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Goethes Briefwechsel mit einem Kinde

Bettina von Arnim: Goethes Briefwechsel mit einem Kinde - Kapitel 28
Quellenangabe
typeletter
booktitleGoethes Briefwechsel mit einem Kinde
authorBettine von Arnim
year1984
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32467-4
titleGoethes Briefwechsel mit einem Kinde
pages5
created20000619
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1835
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An Goethe.

16. Juni.

Gott lasse mir den einzigen Wunsch gedeihen, Dich wieder zu sehen, und zögere nicht allzulang. Soeben vernehme ich, daß jemand von meiner Bekanntschaft nach Weimar geht. Das bläst die Asche von der Glut, mich hält's, daß ich von hier aus die Tiroler Berge sehen kann, sonst nichts. Es martert mich alle Tage, nicht zu wissen, was dort vorgeht; ich käme mir vor wie ein feiger Freund, wenn ich mich dem Einfluß, den die Nähe des bedrängten Landes auf mich hat, entziehen wollte; wahrhaftig, wenn ich abends von meinem Schneckenturm die Sonne dort untergehen sehe, da muß ich immer mit ihr.

Wir haben schon seit Wochen schlecht Wetter. Nebel und Gewölk, Wind und Regen und schmerzliche Botschaft wird indessen durch Dein Andenken wie durch einen Sonnenstrahl erhellt. – Beinah' vier Wochen hab' ich nicht geschrieben, aber ich hab' Dich diese ganze Zeit über bedacht, mit Gedanken, Wort und Werken, und nun will ich's gleich auseinandersetzen: Dürer: Selbstbildnis im Pelzrockes ist auf der hiesigen Galerie ein Bild von Albrecht Dürer, in seinem achtundzwanzigsten Jahre von ihm selbst gemalt; es hat die graziösesten Züge eines weisheitsvollen, ernsten, tüchtigen Antlitzes; aus der Miene spricht ein Geist, der die jetzigen elenden Weltgesichter niederkracht. Als ich Dich zum erstenmal sah, war es mir auffallend und bewegte zugleich zu inniger Verehrung, zu entschiedener Liebe, das sich in Deiner ganzen Gestalt aussprach, was David von den Menschen sagt: ein jeder mag König sein über sich selber. So meine ich nämlich, daß die Natur des inneren Menschen die Oberhand erringe über die Unzuverlässigkeit, über die Zufälle des äußeren, daraus entstehe die edle Harmonie, das Wesen, was sowohl über Schönheit hinaus ist als der Häßlichkeit trotzt. So bist Du mir erschienen, die geistige Erscheinung der Unsterblichkeit, die der irdischen vergänglichen Meister wird. Obschon nun Dürers Antlitz ein ganz anderes ist, so hat mich doch die Sprache seines Charakters mächtig an die Deinige erinnert, ich habe mir's kopieren lassen. – Ich hab' das Bild den ganzen Winter über auf meinem Zimmer gehabt und war nicht allein. Ich hab' mich viel in Gedanken an diesen Mann gewendet, hab' Trost und Leid von ihm empfunden, bald war mir traurig zu fühlen, wie manches, worauf man doch in sich stolz ist, zugrunde geht vor einem solchen, der recht wollte, was er wollte; bald flüchtete ich mich zu diesem Bild als zu einem Hausgott. Wenn mich die Lebenden langweilten, und daß ich Dir's recht sage: mein Herz war in manchen Stunden so tief von dem reinen Scharfblick gerührt, der aus seinen edlen Augen dringt, daß er mir mehr im Umgang war als ein Lebender. Dieses Bild nun hatte ich eigentlich für dich kopieren lassen, ich wollte Dir's als einen Sachwalter meiner Herzensangelegenheiten senden, und so verging Woche um Woche, immer mit dem festen Entschluß es die nächstfolgende abzusenden, ohne daß ich es je dazu bringen konnte, mich davon zu trennen. Mein lieber Goethe, ich hab' noch weniges gesehen in der Welt, sowohl von Kunstwerken als sonst, was mich herzlich interessierte. Daher wär' wohl meiner kindischen Art zu verzeihen. Das Bild kann ich nun nicht mehr von mir lossagen, so wie man sich von einem Freund nicht mehr lossagen kann, Dir aber will ich's schicken, meinem geliebtesten von allen. Doch, wie es das Schicksal führt, soll es nicht in andre Hände kommen, und sollte der Zufall es von Dir trennen, so müsse es wieder in meine Hände kommen. Ich hoffte, die ganze Zeit es selbst bringen zu können, indessen ist gar keine Wahrscheinlichkeit in diesem Augenblick, wenn ich nicht stets auf die kommende Zeit hoffte, so würde ich verzweifeln, Dich bald wiederzusehen; allein, daß nach der Zukunft immer wieder eine ist, das hat schon manchen Menschen alt gemacht. – Du bist mir lieb über alles, in der Erinnerung, wie in der Zukunft; der Frühling, den Deine Gegenwart in mir erschaffen hat, dauert; denn schon sind zwei Jahre um, und noch hat kein Sturm ein Blättchen vom Ast gelöst, noch hat der Regen keine Blüte zerstört, alle Abend' hauchen sie noch den süßen Duft der Erinnerung aus; ja wahrhaftig kein Abend ist bis jetzt zum Schlafen gekommen, daß ich Dich nicht bei Namen gerufen und der Zeit gedacht, da Du mich auf meinen Mund geküßt, mich in Deinen Arm genommen, und ich will stets hoffen, daß die Zeit wiederkehre. Da ich Dir nichts in der Welt vorziehe, so glaub' ich's auch von Dir. Sei Du so alt und klug wie ich, lass' mich so jung und weise sein wie Du, und so möchten wir füglich die Hand einander reichen und sein wie die beiden Jünger, die zwei verschiednen Propheten folgten in einem Lehrer.

