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Goethes Briefwechsel mit einem Kinde

Bettina von Arnim: Goethes Briefwechsel mit einem Kinde - Kapitel 18
Quellenangabe
typeletter
booktitleGoethes Briefwechsel mit einem Kinde
authorBettine von Arnim
year1984
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32467-4
titleGoethes Briefwechsel mit einem Kinde
pages5
created20000619
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1835
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An Goethe.

Caub.

Ich schreibe Dir in der kristallnen Mitternacht; schwarze Basaltgegend, ins Mondlicht eingetaucht! Die Stadt macht einen rechten Katzenbuckel mit ihren geduckten Häusern, und ganz bepelzt mit himmelsträubenden Felszacken und Burgtrümmern; und da gegenüber schauert's und flimmert's im Dunkel, wie wenn man der Katze das Fell streicht.

Ich lag schon im Bett unter einer wunderlichen Damastdecke, die mit Wappen und verschlungenen Namenszügen und verblichnen Rosen und Jasminranken ganz starr gestickt ist; ich hatte mich aber drunter in das Dir bekannte Fell des Silberbären eingehüllt. Ich lag recht bequem und angenehm und überlegte mir, was der Christian Schlosser mir unterwegs hierher alles vorgefaselt hat; er sagt, Du verstehst nichts von Musik und hörst nicht gern vom Tod reden. Ich fragte, woher er das wisse; – er meint, er habe sich Mühe gegeben, Dich über Musik zu belehren; es sei ihm nicht gelungen; – vom Tod aber habe er gar nicht angefangen, aus Furcht, Dir zu mißfallen. Und wie ich eben in dem alleinigen, mit großen Federbüschen verzierten Ehebett darüber nachdenke, hör' ich draußen ein Liedchen singen in fremder Sprache; so viel Gesang – so viel Pause! – Ich springe im Silberbär ans Fenster und gucke hinaus, – da sitzt mein spanischer Schiffsmann in der frischen Mondnacht und singt. Ich erkannte ihn gleich an der goldnen Quaste auf seiner Mütze; ich sagte: »Guten Abend, Herr Kapitän, ich dachte, Ihr wärt schon vor acht Tagen den Rhein hinab ins Meer geschwommen.« Er erkannte mich gleich und meinte, er habe drauf gewartet, ob ich nicht mit wolle. Ich ließ mir das Lied noch einmal singen; es klang sehr feierlich, – in den Pausen hörte man den Widerhall an der kleinen scharfkantigen Pfalz, die inmitten umdrängender schwarzer Felsgruppen mit ihren elfenbeinernen Festen und silbernen Zinnen ganz ins Mondlicht eingeschmolzen war. –

Lieber Goethe, ich weiß nicht, was Dir der Schlosser über Musik demonstriert hat mit seiner verpelzten Stimme – aber hättest Du heute nacht mit mir dem fremden Schiffer zugehört, wie da die Töne unter sich einen feierlichen Reigen tanzten; wie sie hinüberwallten an die Ufer, die Felsen anhauchten und der leise Widerhall in tiefer Nacht so süß geweckt, träumerisch nachtönte; der Schiffer, wie er aus verschmachteter Pause wehmütig aufseufzt, in hohen Tönen klagt und aufgeregt, in Verzweiflung hallend, ruft nach Unerreichbarem und dann mit erneuter Leidenschaft der Erinnerung seinen Gesang weiht, in Perlenreihen weicher Töne den ganzen Schatz seines Glückes hinrollt; – O und Ach! haucht – lauscht – schmetternd ruft; – wieder lauscht und ohne Antwort endlich die Herde sammelt, in Vergessenheit die kleinen Lämmer zählt: eins, zwei, drei, und wegzieht vom verödeten Strand seines Lebens, der arme Schäfer. – Ach, wunderbare Vermittlung des Unaussprechlichen, was die Brust bedrängt, ach Musik!

