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Goethes Briefwechsel mit einem Kinde

Bettina von Arnim: Goethes Briefwechsel mit einem Kinde - Kapitel 23
Quellenangabe
typeletter
booktitleGoethes Briefwechsel mit einem Kinde
authorBettine von Arnim
year1984
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32467-4
titleGoethes Briefwechsel mit einem Kinde
pages5
created20000619
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1835
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Goethes Briefwechsel mit einem Kinde

*

Seinem Denkmal

*

Zweiter Teil


An Goethe.

Da ich Dir zum letztenmal schrieb, war's Sommer, ich war am Rhein und reiste später mit einer heiteren Gesellschaft von Freunden und Verwandten zu Wasser bis Köln; als ich zurückgekommen war, verbrachte ich noch die letzten Tage mit Deiner Mutter, wo sie freundlicher, leidseliger war als je. Am Tag vor ihrem Tod war ich bei ihr, küßte ihre Hand und empfing ihr Lebewohl in Deinem Namen. Denn ich hab' Dich in keinem Augenblick vergessen; ich wußte wohl, sie hätte mir gern Deine beste Liebe zum Erbteil hinterlassen.

Sie ist nun tot, vor welcher ich die Schätze meines Lebens ausbreitete; sie wußte wie und warum ich Dich liebe, sie wunderte sich nicht darüber. Wenn andre Menschen klug über mich sein wollten, so ließ sie mich gewähren und gab dem Wesen keinen Namen. Noch enger hätte ich damals Deine Knie umschließen mögen, noch fester, tiefer Dich ins Auge fassen und alle andre Welt vergessen mögen, und doch hielt dies mich ab vom Schreiben. Später warst Du so umringt, daß ich wohl schwerlich hätte durchdringen können.

Jetzt ist ein Jahr vorbei, daß ich Dich gesehen habe, Du sollst schöner geworden sein, Karlsbad soll Dich erfrischt haben. Mir geht's recht hinderlich, ich muß die Zeit so kalt hinstreichen lassen ohne einen Funken zu erhaschen, an dem ich mir eine Flamme anblasen könnte. Doch soll es nicht lange mehr währen, bis ich Dich wiederseht; dann will ich nur einmal Dich immer und ewig in meinen Armen festhalten.

Diese ganze Zeit hab' ich mit Jacobi beinah' alle Abende zugebracht, ich schätze es immer als ein Glück, daß ich ihn sehen und sprechen konnte; aber dazu bin ich nicht gekommen – aufrichtig gegen ihn zu sein, und die Liebe, die man seinem Wohlwollen schuldig ist, ihm zu bezeigen. Seine beiden Schwestern verpallisadieren ihn, es ist empfindlich, durch leere Einwendungen von ihm abgehalten zu werden. Er ist duldend bis zur Schwäche und hat gar keinen Willen gegen ein paar Wesen, die Eigensinn und Herrschsucht haben, wie die Semiramis. Die Herrschaft der Frauen verfolgt ihn bis zur Präsidentenstelle an der Akademie, sie wecken ihn, sie bekleiden ihn, knöpfen ihm die Unterweste zu, sie reichen ihm Medizin, will er ausgehn, so ist's zu rauh, will er zu Hause bleiben, so muß er sich Bewegung machen. Geht er auf die Akademie, so wird der Nimbus geschneutzt, damit er recht hell leuchte: da ziehen sie ihm ein Hemd von Batist an mit frischem Jabot und Manschetten und einen Pelzrock mit prächtigem Zobel gefüttert, der Wärmkorb wird vorangetragen, kommt er aus der Sitzung zurück, so muß er ein bißchen schlafen, nicht ob er will; so geht's bis zum Abend in fortwährendem Widerspruch, wo sie ihm die Nachtmütze über die Ohren ziehen und ihn zu Bette führen.

Der Geist auch unwillkürlich bahnt sich eine Freistätte, in der ihn nichts hindert zu walten nach seinem Recht, was diesem nicht Eintrag tut, wird er gern der Willkür andrer überlassen. Das hat die Mutter oft an Dir gepriesen, daß Deine Würde aus Deinem Geist fließe, und daß Du einer andern nie nachgestrebt habest; die Mutter sagte, Du seist dem Genius treu, der Dich ins Paradies der Weisheit führt, Du genießest alle Früchte, die er Dir anbietet, daher blühen Dir immer wieder neue, schon während Du die ersten verzehrst. Lotte und Lene aber verbieten dem Jacobi das Denken als schädlich, und er hat mehr Zutrauen zu ihnen als zu seinem Genius, wenn der ihm einen Apfel schenkt, so fragt er jene erst, ob der Wurm nicht drin ist.

