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Goethes Briefwechsel mit einem Kinde

Bettina von Arnim: Goethes Briefwechsel mit einem Kinde - Kapitel 16
Quellenangabe
typeletter
booktitleGoethes Briefwechsel mit einem Kinde
authorBettine von Arnim
year1984
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32467-4
titleGoethes Briefwechsel mit einem Kinde
pages5
created20000619
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1835
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An Goethe.

Am 20. Mai.

Schon acht Tage bin ich in der lieblichsten Gegend des Rheins und konnte vor Faulheit, die mir die liebe Sonne einbrennt, keinen Augenblick finden, Deinem freundlichen Brief eine Antwort zu geben. Wie läßt sich da auch schreiben! Die Allmacht Gottes schaut mir zu jedem Fenster herein und neigt sich anmutig vor meinem begeisterten Blick.

Dabei bin ich noch mit einem wunderbaren Hellsehen begabt, was mir die Gedanken einnimmt. Seh' ich einen Wald, so wird mein Geist auch alle Hasen und Hirsche gewahr, die drin herumspringen; und hör' ich die Nachtigall, so weiß ich gleich, was der kalte Mond an ihr verschuldet hat.

Gestern Abend ging ich noch spät an den Rhein; ich wagte mich auf einen schmalen Damm, der mitten in den Fluß führt, an dessen Spitze von Wellen umbrauste Felsklippen hervorragen; ich erreichte mit einigen gewagten Sprüngen den allervordersten, der grade so viel Raum bietet, um trocknen Fußes drauf zu stehen. Die Nebel umtanzten mich; Heere von Raben flogen über mir, sie drehten sich im Kreis, als wollten sie sich aus der Luft herablassen; ich wehrte mich dagegen mit einem Tuch, das ich über meinen Kopf schwenkte, aber ich wagte nicht, über mich zu sehen, aus Furcht, ins Wasser zu fallen. Wie ich umkehren wollte, da war guter Rat teuer; ich konnte kaum begreifen, wie ich hingekommen war; es fuhr ein kleiner Seelenverkäufer vorüber, – dem winkte ich, mich mitzunehmen. Der Schiffer wollte zu der weißen Gestalt, die er trocknen Fußes mitten auf dem Flusse stehen sah, und die die Raben für ihre Beute erklärten, kein Zutrauen fassen; endlich lernte er begreifen, wie ich dahin gekommen war, und nahm mich an Bord seines Dreibords. Da lag ich auf schmalem Brett, Himmel und Sterne über mir; wir fuhren noch eine halbe Stunde abwärts, bis wo seine Netze am Ufer hingen; wir konnten von weitem sehen, wie die Leute bei hellem Feuer Teer kochten und ihr Fahrzeug anstrichen.

