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Goethes Briefwechsel mit einem Kinde

Bettina von Arnim: Goethes Briefwechsel mit einem Kinde - Kapitel 22
Quellenangabe
typeletter
booktitleGoethes Briefwechsel mit einem Kinde
authorBettine von Arnim
year1984
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32467-4
titleGoethes Briefwechsel mit einem Kinde
pages5
created20000619
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1835
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An Bettine.

Karlsbad, am 21. August.

Es ist noch die Frage, liebste Bettine, ob man Dich mehr wunderlich oder wunderbar nennen kann; besinnen darf man sich auch nicht; man denkt endlich nur darauf, wie man sich gegen die reißende Flut Deiner Gedanken sicherzustellen habe; laß Dir daher genügen, wenn ich nicht ausführlich Deine Klagen, Deine Forderungen, Fragen und Beschuldigungen beschwichtige, befriedige, beantworte und ablehne; im ganzen aber Dir herzlich danke, daß Du mich wieder so reichlich beschenkt hast.

Mit dem Primas hast Du Deine Sache klug und artig gemacht. Ich habe schon ein eigenhändiges Schreiben von ihm, worin er mir alles zusichert, was Du so anmutig von ihm erbettelt hast, und mir andeutet, daß ich Dir alles allein zu verdanken habe, und mir noch viel Artiges von Dir schreibt, was Du in Deinem ausführlichen Bericht vergessen zu haben scheinst.

Wenn wir also Krieg miteinander führen wollten, so hätten wir wohl gleiche Truppen; Du die berühmte Frau und ich den liebenswürdigen Fürsten voll Güte gegen mich und Dich. – Beiden wollen wir die Ehre und den Dank nicht versagen, die sie so reichlich um uns verdienen, aber beiden wollen wir auch den Zutritt verweigern, wo sie nicht hingehören, sondern nur störend sein würden, nämlich zwischen das erfreulichste Vertrauen Deiner Liebe und meiner warmen Aufnahme derselben. – Wenn ich auch Deine Antagonistin in der Weltweisheit in einer nur zufälligen Korrespondenz amie nenne, so greife ich damit keineswegs in die Rechte ein, die Du mit erobernder Eigenmacht schon an Dich gerissen hast. Ich bekenne Dir indessen, daß es mir geht, wie dem Primas: Du bist mir ein liebes, freundliches Kind, das ich nicht verlieren möchte, und durch welches ein großer Teil des ersprießlichsten Segens mir zufließt. Du bist mir ein freundliches Licht, das den Abend meines Lebens behaglich erleuchtet, und da gebe ich Dir, um doch zustande zu kommen mit allen Klagen, zum letzten Schluß beikommendes Rätsel; an dem magst Du Dich zufrieden raten.

Goethe.

Charade.

      Zwei Worte sind es, kurz, bequem zu sagen,
Die wir so oft mit holder Freude nennen,
Doch keineswegs die Wesen deutlich kennen,
Wovon sie eigentlich den Stempel tragen,
Es tut gar wohl, an schön beschloßnen Tagen
Eins an dem andern kecklich zu verbrennen,
Und kann man sie vereint zusammen nennen,
So drückt man aus ein seliges Behagen.
Nun aber such' ich ihnen zu gefallen
Und bitte mit sich selbst mich zu beglücken;
Ich hoffe still; doch hoff' ich's zu erlangen:
Als Namen der Geliebten sie zu lallen,
In Einem Bild sie beide zu erblicken,
In Einem Wesen beide zu umfangen.

Es findet sich noch Platz und auch noch Zeit, der guten Mutter Verteidigung hier zu übernehmen; ihr solltest Du nicht verargen, daß sie mein Interesse an dem Kinde, was noch mit der Puppe spielt, heraushebt, da Du es wirklich noch so artig kannst, daß Du selbst die Mutter noch dazu verführst, die ein wahres Ergötzen dran hat, mir die Hochzeitfeier Deiner Puppe mit dem kleinen Frankfurter Ratsherrn schriftlich anzuzeigen, der mir in seiner Allongeperücke, Schnabelschuhen und Halsschmuck von feinen Perlen im kleinen Plüschsessel noch gar wohl erinnerlich ist. Er war die Augenweide unserer Kinderjahre, und wir durften ihn nur mit geheiligten Händen anfassen. Bewahre doch alles sorgfältig, was Dir die Mutter bei diesen Gelegenheiten aus meiner und der Schwester Kindheit mitteilt; es kann mir mit der Zeit wichtig werden.

