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Goethes Briefwechsel mit einem Kinde

Bettina von Arnim: Goethes Briefwechsel mit einem Kinde - Kapitel 12
Quellenangabe
typeletter
booktitleGoethes Briefwechsel mit einem Kinde
authorBettine von Arnim
year1984
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32467-4
titleGoethes Briefwechsel mit einem Kinde
pages5
created20000619
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1835
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An Goethe.

Am 21. August.

Du kannst Dir keinen Begriff machen, mit welchem Jubel die Mutter mich aufnahm! Sowie ich hereinkam, jagte sie alle fort, die bei ihr waren. »Nun, ihr Herren«, sagte sie, »hier kommt jemand, der mit mir zu sprechen hat«, und so mußten alle zum Tempel hinaus. Wie wir allein waren, sollte ich erzählen – da wußt' ich nichts. »Aber wie war's, wie Du ankamst?« – »Ganz miserabel Wetter«; »vom Wetter will ich nichts wissen; – vom Wolfgang, wie war's, wie du hereinkamst?« »Ich kam nicht, er kam«; – »nun wohin?« – »In den Elefanten, um Mitternacht drei Treppen hoch; alles schlief schon fest, die Lampen auf dem Flur ausgelöscht, das Tor verschlossen, und der Wirt hatte den Schlüssel schon unterm Kopfkissen und schnarchte tüchtig.« – »Nun, wie kam er denn da herein?« – »Er klingelte zweimal, und wie er zum drittenmal recht lang an der Glocke zog, da machten sie ihm auf.« »Und du?« – »Ich in meiner Dachstube merkte nichts davon; Meline lag schon lange und schlief im Alkoven mit vorgezognen Vorhängen; ich lag auf dem Sofa und hatte die Hände überm Kopf gefaltet und sah, wie der Schein der Nachtlampe wie ein großer, runder Mond an der Decke spielte; da hört' ich's rascheln an der Tür und mein Herz war gleich auf dem Fleck; es klopfte, während ich lauschte, aber weil es doch ganz unmöglich war in dieser späten Stunde und weil es ganz still war, so hört' ich nicht auf mein ahnendes Herz; und da trat er herein, verhüllt bis ans Kinn im Mantel und machte leise die Tür hinter sich zu und sah sich um, wo er mich finden sollte; ich lag in der Ecke des Sofas ganz in Finsternis eingeballt und schwieg; da nahm er seinen Hut ab, und wie ich die Stirne leuchten sah, den suchenden Blick, und wie der Mund fragte: ›Nun, wo bist du denn?‹ da tat ich einen leisen Schrei des Entsetzens über meine Seligkeit, und da hat er mich auch gleich gefunden.«

Die Mutter meinte, das würde eine schöne Geschichte geworden sein in Weimar. Der Herr Minister um Mitternacht im Elefanten drei Treppen hoch eine Visite gemacht! – Jawohl, ist die Geschichte schön! Jetzt, wo ich sie hier überlese, bin ich entzückt, überrascht, hingerissen, daß mir dies all begegnet ist, und ich frag' Dich: welche Stunde wird so spät sein in Deinem Leben daß es nicht Dein Herz noch rühren sollte? Wie Du in der Wiege lagst, da konnte kein Mensch ahnen, was aus Dir werden würde, und wie ich in der Wiege lag, da hat mir's keiner gesungen, daß ich Dich einst küssen würde.

Hier fand ich alles auf dem alten Fleck; mein Feigenbaum hat Feigen gewonnen und seine Blätter ausgebreitet; mein Gärtchen auf dem großen Hausaltan, der von einem Flügel zum andern reicht, steht in voller Blüte, der Hopfen reicht bis ans Dach, in die Laube hab' ich meinen Schreibtisch gesetzt, da sitze ich und schreib' an Dich und träume von Dir, wenn mir der Kopf trunken ist von den Sonnenstrahlen; ach, ich lieg' so gern in der Sonne und lasse mich recht durchbrennen.