Schreib mir, wie Du glaubst, daß ich das Bild ohne Gefahr schicken könne, aber bald. Wenn Du mir keine Gelegenheit angeben kannst, so werde ich selbst schon eine finden. Hab' niemand lieber wie mich; Du, Goethe, wärest sehr ungerecht, wenn du andre mir vorzögst, da so meisterlich, so herrlich, Natur mein Gefühl dir verwebt hat, daß Du das Salz Deines eignen Geistes in mir schmecken mußt.

Wenn kein Krieg, kein Sturm und vorab keine verwüstende Zeitung, die alles bildende Ruhe im Busen störte, dann möchte ein leichter Wind, der durch die Grashalmen fährt, der Nebel, wie er sich von der Erde löst, die Mondessichel, wie sie über den Bergen hinzieht, oder sonst einsames Anschauen der Natur einem wohl tiefe Gedanken erregen; jetzt aber in dieser beweglichen Zeit, wo alle Grundfesten ein rechtes Krachen und Gliederreißen haben, da will sie keinem Gedanken Raum gestatten, aber das, woran ein Freund teilgenommen, daß man sich auf seinen Arm gestützt, auf seiner Schulter geruht hat, dies einzige ätzt tief jede Linie der Gegenstände ins Herz, so weiß ich jeden Baum des Parks noch, an dem wir vorübergegangen, und wie Du die Äste der Zuckerplatane niederbogst und zeigtest mir die rötliche Wolle unter den jungen Blättern und sagtest, die Jugend sei wollig; und dann die runde, grüne Quelle, an der wir standen, die so ewig über sich sprudelt, bul, bul, und Du sagtest, sie rufe der Nachtigall, und die Laube mit der steinernen Bank, wo eine Kugel an der Wand liegt, da haben wir eine Minute gesessen, und Du sagtest: »Setze Dich näher, damit die Kugel nicht in Schatten komme, denn sie ist eine Sonnenuhr«, und ich war einen Augenblick so dumm, zu glauben, die Sonnenuhr könne aus dem Gange kommen, wenn die Sonne nicht auf sie scheine, und da hab' ich gewünscht, nur einen Frühling mit Dir zu sein, hast Du mich ausgelacht; da fragte ich, ob Dir dies zu lang sei; »ei nein«, sagtest du, »aber dort kommt einer gegangen, der wird gleich dem Spaß ein Ende machen«; das war der Herzog, der grad' auf uns zukam, ich wollte mich verstecken, Du warfst Deinen Überrock über mich, ich sah durch den langen Ärmel, wie der Herzog immer näher kam, ich sah auf seinem Gesicht, daß er was merkte, er blieb an der Laube stehen, was er sagte, verstand ich nicht, so große Angst hatte ich unter Deinem Überrock, so klopfte mir das Herz, Du winktest mit der Hand, das sah ich durch Deinen Rockärmel, der Herzog lachte und blieb stehen; er nahm kleine Sandsteinchen und warf nach mir, und dann ging er weiter. Da haben wir nachher noch lang geplaudert miteinander, was war's doch?, – nicht viel Weisheit, denn du verglichst mich damals mit der weisheitvollen Griechin, die den Sokrates über die Liebe belehrte, und sagtest: »Kein gescheutes Wort bringst Du vor, aber Deine Narrheit belehrt besser, wie ihre Weisheit«, – und warum waren wir da beide so tief bewegt? – daß Du von mir verlangtest mit den einfachen Worten: »Lieb' mich immer«, und ich sagte: »Ja.« – Und eine ganze Weile drauf, da nahmst Du eine Spinnwebe von dem Gitter der Laube und hingst mir's aufs Gesicht, und sagtest: »Bleib verschleiert vor jedermann und zeige niemand, was Du mir bist.« – Ach! Goethe, ich hab' dir keinen Eid der Treue getan mit den Lippen, die da zuckten vor heftiger Bewegung und keine Worte kannten; ich erinnere mich gar nicht, daß ich mit Selbstbewußtsein Dir die Treue zugesagt hätte, es ist alles mächtiger in mir wie ich, ich kann nicht regieren, ich kann nicht wollen, ich muß alles geschehen lassen. Zwei einzige Stunden waren so voll Ewigkeit; einen einzigen Frühling verlangte ich damals, und jetzt meine ich kaum, daß ich diesen bewältigen könne mein ganzes Leben lang, und mir klopft das Herz jetzt ebenso vor Unruh', wenn ich mich in die Mitte jenes Frühlings denke. Ich bin am Ende des Blattes, und wär's nicht gar zu sehr auf Dich gesündigt, so möcht' ich ein neues anfangen, um so fort zu plaudern; ich liege hier auf dem Sofa und schreibe den Brief auf einem Kissen, deswegen ist er auch so ungleich. Daß sie doch alle vergehen, wenn ich zu Dir sprechen will, diese Gedanken, die so ungerufen vor mir auf- und niedertanzen, von denen Schelling sagt: es sei unbewußte Philosophie.