Ja, hättest Du's mit angehört, mit eingestimmt hättest Du in die Geschicke; mitgeseufzt – mitgeweint – und Begeistrung hätte Dich durchzückt und mich, lieber Goethe – die ich auch dabei war – tiefbewegt – mich hätte der Trost in Deinen Armen ereilt.

Mir sagte der Schiffer gute Nacht, ich sprang in mein großes Bett unter die damastene Decke, sie knarrte mir so vor den Ohren; – ich konnte nicht schlafen, – ich wollte stilliegen; – da hörte ich in den gewundenen Säulen der Bettstelle die Totenwürmchen picken; eins nach dem andern legte los wie geschäftige Gesellen in einer Waffenschmiede. –

Ich muß mich schämen vor Dir; – ich fürchte mich zuweilen, wenn ich so allein bin in der Nacht und ins Dunkel sehe; es ist nichts, aber ich kann mich nicht dagegen wehren; dann möcht' ich nicht allein sein, und bloß darum denke ich manchmal, ich müsse heiraten, damit ich einen Beschützer habe gegen diese verwirrte angstvolle Gespensterwelt. Ach Goethe! – nimmst Du mir das übel? Ja, wenn der Tag anbricht, dann bin ich selbst ganz unzufrieden über solche alberne Verzagtheit. – Ich kann in der Nacht gehen im Freien und im Wald, wo jeder Busch, jeder Ast ein ander Gesicht schneidet; mein wunderlicher der Gefahr trotzender Mutwille bezwingt die Angst. – Draußen ist es auch was ganz andres, – da sind sie nicht so zudringlich; man fühlt das Leben der Natur als ewiges göttliches Wirken, das alles und einem selbst durchströmt; – wer kann sich da fürchten? – Vorgestern auf dem Rochus in tiefer Nacht allein, da hörte ich den Wind ganz von weitem herankommen; – er nahm zu in rascher Eile je näher er kam, und dann grade zu meinen Füßen senkte er die Flügel sanft, ohne nur den Mantel zu berühren, kaum, daß er mich anhauchte, mußte ich da nicht glauben, er sei bloß gesendet, um mich zu grüßen? – Du weißt es doch, Goethe, Seufzer sind Boten; Du säßest allein am offnen Fenster, am späten Abend, und dächtest und fühltest die letzte Begeisterung für die letzte Geliebte in Deinem Blut wallen; – dann unwillkürlich stößt Du den Seufzer aus – der macht sich augenblicklich auf den Weg und jagt – Du kannst ihn nicht zurückrufen.

Irrende Seufzer nennt man, die aus unruhiger Brust, aus verwirrtem Denken und Wünschen entspringen; aber ein solcher Seufzer aus mächtiger Brust, wo die Gedanken, in schöner Wendung sich verschränkend, auf hohen Kothurnen die taugebadeten Füße in heiligem Takte bewegen, von schwebender Muße geleitet; – ein solcher Seufzer, der Deinen Liedern die Brust entriegelt, – der schwingt sich als Herold vor ihnen her, und meine Seufzer, lieber Freund! – zu Tausenden umdrängen sie ihn.

Heute nacht nun hab' ich mich grausam gefürchtet, – ich sah nach dem Fenster, wo es hell war – ich wär' so gern dort gewesen! Ich war auf meine fatales Erblager aus dem vorigen Jahrhundert, in dem Ritter und Prälaten schon mögen ihren Geist ausgehaucht haben und ein Dutzend kleiner Meister vom Hammer, alle emsig, pochten und pickten, fest gebannt. Ach, wie sehnt' ich mich nach der kühlen Nachtluft. – Kann man so närrisch sein? – Plötzlich hatte ich's überwunden, ich stand mitten in der Stube. Auf den Füßen, da bin ich gleich ein Held, es soll mir einer nah kommen – ach, wie pochten mir Herz und Schläfe; die vierzehn Nothelfer, die ich aus alter Gewohnheit vom Kloster her noch herbeirief, sind auch keine Gesellschaft zum Lachen, da der eine seinen eignen Kopf, der andre sein Eingeweide im Arm trägt und so weiter. Ich entließ sie alle zum Fenster hinaus. Und du, magischer Spiegel, in dem alles so zauberisch widerscheint, was ich erlebe, was war's denn, was mich beseligte? – Nichts! – Tiefes Bewußtsein, Friede atmen, – so stand ich am Fenster und erwartete den anbrechenden Tag. –

Bettine.