Dein Kapitel über die Blumen würde wohl schwerlich Eingang finden bei den Weltweisen wie bei mir; denn obschon Dein musikalisches Evangelium etwas hierdurch geschmälert ist (was ich doch ja nicht zu versäumen bitte im nächsten, recht bald zu erwartenden Brief), so ist es mir dadurch ersetzt, daß meine frühsten Kinderjahre sich mir auf eine liebliche Weise darin abspiegeln, denn auch mir erschienen die Geheimnisse der Flora als ein unmöglicher Zauber.

Die Geschichte des Myrtenbaums und der Nonne erregt warmen Anteil; möge er vor Frost und Schaden bewahrt bleiben! Aus voller Überzeugung stimme ich mit Dir ein, daß die Liebe nicht süßer gepflegt kann werden als dieser Baum, und keine zärtliche Pflege reichlicher belohnt, als durch eine solche Blüte.

Auch Deine Pilgrimschaft im rauschenden Fluß mit der allerliebsten Vignette der beiden Kinder gibt ein ergötzliches Bild und Deinen Rheinabenteuern einen anmutig abrundenden Schluß.

Bleib mir nun auch hübsch bei der Stange und gehe nicht zu sehr ins Blaue; ich fürchte so, daß die Zerstreuungen eines besuchten Badeorts Deine idealen Eingebungen auf dem einsamen Rochus verdrängen werden; ich muß mich darauf gefaßt machen, wie auch auf noch manches andere, was Dir im Köpfchen und Herzen spuken mag.

Ein bißchen mehr Ordnung in Deinen Ansichten könnte uns beiden von Nutzen sein; so hast Du Deine Gedanken wie köstliche Perlen nicht alle gleich geschliffen, auf losem Faden gereiht, der leicht zerreißt, wo sie denn in alle Ecken rollen können und manche sich verliert. –

Doch sage ich Dir Dank und dem lieben Rhein ein herzliches Lebewohl, von dem Du mir so manches Schöne hast zukommen lassen. Bleibe Dir's fest und sicher, daß ich gern ergreife, was Du mir reichst, und daß so das Band zwischen uns sich nicht leicht lösen wird.

Goethe.

*

Rochusberg.

Ich hatte mir's vorgenommen, noch einmal hier heraufzugehen, wo ich in Gedanken so glückliche Stunden mit dir verlebt habe, und vom Rhein Abschied zu nehmen, der in alle Empfindungen eingeht und der größer, feuriger, kühner, lustiger und überirdischer als alle ist; – ich komme um fünf Uhr nachmittags hier oben an; finde alles im friedlichen Sonnenlicht, die Bienen angesiedelt, von der Nordseite geschützt durch die Mauer; Beichtstuhl und Altar stehen gegen Morgen. Meine Pflanzen hab' ich alle eingesetzt mit Hilfe des Schiffsjungen, der sie mir heraufbringen half; die Rebe im Topf, welche schon an sechs Fuß hoch ist und voll Trauben hängt, hab' ich am Altar zwischen eine gebrochne Steinplatte gesetzt; den Topf hab' ich zerschlagen und die Scherben leise abgenommen, damit die Erde hübsch an den Wurzeln bleibt; es ist eine Muskatellerart, die sehr feine Blätter hat; dann hab' ich ihn am Kreuz auf dem Altar festgebunden; die Trauben hängen gerade über dem Christusleib; – wenn er schön einwächst und gedeiht, da werden sich die Menschen wundern, die hier oben herkommen; des Schäfers Bienen im Beichtstuhl mit dem Geißblatt, das ihn umzieht, und das Kreuz mit Trauben. Ach, so viele Menschen haben große Paläste und prächtige Gärten; – ich möchte nur diese einsame Rochuskapelle haben und daß alles so schön fortwüchse, wie ich's eingepflanzt habe; – vom Berg hab' ich mit den Scherben die Erde losgegraben und an die Rebe gelegt, und zweimal hab' ich unten am Rhein den Krug gefüllt, um ihn zu begießen; es ist wohl zum letztenmal, daß er Rheinwasser trinkt. – Jetzt, nach beendigtem Werk, sitz' ich hier im Beichtstuhl und schreib' an Dich; die Bienen kommen alle hintereinander heim; sie sind schon ganz eingewohnt; – könnt' ich einziehen in Dein Herz mit jedem Gedanken, so gefühlig, so süß summend wie diese Bienen, beladen mit Honig und Blumenstaub, den ich von allen Feldern zusammentrage und alles heimbringe zu Dir, – nicht wahr? –