Es braucht keinen großen Witz, und ich fühle es in mir selber gegründet: im Geist liegt der unauslöschliche Trieb, das Überirdische zu denken, so wie das Ziel einer Reise hat er den höchsten Gedanken als Ziel; er schreitet forschend durch die irdische Welt der himmlischen zu, alles was dieser entspricht, das reißt der Geist an sich und genießt es mit Entzücken, drum glaub' ich auch, daß die Liebe der Flug zum Himmel ist.

Ich wünsch' es Dir, Goethe, und ich glaub' es auch fest, daß all Dein Forschen, Deine Erkenntnis, das, was die Muse Dir lehrt, und endlich auch Deine Liebe vereint Deinem Geist einen verklärten Leib bilden, und daß der dem irdischen Leib nicht mehr unterworfen sein werde, wenn er ihn ablegt, sondern schon in jenen geistigen Leib übergeströmt. Sterben mußt Du nicht, sterben muß nur der, dessen Geist den Ausweg nicht findet. Denken beflügelt den Geist, der beflügelte Geist stirbt nicht, er findet nicht zurück in den Tod. –

Mit der Mutter konnte ich über alles sprechen, sie begriff meine Denkweise, sie sagte: »Erkenne erst alle Sterne und das letzte, dann erst kannst Du zweifeln, bis dahin ist alles möglich.«

Ich habe von der Mutter viel gehört, was ich nicht vergessen werde, die Art, wie sie mir ihren Tod anzeigte, hab' ich aufgeschrieben für Dich. Die Leute sagen, Du wendest Dich von dem Traurigen, was nicht mehr abzuwenden ist, gerne ab, wende Dich in diesem Sinne nicht von der Mutter ihrem Hinscheiden ab, lerne sie kennen, wie weise und liebend sie grade im letzten Augenblick war und wie gewaltig das Poetische in ihr.

Heute sag' ich Dir nichts mehr, denn ich sehne mich, daß dieser Brief bald an Dich gelange; schreib mir ein Wort, meine Zufriedenheit beruht darauf. In diesem Augenblick ist mein Aufenthalt in Landshut; in wenig Tagen gehe ich nach München, um mit dem Kapellmeister Winter Musik zu studieren.

Manches möchte man lieber mit Gebärden und Mienen sagen, ach besonders Dir hab' ich nichts Höheres zu verkünden, als bloß Dich anzulächeln.

Leb' wohl, bleib mir geneigt, schreib mir wieder, daß Du mich lieb hast, was ich mit Dir erlebt habe, ist mir ein Thron seliger Erinnerung. Die Menschen trachten auf verschiedenen Wegen alle nach einem Ziel, nämlich glücklich zu sein, wie schnell bin ich befriedigt, wenn Du mir gut und meiner Liebe ein treuer Bewahrer sein willst.

Ich bitte die Frau zu grüßen, sobald ich nach München komme, werde ich ihrer gedenken.

Landshut, den 18. Dezember 1808. Dir innigst angelobt
Bettine Brentano,
bei Baron von Savigny.


An Frau von Goethe.

Gerne hätte ich nach dem Beispiel der guten Mutter mein kleines Andenken zum Weihnachten zu rechter Zeit gesendet; allein ich muß gestehen, daß Mißlaune und tausend andre Fehler meines Herzens mich eine ganze Weile von allem freundlichen Verkehr abhielten. Die kleine Kette war Ihnen gleich nach dem Tode der Mutter bestimmt. Ich dachte, Sie sollten diese während der Trauer tragen, und immer verschob ich die Sendung, zum Teil weil es mir wirklich unerträglich war, auch nur mit der Feder den Verlust zu berühren, der für mich ganz Frankfurt zu einer Wüste gemacht hat. – Das kleine Halstuch hab' ich noch bei der Mutter gestickt und hier in den müßigen Stunden vollendet.

