wintergeselle werden, auch so lang bei mir verweilen, bis Du zu mir kommst, es abzuholen. Laß mich bald wieder von Dir vernehmen. Der Herzog grüßt Dich aufs beste, einiges muß ich ihm auch diesmal aus Deinem schönen Fruchtkranz von Neuigkeiten zukommen lassen. Er ist Dir mit besonderer Neigung zugetan, und besonders was die Schilderung von Kriegsszenen anbelangt, teilt er vollkommen Deine enthusiastische An- und Umsichten; erwartet aber auch nur ein tragisches Ende.

August kommt Anfang Oktobers von Heidelberg zurück, wo es ihm ganz wohlgegangen ist. Auch hat er eine Rheinreise bis Koblenz gemacht. Lebe meiner gedenk.

Jena, den 15. September 1809. G.

*

26. September.

Wie ein Sperling kam mir Dein Brief vom 11. September auf den Schreibtisch geflogen; zuletzt hast Du zwar ein kleines Dompfaffenstückchen dran gehängt von besonderer Teilnahme, allein ich lasse mir nichts weismachen, das war nach der alten Drehorgel gepfiffen. Hättest Du mich lieb, unmöglich könntest Du von Deinem Sekretär einen Brief abschnurren lassen wie ein Paternoster, er ist ein Philister, daß er so was schreibt und Dich selbst dazu macht, ich kann mir auch gar nicht vorstellen, wie Du es mit ihm anstellst; sprichst Du ihm denn den Inhalt Deines Briefs vor, oder gibst Du ihm Deine Gedanken so im Rummel, daß er sie nachher reihenweis' nebeneinander aufschichte? –

Verliebt bist Du, und zwar in die Heldin Deines neuen Romans, und das macht Dich so eingezogen und so kalt gegen mich, Gott weiß, welches Muster Dir hier zum Ideal diente; ach Du hast einen eignen Geschmack an Frauen, Werthers Lotte hat mich nie erbaut, wär' ich nur. damals bei der Hand gewesen, Werther hätte sich nicht erschießen dürfen, und Lotte hätte sich geärgert, daß ich ihn so schön trösten konnte.

So geht mir's auch im »Wilhelm Meister«, da sind mir alle Frauen zuwider, ich möchte sie alle zum Tempel hinausjagen, und darauf hatte ich auch gebaut, Du würdest mich gleich liebgewinnen, wenn Du mich kennenlerntest, weil ich besser bin und liebenswürdiger wie die ganze weibliche Komitee Deiner Romane, ja wahrhaftig, das ist nicht viel gesagt, für Dich bin ich liebenswürdiger, wenn Du, der Dichter, das nicht herausfinden willst? für keinen andern bin ich geboren; bin ich nicht die Biene, die hinausfliegt, aus jeder Blume Dir den Nektar heimbringt? – und ein Kuß! meinst Du, der sei gereift wie die Kirsche am Ast? – nein, ein Umschweben Deiner geistigen Natur, ein Streben zu Deinem Herzen, ein Sinnen über Deine Schönheit strömt zusammen in Liebe; und so ist dieser Kuß ein tiefes unbegreifliches Einverständnis mit Deiner unendlich verschiedensten Natur von mir. O versündige Dich nicht an mir und mache Dir kein geschnitzeltes Bild, dasselbige anzubeten, während die Möglichkeit Dir zuhanden liegt, ein wunderbares Band der Geisterwelt zwischen uns zu weben.

Wenn ich mein Netz aufzog, so willkürlich gewebt, so kühn ausgeworfen, im Gebiet des Unbekannten, ich brachte Dir den Fang, und was ich Dir auch bot, es war der Spiegel des menschlich Guten. Die Natur hat auch einen Geist, und in jeder Menschenbrust empfindet dieser Geist die höheren Ereignisse des Glücks und des Unglücks, wie sollte der Mensch um sein selbst willen selig sein können, da Seligkeit sich in allem empfindet und keine Grenze kennt? So empfindet sich Natur selig im Geist des Menschen, das ist meine Liebe zu Dir, und so erkennt der Menschengeist diese Seligkeit, das ist Deine Liebe zu mir: geheimnisvolle Frage und unentbehrliche Antwort.

Genug! lasse mich nicht vergebens bei Dir angeklopft haben, nimm mich auf und verhülle mich in Dein tieferes Bewußtsein.

