Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Bettina von Arnim >

Goethes Briefwechsel mit einem Kinde

Bettina von Arnim: Goethes Briefwechsel mit einem Kinde - Kapitel 25
Quellenangabe
typeletter
booktitleGoethes Briefwechsel mit einem Kinde
authorBettine von Arnim
year1984
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32467-4
titleGoethes Briefwechsel mit einem Kinde
pages5
created20000619
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1835
Schließen

Navigation:


An Goethe.

München, 3. März 1809.

Heut' bricht der volle Tag mit seinen Neuigkeiten in meine Einsamkeit herein, wie ein schwer beladener Frachtwagen auf einer leichten Brücke einbricht, die nur für harmlose Spaziergänger gebaut war. Da hilft nichts, man muß Hand anlegen und helfen, alles in Gang bringen; auf allen Gassen schreit man Krieg, die Bibliothekardiener rennen umher, um ausgeliehene Manuskripte und Bücher wieder einzufordern, denn alles wird eingepackt. Hamberger, ein zweiter Herkules – denn wie jener die Stallungen der zwanzigtausend Rinder, so mistet er die Bibliothek von achtzigtausend Bänden aus und jammert, daß alle geschehene Arbeit umsonst ist. Auch die Galerie soll eingepackt werden; kurz, die schönen Künste sind in der ärgsten Konsternation. Opern und Musik ist Valet gesagt, der erlauchte Liebhaber der Prima Donna zieht zu Felde; die Akademie steckt Trauerampeln aus und bedeckt ihr Antlitz, bis der Sturm vorbei, und so wär' alles in stiller müder Erwartung des Feindes, der vielleicht gar nicht kommt. Ich bin auch in Gärung, und auch in revolutionärer. – Die Tiroler, mit denen halt' ich's, das kannst Du denken. Ach, ich bin's müde, des Nachbars Flöte oben in der Dachkammer bis in die späte Nacht ihr Stückchen blasen zu hören, die Trommel und die Trompete, die machen das Herz frisch.

Ach, hätt' ich ein Wämslein, Hosen und Hut, ich lief hinüber zu den gradnasigen, gradherzigen Tirolern und ließ ihre schöne grüne Standarte im Winde klatschen.

Zur List hab' ich große Anlage, wenn ich nur erst drüben wär', ich könnte ihnen gewiß Dienste leisten. Mein Geld ist all fort, ein guter Kerl, ein Mediziner, hat eine List erfunden, es den gefangnen Tirolern, die sehr hart gehalten sind, zuzustecken. Das Gitter vom Gefängnis geht auf einen öden Platz am Wasser, den ganzen Tag waren böse Buben da versammelt, die mit Kot nach ihnen warfen, am Abend gingen wir hin, unterdessen einer neben der Schildwache ausrief: »Ach, was ist das für ein Rauch in der Ferne«, und indem diese sich nach dem Rauch umsah, zeigte der andere den Gefangenen das blinkende Goldstück, wie er es in Papier einwickelte und dann mit Kot eine Kugel draus machte. »Jetzt pass' Achtung«, rief er, und warf's dem Tiroler zu, so gelang es mehrmals; die Schildwache freute sich, daß die bösen Jungen so gut treffen konnten.

Du kennst vielleicht oder erinnerst Dich doch gesehen zu haben einen Grafen Stadion, Domherr und kaiserlicher Gesandter, von seinen Freunden der schwarze Fritz genannt, er ist mein einziger Freund hier, die Abende, die er frei hat, bringt er gern bei mir zu, da liest er die Zeitung, schreibt Depeschen, hört mir zu, wenn ich was erzähle, wir sprechen auch oft von Dir; ein Mann von kluger freier Einsicht, von edlem Wesen. Er teilt mir aus seiner Herzens- und Lebensgeschichte merkwürdige Dinge mit, er hat viel aufgeopfert, aber nichts dabei verloren, im Gegenteil ist sein Charakter hierdurch frei geworden von der Steifheit, die doch immer mehr oder weniger den Platz freiwilliger Grazie einnimmt, sobald man mit der Welt in einer nicht unwichtigen Verbindung ist, wo man sich zum Teil auch künstlich verwenden muß; er ist so ganz einfach wie ein Kind und gibt meinen Launen in meiner Einsamkeit manche Wendung. Sonntags holt er mich ab in seinem Wagen und liest mir in der königlichen Kapelle die Messe; die Kirche ist meistens ganz leer, außer ein paar alten Leuten. Die stille einsame Kirche ist mir sehr erfreulich, und daß der liebe Freund, von dem ich so manches weiß, was in seinem Herzen bewahrt ist, mir die Hostie erhebt und den Kelch – das freut mich. Ach, ich wollt', ich wüßte ihm auf irgendeine Art ersetzt, was ihm genommen ist.