*

Am 24. Juli.

Über Musik lasse ich Dich nicht los. Du sollst mir bekennen, ob Du mich liebst, Du sollst sagen, daß Du Dich von ihr durchdrungen fühlst. Der Schlosser hat Generalbaß studiert, um ihn Dir beizubringen, und Du hast Dich gewehrt, wie er sagt, gegen die kleine Sept, und hast gesagt: »Bleibt mir mit eurer Sept vom Leibe, wenn ihr sie nicht in Reih und Glied könnt aufstellen, wenn sie nicht einklingt in die so bündig abgeschlossenen Gesetze der Harmonie, wenn sie nicht ihren sinnlich natürlichen Ursprung hat so gut wie die andern Töne« – und Du hast den verdutzten Missionar zu Deinem heidnischen Tempel hinausgejagt und bleibst einstweilen bei Deiner Indischen Tonart, die keine Sept hat. – Aber Du mußt ein Christ werden, Heide! – Die Sept klingt freilich nicht ein, und ohne sinnliche Basis; sie ist der göttliche Führer, Vermittler der sinnlichen Natur mit der himmlischen; sie ist übersinnlich, sie führt in die Geisterwelt, sie hat Fleisch und Bein angenommen, um den Geist vom Fleisch zu befreien, sie ist zum Ton geworden, um den Tönen den Geist zu geben, und wenn sie nicht wär', so würden alle Töne in der Vorhölle sitzenbleiben. Bilde Dir nur nicht ein, daß die Grundakkorde was Gescheuteres wären als die Erzväter vor der Erlösung, vor der Himmelfahrt. Er kam und führte sie mit sich gen Himmel, und jetzt, wo sie erlöst sind, können sie selber erlösen – sie können die harrende Sehnsucht befriedigen. So ist es mit den Christen, so ist es mit den Tönen: ein jeder Christ fühlt den Erlöser in sich, ein jeder Ton kann sich selbst zum Vermittler, zur Sept erhöhen und da das ewige Werk der Erlösung aus dem Sinnlichen ins Himmlische vollbringen, und nur durch Christum gehen wir in das Reich des Geistes ein, und nur durch die Sept wird das erstarrte Reich der Töne erlöst und wird Musik, ewig bewegter Geist, was eigentlich der Himmel ist; sowie sie sich berühren, erzeugen sich neue Geister, neue Begriffe; ihr Tanz, ihre Stellungen werden göttliche Offenbarungen; Musik ist das Medium des Geistes, wodurch das Sinnliche geistig wird – und wie die Erlösung über alle sich verbreitet, die von dem lebendigen Geist der Gottheit ergriffen, nach ewigem Leben sich sehnen: so leitet die Sept durch ihre Auflösung alle Töne, die zu ihr um Erlösung bitten, auf tausend verschiednen Wegen zu ihrem Ursprung, zum göttlichen Geist. Und wir armen Menschen sollten uns genügen lassen, daß wir fühlen: unser ganzes Dasein ist ein Zubereiten, Seligkeit zu fassen, und sollten nicht warten auf einen wohlgepolsterten, aufgeputzten Himmel, wie Deine Mutter, die da glaubt, daß dort alles, was uns auf Erden Freude gemacht hat, in erhöhtem Glanz sich wieder finde; ja sogar behauptet, ihr verblichnes Hochzeitskleid von blaßgrüner Seide mit Gold- und Silberblättern durchwirkt und scharlachrotem Samtüberwurf werde dort ihr himmlisches Gewand sein und der juwelene Strauß, den ein grausamer Dieb ihr entwendet, sauge schon jetzt einstweilen das Licht der Sterne ein, um auf ihrem Haupt als Diadem unter den himmlischen Kronen zu glänzen. Sie sagt: »Für was wär' dies Gesicht das meinige, und warum spräche der Geist aus meinen Augen diesen oder jenen an, wenn er nicht vom Himmel wär' und die Anwartschaft auf ihn hätte? Alles was tot ist, macht keinen Eindruck; was aber Eindruck macht, das ist ewig lebendig.« Wenn ich ihr etwas erzähle, erfinde, so meint sie, das sind alles Dinge, die im Himmel aufgestellt werden. Oft erzähle ich ihr von Kunstwerken meiner Einbildung. Sie sagt: »Das sind Tapeten der Phantasie, mit denen die Wände der himmlischen Wohnungen verziert sind.« Letzt war sie im Konzert und freute sich sehr über ein Violoncell; da nahm ich die Gelegenheit wahr und sagte: »Geb' Sie acht, Frau Rat, daß Ihr die Engel nicht so lang mit dem Fidelbogen um den Kopf schlagen, bis Sie einsieht, der Himmel ist Musik.« Sie war ganz frappiert, und nach langer Pause sagte sie: »Mädchen, du kannst recht haben.«