Dein zweiter Brief ist auch hier, der mir das glückliche Einfangen des vagabundierenden Kunstwerkes meldet, möge es Dir bei Deiner Heimkehr einleuchten; es ist ein Gesicht, zwar nur ein gemaltes, aber unter tausend lebendigen wird Dir kein so durchdringender Blick begegnen, der hat sich angesehen, hat sich sein tiefstes Herz abgefragt und auf die Leinwand gemalt, daß es Rechenschaft gebe von ihm den nachkommenden Geschlechtern als der Würdige unter den Besten.

Vom Welttheater auf den Felsspitzen ist nur zu melden, daß sie gut balancieren. Am 3. September, am Geburtstag Deines gnädigsten Herrn und Freundes, hat ganz Tirol mit allen Glocken geläutet und Te Deum gesungen; es ist grade Platz genug dort, daß von allen Seiten Heldentaten dargestellt werden, die so kühn sind, so himmelanstrebend wie die Felszacken, von denen sie ausgehen, und bald so tief vergessen sein werden wie die tiefen Klüfte, in denen sie ihre Feinde begraben, entschieden Genaues erfährt man nicht; das Großartige wird so viel wie möglich verketzert und verheimlicht; in diesen letzten Wochen hat sich Steger hervorgetan, auch ein allseitiges Genie, der sich selber als ein Geschenk Gottes betrachten kann für seine Landsleute. Von Deinem Musensohn, dem Kronprinzen, sind Briefe hier, über Begebenheiten melden sie nichts, er ist gesund und dichtet, auch mitten in dem Tumult des Schicksals, das beweist, daß er sich in diesem Element nicht fremd fühlt; weiter weiß ich nichts, das Gedicht bekam ich nicht zu lesen, ich hätte es Dir sehr gern als Probe gesendet, man fürchtet, es möchte mich zu tief ergreifen, sonderbar! Ich könnte mein ganzes Herz tätowieren, Namenszeichen und Andenken einbrennen lassen, und doch blieb' es so gesund und frisch dabei als ein gesunder Handwerksbursch, so geht's, wenn man Freunde hat, die sich um einen kümmern, sie beurteilen einem verkehrt und mißhandeln einen danach, das nennen sie Anteil nehmen, und dafür soll man sich noch bedanken: ich habe mir nun ein apartes Pläsier gemacht und ein schönes Miniaturbild des jungen Königsohns an mich gebracht, das betracht' ich zuweilen und bete ihm im Geist vor, wie es mit ihm werden soll; aber, aber! es ist dafür gesorgt, daß die Bäume nicht im Himmel wachsen, sag' ich mit Dir; es hat gute Wege mit Weltherrschern, daß die ihre Macht nicht gewahr werden und ihrer Fähigkeiten nicht Meister.

Rundum in der Gegend ist der Typhus ausgebrochen, durchmarschierende Truppen haben ihn mitgebracht, ganze Familien sterben auf dem Lande einer einzigen Nachteinquartierung nach; es raffte schon die meisten Lazarettärzte weg, gestern hab' ich einen jungen Mediziner, der sich freundlich an mich attaschiert hatte, verabschiedet, er heißt Janson, er ging nach Augsburg ins Lazarett, um dort einen alten Lehrer, der Frau und Kinder hat, abzulösen, dazu gehört auch großartiger Mut. Auch in Landshut, wo Savignys sind, fährt der Tod seinen Karren triumphierend durch alle Straßen, und besonders hat es mehrere junge Leute, ausgezeichnet an Herz und Geist, die sich der Krankenpflege annahmen, weggerafft, es waren treue Hausfreunde von Savigny; ich werde nächstens hingehen, um böse und gute Zeit mit auszuhalten. Denn ich sag' allen politischen Ereignissen Valet, was hilft alles Forschen, wenn man betrogen wird und alle aufgeregten Gefühle nutzlos sich verzehren müssen. Adieu, ich bin Dir nicht grün, daß Du Deinen Sekretär an mich hast schreiben lassen. Es braucht nur wenig zu sein zwischen uns, aber nichts Gleichgültiges, das tötet das flüchtige Salz des Geistes und macht die Liebe scheu. Schreibe bald und mache wieder gut.

Bettine.

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