Gestern ging ich am Stift vorbei, da klingelte ich nach früherer Gewohnheit, und da lief ich nach dem kleinen Gang, der nach der Günderode ihrer Wohnung führt. Die Tür ist noch verschlossen, es hat noch niemand wieder den Fuß über die Schwelle gesetzt; ich küßte diese Schwelle, über die sie so oft geschritten ist, um zu mir zu gehen und ich zu ihr. – Ach, wenn sie noch lebte, welch neues Leben würde ihr aufgehen, wenn ich ihr alles erzählte, wie wir in jenen Nachtstunden so still nebeneinander gesessen haben, die Hände ineinander gelegt, und wie die einzelnen Laute, die über Deine Lippen kamen, mir ins Herz drangen. Ich schreib' Dir's her, damit Du es nie vergessen sollst. Freund, ich könnte eifersüchtig sein über Deine Anmut; die Grazien sind weiblich, sie schreiten vor Dir her, wo Du eintrittst, da ist heilige Ordnung; denn alles Zufällige selbst schmiegt sich Deiner Erscheinung an. – Sie umgeben Dich, sie halten Dich gefangen und in der Zucht; denn Du möchtest vielleicht manchmal anders, aber die Grazien leiden's nicht, ja diese stehen Dir weit näher, sie haben viel mehr Gewalt über Dich als ich.

Der Primas hat mich auch einladen lassen, wie er hörte, daß ich von Weimar gekommen; ich sollte ihm von Dir erzählen. Da hab' ich ihm allerlei gesagt, was ihm Freude machen konnte. Dein Mädchen hatte sich geputzt, es wollte Dir Ehre machen, ja, ich wollte schön sein, weil ich Dich liebe, und weil es die Leute wissen, daß Du mir gut bist; ein rosa Atlaskleid mit schwarzen Samtärmeln und schwarzem Bruststück, und ein schöner Strauß duftete an meinem Herzen, und goldne Spangen hielten meine schwarzen Locken zurück. Du hast mich noch nie geputzt gesehen; ich kann Dir sagen, mein Spiegel ist freundlich bei solcher Gelegenheit, und das macht mich sehr vergnügt, so daß ich geputzt immer sehr lustig bin. Der Primas fand mich auch hübsch und nannte die Farben meines Kleides »préjugé vaincu.« »Nein«, sagte ich, »Marlborough s'en va-t-en guerre, qui sait quand il reviendra.« – »Le voilà de retour«, sagte er und zog meinen Engländer hervor, der vor drei Wochen mit mir bei ihm zu Mittag gegessen hatte; nun mußte ich wieder neben ihm sitzen beim Souper, und er sagte mir auch englisch allerlei Zärtlichkeiten, die ich nicht verstehen wollte, und worauf ich ihm verkehrte Antworten gab, so war ich sehr lustig; wie ich spät nach Hause kam, da duftete mein Schlafzimmer von Wohlgeruch, und da war eine hohe Blume, die diesen Duft ausströmte, die ich noch nie gesehen hatte, eine Königin der Nacht; ein fremder Bedienter, der nicht deutsch sprechen konnte, hatte sie für mich gebracht; das war also ein freundliches Geschenk vom Engländer, der in dieser Nacht noch abgereist war. Ich stand vor meiner Blume allein und beleuchtete sie, und ihr Duft schien mir wie Tempelduft. Der Engländer hat's verstanden, mir zu gefallen.

Der Primas hat mir noch Aufträge gegeben; ich soll Dir sagen, daß wenn Dein Sohn kommt, so soll er ihn in Aschaffenburg besuchen, wohin er in diesen Tagen abreist. – Da er aber erst zu Ostern kommt, so wird der Primas wieder hier sein.

Dein Kind küßt Dir die Hände.

 

Die Mutter läßt mich heut' rufen und sagt, sie habe einen Brief von Dir, und läßt mich nicht hineingehen und sagt, Du verlangst, ich soll dem Dux schreiben, ein paar Zeilen, weil er die Artigkeit gehabt hat, für die umgestürzte Linde zu sorgen, und das nennst Du in meine elegischen Empfindungen eingehen. – Liebster Freund, ich kann nicht leiden, daß ein andrer in meine Empfindung eingehe, die ich bloß zu Dir hege; da treib ihn nur wieder heraus und sei Du allein in mir und mache mich nicht eifersüchtig.