*

Am 25.

Was mache ich denn, Goethe, meine halben Nächte verschreib' ich an Dich; gestern früh im Nachen, da schlief ich, wir fuhren bis St. Goar, und träumte über Musik, und was ich Dir gestern abend halb ermüdet und halb besessen niedergeschrieben habe, ist kaum eine Spur von dem, was sich in mir aussprach, aber Wahrheit liegt drinnen; es ist eben ein großer Unterschied zwischen dem, was einem schlafend der Geist eingibt, und dem, was man wachend davon behaupten kann. Ich sage Dir, ich hoffe in Zukunft mehr bei Sinnen zu sein, wenn ich Dir schreibe; ich werde mich mäßigen und alle kleinen Züge sammeln, unbekümmert ob sie aus einer Anschauung hervorgehen, ob sie ein System begründen. Ich möchte selbst gerne wissen, was Musik ist, ich suche sie, wie der Mensch die ewige Weisheit sucht. Glaube nicht, daß, was ich geschrieben habe, nicht mein wahrer Ernst sei, ich glaube dran, gerad' weil ich's gedacht habe, obschon es der himmlischen Genialität entbehrt und man ordentlich erkennt, wie ich froh war, mich vor meinem zürnenden Dämon, daß ich ihn so schlecht verstand, hinter den goldnen Reifrock Deiner Mutter verbergen zu können. – Adieu! Gestern abend ging ich noch spät in der schönen blühenden Lindenallee im Mondschein am Ufer des Rheins, da hörte ich's klappen und sanft singen. Da saß vor ihrer Hütte unter dem blühenden Lindenbaum die Mutter von Zwillingen, eins hatte sie an der Brust, und das andre wiegte ihr Fuß im Takt, während sie ihr Lied sang; also im Keim, wo kaum die erste Lebensspur sich regt, da ist Musik schon die Pflegerin des Geistes, es summt ins Ohr, und dann schläft das Kind, die Töne sind die Gesellen seiner Träume, sie sind seine Mitwelt; es hat ja nichts –, das Kind, ob es die Mutter auch wiege, es ist allein im Geist; aber die Töne dringen in es ein und fesseln es an sich, wie die Erde das Leben der Pflanze an sich fesselt, und wenn Musik das Leben nicht hielt', so würde es erkalten, und so brütet Musik fort, von da an, wo der Geist sich regt, bis er reif, flügge und ungeduldig hinausstrebt nach jenseits, und da werden wir's wohl auch erfahren, daß Musik die Mutterwärme war, um den Geist unter der Erdenhülle auszubrüten. Amen.