Lebe wohl! So wie die vom Wind getragne Samenflocke auf den Wellen hintanzt, so spielt meine Phantasie auf diesem mächtigen Strom Deines ganzen Wesens und scheut nicht, drin unterzugehen; möchte sie doch! welch seliger Tod! –

Geschrieben am 16. Juni in München an einem Regentag, wo zwischen Schlaf und Wachen die Seele nach Wind und Wetter sich bequemte.

Bettine.
 

Bleib ihr gut, schreib ihr bald und grüß' die Deinen.


An Bettine.

In zwei Deiner Briefe hast Du ein reiches Füllhorn über mich ergossen, liebe Bettine, ich muß mich mit Dir freuen und mit Dir betrüben und kann des Genusses nimmer satt werden. So lasse Dir denn genügen, daß die Ferne Deinen Einfluß nicht mindert, da Du mit unwiderstehlicher Gewalt mich den mannigfachen Einwirkungen Deiner Gefühle unterwirfst, und daß ich Deine bösen wie Deine guten Träume mit träumen muß. Was Dich nun mit Recht so tief bewegt, über das verstehst Du auch allein Dich wieder zu erheben, hierüber schweigt man denn wie billig und fühlt sich beglückt, mit Dir in Befreundung zu stehen und Anteil an Deiner Treue und Güte zu haben; da man doch Dich lieben lernen müßte, selbst wenn man nicht wollte.

Du scheinst denn auch Deine liebenswürdige despotische Macht an verschiednen Trabanten zu üben, die Dich als ihren erwählten Planeten umtanzen. Der humoristische Freund, der mit Dir die Umgegend rekognosziert, scheint wohl nur durch die Atmosphäre der heißen Junitage dem Schlaf zu unterliegen, während er träumend das anmutige Bild Deiner kleinen Person rekognosziert, da mag es ihm denn freilich nicht beikommen, daß Du ihn unterdessen dahin versetzen möchtest, wo Dein heroischer Geist selber weilt.