Bleiben Sie mir freundlich, erinnern Goethe in den guten Stunden an mich, ein Gedanke von ihm an mich ist mir eine strahlende Zierde, die mich mehr schmückt und ergötzt als die köstlichsten Edelsteine. Sie sehen also, welchen Reichtum Sie mir spenden können, indem Sie ihn bescheidentlich meiner Liebe und Verehrung versichern. Auch für ihn hab' ich etwas, es ist mir aber so lieb, daß ich es ungern einer gefahrvollen Reise aussetze. Ich mache mir Hoffnung, ihn in der ersten Hälfte dieses Jahres noch zu sehen, wo ich es ihm selbst bringen kann. Erhalten Sie sich gesund und recht heiter in diesem kalten Winter. Meine Schwachheit, Ihnen Freude machen zu wollen, behandeln Sie wie immer mit gütiger Nachsicht.

München, 8. Januar 1809. Bettine.


An Goethe.

Andre Menschen waren glücklicher als ich, die das Jahr nicht beschließen durften, ohne Dich gesehen zu haben. Man hat mir geschrieben, wie liebreich Du die Freunde bewillkommnest. –

Seit mehreren Wochen bin ich in München, treib' Musik und singe viel bei dem Kapellmeister Winter, der ein wunderlicher Kauz ist, aber gerade für mich paßt; denn er sagt: »Sängerinnen müssen Launen haben«, und so darf ich alle an ihm auslassen; viel Zeit bringe ich am Krankenlager von Ludwig Tieck zu, er leidet an Gicht, eine Krankheit, die allen bösen Launen und Melancholie Audienz gibt; ich harre ebenso wohl aus Geschmack wie aus Menschlichkeit bei ihm aus; ein Krankenzimmer ist an und für sich schon durch die große Ruhe ein anziehender Aufenthalt, ein Kranker, der mit gelassenem Mut seine Schmerzen bekämpft, macht es zum Heiligtum. Du bist ein großer Dichter, der Tieck ist ein großer Dulder, und für mich ein Phänomen, da ich vorher nicht gewußt habe, daß es solche Leiden gibt; keine Bewegung kann er machen ohne aufzuseufzen, sein Gesicht trieft von Angstschweiß, und sein Blick irrt über der Schmerzensflut oft umher wie eine müde geängstigte Schwalbe, die vergeblich einen Ort sucht, wo sie ausruhen kann, und ich steh' vor ihm verwundert und beschämt, daß ich so gesund bin; dabei dichtet er noch Frühlingslieder und freut sich über einen Strauß Schneeglöckchen, die ich ihm bringe, sooft ich komme, fordert er zuerst, daß ich dem Strauß frisch Wasser gebe, dann wische ich ihm den Schweiß vom Gesicht ganz gelinde, man kann es kaum, ohne ihm weh zu tun, und so leiste ich ihm allerlei kleine Dienste, die ihm die Zeit vertreiben, Englisch will er mich auch lehren, allen Zorn und Krankheitsunmut läßt er denn an mir aus, daß ich so dumm bin, so absurd frage und nie die Antwort verstehe, auch ich bin verwundert; denn ich hab' mit den Leuten geglaubt, ich sei sehr klug, wo nicht gar ein Genie, und nun stoße ich auf solche Untiefen, wo gar kein Grund zu erfassen ist, nämlich der Lerngrund, und ich muß erstaunt bekennen, daß ich in meinem Leben nichts gelernt habe.

Eh' ich von Dir wußte, wußt' ich auch nichts von mir, nachher waren Sinne und Gefühl auf Dich gerichtet, und nun die Rose blüht, glüht und duftet, so kann sie's doch nicht von sich geben, was sie in geheim erfahren hat. Du bist, der mir's angetan hat, daß ich mit Schimpf und Schand' bestehe vor den Philistern, die eine Reihe von Talenten an einem Frauenzimmer schätzenswert finden. Das Frauenzimmer selbst aber ohne diese nicht.