*

Am 13. August.

»Alles hat seine Zeit!« sprech' ich mit dem Weisen, ich habe die Reben ihre Blätter entfalten sehen; ihre Blüte hat mich betäubt und trunken gemacht; nun sie Laub haben und Früchte, muß ich Dich verlassen, du stiller, stiller Rhein! Noch gestern Abend war alles so herrlich; aus der dunklen Mitternacht trat mir eine große Welt entgegen. Als ich von meinem Bett aufstand in die kühle Nachtluft am Fenster, da war der Mond schon eine halbe Stunde aufgegangen und hatte die Welten alle unter sich getrieben; er warf einen fruchtbaren Schein über die Weinberge; – ich nahm das volle Laub des Weinstocks, der an meinem Fenster hinaufwächst, im Arm und nahm Abschied von ihm; keinem Lebendigen hätte ich den Augenblick dieser Liebe gegönnt; wär' ich bei Dir gewesen, – ich hätte geschmeichelt, gebeten und geküßt.

*

Schlangenbad, 17. August.

Nur das sei mir gegönnt! – Und ach, es wird mir nicht leicht, es auszusprechen, was ich will, wenn mich manchmal der Atem drückt, daß ich laut schreien möchte.

Es überfliegt mich zuweilen in diesen engbegrenzten Gegenden, wo die Berge übereinander klettern und den Nebel tragen und in den tiefen kühlen Tälern die Einsamkeit gefangen halten, ein Jauchzen, das wie ein Blitz durch mich fährt. – Nun ja! – Das sei mir gegönnt: daß ich dann mich an einen Freund schließe, – er sei noch so fern, – daß er mir freundlich die Hand aufs klopfende Herz lege und sich seiner Jugend erinnere. – O wohl mir, daß ich Dich gesehen hab'! Jetzt weiß ich doch, wenn ich suche und kein Platz mir genügt zum Ausruhen, wo ich zu Haus bin, und wem ich angehöre.

Etwas weißt Du noch nicht, was mir eine liebe Erinnerung ist, obschon sie seltsam scheint. – Als ich Dich noch nie gesehen hatte und mich die Sehnsucht zu Deiner Mutter trieb, um alles von Dir zu erforschen, – Gott, wie oft hab' ich auf meinem Schemel hinter ihr auf die Brust geschlagen, um meine Ungeduld zu dämpfen. Nun: – wenn ich da nach Hause kam, so sank ich oft mitten im Spielen von Scherz und Witz zusammen; sah mein Bild vor dem Deinen stehen, sah Dich mir nah kommen, und wie Du freundlich warst auf verschiedene Weise und gütig, bis mir die Augen vor freudigem Schmerz übergingen.