Dem Dux aber sage, was meine Devotion mir hier eingibt: daß es ein andrer hoher Baum ist, für dessen Pflege ich ihm danke, dessen blühende Äste weit über die Grenzen des Landes in andre Weltteile ragen und Früchte spenden und duftenden Schatten geben. Für den Schutz dieses Baumes, für die Gnadenquelle, die ihn tränkt, für den Boden der Liebe und Freundschaft, aus welchem er begeisternde Nahrung saugt, bleibt mein Herz ihm ewig unterworfen, und dann dank' ich ihm auch noch, daß er der Wartburger Linde nicht vergißt. –


An Bettine.

Am 5. September.

Du hast Dich, liebe Bettine, als ein wahrer kleiner Christgott erwiesen, wissend und mächtig, eines jeden Bedürfnisse kennend und ausfüllend; – und soll ich Dich schelten oder loben, daß Du mich wieder zum Kinde machst? Denn mit kindischer Freude hab' ich Deine Bescherung verteilt und mir selbst zugeeignet. Deine Schachtel kam kurz vor Tische; verdeckt trug ich sie dahin, wo Du auch einmal gesessen, und trank zuerst August aus dem schönen Glase zu. Wie verwundert war er, als ich es ihm schenkte! Darauf wurde Riemer mit Kreuz und Beutel beliehen; niemand erriet, woher? Auch zeigte ich das künstliche und zierliche Besteck; – da wurde die Hausfrau verdrießlich, daß sie leer ausgehen sollte. Nach einer Pause, um ihre Geduld zu prüfen, zog ich endlich den schönen Gewandstoff hervor; das Rätsel war aufgelöst und jedermann in Deinem Lobe eifrig und fröhlich.

Wenn ich also das Blatt noch umwende, so hab' ich immer nur Lob und Dank da capo vorzutragen; das ausgesuchte Zierliche der Gaben war überraschend. Kunstkenner wurden herbeigerufen, die artigen Balgenden zu bewundern – genug, es entstand ein Fest, als wenn Du eben selbst wiedergekommen wärst. – Du kommst mir auch wieder in jedem Deiner lieben Briefe und doch immer neu und überraschend, so daß man glauben sollte, von dieser Seite habe man Dich noch nicht gekannt; und Deine kleinen Abenteuer weißt Du so allerliebst zu drehen, daß man gern der eifersüchtigen Grillen sich begibt, die einem denn auch zuweilen anwandeln; bloß um das artige Ende des Spaßes mit zu erleben. So war es mit der launigen Episode des Engländers, dessen ungeziemendes Wagnis den Beweis für sein schönes sittliches Gefühl herbeiführen mußte. Ich bin Dir sehr dankbar für solche Mitteilungen, die freilich nicht jedem recht sein mögen; möge Dein Vertrauen wachsen, das mir so viel zubringt, was ich jetzt nicht mehr gerne entbehren mag; auch ein belobendes Wort muß ich Dir hier sagen für die Art, wie Du Dich mit meinem gnädigsten Herrn verständigt hast. Er konnte nicht umhin, auch Dein diplomatisches Talent zu bewundern; Du bist allerliebst, meine kleine Tänzerin, die einem mit jeder Wendung unvermutet den Kranz zuwirft. Und nun hoffe ich bald Nachricht, wie Du mit der guten Mutter lebst, wie Du ihrer pflegst, und welche schöne vergangne Zeiten zwischen Euch beiden wieder auferstehen.

Der lieben Meline Mützchen ist auch angekommen. Ich darf's nicht laut sagen, es steht aber niemand so gut als ihr. Freund Stollens Attention auf dem blauen Papier hat Dir doch Freude gemacht. Adieu, mein artig Kind! Schreibe bald, daß ich wieder was zu übersetzen habe.


An Goethe.

G., 17. September.

Freundlicher Mann! Du bist zu gut, Du nimmst alles, was ich Dir im heiteren Übermut biete, als wenn es noch so viel Wert habe; aber ich fühl's recht in Deinem freundlichen Herabneigen, daß Du mir gut bist wie dem Kind, das Gras und Kräuter bringt und meint, es habe einen auserlesenen Strauß zusammengesucht; dem lächelt man auch so zu und sagt: »Wie schön ist dein Strauß, wie angenehm duftet er, er soll mir blühen in meinem Garten, hier unter meinem Fenster will ich ihn pflanzen«; und doch sind es nur wurzellose Feldblumen, die bald welken. Ich aber sehe mit Lust, wie du mich in Dich aufnimmst, wie du diese einfachen Blumen, die am Abend schon welken müßten, ins Feuer der Unsterblichkeit hältst und mir zurückgibst. – Nennst Du das auch übersetzen, wenn der göttliche Genius die idealische Natur vom irdischen Menschen scheidet, sie läutert, sie enthüllt, sie sich selbst wieder anvertraut, und so die Aufgabe, selig zu werden, löst? Ja, Goethe, so machst Du die Seufzer, die meine sehnende Liebe aushaucht zu Geistern, die mich auf der Straße der Seligkeit umschweben; ach, und wohl auch meiner Unsterblichkeit weit voraneilen.