Wie leidenschaftslos wird man, wenn man so frei und einsam sich befindet wie ich im Kahn; wie ergießt sich Ruh' durch alle Glieder, sie ertränkt einem mit sich selbsten, sie trägt die Seele so still und sanft wie der Rhein mein kleines Fahrzeug, unter dem man auch nicht eine Welle plätschern hörte. Da sehnte ich mich nicht, wie sonst meine Gedanken vor Dir auszusprechen, daß sie gleich den Wellen an der Brandung anschlagen und belebter weiter strömen; ich seufzte nicht nach jenen Regungen im Innern, von denen ich wohl weiß, daß sie Geheimnisse wecken und dem glühenden Jugendgeist Werkstätte und Tempel öffnen. Mein Schiffer mit der roten Mütze, in Hemdärmeln, hatte sein Pfeifchen angezündt; ich sagte: »Herr Schiffskapitän, Ihr seht ja aus, als hätt' die Sonne Euch zum Harnisch ausglühen wollen;« – »Ja«, sagte er, »jetzt sitz' ich im Kühlen; aber ich fahre nun schon vier Jahre alle Reisende bei Bingen über den Rhein, und da ist keiner so weit hergekommen wie ich. Ich war in Indien; da sah ich ganz anders aus, da wuchsen mir die Haare so lang. Und war in Spanien; da ist die Hitze nicht so bequem, ich hab' Strapazen ausgestanden; da fielen mir die Haare aus, und ich kriegte einen schwarzen Krauskopf. – Und hier am Rhein wird's wieder anders: da wird mein Kopf gar weiß; in der Fremde hatt' ich Not und Arbeit, wie es ein Mensch kaum erträgt; und wenn ich Zeit hatte, konnte ich vierundzwanzig Stunden hintereinander schlafen, – da mocht' es regnen und blitzen unter freiem Himmel. Hier schlaf' ich nachts keine Stunde; wer's einmal geschmeckt hat auf offner See, dem kann's nicht gefallen, hier alle Polen und rothaarigen Holländer über die Gosse zu fahren, – und sollt' ich den ganzen Rhein hinunterschwimmen auf meinen dünnen Rippen, so muß ich fort aus einem Ort, wo's nichts zu lachen gibt und nichts zu seufzen.« – »Ei, wo möchtet Ihr denn hin?« – »Da, wo ich am meisten ausgestanden habe, das war in Spanien; – da möcht' ich wieder sein, und wenn's noch einmal so hart herging!« – »Was hat Euch denn da so glücklich gemacht?« – Er lachte und schwieg, – wir landeten; ich bestellte ihn zu mir, daß er sich ein Trinkgeld bei mir hole, weil ich nichts bei mir hatte; er wollte aber nichts nehmen. Im Nachhausegehen überlegte ich, wie mein Glück ganz von Dir ausgeht; wenn Du nicht wärst im langweiligen Deutschland, so möcht' ich wahrhaftig auch auf meinen dünnen Rippen den unendlichen Rhein hinabschwimmen. Unsere Großmutter hat uns oft so erhabene Dinge gesagt von Deutschlands großen Geistern, aber Du warst nicht dabei, sonst hätt' ich mich vor Dir gehütet, und Du wärst meiner Begeisterung verlustig gewesen. Im Einschlafen fühlte ich mich noch immer gewiegt in süßer, gedankloser Zerstreuung, und es war mir, als hab' ich Dir große Dinge mitzuteilen, von denen ich glaubte, ich dürfe nur wollen, so werde sie der Mund meiner Gedanken aussprechen; jetzt aber, nach eingeschlafnem Traumleben, weiß ich nichts, als mich Deinem Andenken, Deiner freundlichen Neigung aufs innigste anzuschmiegen; denn wärst Du mir nicht, ich weiß nicht, was ich dann wär'; aber gewiß: unstät und unruhig würde ich suchen, was ich jetzt nicht mehr suche.

Dein Kind.

 

Wie ist mir, lieber einziger Freund! Wie schwindelt mir, was willst Du mir sagen, – Schatz! köstlicher! Von dem ich alles lerne tief in der Brust, der mir alle Fesseln abnimmt, die mich drücken, der mir winkt in die Lüfte, in die Freiheit.

Das hast Du mir gelehrt, daß alles, was meinem Geist eine Fessel ist, allein nur drückende Unwissenheit ist; wo ich mich fürchte, wo ich meinen Kräften nicht traue, da bin ich nur unwissend.

Wissen ist die Himmelsbahn; das höchste Wissen ist Allmacht, das Element der Seligkeit; solange wir nicht in ihm sind, sind wir noch ungeboren. Selig sein ist frei sein; ein freies, selbständiges Leben haben, dessen Höhe und Göttlichkeit nicht abhängt von seiner Gestaltung; das in sich göttlich ist, weil nur reiner Entfaltungstrieb in ihm ist; ewiges Blühen ans Licht und sonst nichts.

Liebe ist Entfaltungstrieb in die göttliche Freiheit. Dies Herz, das von Dir empfunden sein will, will frei werden; es will entlassen sein aus dem Kerker in Dein Bewußtsein. Du bist das Reich, der Stern, den es seiner Freiheit erobern will. Liebe will allmählich die Ewigkeit erobern, die wie Du weißt, kein Ende nehmen wird.

Dies Sehnen ist jenseits der Atem, der die Brust hebt; und die Liebe ist die Luft, die wir trinken.

Durch Dich werd' ich ins unsterbliche Leben eingehen; der Liebende geht ein durch den Geliebten ins Göttliche, in die Seligkeit. Liebe ist Überströmen in die Seligkeit.

Dir alles sagen, das ist mein ganzes Sein mit Dir; der Gedanke ist die Pforte, die den Geist entläßt; da rauscht er hervor und hebt sich hinüber zur Seele, die er liebt, und läßt sich da nieder und küßt die Geliebte, und das ist Wollustschauer: den Gedanken empfinden, den die Liebe entzündet.