*

Am 26.

Dies heimliche Ergötzen, an Deiner Brust zu schlafen: – denn dies Schreiben an Dich nach durchlaufener Tagsgeschichte ist ein wahres Träumen an Deinem Herzen, von Deinen Armen umschlungen, ich freu' mich immer, wenn wir in die Herberge einziehen und es heißt: »Wir wollen früh zu Bett, denn wir müssen auch früh wieder heraus«; der Franz jagt mich immer zuerst ins Bett, und ich bin auch so müde, daß ich's kaum erwarten kann; ich werfe in Hast die Kleider ab und sinke vor Müdigkeit in einen tiefen Brunnen, da umfängt mich das Waldrevier, durch das wir am Tag geschritten waren, das Licht der Träume blitzt durch die dunklen Wölbungen des Schlafs. – »Träume sind Schäume«, sagt man, ich hab' eine andre Bemerkung gemacht, ob die wahr ist? – Allemal die Gegend, die Umgebung, in der ich mich im Traum fühle, die deutet auf die Stimmung, auf das Passive meines Gemüts. So träum' ich mich jetzt immer in Verborgenes, Heimliches; es sind Höhlen von weichem Moos bei kühlen Wassern, verschränkt von blühenden Zweigen; es sind dunkle Waldschluchten, wo uns gewiß kein Mensch findet und sucht. Da wart' ich auf Dich im Traum, ich harre und sehe mich um nach Dir; ich gehe auf engen, verwachsenen Wegen hin und her und eile zurück, weil ich glaub', jetzt bist Du da; dann bricht plötzlich der Wille durch, ich ringe in mir, Dich zu haben, und das ist mein Erwachen. Dann färbt sich's schon im Osten, ich rücke mir den Tisch ans Fenster, die Dämmerung verschleiert noch die ersten Zeilen; bis ich aber das Blatt zu Ende geschrieben habe, scheint schon die Sonne. Ach, was schreib' ich Dir denn? – Ich hab' selbst kein Urteil drüber, aber ich bin allemal neugierig, was kommen wird. Laß andre ihre Schicksale bereichern durch schöne Wallfahrten in's gelobte Land, laß sie ihr Journal schreiben von gelehrten und andern Dingen, wenn sie Dir auch einen Elefantenfuß oder eine versteinerte Schneck' mitbringen, – darüber will ich schon Herr werden, wenn sie sich nur nicht in ihren Träumen in Dich versenken wie ich. Laß mir die stille Nacht, nimm keine Sorgen mit zu Bett, ruh' aus in dem schönen Frieden, den ich Dir bereite, ich bin ja auch so glücklich in Dir! Es ist freilich schön, wie Du sagst, sich in dem Labyrinth geistiger Schätze mit dem Freund zu ergehen; aber darf ich nicht bitten für das Kind, das stumm vor Liebe ist? Denn eigentlich ist dieses geschriebene Geplauder nur eine Nothilfe, – die tiefste Liebe in mir ist stumm: es ist, wie ein Mückchen summt um Deine Ohren im Schlaf, und wenn Du nicht wach werden willst und meiner bewußt sein, dann wird Dich's stechen. – Sag', ist dies Leidenschaft, was ich Dir hier vorbete? – O sag's doch; – wenn's wahr wäre, wenn ich geboren wär', in Leidenschaft zu verflammen, wenn ich die