Ach, daß das Entsagen dem Begehren die Wage hält! – Endlich wird doch der Geist, der durch Schmerzen geläutert ist, über das Alltagsleben hinaus zum Himmel tanzen.

Und was wär' Weisheit, wenn sie nicht Gewalt brauchte, um sich allein geltend zu machen? – jedes Entsagen will sie ja lindernd ersetzen, und sie schmeichelt Dir alle Vorteile ihres Besitzes auf, während Du weinst um das, was sie Dir versagt.

Und wie kann uns das Ewige gelingen, als nur wenn wir das Zeitliche dran setzen?

Alles seh' ich ein und möchte alle Weisheit dem ersten besten Ablaßkrämer verhandeln um Absolution für alle Liebesintrigen, die ich mit Dir noch zu haben gedenke.

*

11. März.

Ach, wenn mich die Liebe nicht hellsehend machte, so wär' ich elend, ich seh' die gefrornen Blumen an den Fensterscheiben, den Sonnenstrahl, der sie allmählich schmilzt, und denke mir alles in Deiner Stube, wie Du auf- und niederwandelst, diese gefrornen Landschaften mit Tannenwäldchen und diese Blumenstöcke sinnend betrachtest. – Da erkenne ich so deutlich Deine Züge, und es wird so wahr, daß ich Dich sehen kann; unterdessen geht die Trommel hier unter dem Fenster von allen Straßen her und ruft die Truppen zusammen.

*

15. März.

Staatsangelegenheiten vertraut man mir nicht, aber Herzensangelegenheiten, – gestern abend kam noch der liebe katholische Priester, das Gespräch war ein träumerisch Gelispel früherer Zeiten; ein feines Geweb', das ein sanfter Hauch wiegt in stiller Luft. »Das Herz erlebt auch einen Sommer«, sagte er, »wir können es dieser heißen Jahreszeit nicht vorenthalten und Gott weiß, daß der Geist reifen muß wie der goldne Weizen, ehe die Sichel ihn schneidet.«

*

20. März.

Ich bin begierig, über Liebe sprechen zu hören, die ganze Welt spricht zwar drüber, und in Romanen ist genug ausgebrütet, aber nichts, was ich gern hören will. Als Beweis meiner Aufrichtigkeit bekenne ich Dir: auch im »Wilhelm Meister« geht mir's so, die meisten Menschen ängstigen mich drin, wie wenn ich ein bös' Gewissen hätte, da ist es einem nicht geheuer innerlich und äußerlich, ich möchte zum Wilhelm Meister sagen: »Komm, flüchte Dich mit mir jenseits der Alpen zu den Tirolern, dort wollen wir unser Schwert wetzen und das Lumpenpack von Komödianten vergessen, und alle Deine Liebsten müssen denn mit ihren Prätensionen und höheren Gefühlen eine Weile darben; wenn wir wiederkommen, so wird die Schminke auf ihren Wangen erbleicht sein, und die flornen Gewande und die feinen Empfindungen werden vor Deinem sonneverbrannten Marsantlitz erschaudern. Ja, wenn etwas noch aus Dir werden soll, so mußt Du Deinen Enthusiasmus an den Krieg setzen, glaub' mir, die Mignon wär' nicht aus dieser schönen Welt geflüchtet, in der sie ja doch ihr Liebstes zurücklassen mußte, sie hätte gewiß alle Mühseligkeiten des Kriegs mit ausgehalten und auf den rauhen Alpen in den Winterhöhlen übernachtet bei karger Kost, das Freiheitsfeuer hätte auch in ihrem Busen gezündet und frisches, gesünderes Blut durch ihre Adern geleitet. – Ach, willst Du diesem Kind zulieb' nicht alle diese Menschen zuhauf verlassen? – Die Melancholie erfaßt Dich, weil keine Welt da ist, in der du handeln kannst. – Wenn Du Dich nicht fürchtest vor Menschenblut: – hier unter den Tirolern kannst du handeln für ein Recht, das ebensogut aus reiner Natur entsprungen ist, wie die Liebe im Herzen der Mignon. – Du bist's, Meister, der den Keim dieses zarten Lebens erstickt unter all dem Unkraut, was Dich überwächst. Sag', was sind sie alle gegen den Ernst der Zeit, wo die Wahrheit in ihrer reinen Urgestalt emporsteigt und dem Verderben, was die Lüge angerichtet hat, Trotz bietet? –