Möge mir dies süße Einverständnis mit Dir bewahrt bleiben, in dem sich unser Geist berührt; dies kühne Heldentum, das sich über den Boden der Bedrängnis und Sorge hinweghebt, auf himmlischen Stufen aufwärtsschreitend, solchen schönen Gedanken entgegen, von denen ich weiß, sie kommen aus Dir.


Goethe an B.

Am 7. Juni.

Nur wenig Augenblicke vor meiner Abreise nach Karlsbad kommt Dein lieber Brief aus dem Rheingau; auf jeder Seite so viel Herrliches und Wichtiges leuchtet mir entgegen, daß ich im voraus Beschlag lege auf jede prophetische Eingebung Deiner Liebe; Deine Briefe wandern mit mir, die ich wie eine buntgewirkte Schnur auftrößle, um den schönen Reichtum, den sie enthalten, zu ordnen. Fahre fort, mit diesem lieblichen Irrlichtertanz mein beschauliches Leben zu ergötzen und beziehende Abenteuer zu lenken; – es ist mir alles aus eigner Jugenderinnerung bekannt wie die heimatliche Ferne, deren man sich deutlich bewußt fühlt, ob man sie schon lange verlassen hat. Forsche doch nach dem Lebenslauf Deines hartgebrannten Schiffers, wenn Du ihm wieder begegnest; es wäre doch wohl interessant zu erfahren, wie der indische Seefahrer endlich auf den Rhein kömmt, um zur gefährdeten Stunde den bösen Raubvögeln mein liebes Kind abzujagen. Adieu! Der Eichwald und die kühlen Bergschluchten, die meiner harren, sind der Stimmung nicht ungünstig, die Du so unwiderstehlich herauszulocken verstehst; auch predige Deine Naturevangelien nur immer in der schönen Zuversicht, daß Du einen frommen Gläubigen an mir hast.

Die gute Mutter hat mir sehr bedauerlich geschrieben, daß sie diesen Sommer Dich entbehren soll; Deine reiche Liebe wird auch dahin versorgend wirken, und Du wirst einen in dem andern nicht vergessen.

Möchtest Du doch auch gelegentlich meinen Dank, meine Verehrung unserm vortrefflichen Fürsten Primas ausdrücken, daß er meinen Sohn so über alle Erwartung geehrt und der braven Großmutter ein so einziges Fest gegeben. Ich sollte wohl selbst dafür danken, aber ich bin überzeugt, Du wirst das, was ich zu sagen habe, viel artiger und anmutiger, wenn auch nicht herzlicher vortragen.

Deine Briefe werden mir in Karlsbad bei den drei Mohren der willkommenste Besuch sein, von denen ich mir das beste Heil verspreche. Erzähle mir ja recht viel von Deinen Reisen, Landpartien, alten und neuen Besitzungen, und erhalte Dich mir in fortdauerndem, lebendigem Andenken.

G.


An Goethe.

Am 16. Juni.

Hier sind noch tausend herrliche Wege, die alle nach berühmten Gegenden des Rheins führen; jenseits liegt der Johannisberg, auf dessen steilen Rücken wir täglich Prozessionen hinaufklettern sehen, die den Weinbergen Segen erflehen, dort überströmt die scheidende Sonne das reiche Land mit ihrem Purpur, und der Abendwind trägt feierlich die Fahnen der Schutzheiligen in den Lüften und bläht die weitfaltigen weißen Chorhemden der Geistlichkeit auf, die sich in der Dämmerung wie ein rätselhaftes Wolkengebilde den Berg hinabschlängeln. Im Näherrücken entwickelt sich der Gesang; die Kinderstimmen klingen am vernehmlichsten; der Baß stößt nur ruckweise die Melodien in die rechten Fugen, damit sie das kleine Schulgewimmel nicht allzuhoch treibe, und dann pausiert er am Fuß des Berges, wo die Weinlagen aufhören. Nachdem der Herr Kaplan den letzten Rebstock mit dem Wadel aus dem Weihwasserkessel bespritzt hat, fliegt die ganze Prozession wie Spreu auseinander, der Küster nimmt Fahne, Weihkessel und Wadel, Stola und Chorhemd, alles unter den Arm und trägt's eilends davon, als ob die Grenze der Weinberge auch die Grenze der Audienz Gottes wär', so fällt das weltliche Leben ein, Schelmenliedchen bemächtigen sich der Kehlen, und ein heiteres Allegro der Ausgelassenheit verdrängt den Bußgesang, alle Unarten gehen los, die Knaben balgen sich und lassen ihre Drachen am Ufer im Mondschein fliegen, die Mädchen spannen ihre Leinwand aus, die auf der Bleiche liegt, und die Burschen bombardieren sie mit wilden Kastanien; da jagt der Stadthirt die Kuhherde durchs Getümmel, den Ochs voran, damit er sich Platz mache; die hübschen Wirtstöchter stehen unter den Weinlauben vor der Tür und klappen mit dem Deckel der Weinkanne, da sprechen die Chorherren ein, und halten Gericht über Jahrgänge und Weinlagen, der Herr Frühmeßner sagt nach gehaltener Prozession zum Herrn Kaplan: »Nun haben wir's unserm Herrgott vorgetragen, was unserm Wein nottut: noch acht Tage trocken Wetter, dann morgens früh Regen und mittags tüchtigen Sonnenschein, und das so fort Juli und August! Wenn's dann kein gutes Weinjahr gibt, so ist's nicht unsre Schuld.«