hohe Zeder wär' auf dem die Welt überragenden Libanon, angezündet zum Opfer Deinem Genius, und verduften könnte in Wohlgerüchen, daß jeder Deinen Geist einsöge durch mich; wenn's so wär', mein Freund, daß Leidenschaft den Geist des Geliebten entbindet, wie das Feuer den Duft? – und so ist es auch! Dein Geist wohnt in mir und entzündet mich, und ich verzehre mich in Flammen und verduften und was die aussprühenden Funken erreichen, das verbrennt mit; – so knackert und flackert jetzt die Musik in mir, – die muß auch herhalten zum lustigen Opferfeuer; sie will nur nicht recht zünden und setzt viel Rauch. Ich gedenke hier Deiner und Schillers; die Welt sieht Euch an wie zwei Brüder auf einem Thron, er hat so viel Anhänger wie Du; – sie wissen's nicht, daß sie durch den einen vom andern berührt werden; ich aber bin dessen gewiß. – Ich war auch einmal ungerecht gegen Schiller und glaubte, weil ich Dich liebe, ich dürfe seiner nicht achten; aber nachdem ich Dich gesehen hatte, und nachdem seine Asche als letztes Heiligtum seinen Freunden als Vermächtnis hinterblieb, da bin ich in mich gegangen; ich fühlte wohl, das Geschrei der Raben über diesem heiligen Leichnam sei gleich dem ungerechten Urteil. Weißt Du, was Du mir gesagt hast, wie wir uns zum erstenmal sahen? – Ich will Dir's hier zum Denkstein hinsetzen Deines innersten Gewissens, Du sagtest: »Ich denke jetzt an Schiller«, indem sahst Du mich an und seufztest tief, da sprach ich drein und wollte Dir sagen, wie ich ihm nicht anhinge, Du sagtest abermals: »Ich wollte, er wär' jetzt hier. – Sie würden anders fühlen, kein Mensch konnte seiner Güte widerstehen, wenn man ihn nicht so reich achtet und so ergiebig, so war's, weil sein Geist einströmte in alles Leben seiner Zeit, und weil jeder durch ihn genährt und gepflegt war und seine Mängel ergänzt. So war er andern, so war er mir des meisten, und sein Verlust wird sich nicht ersetzen.« Damals schrieb ich Deine Worte auf, nicht um sie als merkwürdiges Urteil von Dir andern mitzuteilen; – nein, sondern weil ich mich beschämt fühlte. Diese Worte haben mir wohlgetan, sie haben mich belehrt, und oft, wenn ich im Begriff war, über einen den Stab zu brechen, so fiel mir's ein, wie Du damals in Deiner milden Gerechtigkeit den Stab über meinen Aberwitz gebrochen. Ich mußte in aufgeregter Eifersucht doch anerkennen, ich sei nichts. »Man berührt nichts umsonst«, sagtest Du, »diese langjährige Verbindung, dieser ernste tiefe Verkehr, der ist ein Teil meiner selbst geworden; und wenn ich jetzt ins Theater komme und seh' nach seinem Platz, und muß es glauben, daß er in dieser Welt nicht mehr da ist, daß diese Augen mich nicht mehr suchen, dann verdrießt mich das Leben, und ich möchte auch lieber nicht mehr da sein.«