So hab' ich Dich durchgefühlt, daß mich das stille Bewußtsein einer innerlichen Glückseligkeit vielleicht manche stürmische Zeit meines Gemüts über den Wellen erhalten hat. – Damals weckte mich oft dieses Bewußtsein aus dem tiefen Schlaf; ich verpraßte denn ein paar Stunden mit selbsterschaffnen Träumen und hatte am End', was man nennt, eine unruhige Nacht zugebracht; ich war blaß geworden und mager; ungeduldig, ja selbst hart, wenn eins von den Geschwistern zur Unzeit mich zu einer Zerstreuung reizen wollte; dachte oft, daß, wenn ich Dich jemals selbst sehen sollte, was mir unmöglich schien, so würde ich vielleicht viele Nächte ganz schlaflos sein. – Da mir nun endlich die Gewißheit ward, fühlte ich eine Unruhe, die mir beinah' unerträglich war. – In Berlin, wo ich zum erstenmal eine Oper von Gluck hörte (Musik fesselt mich sonst so, daß ich mich von allem losmachen kann), wenn da die Pauken schlugen, – lache nur nicht, – schlug mein Herz heftig mit; ich fühlte Dich im Triumph einziehen; es war mir festlich wie dem Volk, das dem geliebten Fürsten entgegenzieht, und ich dachte: in wenig Tagen wird alles, was Dich so von außen ergreift, in Dir selber erwachen! – Aber da ich nun endlich, endlich bei Dir war: – Traum, jetzt noch, – wunderbarer Traum, – da kam mein Kopf auf Deiner Schulter zu ruhen, da schlief ich ein paar Minuten nach vier bis fünf schlaflosen Nächten zum erstenmal.

Siehst Du, siehst Du! – Da soll ich mich hüten vor Lieb', und hat mir nie sonst Ruhe geglückt; aber in Deinen Armen da kam der lang verscheuchte Schlaf, und ich hatte kein ander Begehren; alles andre, woran ich mich angeklammert hatte, und was ich glaubte zu lieben, das war's nicht; – aber soll keiner sich hüten oder sich um sein Schicksal kümmern, wenn er das Rechte liebt; sein Geist ist erfüllt, – was nützt das andere! –

*

Den 18.

Wenn ich nun auch zu Dir kommen wollte, würde ich den rechten Weg finden? Da so viele nebeneinanderher laufen, so denk' ich immer, wenn ich an einem Wegweiser vorübergehe und bleibe oft stehen und bin traurig, daß er nicht zu Dir führt; und dann eil' ich nach Hause und meine, ich hätte Dir viel zu schreiben! – Ach, ihr tiefen, tiefen Gedanken, die ihr mit ihm sprechen wollt, – kommt aus meiner Brust hervor! Aber ich fühl's in allen Adern, ich will Dich nur locken, ich will, ich muß Dich nur sehen.

Wenn man bei der Nacht im Freien geht und hat die Abendseite vor sich: am äußersten Ende des dunkeln Himmels sieht man noch das letzte helle Gewand eines glänzenden Tags langsam abwärts ziehen, – so geht mir's bei der Erinnerung an Dich. Wenn die Zeit noch so dunkel und traurig ist, weiß ich doch, wo mein Tag untergegangen ist.

*

Den 20.

Ich habe selten eine Zeit in meinem Leben so erfüllt gehabt, daß ich sagen könnte, sie sei mir unvermerkt verstrichen; ich fühl' nicht, wie andere Menschen, die sich amüsieren, wenn ihnen die Zeit schnell vergeht; im Gegenteil, es ist mir der Tag verhaßt, der mir vergangen ist, ich weiß nicht wie. Von jedem Augenblick bleibe mir eine Erinnerung tief oder lustig, freudig oder schmerzlich, ich wehre mich gegen sonst nichts als nur gegen nichts.

Gegen dies Nichts, das einen beinah' überall erstickt!

*

Den 22.