Gestern wanderte ich der Prozession vorüber, hinauf nach dem Kloster, wo sie herkam. Oft hatte ich im Aufsteigen Halt gemacht, um den verhallenden Gesang noch zu hören. Da oben auf der Höhe war große Einsamkeit; nachdem auch das Geheul der Hunde, die das Psalmieren obligat begleitet hatten, verklungen war, spürte ich in die Ferne; da hörte ich dumpf das sinkende Treiben des scheidenden Tags; ich blieb in Gedanken sitzen, – da kam aus dem fernen Waldgeheg von Vollratz her etwas Weißes, es war ein Reiter auf einem Schimmel; das Tier leuchtete wie ein Geist, sein weicher Galopp tönte mir weissagend, die schlanke Figur des Reiters schmiegte sich so nachgebend den Bewegungen des Pferdes, das den Hals sanft und gelenk bog; bald in lässigem Schritt kam er heran, ich hatte mich an den Weg gestellt, er mochte mich im Dunkel für einen Knaben halten, im braunen Tuchmantel und schwarzer Mütze sah ich nicht gerade einem Mädchen ähnlich. Er fragte, ob der Weg hier nicht zu steil sei zum Hinabreiten, und ob es noch weit sei bis Rüdesheim. Ich leitete ihn den Berg herab, der Schimmel hauchte mich an, ich klatschte seinen sanften Hals. Des Reiters schwarzes Haar, seine erhabene Stirn und Nase waren bei dem hellen Nachthimmel deutlich zu erkennen. Der Feldwächter ging vorüber und grüßte, ich zog die Mütze ab, mir klopfte das Herz neben meinem zweifelhaften Begleiter, wir gaben einander wechselweise Raum, uns näher zu betrachten; was er von mir zu denken beliebte, schien keinen großen Eindruck auf ihn zu machen, ich aber entdeckte in seinen Zügen, seiner Kleidung und Bewegungen eine reizende Eigenheit nach der andern. Nachlässig, bewußtlos, naturlaunig saß er auf seinem Schimmel, der das Regiment mit ihm teilte. – Dorthin flog er im Nebel schwimmend, der ihn nur allzubald mir verbarg; ich aber blieb bei den letzten Reben wo heute die Prozession in ausgelaßnem Übermut auseinandersprengte, allein zurück: ich fühlte mich sehr gedemütigt, ich ahnete nicht nur, ich war überzeugt, dies rasche Leben, das eben gleichgültig an mir vorübergestreift war, begehre mit allen fünf Sinnen des Köstlichsten und Erhabensten im Dasein sich zu bemächtigen.

Die Einsamkeit gibt dem Geist Selbstgefühl; die duftenden Weinberge schmeichelten mich wieder zufrieden.

Und nun vertraue ich Dir schmucklos meinen Reiter, meine gekränkte Eitelkeit, meine Sehnsucht nach dem lebendigen Geheimnis in der Menschenbrust. Soll ich in Dir lebendig werden, genießen, atmen und ruhen, alles im Gefühl des Gedeihens, so muß ich, Deiner höheren Natur unbeschadet, alles bekennen dürfen was mir fehlt, was ich erlebe und ahne; nimm mich auf, weise mich zurecht und gönne mir die heimliche Lust des tiefsten Einverständnisses.

Die Seele ist zum Gottesdienst geboren, daß ein Geist in dem andern entbrenne, sich in ihm fühle und verstehen lerne, das ist mir Gottesdienst – je inniger: je reiner und lebendiger.