Lieber Goethe, Du hast mich sehr hochgestellt, daß Du damals so köstliche Gefühle und Gesinnungen vor mir aussprachst. Es war zum erstenmal, daß jemand sein innerstes Herz vor mir aussprach, und Du warst es! – Ja, Du nahmst keinen Anstoß und ergabst Dich diesen Nachwehen in meiner Gegenwart; und freilich hat Schiller auf mich gewirkt, denn er hat Dich zärtlich und weich gestimmt, daß Du lange an mir gelehnt bliebst und mich endlich fest an Dich drücktest!

Ich bin müde, ich habe geschrieben von halb drei bis jetzt gegen fünf Uhr; heute wird's gar nicht hell werden – es hängen dicke Regenwolken am Himmel, da werden wir wohl warten bis Mittag, eh' wir weiterfahren. Du solltest nur das Getümmel von Nebel sehen auf dem Rhein, und was an den einzelnen Felszacken hängt! Wenn wir hier bleiben, dann schreib' ich Dir mehr heute nachmittag, denn ich wollte Dir von Musik sagen, von Schiller und Dir, wie Ihr mit der zusammenhängt – das bohrt mir schon lange im Kopf.

Ich bin müde, lieber Goethe, ich muß schlafen.

 

Am Abend.

Ich bin sehr müde, lieber Freund, und würde Dir nicht schreiben, aber ich seh', daß diese Blätter auf dieser wunderlichen Kreuz- und Querreise sich zu etwas Ganzem bilden, und da will ich doch nicht versäumen, wenn auch nur in wenig Zeilen, das Bild des Tages festzuhalten: lauter Sturm und Wetter, abwechselnd ein einzelner Sonnenblick. Wir waren bis Mittag in St. Goarshausen geblieben, und haben den Rheinfels erstiegen; meine Hände sind von Dornen geritzt, und meine Kniee zittern noch von der Anstrengung, denn ich war voran und wählte den kürzesten und steilsten Weg. Hier oben sieht es so feierlich und düster aus: eine Reihe nackter Felsen schieben sich gedrängt hintereinander hervor, mit Weingärten, Wäldern und alten Burgtrümmern gekrönt; und so treten sie keck ins Flußbett dem Lauf des Rheins entgegen, der aus dem tiefen stillen See um den verzauberten Lurelei sich herumschwingt, über Felsschichten hinrauschend, schäumt, bullert, schwillt, gegen den Riff anschießt und den überbrausenden Zorn der schäumenden Flut wie ein echter Zecher in sich hineintrinkt.

Da oben sah ich bequem unter der schützenden Mauer des Rheinfels die Nachkommenden mit roten und grünen Parapluies mühsam den schlüpfrigen Pfad hinaufklettern, und da eben der Sonne letzter Hoffnungsstrahl verschwand und ein tüchtiger Guß dem Gebet um schön Wetter ein End' machte, kehrte die naturliebende Gesellschaft beinah' am Ziel verzagt wieder um, und ich blieb allein unter den gekrönten Häuptern. Wie beschreib' ich Dir diese erlebte Stunde mit kurzem Wort treffend? Kaum konnte ich Atem holen, – so streng und gewaltig. Ach, ich bin glücklich! Die ganze Welt ist schön, und ich erleb' alles für Dich.

Ich sah still und einsam in die tobende Flut, die Riesengesichter der Felsen schüchterten mich ein; ich getraute kaum den Blick zu heben; – manche machen's zu arg, wie sie sich überhängen und mit dem düstern Gesträuch, das sich aus geborstener Wand hervordrängt; die nackten Wurzeln, kaum vom Stein gehalten, die hängenden Zweige schwankend im reißenden Strom; – es wurde so finster, – ich glaubte, heute könne nicht mehr Tag werden. Eben überlegte ich, ob mich die Wölfe heute nacht fressen würden, – da trat die Sonne hervor und umzog, mit Wolken kämpfend, die Höhen mit einem Feuerring. Die Waldkronen flammten, die Höhlen und Schluchten hauchten ein schauerliches Dunkelblau aus über den Fluß hin; da spielen mannigfaltige Widerscheine auf den versteinerten Gaugrafen, und eine Schattenwelt umtanzt sie in flüchtigem Wechsel auf der bewegten Flut; alles wankte, – ich mußte die Augen abwenden. Ich riß den Efeu von der Mauer herab und machte Kränze und schwang sie mit meinem Hakenstock, mit dem ich hinaufgeklettert war, weit in die Flut. Ach, ich sah sie kaum, – weg waren sie! Gute Nacht! –

 

Am 27.

Goethe, guten Morgen! Ich war früh um vier Uhr bei den Salmenfischern und habe helfen lauern, denn sie meinen auch: »Im Trüben ist gut fischen«, aber es half nichts, es wurde keiner gefangen. Einen Karpfen hab' ich losgekauft und Gott und Dir zu Ehren wieder in die Flut entlassen.

Das Wetter will sich nicht aufklären; eben schiffen wir über, um auf dem linken Ufer zu Wagen wieder nach Hause zu fahren, ich hätte gar zu gern noch ein paar Tage hier herumgekreuzt.

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