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Goethes Briefwechsel mit einem Kinde

Bettina von Arnim: Goethes Briefwechsel mit einem Kinde - Kapitel 27
Quellenangabe
typeletter
booktitleGoethes Briefwechsel mit einem Kinde
authorBettine von Arnim
year1984
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32467-4
titleGoethes Briefwechsel mit einem Kinde
pages5
created20000619
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1835
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An Goethe.

18. Mai.

Der Kronprinz von Bayern ist die angenehmste unbefangenste Jugend, ist so edler Natur, daß ihn Betrug nie verletzt, so wie den gehörnten Siegfried nie die Lanzenstiche verletzten. Er ist eine Blüte, auf welcher der Morgentau noch ruht, er schwimmt noch in seiner eignen Atmosphäre, das heißt: seine besten Kräfte sind noch in ihm. Wenn es so fort ginge und daß keine bösen Mächte seine Meister würden? – Wie gut hatten's doch jene Ritter, die von geneigten Feen mit kräftigen Talismanen versehen wurden, wenn sie zwischen feurigen Drachen und ungeschlachten Riesen nach dem tanzenden Wasser des Lebens oder nach goldnen Liebesäpfeln ausgesandt waren und eine in Marmor verwünschte Prinzessin, so rot wie Blut, so weiß wie Schnee, schön wie das ausgespannte Himmelszelt über dem Frühlingsgarten, als ihrer Erlösung Lohn ihnen zuteil wurde. – Jetzt ist die Aufgabe anders: die unbewachten Apfelbäume hängen ihre fruchtbeladenen Zweige über den Weg, und Liebchen lauscht hinter der Hecke, um den Ritter selbst zu fangen, und diesem allem soll er entgehen und sein Herz der Tugend weihen, die keine Jugend hat, sondern eine gräuliche Larve, so daß man vor ihr Reißaus nehmen möchte; la belle et la bête, la bête ist die Tugend und la belle ist die Jugend, die sich von ihr soll fressen lassen; da ist's denn kein Wunder, wenn die Jugend vor der Tugend Reißaus nimmt, und man kann ohne geheime parteiliche Wünsche nicht Zeuge von diesem Wettrennen sein. – Armer Kronprinz! Ich bin ihm gut, weil er mit so schönem Willen hinübergeht zu meinen Tirolern, und wenn er auch nichts tut, als der Grausamkeit wehrt, ich verlasse mich auf ihn.

Gestern bin ich zum erstenmal wieder eine Strecke weit ins Freie gelaufen, mit einem kapriziösen Liebhaber der Wissenschaft und Künste, mit einem sehr guten gehorsamen Kinde seiner eignen Launen, eine warme lebendige Natur, breit und schmal, wie Du ihn willst, dreht sich schwindellos über einem Abgrund herum, steigt mit Vergnügen auf die kahlen Spitzen der Alpen, um nach Belieben in den Ozean oder ins Mittelländische Meer zu speien, macht übrigens wenig Lärm. Wenn du ihn je siehst und nach dieser Beschreibung erkennst, so ruf ihn nur Rumohr, ich vermute, er wird sich nach Dir umsehen. – Mit diesem also hat meine unbefangne Jugend gewagt, sich das Ziel einer anderthalb Stunden weiten Reise zu setzen, der Ort unserer Wallfahrt heißt Harlachingen, auf französisch Arlequin. Ein heißer Nachmittag, recht um melancholische Blicke in Brand zu stecken.