Wo ich mich hinlagere am grünenden Boden, von Sonne und Mond beschienen, da bist Du meine Heiligung.

Bettine.

*

Am 25. Juni.

Du wirst doch auch einmal den Rhein wieder besuchen, den Garten Deines Vaterlands, der dem Ausgewanderten die Heimat ersetzt, wo die Natur so freundlich groß sich zeigt. – Wie hat sie mit sympathetischem Geist die mächtigen Ruinen aufs neue belebt, wie steigt sie auf und ab an den düstern Mauern und begleitet die verödeten Räume mit schmeichelnder Begrasung und erzieht die wilden Rosen auf den alten Warten und die Vogelkirsche, die aus verwitterter Mauerluke herablacht! Ja, komm und durchwandre den mächtigen Bergwald vom Tempel herab zum Felsennest, das über dem schäumenden Bingerloch herabsieht, die Zinnen mit jungen Eichen gekrönt, wo die schlanken Dreiborde wie schlaue Eidechsen durch die reißende Flut am Mäuseturm vorbeischießen. Da stehst Du und siehst, wie der helle Himmel über grünenden Rebhügeln aus dem Wasserspiegel herauflacht und Dich selbst auf Deinem kecken eigensinnigen basaltnen Ehrenfels inmitten abgemalt, in ernste, schaurig umfassende Felshöhen und hartnäckige Vorsprünge eingerahmt; da betrachte Dir die Mündungen der Tale, die mit ihren friedlichen Klöstern zwischen wallenden Saaten aus blauer Ferne hervorgrünen, und die Jagdreviere und hängenden Gärten, die von einer Burg zur andern sich schwingen, und das Geschmeide der Städte und Dörfer, das die Ufer schmückt.

O Weimar, o Karlsbad, entlaßt mir den Freund! Schließ Dein Schreibpult zu und komm hier her, lieber als nach Karlsbad; das ist ja ein Kleines, daß Du dem Postillon sagst: links statt rechts; ich weiß, was Du bedarfst, ich mache Dir Dein Zimmer zurecht neben meinem, das Eckzimmer, mit dem einen Fenster den Rhein hinunter und dem andern hinüber; ein Tisch, ein Sessel, ein Bett und ein dunkler Vorhang, daß die Sonne Dir nicht zu früh hereinscheint. Muß es denn immer auf dem Weg zum Tempel des Ruhms fortgeleiert sein, wo man so oft marode wird?

Eben entdeckte ich den Briefträger, ich sprang ihm entgegen, er zeigte mir auch von weitem Deinen Brief, er freute sich mit mir und hatte auch Ursache dazu, er sagte: »Gewiß ist der Brief von dem Herrn Liebsten!« »Ja«, sagte ich, »für die Ewigkeit!« Das hielt er für ein melancholisches Ausrufungszeichen.

Die Mutter hat mir auch heute geschrieben, sie sagt mir's herzlich, daß sie mir wohl will, von Deinem Sohn erhalte ich zuweilen Nachricht durch andre, er selbst aber läßt nichts von sich hören.

Und nun leb' wohl, Dein Aufenthalt in Karlsbad sei Dir gedeihlich, ich segne Deine Gesundheit; wenn Du krank wärst und Schmerzen littest, würde ich sehr mitleiden; ich hab' so manches nachfühlen müssen, was Du wohl längst verschmerzt hattest, noch eh' ich dich kannte.

Die drei Mohren sollen Deine Wächter sein, daß sich kein fremder Gast bei Dir einschleiche und Du Dir kein geschnitzeltes Bild machst, dasselbe anzubeten. Laß Dir's bei den drei Mohren gesagt sein, daß ich um den Ernst Deiner Treue bitte, erhalte sie mir unter den zierlichen, müßigen Badenymphen, die Dich umtanzen, die Nadel mit dem Gordischen Knoten trag an Deiner Brust, denk' daran, daß Du aus der Fülle meiner Liebe keine Wüste des Jammers machen sollst und sollst den Knoten nicht entzweihauen.

Dem Primas hab' ich geschrieben in Deinem Auftrag, er ist in Aschaffenburg, er hat mich eingeladen, dorthin zu kommen; ich werd' auch wahrscheinlich mit der ganzen Familie ihn besuchen, da kann ich ihm alles noch einmal mitteilen. Ich werde Dir Nachricht darüber geben.

Nun küsse ich Dir zum letztenmal Hand und Mund, um morgen einen neuen Brief zu beginnen.

Bettine.

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