Was Du mir von Jacobi erzählst, hat mich sehr ergötzt, seine jugendlichen Eigenheiten spiegeln sich vollkommen darin; es ist eine geraume Zeit her, daß ich mich nicht persönlich mit ihm berührt habe, die artige Schilderung Deiner Erlebnisse mit ihm auf der Seefahrt, die Dein Mutwille ausheckte, haben mir ähnliche heitere Tage unseres Umgangs wieder zurückgerufen. Zu loben bist Du, daß Du keiner authentischen Gewalt bedarfst, um den Achtungswerten ohne Vorurteil zu huldigen. So ist gewiß Jacobi unter allen strebenden und philosophierenden Geistern der Zeit derjenige, der am wenigsten mit seiner Empfindung und ursprünglichen Natur in Widerspruch geriet und daher sein sittliches Gefühl unverletzt bewahrte, dem wir als Prädikat höherer Geister unsere Achtung nicht versagen möchten. Wolltest Du nun auf Deine vielfach erprobte anmutige Weise ihm zu verstehen geben, wie wir einstimmen in die wahre Hochachtung, die Du unter Deinen liebenwürdigen Koboldstreichen verbirgst, so wäre dies ganz in meinem Sinne gehandelt.

Dein Eifer, mir die verlangten Gedichte zu verschaffen, verdient Anerkenntnis, obschon ich glauben muß, daß es Dir ebenso darum zu tun ist, den Gefühlen Deines Generalissimus näher auf die Spur zu kommen als auch meine Wünsche zu befriedigen, glauben wir indessen das Beste von ihm bis auf näheres; und da Du so entschieden die Divinität des schöpferischen Dichtervermögens erhebst, so glaube ich nicht unpassend beifolgendes kleine Gedicht vorläufig für Dich herausgehoben zu haben aus einer Reihe, die sich in guten Stunden allmählich vermehrt, wenn sie Dir später einmal zu Gesicht kommen werden, so erkenne daran, daß, während du glaubst, mein Gedächtnis für so schöne Vergangenheit wieder anfrischen zu müssen, ich unterdessen der süßesten Erinnerung in solchen unzulänglichen Reimen ein Denkmal zu errichten strebe, dessen eigendste Bestimmung es ist, den Widerhall so zarter Neigung in allen Herzen zu erwecken.

Bleibe mir schreibend und liebend von Tag zu Tag beglückender Gewohnheit treu.

G.

Jena, den 7. Juli 1809.

        Wie mit innigstem Behagen
Lied, gewahr' ich deinen Sinn;
Liebevoll scheinst du zu sagen,
Daß ich ihm zur Seite bin.

Daß er ewig mein gedenket,
Seiner Liebe Seligkeit
Immerdar der Treuen schenket,
Die ein Leben ihm geweiht.

Ja, mein Herz, es ist der Spiegel,
Freund, worin du dich erblickt,
Diese Brust, wo deine Siegel
Kuß auf Kuß hereingedrückt.

Süßes Dichten, lautre Wahrheit
Fesselt mich in Sympathie!
Rein verkörpert Liebesklarheit
Im Gewand der Poesie.


An Goethe.

Kein Baum kühlt so mit frischem Laub, kein Brunnen labt so den Durstigen, Sonn' und Mondlicht und tausend Sterne leuchten so nicht ins irdische Dunkel, wie Du leuchtest in mein Herz. Ach, ich sage Dir: einen Augenblick in Deiner Nähe zu sein hält so viel Ewigkeit in sich, daß ein solcher Augenblick der Ewigkeit gleichsam einen Streich spielt, indem er sie gefangen nimmt, zum Scherz nur, er entläßt sie wieder, um sie wieder zu fangen, und was sollte mir auch in Ewigkeit noch für Freude geschehen, da Dein ewiger Geist, Deine ewige Güte mich in ihre Herrlichkeit aufnehmen.

Geschrieben am Tag, da ich Deinen letzten Brief empfangen.

Das Gedicht gehört der Welt, nicht mein, denn wollt' ich es mein nennen, es würde mein Herz verzehren.

Ich bin zaghaft in der Liebe, ich zweifle jeden Augenblick an Dir, sonst wär' ich schon auf eine Zeit zu Dir gekommen; ich kann mir nicht denken (weil es zu viel ist), daß ich Dir wert genug bin, um bei Dir sein zu dürfen.

Weil ich Dich kenne, so fürchte ich den Tod, die Griechen wollten nicht sterben ohne Jupiter Olymp gesehen zu haben, wie viel weniger kann ich die schöne Welt verlassen wollen, da mir prophezeit ist von Deinen Lippen, daß Du mich noch mit offnen Armen empfangen wirst.