O, es ist eine himmlische Wohltat Gottes, an der wir alle gesunden könnten, eine solche Revolution: er läßt abermals und abermals die Seele der Freiheit wieder neugeboren werden.

Siehst Du, Meister, wenn Du heute in der sternhellen kalten Nacht Deine Mignon aus ihrem Bettchen holst, in dem sie gestern mit Tränen um Dich eingeschlafen war; Du sagst ihr: »Sei hurtig und gehe mit, ich will allein mit Dir in die Fremde ziehen«; o, sie wird's verstehen, es wird ihr nicht unglaublich vorkommen, Du tust, was sie längst von Dir verlangte, und was Du unbegreiflich unterlassen hast. Du wirst ihr ein Glück schenken, daß sie Deine harten Mühen teilen darf; bei Nacht auf gefahrvollen Wegen, wo jeder Schritt täuscht, da wird ihr Scharfblick, ihre kühne Zuversicht Dich sicher leiten hinüber zum kriegbedrängten Volk; und wenn sie sieht, daß Du Deine Brust den Pfeilen bietest, wird sie nicht zagen, es wird sie nicht kränken wie die Pfeile des schmeichelnden Sirenenvolks; sie wird rasch heranreifen zu dem kühnen Vertrauen, mit einzuklingen in die Harmonie der Freiheitsbegeisterung. Und wenn Du auch im Vordertreffen stürzen mußt, was hat sie verloren? – Was könnte ihr diesen schönen Tod ersetzen, an Deiner Seite vielleicht? – Beide Arm in Arm verschränkt, lägt Ihr unter der kühlen gesunden Erde, und mächtige Eichen beschatteten Euer Grab; sag', wär's nicht besser, als daß Du bald ihr feines Gebild den anatomischen Händen des Abbé überlassen mußt, daß er ein künstliches Wachs hineinspritze?

Ach, ich muß klagen, Goethe, über alle Schmerzen früherer Zeiten, die Du mir angetan, ich fühl' mich jetzt so hilflos, so unverstanden wie damals die Mignon. – Da draußen ist heute ein Lärm, und doch geschieht nichts, sie haben arme Tiroler gefangen eingebracht, armes Taglöhnervolk, was sich in den Wäldern versteckt hatte; ich hör' hier oben das wahnsinnige Toben, ich habe Läden und Vorhänge zugemacht, ich kann's nicht mit ansehen, der Tag ist auch schon im Scheiden, ich bin allein, kein Mensch, der wie ich menschlich fühlte. Die festen sicheren, in sich einheimischen Naturen, die den Geist der Treue und Freiheit mit der reineren Luft ihrer Berge einatmen, die müssen sich durch die kotigen Straßen schleifen lassen von einem biertrunkenen Volk, und keiner tut diesem Einhalt, keiner wehrt seinen Mißhandlungen; man läßt sie sich versündigen an den höheren Gefühlen der Menschheit. – Teufel! – Wenn ich Herrscher wär', hier wollt' ich ihnen zeigen, daß sie Sklaven sind, es sollte mir keiner wagen, sich am Ebenbild Gottes zu vergreifen.

Ich meine immer, der Kronprinz müsse anders empfinden, menschlicher, die Leute wollen ihn nicht loben, sie sagen: er sei eigensinnig und launig, ich habe Zutrauen zu ihm, er pflegt den Garten, den er als Kind hatte, noch jetzt mit Sorgfalt, begießt die Blumen, die in seinen Zimmern blühen, selbst, macht Gedichte, holperig, aber voll Begeisterung, das alles sagt mir gut für ihn.