Vorgestern war ein herrlicher Abend und Nacht; ganz mit dem glänzenden frischen Schmelz der lebhaftesten Farben und Begebenheiten, wie sie nur in Romanen gemalt sind, so ungestört; der Himmel war besäet mit unzähligen Sternen, die wie blitzende Diamanten durch das dichte Laub der blühenden Linden funkelten; die Terrassen, welche an dem Berg hinaufgebaut sind, an dessen Fuß die großen Badehäuser liegen (die einzigen im engen Tal), haben etwas sehr Festliches und Ruhiges durch die Regelmäßigkeit ihrer Hecken, die auf jeder Terrasse ein Boskett von Linden und Nußbäumen umgeben; die vielen Quellen und Brunnen, die man unter sich rauschen hört, machen es nun gar reizend. Alle Fenster waren erleuchtet, die Häuser sahen wunderbar belebt unter dem dunklen einsamen Wald des übersteigenden Gebirges hervor. – Die junge Fürstin von Baden saß mit der Gesellschaft auf der untersten Terrasse und trank den Tee; bald hörten wir Waldhörner aus der Ferne; wir glaubten's kaum, so leise, – gleich antwortete es in der Nähe; dann schmetterte es über uns im Gipfel; sie schienen sich gegenseitig zu locken, rückten zusammen, und in milder Entfernung entfalteten sie die Schwingen, als wollten sie himmelwärts steigen, und immer senkten sie sich wieder auf die liebe Erde herab; – das Geplauder der Franzosen verstummte, ein paarmal hörte ich neben mir ausrufen: »Delicieux!« – Ich wendete mich nach dieser Stimme: ein schöner Mann, edle Gestalt und Gesicht, geistreicher Ausdruck, nicht mehr jung, bebändert und besternt; – er kam mit mir ins Gespräch und setzte sich neben mich auf die Bank. Ich bin nun schon gewohnt, für ein Kind angesehen zu werden, und war also nicht verwundert, daß mich der Franzose eher enfant nannte; er nahm meine Hand und fragte, von wem ich den Ring habe? – Ich sagte: »Von Goethe«. »Comment de Goethe? – Je le connais«; und nun erzählte er mir, daß er nach der Schlacht bei Jena mehrere Tage bei Dir zugebracht habe, und Du habest ihm einen Knopf von seiner Uniform abgeschnitten, um ihn als Andenken in Deiner Münzsammlung zu bewahren; ich sagte: und mir habest Du den Ring zum Andenken gegeben und mich gebeten, Dich nicht zu vergessen. – »Et cela vous a remué le cœur?« – »Aussi tendrement et aussi passionnement que les sons, qui se font entendre là haut!« Da fragte er: »Et vous n'avez réellement que treize ans?« – Du wirst wohl wissen, wer er ist, ich habe um seinen Namen nicht gefragt.

Sie bliesen so herrlich in den Wald hinein und mir zugleich alle weltlichen Gedanken aus dem Kopf; ich schlich mich leise hinauf so nah als möglich und ließ mir's die Brust durchdröhnen; recht mit Gewalt. – Der Ansatz der Töne war so weich, sie wurden allmählich so mächtig, daß es unwiderstehliche Wollust war, sich ihnen hinzugeben. Da hatte ich allerlei wunderliche Gedanken, die schwerlich bei dem Verstand die Maut passiert hätten; es war, als läg' das Geheimnis der Schöpfung mir auf der Zunge. Der Ton, den ich lebendig in mir fühlte, gab mir die Empfindung, wie durch die Macht seiner Stimme Gott alles hervorgerufen, und wie Musik diesen ewigen Willen der Liebe und der Weisheit in jeder Brust wiederholt. – Und ich war beherrscht von Gefühlen, die von der Musik getragen, durchdrungen, vermittelt, verändert, vermischt und gehoben wurden; ich war endlich so in mich versunken, daß selbst die späte Nacht mich nicht vom Platz brachte. Das Hofgeschwirr und die vielen Lichter, von deren Widerschein die Bäume in grünen Flammen brannten, sah ich von oben herab verschwinden; endlich war alles weg; kein Licht brannte mehr in den Häusern; ich war allein in der kühlen himmlischen Ruhe der Nacht; ich dachte an Dich! Ach, hätten wir doch beisammen unter jenen Bäumen gesessen und bei dem Rauschen und Plätschern der Wasser miteinander geschwätzt!

*

Am 24. August.