Erlaube mir, ja fordere es, daß ich dieselbe Luft einatme wie Du, daß ich täglich Dir unter die Augen sehe, daß ich den Blick aufsuche, der mir die Todesgötter bannt.

Goethe, Du bist alles, Du gibst wieder, was die Welt, was die traurige Zeit raubt; da Du es nun vermagst mit gelaßnem Blick reichlich zu spenden, warum soll ich mit Zutrauen nicht begehren? Diese ganze Zeit bin ich nicht mehr ins Freie gekommen, die Gebirgsketten, die einzige Aussicht, die man von hier hat, waren oft von den Flammen des Kriegs gerötet, und ich habe nie mehr gewagt, meinen Blick dahin zu wenden, wo der Teufel ein Lamm würgt, wo die einzige Freiheit eines selbständigen Volkes sich selber entzündet und in sich verlodert. Diese Menschen, die mit kaltem Blut und sicher über ungeheure Klüfte schreiten, die den Schwindel nicht kennen, machen alle andere, die ihnen zusehen, von ihrer Höhe herab schwindlich; es ist ein Volk, das für den Morgen nicht sorgt, dem Gott unmittelbar grade, wenn die Stunde des Hungers kommt, auch die Nahrung in die Hand gibt; das, wie es den Adlern gleich, auf den höchsten Felsspitzen über den Nebeln ruht, auch so über den Nebeln der Zeit thront, das lieber im Licht untergeht, als im Dunkeln ein ungewisses Fortkommen sucht. O Enthusiasmus des eignen freien Willens! wie groß bist du, da du allen Genuß, der über ein ganzes Leben verbreitet ist, in einen Augenblick zusammenfassest, darum so läßt sich um einen solchen Moment auch wohl das Leben wagen; mein eigner Wille aber ist, Dich wiederzusehen, und allen Enthusiasmus der Liebe wird ein solcher Moment in sich fassen, und darum begehre ich auch außer diesem nichts mehr.

Von den Kuffsteiner Belagerungsgeschichten möchte ich Dir manches erzählen, was dem Dux gewiß Freude machen würde, und was auch verdiente, verewigt zu werden; allein zu sehr wird eine ernste Teilnahme an dem echten Heroismus mißhandelt durch Betrug aller Art, und das macht auch, daß man lieber gar nicht hinhorcht, als daß man das Herz durch Lügen sich schwer machen läßt. – Das Gute, was die Bayern als wahr passieren lassen, daran ist nicht zu zweifeln, denn wenn sie es vermöchten, so würden sie gewiß das Gelingen der Feinde leugnen. Speckbacher ist ein einziger Held, Witz, Geist, kaltes Blut, strenger Ernst, unbegrenzte Güte, durchsichtige, bedürfnislose Natur; Gefahr ist ihm gleich dem Aufgang der Sonne; da wird ihm Tag, da sieht er deutlich was not tut; und tut alles, indem er seinen Enthusiasmus beherrscht, er denkt auf seine Ehre und auf seine Verantwortung zugleich, er richtet alles durch sich allein aus, die Befehle der Kommandanten und seine eigne wohlberechneten Pläne; und auch noch was der Augenblick erheischt; unter dem Kanonenfeuer der Festung verwüstet er die Mühlen, erbeutet das Getreide und löscht die Haubitzen mit dem Hut; keinen gefahrvollen Plan überläßt er einem andern, die kleine Stadt Kuffstein steckte er selbst in Brand mitten unter den Feinden; eine Schiffbrücke der Bayern macht er flott. In einer stürmischen Nacht, im Wasser bis an die Brust, hält er aus bis zum Morgen mit zwei Kameraden, wo er noch die letzten Schiffe unter einem Hagel von Kartätschen flott macht. – List ist seine göttlichste Eigenschaft, den verwilderten Bart, der ihm das halbe Gesicht bedeckt, nimmt er ab, verändert Kleidung und Geberde, und so verlangt er den Kommandanten der Festung zu sprechen, man läßt ihn ein, er macht ihnen was weis von Verrat und errät unterdessen alles, was er wissen will, in dieser großen Gefahr, mit noch zwei andern Kameraden, ist er keinen Augenblick verlegen, läßt sich beleuchten, untersuchen, zutrinken und endlich, vom Kommandanten bis zum kleinen Pförtchen, zu dem sie hereingekommen waren, begleitet, nimmt er treuherzig Abschied.