Wir verlassen den grünen Teppich, schreiten über einen schmalen Balken auf die andere Seite des Ufers, wandern zwischen Weiden, Mühlen, Bächen weiter; – wie nimmt sich da ein Bauer in roter Jacke aus, gelehnt an den hohen Stamm des edlen populus alba, dessen feine Äste mit kaum entsproßnen Blättern einen sanften grünen Schleier, gleichsam ein Frühlingsnetz niederspinnen, in welchem sich die tausend Käfer und sonstige Bestien fangen, scherzen und ganz lieblich haushalten. Jetzt! Warum nicht? – Da unter dem Baum ist genugsam Platz, seinen Gedanken Audienz zu geben, der launige Naturliebhaber läßt sich da nieder das Dolce farniente summt ihm ein Wiegenliedchen in die Ohren, die Augenlider sinken, Rumohr schläft. Natur hält Wache, lispelt, flüstert, lallt, zwitschert. – Das tut ihm so gut; träumend senkt er sein Haupt auf die Brust; jetzt möcht' ich dich fragen, Rumohr, was ich nie fragen mag, wenn du wach bist. Wie kommt's, daß du ein so großes Erbarmen hast und freundlich bist mit allen Tieren und dich nicht kümmerst um das gewaltige Geschick jenes Bergvolks? Vor wenig Wochen, wie das Eis brach und der Fluß überschwoll, da setztest Du alles dran, eine Katze aus der Wassersnot zu retten. Vorgestern hast du einen totgeschlagnen Hund, der am Wege lag, mit eignen Händen eine Grube gemacht und mit Erde bedeckt, obschon du in seidnen Strümpfen warst und einen Klaque in Händen hattest. Heute morgen hast du mit Tränen geklagt, daß die Nachbarn ein Schwalbennest zerstörten trotz deinen Bitten und Einreden. Warum gefällt dir's nicht, deine Langeweile, deine melancholische Laune zu verkaufen um einen Stutzen, du bist so leicht und schlank wie eine Birke, du könntest Sätze tun über die Abgründe, von einem Fels zum andern, aber faul bist du und furchtbar krank an Neutralität. – Da steh' ich allein auf der Wiese, Rumohr schnarcht, daß die Blumen erzittern, und ich denk' an die Sturmglocke, deren Geläut so fürchterlich in den Ohren der Feinde erklingt, und auf deren Ruf alle mit Trommeln und Pfeifen ausziehen, ob auch die Stürme brausen, ob Nacht oder Tag, – und Rumohr, im Schatten eines jungbelaubten Baumes, eingewiegt von scherzenden Lüftchen und singenden Mückchen, schläft fest; was geht den Edelmann das Schicksal derer an, denen keine Strapaze zu hart, kein Marsch zu weit ist, die nur fragen: »Wo ist der Feind? – Dran, dran, für Gott, unsern lieben Kaiser und Vaterland!!« – Das muß ich Dir sagen, wenn ich je einen Kaiser, einen Landesherrn lieben könnte, so wär's im Augenblick, wo ein solches Volk im Enthusiasmus sein Blut für ihn verspritzt; ja, dann wollt' ich auch rufen: »Wer mir meinen Kaiser nehmen will, der muß mich erst totschlagen«, aber so sag' ich mit dem Apostel: »Ein jeder ist geboren, König zu sein und Priester der eignen göttlichen Natur, wie Rumohr.«

Die Isar ist ein wunderlicher Fluß. Pfeilschnell stürzen die jungen Quellen von den Bergklippen herab, sammeln sich unten im felsigen Bett in einen reißenden Strom. Wie ein schäumender Drache mit aufgesperrtem Rachen braust er hüben und drüben, über hervorragende Felsstücke verschlingend her, seine grünen dunklen Wellen brechen sich tausendfach am Gestein, und schäumend jagen sie hinab, sie seufzen, sie lallen, sie stöhnen, sie brausen gewaltig. Die Möven fliegen zu Tausenden über den Wassersturz und netzen die Spitzen ihrer scharfen Flügel; – und in so karger Gegend, schauderhaft anzusehen, ein schmaler Steg von zwei Brettern, eine Viertelstunde lang, schräg in die Länge des Flusses. – Nun, wir gingen, keine Gefahr ahnend, drüber hin, die Wellen brachen sich in schwindelnder Eile auf dem Wehr unter dem zitternden Steg. Außer daß die Bretter mit meiner Leichtigkeit hin- und herschwankten und Rumohrs Fuß zweimal durchbrach, waren wir schon ziemlich weit gekommen, ein dicker Bürger mit der Verdienstmedaille auf der Brust kam von der andern Seite, keiner hatte den andern bemerkt, aneinander vorbeizukommen war nicht, einer mußte umdrehen, Rumohr sagt: »Wir müssen erst erfahren, für was er die Medaille hat, darauf soll's ankommen, wer umkehrt.« Wahrhaftig, ich fürchtete mich, mir war schon schwindlig, hätten wir umkehren müssen, so war ich voran, während die losen Bretter unter meinen Füßen schwankten. Wir erkundigten uns ehrerbietigst nach der Ursache seines Verdienstes: er hatte einen Dieb gefangen. Rumohr sagte: »Dies Verdienst weiß ich nicht zu schätzen, denn ich bin kein Dieb, also bitt' ich umzukehren«, der verwunderte dicke Mann ließ sich mit Rumohrs Beihilfe umkehren und machte den Weg zurück.