Immer noch hab' ich Dir was zu erzählen; den letzten Abend am Rhein ging ich noch spät ins nächste Dorf mit Begleitung; als ich am Rhein hinschlenderte, sah ich von ferne etwas Flammendes heranschwimmen; es war ein großes Schiff mit Fackeln, die zuweilen das Ufer grell erleuchteten; oft verschwanden die Flammen; minutenlang war alles dunkel; es gab dem Fluß eine magische Wirkung, die sich mir tief einprägte als Abschluß von allem, was ich dort erlebt habe.

Es war Mitternacht, – der Mond stieg trüb auf; das Schiff, dessen Schatten in dem erleuchteten Rhein wie ein Ungeheuer mitsegelte, warf ein grelles Feuer auf die waldige Ingelheimer Aue, an der sie hinsteuerten, hinter welcher sich der Mond so mild bescheiden hervortrug und allmählich sich in die dünne Nebelwolke wie in einem Schleier entwickelte. – Wenn man der Natur ruhig und mit Bedacht zusieht, greift sie immer ins Herz. Was hätte Gott meine Sinne inniger zuwenden können? – Was mich leichter von dem Unbedeutenden, was mich drückt, lösen können? – Ich schäme mich nicht, Dir zu bekennen, daß Dein Bild dabei heftig in meiner Seele aufflammte. Wahr ist's: Du strahlst in mich, wie die Sonne in den Kristall der Traube, und wie diese kochst Du mich immer feuriger, aber auch klarer aus.

Ich hörte nun die Leute auf dem Schiff schon deutlich sprechen und zur Arbeit anrufen; sie ankerten an der Insel, löschten die Fackeln; – nun wurde alles still bis auf den Hund, der bellte, und die Flaggen, die sich in der frischen Nachtluft drehten. – Nun ging auch ich nach Haus zum Schlafen, und wenn Du's erlaubst, so legte ich mich zu Deinen Füßen nieder, und es belohnte mich der Traum mit Liebkosungen von Dir, wenn's nicht Falschheit war.

Wer wollte nicht an Erscheinung glauben! Beglückt mich doch die Erinnerung dieser Träume noch heute! Ja sag': was geht der Wirklichkeit ab? – O ich bin stolz, daß ich von Dir träume; ein guter Geist dient meiner Seele; er führt Dich ein, weil meine Seele Dich ruft; ich soll Deine Züge trinken, weil mich nach ihnen dürstet; ja, es gibt Bitten und Forderungen, die werden erhört.

Nun wehr' Dich immer gegen meine Liebe; was kann Dir's helfen? – Wenn ich nur Geist genug habe! – Dem Geist stehen die Geister bei.

Bettine.

*

Am 30. August.

Ich öffne das Siegel wieder, um Dir zu sagen, daß ich Deinen Brief vom 10. seit gestern abend in Händen habe, und habe ihn fleißig studiert. – O Goethe, Du sagst zwar, Du willst keinen Krieg führen, und verlangst Friede und schlägst doch mit dem Primas wie mit einer Herkuleskeule drein. Mutz' mir doch den Primas nicht auf! – Wenn ich's ihm sagte, er spränge Decken hoch und verliebte sich in mich – aber Du bist nicht eifersüchtig, Du bist nur gütig und voll Nachsicht.

Deine Charade hab' ich schlaftrunken ans Herz gelegt, aber geraten hab ich sie nicht; – wo hätt' ich Besinnung hernehmen sollen? Mag es sein, was es will, es macht mich selig; ein Kreis liebender Worte, – so unterscheidet man auch nicht Liebkosungen, man genießt sie und weiß, daß sie die Blüten der Liebe sind. Ach, ich möchte wissen was es ist:

Ich hoffe still; doch hoff' ich's zu erlangen,
Als Namen der Geliebten sie zu lallen.

Was hoffst Du? sag' mir's, und wie soll die Geliebte Dir heißen? Welche Bedeutung hat der Name, daß Du mit Entzücken ihn nur zu lallen vermagst? –

In Einem Bild sie beide zu erblicken,
In Einem Wesen beide zu umfangen.