Alle diese Mühen und Aufopferungen werden indessen zunichte gemacht durch die Unzuverlässigkeit von Österreich, das überhaupt ist, als könne es keinen glücklichen Erfolg ertragen, und fürchte sich vor seinem großen Feind, einst diese Siege verantworten zu müssen, und so wird es auch noch kommen, es wird noch den großen Napoleon um Verzeihung bitten, daß man ihm die Ehre erzeigt, ihm ein Heldenvolk entgegenzustellen; ich breche ab, zu gewiß ist mir, daß auf Erden allem Großen schlecht vergolten wird.

Vor drei Wochen hat man ein Bild, eine Kopie von Albrecht Dürers selbst verfertigtem Porträt, an Dich abgeschickt; ich war grade auf einige Tage verreist und weiß also nicht, ob es wohl eingepackt und ob die Gelegenheit, mit welcher es ging, exakt ist, Du mußt es der Zeit nach jetzt bald in Händen haben, schreib mir darüber, das Bild ist mir sehr lieb, und darum mußt' ich Dir's geben, weil ich mich selbst Dir geben möchte.

Selbst in dem kalten Bayernlande reift alles nach und nach, das Korn wird schon gelb, und wenn die Zeit auch keine Rosen hier bricht, so bricht sie doch der Sturm, und falbe Blätter fliegen schon genug auf dem nassen Sandboden; wann wird denn eine gütige Sonne die Früchte an meinem Lebensbaum reifen, daß ich ernten kann Kuß um Kuß? –

Einen Weg geh' ich alle Tage, jede Staude, jedes Gräschen ist mir auf diesem bekannt, ja die Sandsteinchen im Kiesweg hab' ich mir schon betrachtet. Dieser Weg führt nicht zu Dir, und doch wird er mir täglich lieber, wenn mich nun einer gewohnt würde, zu Dir zu tragen, wie würden da Blumen und Kräuter erst mit mir bekannt werden, und daß mir stets das Herz pochte bis an Deine Schwelle, und allen Liebreiz hätte auf diesem Weg jeder Schritt.

Vom Kronprinz weiß ich Gutes, er hat mit den Gefangenen, die man hart behandelte und hungern ließ, zu Mittag gegessen. Die Kartoffeln waren gezählt, er teilte treulich mit ihnen, seitdem werden sie gut bedient, und er hat ein scharfes Auge darauf; das hab' ich durch seinen getreuen Bopp, der die ausführliche Erzählung mit etlichen Freudentränen begleitete. Sein kaltes Blut mitten in Gefahren, seine Ausdauer bei allen Mühen und Lasten werden auch noch anderweitig gerühmt, und immer ist er dabei bedacht, nutzlosen Grausamkeiten vorzubeugen; das war von ihm zu erwarten, aber daß er diese Erwartung nicht zuschanden gemacht hat, dafür sei er gelobt und gesegnet.

Einliegendes Kupfer von Heinze wirst Du wohl erkennen, ich hab's von Sömmering erhalten und zugleich den Auftrag, um Dein Urteil darüber zu bitten, er selbst findet es gleichend, aber nicht in den edelsten Zügen; ich sage: es hat eine große Ähnlichkeit mit einem Bock, dies ließe sich noch rechtfertigen.

Tieck liegt noch immer als Kranker auf dem Ruhebettlein, ein Zirkel vornehmer und schöner Damen umgibt sein Lager, das paßt zu gut und gefällt ihm zu wohl, als daß er je vom Platz rückte.

Jacobi befindet sich ganz leidlich, Tante Lene schreit zwar, sein Kopf tauge nichts, der, sowie er etwas Philosophisches schreiben wolle, ihn schmerze, zusamt den Augen; wenn nun auch der Kopf nichts taugt, so war doch sein Herz sehr lebendig aufgeregt als ich ihm vorlas, was du für ihn geschrieben hast; ich mußte es ihm abschreiben, er meinte, da er keine so freundliche Fürsprache bei Dir habe, wie Du bei ihm, so müsse er wohl selbst Dir schriftlich danken, einstweilen schickt er beikommende Rede über Vernunft und Verstand.

Bettine.

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