Unter einem Kastanienbaum ließ ich mich nieder, träumend grub ich mit einem Reis in die Erde. Rumohr jagt mit Stock und Hut die Maikäfer auseinander, die wie viele Flintenkugeln uns umschwirrten beim Nachhausegehen in der Dämmerung. – Nah an der Stadt auf einem grünen Platz am Ufer steht die Statue des heiligen Johann von Nepomuk, der Wassergott; vier Laternen werfen einen frommen Glanz auf ihn, die Leute knien da nacheinander hin, verrichten ihr Gebet, stört keiner den andern, gehen ab und zu. Die Mondsichel stand oben; – in der Ferne hörten wir Pauken und Trompeten, Signal der Freude über die Rückkunft des Königs; er war geflohen vor einer Handvoll waghalsiger Tiroler, die wollten ihn gefangen haben, warum ließ er sich nicht fangen, da war er mitten unter Helden, keine bessere Gesellschaft für einen König; umsonst wär's nicht gewesen, der Jubel würde nicht gering gewesen sein, von Angesicht zu Angesicht hätte er vielleicht bessere Geschäfte gemacht, er ist gut, der König, der muß sich auch fügen ins eiserne Geschick der falschen Politik. – Die Stadt war illuminiert, als wir hineinkamen, und mein Herz war bei dem allen schwer, sehr schwer, wollte gern mit jenen Felssteinen in die Tiefe hinabrollen, denn weil ich alles geschehen lassen muß. Heut' haben wir den 18. Mai, die Bäume blühen, was wird noch alles vorgehen, bis die Früchte reifen. Vorgestern glühte der Himmel über jenen Alpen, nicht vom Feuer der untertauchenden Sonne, nein, vom Mordbrand; da kamen sie in den Flammen um, die Mütter mit den Säuglingen, hier lag alles im schweigenden Frieden der Nacht, und der Tau tränkte die Kräuter, und dort verkohlte die Flamme den mit Heldenblut getränkten Boden.

Ich stand die halbe Nacht auf dem Turm im Hofgarten und betrachtete den roten Schein und wußte nicht, was ich davon denken sollte, und konnte nicht beten, weil es doch nichts hilft, und weil ein göttlich Geschick größer ist als alle Not, und allen Jammer aufwiegt. –

Ach, wenn sehnsüchtiger Jammer beten ist, warum hat dann Gott mein heißes Gebet nicht erhört? – Warum hat er mir nicht einen Führer geschickt, der mich die Wege hinübergeleitet hätte? – Ich zittere zwar vor Furcht und Schrecken über allen Gräuel, den man nimmer ahnen könnte, wenn er nicht geschehen wär', aber die Stimme aus meinem Herzen hinüber zu ihnen übertäubt alles. Das Schloß der blinden Tannenberge haben sie verräterisch abgebrannt; Schwatz, Greise, Kinder, Heiligtümer; ach, was soll ich Dir schreiben, was ich nimmermehr selbst wissen möchte, und doch haben die Bayern selbst jubelnd sich dessen gerühmt, so was muß man tragen lernen mit kaltem Blut und muß denken, daß Unsterblichkeit ein ewiger Lohn ist, der alles Geschick überbietet. –

Der König fuhr, da wir eben in die Stadt kamen, durch die erleuchteten Straßen, das Volk jauchzte, und Freudentränen rollten über die Wangen der harten Nation; ich warf ihm auch Kußhände zu, und ich gönn' ihm, daß er geliebt ist. – Adieu, hab' Dein treues Kind lieb, sag' ihm bald ein paar Worte.

Bettine.


An Goethe.

Am 22. Mai.