Wer sind die beide? Wer ist mein Nebenbuhler? In welchem Bild soll ich mich spiegeln? – und mit wem soll ich in Deinen Armen verschmelzen? – Ach, wie viele Rätsel in einem verborgen, und wie brennt mir der Kopf; – nein, ich kann es nicht raten; es will nicht gelingen, mich von Deinem Herzen loszureißen und zu spekulieren.

Es tut gar wohl, an schön beschloßnen Tagen
Eins an dem andern kecklich zu verbrennen.
Und kann man sie vereint zusammen nennen,
So drückt man aus ein seliges Behagen.

Das tut Dir wohl, daß ich an Dir verglühe, an schön beschloßnen Tagen, wo ich den Abend in Deiner Nähe zubringe, und mir auch.

Und kann man uns vereint zusammen nennen,
So drückt man aus mein seligstes Behagen.

Du siehst, Freund, wie Du mich hinüberraten läßt in die Ewigkeit; aber das irdische Wort, was der Schlüssel zu allem ist, das kann ich nicht finden.

Aber Deinen Zweck hast Du erlangt, daß ich mich zufrieden raten solle, ich errate daraus meine Rechte, meine Anerkenntnis, meinen Lohn und die Bekräftigung unsers Bundes und werde jeden Tag Deine Liebe neu erraten, verbrenne mich immer, wenn Du mich zugleich umfangen und spiegeln willst in Deinem Geist und vereint mit mir gern genennt sein willst.

Wenn Dir die Mutter schreibt, so macht sie den Bericht allemal zu ihrem Vorteil, die Geschichte war so. Ein buntes Röckchen, mit Streifen von Blumen durchwirkt, und ein Flormützchen, mit silbernen Blümchen geschmückt, holte sie aus dem großen Tafelschrank und zeigte sie mir als Deinen ersten Anzug, in dem Du in die Kirche und zu den Paten getragen wurdest. Bei dieser Gelegenheit hörte ich die genaue Geschichte Deiner Geburt, die ich gleich aufschrieb. Da fand sich denn auch der kleine Frankfurter Ratsherr mit der Allongeperücke! – Sie war sehr erfreut über diesen Fund und erzählte mir, daß man sie ihnen geschenkt habe, wie ihr Vater Syndikus geworden war. Die Schnallen an den Schuhen sind von Gold, wie auch der Degen und die Perlenquasten am Halsschmuck sind echt; ich hätte den kleinen Kerl gar zu gern gehabt. Sie meinte, er müsse Deinen Nachkommen aufbewahrt bleiben, und so kam's, daß wir ein wenig Komödie mit ihm spielten. Sie erzählte mir dabei viel aus ihrer eignen Jugend, aber nichts von Dir; aber eine Geschichte, die mir ewig wichtig bleiben wird, und gewiß das Schönste, was sie zu erzählen vermag.

Du erfreust Dich an der Geschichte des Myrtenbaums meiner Fritzlarer Nonne, er ist wohl die Geschichte eines jeden feurig liebenden Herzens. Glück ist nicht immer das, was die Liebe nährt, und ich hab' mich schon oft gewundert, daß man ihm jedes Opfer bringt, und nicht der Liebe selbst, wodurch allein sie blühen könnte, wie jener Myrtenbaum. Es ist besser, daß man Verzicht auf alles tue, aber die Myrte, die einmal eingepflanzt ist, die soll man nicht entwurzeln, – man soll sie pflegen bis ans Ende.

Alles, was Du verlangst, hoff' ich Dir noch zu sagen, Du hast recht vermutet, daß mir die Zerstreuung hier viel rauben würde, aber Dein Wille hat Macht über mich, und ich hoffe, er soll Feuer aus dem Geist schlagen. Die Herzogin von Baden ist fort, aber unsre Familie samt anhängenden Freunden ist so groß, daß wir ganz Schlangenbad übervölkern. Adieu, ich schäme mich meines dicken Briefs, in dem viel Unsinn stecken mag. Wenn Du nicht frei Porto hättest, ich schickte ihn nicht ab.

Von der Mutter hab' ich die besten Nachrichten.

Bettine.

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