Klavier spielen, Arien singen, fremde Sprachen sprechen, Geschichte und Naturwissenschaft, das macht den liebenswerten Charakter, ach und ich hab' immer hinter allem diesem erst nach dem gesucht, was ich lieben möchte; gestern kam Gesellschaft zu Tieck, ich schlich mich unbemerkt hinter einen Schirm, ich wär' auch gewiß da eingeschlafen, wenn nicht mein Name wär' ausgesprochen worden, da hat man mich gemalt, so daß ich mich vor mir selber fürchten müßte; ich kam auch plötzlich hervor und sagte: »Nein, ich bin zu abscheulich, ich mag nicht mehr allein bei mir sein.« Dies erregte eine kleine Konsternation, und mir machte es viel Spaß. – So ging mir's auch bei Jacobi, wo Lotte und Lene nicht bemerkt hatten, daß ich hinter dem großen runden Tisch saß, ich rief hervor mitten in ihre Epistel hinein: »Ich will mich bessern.« Ich weiß gar nicht warum mein Herz immer jauchzt vor Lust, wenn ich mich verunglimpft höre, und warum ich schon im voraus lachen muß, wenn einer mich tadelt: sie mögen mir aufbürden die allerverkehrtesten Dinge, ich muß alles mit Vergnügen anhören und gelten lassen. Es ist mein Glück; wollt' ich mich dagegen verteidigen, ich käm' in des Teufels Küche; wollte ich mit ihnen streiten, ich würde dummer wie sie. Doch diese letzte Geschichte hat mir Glück gebracht, Sailer war da, dem gefiel's, daß ich Lenen dafür beim Kopf kriegte und ihr auf ihr böses Maul einen herzlichen Schmatz gab, um es zu stopfen. Nachdem Sailer weg war, sagte Jacobi: »Nun, die Bettine hat dem Sailer das Herz gewonnen.« »Wer ist der Mann?« fragte ich. »Wie! Sie kennen Sailer nicht, haben ihn nie nennen hören, den allgemein gefeierten geliebten, den Philosophen Gottes, so gut wie Plato der göttliche Philosoph ist?« – Diese Worte haben mir von Jacobi gefallen, ich freue mich unendlich auf den Sailer, er ist Professor in Landshut. Während dem Karneval ist hier ein Strom von Festen, die einen wahren Strudel bilden, so greifen sie ineinander; es werden wöchentlich neue Opern gegeben, die meinen alten Winter sehr im Atem erhalten, ich hör' manches mit großem Anteil, wollt' ich ihm sagen, was ich dadurch lerne, er würde es nicht begreifen. Am Rhein haben wir über Musik geschrieben, ich weiß nicht mehr was; ich hab' Dir noch mehr zu sagen, Neues, für mich Erstaunungswürdiges, kaum zu fassen für meinen schwachen Geist, und doch erfahre ich's nur durch mich selbst. Soll ich da nicht glauben, daß ich einen Dämon habe, der mich belehrt, ja es kommt alles auf die Frage an, je tiefer Du fragst, je gewaltiger ist die Antwort, der Genius bleibt keine schuldig; aber wir scheuen uns, zu fragen, und noch mehr die Antwort zu vernehmen und zu begreifen, denn das kostet Mühe und Schmerzen; anders können wir nichts lernen, wo sollten wir's herhaben, wer Gott fragt, dem antwortet er das Göttliche.

Auf den Festen, die man hier Akademien nennt – Maskenbälle, in der Mitte ein kleines Theater, worauf pantomimische Vorstellungen gegeben werden von Harlekin Pierrot und Pantalon –, hab' ich den Kronprinzen kennengelernt; ich habe eine Weile mit ihm gesprochen, ohne zu wissen, wer er sei, er hat etwas Zusprechendes, Freundliches und wohl auch originell Geistreiches; sein ganzes Wesen scheint zwar mehr nach Freiheit zu ringen, als mit ihr geboren zu sein; seine Stimme, seine Sprache und Gebärden haben etwas Angestrengtes wie ein Mensch, der sich mit großem Aufwand von Kräften an glatten Felswänden hinaufhalf, eine zitternde Bewegung in den noch nicht geruhten Gliedern hat. Und wer weiß, wie seine Kinderjahre, seine Neigungen bedrängt oder durch Widerspruch gereizt wurden, ich seh' ihm an, daß er schon manches überwinden mußte, und auch, daß sich Großes aus ihm entwickeln kann; ich bin ihm gut, ein so junger Herrscher in der Vorhölle, wo er leiden muß, daß sich jede Zunge über ihn erbarmt; seine guten Münchner, wie er sie nennt, sind ihm nicht grün; ja wartet nur, bis er mündig ist, entweder er beschämt euch alle, oder er wird's euch garstig eintränken.

*

Am 31. Januar.