Heute morgen zu meiner Überraschung erhielt ich Deinen Brief. Ich war gar nicht mehr gefaßt darauf, schon die ganze Zeit schreibe ich meine Blätter als ein verzweifelter Liebhaber, der sie dem Sturmwind preisgibt, ob der sie etwa hintrage zu dem Freund, in den mein krankes Herz Vertrauen hat. So hat mich denn mein guter Genius nicht verlassen! Ei durchsauset die Lüfte auf einem schlechten Postklepper, und am Morgen einer Nacht voll weinender Träume erblick' ich erwachend das blaue Kuvert auf meiner grünen Decke,

So tretet denn, ihr steilen Berge, ihr schroffen Felswände, ihr kecken, racheglühenden Schützen, ihr verwüsteten Tale und rauchenden Wohnungen bescheiden zurück in den Hintergrund und überlaßt mich einer ungemessenen Freude, die elektrische Kette, die den Funken von ihm bis zu mir leitet, zu berühren, und unzähligemal nehm' ich ihn in mich auf, Schlag auf Schlag, diesen Funken der Lust. – Ein großes Herz, hoch über den Schrecken der Zeit, neigt sich herab zu meinem Herzen. Wie der silberne Faden sich niederschlängelt ins Tal zwischen hinabgrünenden Matten und blühenden Büschen (denn wir haben ja Mai), sich unten sammelt und im Spiegel mir mein Bild zeigt, so leiten Deine freundlichen Worte hinab zu mir das schöne Bewußtsein, aufbewahrt zu sein im Heiligtum Deiner Erinnerungen, Deiner Gefühle; so wag' ich's zu glauben, da dieser Glaube mir den Frieden gibt. –

O, lieber Freund, während Du Dich abwendest vor dem Unheil trüber Zeit, in einsamer Höhe Geschicke bildest und mit scharfen Sinnen sie lenkest, daß sie ihrem Glück nicht entgehen, denn sicher ist dies schöne Buch, welches Du dir zum Trost über alles Traurige erfindest, ein Schatz köstlicher Genüsse, wo Du in feinen Organisationen und großen Anlagen der Charaktere Stimmungen einleitest und Gefühle, die beseligen, wo Du mit freundlichem Hauch die Blume des Glücks erweckst und in geheimnisvoll glühenden Farben erblühen machst, was unser Geist entbehrt. Ja, Goethe, während diesem hat es sich ganz anders in mir gestaltet. – Du erinnerst dich wohl noch, daß die Gegend, das Klima meiner Gedanken und Empfindungen, heiter waren, ein freundlicher Spielplatz, wo sich bunte Schmetterlinge zu Herden über Blumen schaukelten, und wie Dein Kind spielte unter ihnen, so leichtsinnig wie sie selber, und Dich, den einzigen Priester dieser schönen Natur, mutwillig umjauchzte, manchmal auch tiefbewegt allen Reiz beglückter Liebe in sich sammelnd zu Deinen Füßen in Begeisterung überströmte. Jetzt ist es anders in mir, düstere Hallen, die prophetische Monumente gewaltiger Todeshelden umschließen, sind der Mittelpunkt meiner schweren Ahnungen; der weiche Mondesstrahl, der goldnen Birke Duft dringen da nicht ein, aber wohl Träume, die mir das Herz zerreißen, die mir im Kopf glühen, daß alle Adern pochen. Ich liege an der Erde am verödeten Ort und muß die Namen ausrufen dieser Helden, deren schauerliches Geschick mich verwundet; ich seh' ihre Häupter mit Siegeslorbeern geschmückt, stolz und mächtig unter dem Beil niederrollen auf das Schafott. Ach Gott, ach Gott, welch lauter Schrei der Verzweiflung durchfährt mich bei diesen einbilderischen Träumen. Warum muß ich verzagen, da noch nichts verloren ist? – Ich hab' ein Fieber, so glüht mir der Kopf. Auf dem tonnenförmigen Gipfel des Kofels, Speckbachers Horst, der schlaflos, keiner Speise bedürfend, mit besserer Hoffnung beflügelt, leicht wie ein Vogel schwebt über dem Augenblick, da es Zeit ist. Auf dem Brenner, wo Hofers unwandelbarer Gleichmut die Geschicke lenkt, die Totenopfer der Treue anordnet. Am Berge Ischel, wo der Kapuziner den weißen Stecken in der Hand, alles erratend und vorbeugend, sich allen voranwagend, an der Spitze des Landvolks, siegbewußt über die Saaten niederjagt ins Tal. Da seh' ich auch mich unter diesen, die kurze grün und weiße Standarte schwingend, weit voran auf steilstem Gipfel, und der Sieg brennt mir in den Gliedern, und da kommt der böse Traum und haut mit geschwungener Axt mir die feste Hand ab, die niederstürzt mitsamt der Fahne in den Abgrund, dann ist alles so öde und stumm, die Finsternis bricht ein und alles verschwunden, nur ich allein auf der Felswand ohne Fahne, ohne Hand, verzeih's, daß ich so rase, aber so ist's.