Welch heiliges Abenteuer, das unter dem Schutze des Eros sich kühn und stolz aufschwingt, kann ein herrlicher Ziel erreichen, als ich in Dir erreicht habe! Wo Du mir zugibst mit Lust: Gehemmt sei nun zum Vater hin das Streben. – O glaub' es: nimmer trink' ich mich satt an diesen Liebesergießungen, ewig fühl' ich von brausenden Stürmen mich zu Deinen Füßen getragen, und in diesem neuen Leben, in dem meine Glückssterne sich spiegeln, vor Wonne untergehn.

Diese Tränen, die meine Schrift verblassen, die möcht' ich wie Perlen aufreihen, geschmückt vor Dir erscheinen und Dir sagen: vergleiche ihr reines Wasser mit Deinen andern Schätzen, und dann solltest Du mein Herz schlagen hören wie am Abend, wo ich vor Dir kniete.

Geheimnisse umschweben Liebende, sie hüllen sie in ihre Zauberschleier, aus denen sich schöne Träume entfalten. Du sitzest mit mir auf grünem Rasen und trinkst dunklen Wein aus goldnem Becher und gießest die Neige auf meine Stirn. Aus diesem Traum erwachte ich heute, voll Freude, daß Du mir geneigt bist. Ich glaube, daß du teil an solchen Träumen hast; daß Du liebst in solchen Augenblicken; – wem sollte ich sonst dies selige Sein verdanken, wenn Du mir's nicht gäbst! Und wenn ich denn zum gewöhnlichen Tag erwache, dann ist mir alles so gleichgültig, und was mir auch geboten wird – ich entbehre es gern; ja, ich möchte von allem geschieden sein, was man Glück nennt, und nur innerlich das Geheimnis, daß Dein Geist meine Liebe genießt, sowie meine Seele von Deiner Güte sich nährt.

Ich soll Dir von der Mutter schreiben; – nun, es ist wunderlich zwischen uns beschaffen, wir sind nicht mehr so gesprächig wie sonst, aber doch vergeht kein Tag, ohne daß ich die Mutter seh'. Wie ich von der Reise kam, da mußt' ich die Rolle des Erzählens übernehmen, und obschon ich lieber geschwiegen hätte, so war doch ihres Fragens kein Ende und ihre Begierde mir zuzuhören auch nicht. Es reizt mich unwiderstehlich, wenn sie mit großen Kinderaugen mich ansieht, in denen der genügendste Genuß funkelt. So löste sich meine Zunge und nach und nach manches vom Herzen, was man sonst nicht leicht wieder ausspricht.

*

Am 2. Oktober.