Was wohl ein solcher für Gedanken hat, der jeden Gedanken realisieren könnte? – Ein Fürst, dessen Geist das ganze Land erhellen soll? – Er müßte verharren im Gebet sein Leben lang, der angewiesen ist, in tausend andern zu leben zu handeln.

Ja, ob ein Königssohn wohl den heiligen Geist in sich erweckt, daß der regiere statt seiner? – Der Stadion seufzt und sagt: »Das Beste ist, daß, wie die Würfel auch fallen, der Weg zum Himmel immer unversperrt bleibt für König und Untertan.«

*

25. März.

Ich habe keinen Mut und keinen Witz, ach, hätt' ich doch einen Freund, der nächtlich mit mir über die Berge ging.

Die Tiroler liegen in dieser Kälte mit Weib und Kind zwischen den Felsen, und ihr begeisterter Atem durchwärmt die ganze Atmosphäre. Wenn ich den Stadion frage, ob der Herzog Karl sie auch gewiß nicht verlassen werde, dann faltet er die Hände und sagt: »Ich will's nicht erleben.«

*

26. März.

Das Papier muß herhalten, einziger Vertrauter! – Was doch Amor für tückische Launen hat, daß ich in dieser Reihe von Liebesbriefen auf einmal mich für Mars entzünde, mein Teil Liebesschmerzen hab' ich schon, ich müßte mich schämen, in diesem Augenblick sie geltend machen zu wollen; und könnt' ich nur etwas tun und wollten die Schicksalsmächte mich nicht verschmähen! Das ist das Bitterste, wenn man ihnen nichts gilt, wenn sie einem zu nichts verwenden.

Denk' nur, daß ich in dem verdammten München allein bin. Kein Gesicht, dem zu trauen wär'; Savigny ist in Landshut, dem Stadion schlagen die Wellen in diesem politischen Meeressturm überm Kopf zusammen, ich seh' ihn nur auf Augenblicke, man ist ganz mißtrauisch gegen mich wegen ihm, das ist mir grade lieb, wenn man auch hochmütig ist auf den eignen Wahnsinn, so soll man doch ahnen, daß nicht jeder von ihm ergriffen ist.

Heute morgen war ich draußen im beschneiten Park und erstieg den Schneckenturm, um mit dem Fernrohr nach den Tiroler Bergen zu sehen, wüßte ich Dein Dach dort, ich könnte nicht sehnsüchtiger danach spähen.

Heute ließ Winter Probe halten von einem Marsch, den er für den Feldzug gegen Tirol komponierte, ich sagte, der Marsch sei schlecht, die Bayern würden alle ausreißen und der Schimpf auf ihn fallen. Winter zerriß die Komposition und war so zornig, daß sein langes Silberhaar wie ein vom Hagel getroffenes Ährenfeld hin- und herwogte. Ach, könnte ich doch andere Anstalten auch so hintertreiben wie den Marsch.

Jacobi habe ich in drei Wochen nicht gesehen, obschon ich ihm über seinen »Woldemar«, den er mir hier zu lesen gab, einen langen Brief geschrieben habe; ich wollte mich üben, die Wahrheit sagen zu können, ohne daß sie beleidigt, er war mit dem Brief zufrieden und hat mir mancherlei darauf erwidert, wär' ich nicht in das heftige Herzklopfen geraten wegen den Tirolern, so wär' ich vielleicht in eine philosophische Korrespondenz geraten und gewiß drin stecken geblieben; dort auf den Bergen aber nicht, da hätt' ich meine Sache durchgefochten.

Schelling seh' ich auch selten, er hat etwas an sich, das will mir nicht behagen, und dies Etwas ist seine Frau, die mich eifersüchtig machen will auf Dich, sie ist in Briefwechsel mit einer Pauline G. aus Jena, von dieser erzählt sie mir immer, wie lieb Du sie hast, wie liebenswürdige Briefe Du ihr schreibst usw., ich höre zu und werde krank davon, und dann ärgert mich die Frau. – Ach, es ist auch einerlei, ich kann nicht wollen, daß Du mich am liebsten hast, aber es soll sich niemand unterstehen, seine Rechte mit mir zu messen in der Liebe zu Dir.

Bettine.

 << Kapitel 24  Kapitel 26 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.