Heute morgen noch mein letzter Traum, da trat einer zu mir auf dem Schlachtfeld, sanft von Gesicht, von gemessenem Wesen, als wär' es Hofer; der sagte mitten unter Leichen stehend zu mir: Die starben alle mit großer Freudigkeit. In demselben Augenblick erwachte ich unter Tränen, da lag Dein Brief auf dem Bett.

Ach, vereine Dich doch mit mir, Ihrer zu gedenken, die da hinstürzen ohne Namen, kindliche Herzen ohne Fehl, lustig geschmückt wie zur Hochzeit mit goldnen Sträußern, die Mützen geziert mit Schwungfedern der Auerhähne und mit Gemsbärten, das Zeichen tollkühner Schützen. Ja! Gedenke ihrer; es ist des Dichters Ruhm, daß er den Helden die Unsterblichkeit sichere!

*

6. Juni.

Gestern, da ich Dir geschrieben hatte, da war die Sonne schon im Untergehen, da ging ich noch hinaus, wo man die Alpen sieht, was soll ich anders tun? Es ist mein täglicher Weg, da begegne ich oft einem, der auch nach den Tiroler Alpen späht. An jenem späten Abend, ich glaub' es war in der Mitte Mai, wo Schwatz abbrannte, da war er mit auf dem Turm, da konnte er sich gar nicht fassen, er rang die Hände und jammerte leise: »O Schwatz! O liebes Vaterland!« – Gestern war er wieder da und ergoß mit Freudebrausen den ganzen Schatz seiner Neuigkeiten vor mir. Wenn's demnach wahr ist, so haben die Tiroler am Herz-Jesu-Fest (den Datum wußte er nicht) den Feind überwältigt und ganz Tirol zum zweitenmal befreit. Ich kann nicht erzählen, was er alles vorbrachte, Du würdest es so wenig verstehen wie ich; Speckbachers Witz hat durch eine Batterie von Baumstämmen, als ob es Kanonen wären und durch zusammengebundne Flintenläufe den Knall nachahmend, den Feind betrogen, gleich drauf die Brücke bei Hall dreimal gestürmt und den Feind mitsamt den Kanonen zurückgetrieben, die Kinder dicht hintendrein; wo der Staub aufwirbelte, schnitten sie mit ihren Messern die Kugeln aus und brachten sie den Schützen. Der Hauptsieg war am Berg Isel, dem Kapuziner ist der Bart weggebrannt. Die namhaften Helden sind alle noch vollzählig. Handbillett haben sie vom Kaiser mit großen Verheißungen aus der Fülle seines Herzens. Wenn's auch nicht alles wahr wird, meinte mein Tiroler, so war's doch wieder ein Freudentag fürs Vaterland, der alle Aufopferung wert ist.

Vom Kronprinz hab' ich kein Gedicht; ein einziges, was er am Tag vor seinem Auszug in den Krieg machte, an Heimat und die Geliebte, zeigte mir der alte getreue Pantalon, er will's unter keiner Bedingung abschreiben. Eine junge Muse der Schauspielkunst besitzt deren mehrere, der alte Bopp hat ihr auf meine Bitte drum angelegen, sie suchte danach unter den Theaterlumpen und fand sie nicht, sonst hätten sie zu Diensten gestanden, meinte sie, der Kronprinz würde ihr andere machen.

Gold und Perlen hab' ich nicht, der einzige Schatz, nach dem ich gewiß allein greifen würde bei einer Feuersbrunst, sind Deine Briefe, Deine schönen Lieder, die Du mit eigner Hand geschrieben, sie sind verwahrt in der roten Sammettasche, die liegt nachts unter meinem Kopfkissen, darin ist auch noch der Veilchenstrauß, den Du mir in der Gesellschaft bei Wieland so verborgen zustecktest, wo Dein Blick wie ein Sperber über allen Blicken kreiste, daß keiner wagte aufzusehen. – Die junge Muse gibt es auf, die Opfer, die der Kronprinz ihr in Dichterperlen gereiht zu Füßen legte, unter dem Wust von falschem Schmuck und Flitterstaat wiederzufinden, und doch waren sie im Zauberhauch der Mondnächte bei dem Lied der Nachtigall erfunden, Silb' um Silbe; Klang um Klang aufgereiht. Wer Silb' um Silbe die nicht liebt, nicht diesen Schlingen sich gefangen gibt, der mag von Himmelskräften auch nicht wissen, wie zärtlich die von Reim zu Reim sich küssen.