Dem wunderbaren Frühlingswetter konnte ich nicht widerstehen, der warme mailiche Sonnenstrahl, der das harte eisige Neujahr ganz zusammenschmolz, war überraschend, es hat mich hinausgetrieben in den kahlen, englischen Garten, ich bin auf alle Freundschaftstempel, chinesische Türme und Vaterlandsmonumente geklettert, um die Tiroler Bergkette zu erblicken, die tausendfach ihre gespaltnen Häupter gen Himmel ragt; auch in meiner Seele kannst du solche große Bergmassen finden, die tief bis in die Wurzel gespalten sind, kalt und kahl ihre hartnäckige Zacken in die Wolken strecken. Bei der Hand möcht' ich Dich nehmen und weit wegführen, daß Du Dich besinnen solltest über mich, daß ich Dir in Deinen Gedanken aufginge als etwas Merkwürdiges, dem Du nachspürtest, wie zum Beispiel einem Intermaxilarknochen, über den Du Dein Recht in so eifriger Correspondence gegen Soemering behauptest, sag' mir aufrichtig, werde ich Dir nie so wichtig sein als ein solcher toter Knochen? – Daß Gott alles wohlgefügt habe, wer kann das bezweifeln! Ob Du aber Dein Herz wohl mit meinem verschränkt habest, dagegen erheben sich bei mir zu manchen trüben Stunden Zweifel, von schweren Seufzern begleitet. Am Rhein hab' ich Dir viel und liebend geschrieben, ja ich war ganz in Deiner Gewalt, und was ich dachte und fühlte, war, weil ich im Geiste Dich ansah, nun haben wir eine Pause gemacht beinah' vier Monate, Du hast mir noch nicht geantwortet auf zwei Briefe.

Es liegt mir an allem nichts, aber daran liegt mir, daß ich um Dich nicht betrogen werde; daß mir kein Wort, kein Blick von Dir gestohlen werde, ich hab' Dich so lieb, das ist alles, mehr wird nicht in mich gehen, und anders wird man nichts an mir erkennen, und ich denke auch, das ist genug, um mein ganzes Leben den Musen als ein wichtiges Dokument zu hinterlassen; darum vergeht mir manche Zeit so hart und kalt wie dieser harte Winter, darum blüht's wieder und drängt von allen Seiten wieder ins Leben. – Darum hüt' ich oft meine Gedanken vor Dir. Diese ganze Zeit konnte ich kein Buch von Dir anrühren. Nein, ich konnte keine Zeile lesen, es war mir zu traurig, daß ich nicht bei Dir sein kann. Ach, die Mutter fehlt mir, die mich beschwichtigte, die mich hart machte gegen mich selber, ihr klares, feuriges Auge sah mich durch und durch, ich brauchte ihr nichts zu gestehen, sie wußte alles, ihr feines Ohr hörte bei dem leisesten Klang meiner Stimme, wie es um mich stehe; o sie hat mir manche Gegengeschichte zu meiner Empfindung erzählt, ohne daß ich sie ihr wörtlich mitteilte, wie oft ein freudiges Zurufen von ihr alle Wolken in mir zerteilt, welche freundliche Briefe hat sie mir ins Rheingau geschrieben: »Tapfer!« – rief sie mir zu; »sei tapfer, da sie dich doch nicht für ein echtes Mädchen wollen gelten lassen, und sagen, man könne sich nicht in dich verlieben, so bist du die eine Plage los, sie höflich abzuweisen, so sei denn ein tapferer Soldat, wehr' dich dagegen, daß du meinst, du müßtest immer bei ihm sein und ihn bei der Hand halten, wehr' dich gegen deine eigne Melancholie, so ist er immer ganz und innigst dein und kein Mensch kann dir ihn rauben.«

Solche Zeilen machten mich unendlich glücklich, wahrhaftig, ich fand Dich in ihr wieder, wenn ich nach Frankfurt kam, so flog ich zu ihr hin; wenn ich die Tür aufmachte, wir grüßten uns nicht, es war als ob wir schon mitten im Gespräch seien. Wir zwei waren wohl die einzig lebendigen Menschen in ganz Frankfurt und überall, manchmal küßte sie mich und sprach davon, daß ich in meinem Wesen sie an Dich erinnere, sie habe auch Dein Sorgenbrecher sein müssen. Sie baute auf mein Herz. Man konnte ihr nicht weismachen, daß ich falsch gegen sie sei, sie sagte: »Der ist falsch, der mir meine Lust an ihr verderben will«; ich war stolz auf ihre Liebe.

Wenn Du nun nicht mehr auf der Welt wärst! Ach, ich würde keine Hand mehr regen. Ach, es regen sich so viel tausend Hoffnungen und wird nichts draus. Wenn ich nur manchmal bei Dir sitzen könnte eine halbe Stunde lang; – da wird vielleicht auch nichts draus; mein Freund!! –

*

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