Deine Mutter werde ich nicht vergessen, und sollt' ich auch mitten im Kriegsgetümmel untergehen, so würde ich gewiß noch im letzten Moment die Erde küssen zu ihrem Andenken. Was ich Dir noch Merkwürdiges zu berichten habe, ist schon aufgeschrieben, im nächsten Brief wirst Du es finden, dieser wird schon zu dick, und ich schäme mich, daß ich Dir nichts Wichtiges zu schreiben habe und doch nicht abbrechen kann. Geschwätz! – ich weiß ja, wie's ging in Weimar, da sagt' ich auch nichts Gescheutes, und doch hörtest Du gern zu.

Vom Stadion weiß ich gar nichts, da muß ich kurzen Prozeß machen und ihn verschmerzen, wer weiß, ob ich ihn je wieder seh'.

Jacobi ist zart wie eine Psyche, zu früh geweckt, rührend; wär' es möglich, so könnte man von ihm lernen, aber die Unmöglichkeit ist ein eigner Dämon, der listig alles zu vereiteln weiß, zu was man sich berechtigt fühlt; so mein' ich immer, wenn ich Jacobi von Gelehrten und Philosophen umgeben seh', ihm wär' besser, er sei allein mit mir. Ich bin überzeugt, meine unbefangnen Fragen, um von ihm zu lernen, würden ihm mehr Lebenswärme erregen, als jene alle, die vor ihm etwas zu sein als notwendig erachten. Mitteilung ist sein höchster Genuß; er appelliert in allem an seine Frühlingszeit, jede frisch aufgeblühte Rose erinnert ihn lebhaft an jene, die ihm zum Genuß einst blühten, und indem er sanft durch die Haine wandelt, erzählt er, wie einst Freunde Arm in Arm sich mit ihm umschlungen in köstlichen Gesprächen, die spät in die laue Sommernacht währten, und da weiß er noch von jedem Baum in Pempelfort, von der Laube am Wasser, auf dem die Schwäne kreisten, von welcher Seite der Mond hereinstrahlte, auf reinlichem Kies, wo die Bachstelzchen stolzierten; das alles spricht sich aus ihm hervor, wie der Ton einer einsamen Flöte, sie deutet an: der Geist weilt noch hier; in ihren friedlichen Melodien aber spricht sich die Sehnsucht zum Unendlichen aus. Seine höchst edle Gestalt ist gebrechlich, es ist, als ob die Hülle leicht zusammensinken könne, um den Geist in die Freiheit zu entlassen. Neulich fuhr ich mit ihm, den beiden Schwestern und dem Grafen Westerhold nach dem Staremberger See. Wir aßen zu Mittag in einem angenehmen Garten, alles war mit Blumen und blühenden Sträuchern übersät, und da ich zur Unterhaltung der gelehrten Gesellschaft nichts beitragen konnte, so sammelte ich deren so viel, als mein Strohhut faßte. Im Schiff, auf dem wir bei herannahendem Abend wohl anderthalb Stunden fahren mußten, um das jenseitige Ufer wieder zu erreichen, machte ich einen Kranz. Die untergehende Sonne rötete die weißen Spitzen der Alpenkette, und Jacobi hatte seine Freude dran, er deployierte alle Grazie seiner Jugend, Du selbst hast mir einmal erzählt, daß er als Student nicht wenig eitel auf sein schönes Bein gewesen, und daß er in Leipzig mit Dir in einen Tuchladen gegangen, das Bein auf den Ladentisch gelegt, und dort die neuen Beinkleidermuster drauf probiert, bloß um das Bein der sehr artigen Frau im Laden zu zeigen; – in dieser Laune schien er mir zu sein; nachlässig hatte er sein Bein ausgestreckt, betrachtete es wohlgefällig, strich mit der Hand drüber, dann wenige Worte über den herrlichen Abend flüsternd, beugte er sich zu mir herab, da ich am Boden saß und den Schoß voll Blumen hatte, wo ich die besten auslas zum Kranz, und so besprachen wir uns einsilbig, aber zierlich und mit Genuß in Gebärden und Worten, und ich wußte es ihm begreiflich zu machen, daß ich ihn liebenswürdig finde, als auf einmal Tante Lenens vorsorgende Bosheitspflege der feinen Gefühlskoketterie einen bösen Streich spielte; ich schäme mich noch, wenn ich dran denke; sie holte eine weiße langgestrickte wollne Zipfelmütze aus ihrer Schürzentasche, schob sie ineinander und zog sie dem Jacobi weit über die Ohren, weil die Abendluft beginne rauh zu werden, grade in dem Augenblick als ich ihm sagte: »Heute versteh' ich's recht, daß Sie schön sind«, und er mir zum Dank die Rose in die Brust steckte, die ich ihm gegeben hatte. Jacobi wehrte sich gegen die Nachtmütze, Tante Lene behauptete den Sieg, ich mochte nicht wieder aufwärts sehen, so beschämt war ich. – »Sie sind recht kokett«, sagte der Graf Westerhold, ich flocht still an meinem Kranz, da aber Tante Lene und Lotte einstimmend mir gute Lehren gaben, sprang ich plötzlich auf und trappelte so, daß der Kahn heftig schwankte, »um Gotteswillen wir fallen!« schrie alles, »ja, ja!« rief ich, »wenn Sie noch ein Wort weiter sagen über Dinge, die Sie nicht verstehen.« Ich schwankte weiter, »haben Sie Ruh', es wird mir schwindlig.« – Westerhold wollte mich anrühren, aber da schwankte ich so, daß er sich nicht vom Platz getraute, der Schiffer lachte und half schwanken, ich hatte mich vor Jacobi gestellt, um ihn nicht in der fatalen Mütze zu sehen, jetzt, wo ich sie alle in der Gewalt hatte, wendete ich mich nach ihm, nahm die Mütze beim Zipfel und schwenkte sie weit hinaus in die Wellen; »da hat der Wind die Mütze weggeweht«, sagte ich, ich drückte ihm meinen Kranz auf den Kopf, der ihm wirklich schön stand, Lene wollt' es nicht leiden, die frischen Blätter könnten ihm schaden. Lasse ihn mir doch, sagte Jacobi sanft, ich legte die Hand über den Kranz. »Jacobi«, sagte ich: »Ihre feinen Züge leuchten im gebrochnen Licht dieser schönen Blätter wie die des verklärten Plato. Sie sind schön, und es bedarf nur eines Kranzes, den Sie so wohl verdienen, um Sie würdig der Unsterblichkeit darzustellen«; ich war vor Zorn begeistert, und Jacobi freute sich; ich setzte mich neben ihn an die Erde und hielt seine Hand, die er mir auch ließ, keiner sagte etwas, sie wendeten sich alle ab, um die Aussicht zu betrachten, und sprachen unter sich, da lachte ich ihn heimlich an. Da wir ans Ufer kamen, nahm ich ihm den Kranz ab und reichte ihm den Hut. – Das war meine kleine Liebesgeschichte jenes schönen Tages, ohne welche der Tag nicht schön gewesen sein würde; nun hängt der Kranz verwelkt an meinem Spiegel, ich bin seitdem nicht wieder hingegangen, denn ich fürchte mich vor Helenen, die aus beleidigter Würde ganz stumm war und mir nicht Adieu sagte; so mag denn Jacobi freundlich meiner gedenken, wenn ich ihn nicht wieder sehen sollte, dieser Abschied kann ihm keinen unangenehmen Eindruck in der Erinnerung lassen, und mir ist es grade recht, denn ich möchte doch nicht Kunst genug besitzen, den vielen Fallstricken und bösen Auslegungen zu entgehen, die jetzt wahrscheinlich im Gang sein mögen. Adieu, nun hab' ich Dir auf alle Artikel Deines lieben Briefes geantwortet und dir mein ganzes Herz ausgeschüttet. Versicherungen meiner Liebe gebe ich Dir nicht mehr, die sind in jedem Gedanken, im Bedürfnis, Dir alles ans Herz zu legen, hinlänglich beurkundet.

7. Juni. Bettine.
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