Die Mutter ist listig, wie sie mich zum Erzählen bringt, so sagt sie: »Heute ist ein schöner Tag, heut' geht der Wolfgang gewiß nach seinem Gartenhaus, es muß noch recht schön da sein, nicht wahr, es liegt im Tal?« – »Nein, es liegt am Berg, und der Garten geht auch bergauf, hinter dem Haus da sind große Bäume von schönem Wuchs und reich belaubt.« – »So! Und da, bist Du abends mit ihm hingeschlendert aus dem römischen Haus?« – »Ja, ich hab's Ihr ja schon zwanzigmal erzählt«; – »so erzähl's noch einmal. Hattet ihr denn Licht im Haus?« – »Nein, wir saßen vor der Tür auf der Bank, und der Mond schien hell.« – »Nun! Und da ging ein kalter Wind?« – »Nein, es war gar nicht kalt, es war warm, und die Luft ganz still und wir waren auch still. Die reifen Früchte fielen von den Bäumen, er sagte: da fällt schon wieder ein Apfel und rollt den Berg hinab; da überflog mich ein Frostschauer; – der Wolfgang sagte: ›Mäuschen, du frierst‹, und schlug mir seinen Mantel um, den zog ich dicht um mich, seine Hand hielt ich fest und so verging die Zeit; – wir standen beide zugleich auf und gingen Hand in Hand durch den einsamen Wiesengrund; – jeder Schritt klang mir wieder im Herzen, in der lautlosen Stille, – der Mond kam hinter jedem Busch hervor und beleuchtete uns, – da blieb der Wolfgang stehen, lachte mich an im Mondglanz und sagte zu mir: ›Du bist mein süßes Herz‹, so führte er mich bis zu seiner Wohnung und das war alles.« – »Das waren goldne Minuten, die keiner mit Gold aufwiegen kann«, sagte die Mutter, »die sind nur dir beschert, und unter Tausenden wird's keiner begreifen, was dir für ein Glückslos zugefallen ist; ich aber versteh' es und genieße es, als wenn ich zwei schöne Stimmen sich singend Red' und Antwort geben hörte über ihr verschwiegenstes Glück.«

Da holte mir die Mutter Deinen Brief und ließ mich lesen, was Du über mich geschrieben hast, daß es Dir ein großer Genuß sei, meine Mitteilungen über Dich zu hören; die Mutter meint', sie könne es nicht, es läg' in meiner Art, zu erzählen, das Beste.

Da hab' ich Dir nun diesen schönen Abend beschrieben.

Ich weiß ein Geheimnis: wenn zwei miteinander sind und der göttliche Genius waltet zwischen ihnen, das ist das höchste Glück.

Adieu, mein lieber Freund.


An Goethe.

Ach, frage nur nicht, warum ich schon wieder ein neues Blatt vornehme, da ich Dir doch eigentlich nichts zu sagen habe? – Ich weiß freilich noch nicht, womit ich's ausfüllen soll, aber das weiß ich, daß es doch zuletzt in Deine lieben Hände kommt. Drum hauch' ich's an mit allem, was ich Dir aussprechen würde, ständ' ich selbst vor Dir. Ich kann nicht kommen, drum soll der Brief mein ungeteiltes Herz zu Dir hinübertragen, erfüllt mit Genuß vergangner Tage, mit Hoffnung auf neue, mit Sehnsucht und Schmerz um Dich; da weiß ich nun keinen Anfang und kein Ende.

Von heute mag ich Dir nun gar nichts vertrauen, wie soll ich loskommen vom Wünschen, Sinnen und Wähnen; wie soll ich Dir mein treues Herz, das sich von allem zu Dir allein hinüberwendet, aussprechen? – Ich muß schweigen wie damals, als ich vor Dir stand, um Dich anzusehen. Ach, was hätt' ich auch sagen sollen? Ich hatte nichts mehr zu verlangen.

Gestern waren viele witzige Köpfe im Haus Brentano beisammen, da wurden unter andern gymnastischen Geistesübungen auch Rätsel aufgegeben, da waren sehr geschickte Einfälle, und wie die Reihe an mich kam, da wußt' ich nichts. Wie ich in der Verlegenheit mich umsah und kein Gesicht, das mir einen befreundeten, verständlichen Ausdruck hatte, da erfand ich dies Rätsel: »Warum die Menschen keine Geister sehen?« – Keiner konnte es raten, ich sagte: »Weil sie sich vor Gespenster fürchten.« – »Wer? – Die Menschen?« »Nein, die Geister.« – Ja, so grausamlich kamen mir diese Gesichter vor und so fremd und unverständlich, aus denen nichts zu mir sprach wie aus Deinen geliebten Zügen, vor denen sich die Geister gewiß nicht fürchten; nein, es ist Deine Schönheit, daß die Geister mit Deinen Mienen spielen, und dies ist der unwiderstehliche Reiz für den Liebenden, daß der Geist ewig Dein Gesicht umströmt.

Sonntag, ganz allein im einsamen großen Haus, alles ist ausgefahren, geritten und gegangen, Deine Mutter ist vor dem Bockenheimer Tor im Garten, weil heute die Birnen geschüttelt werden von dem Baum, der bei Deiner Geburt gepflanzt wurde.

Bettine.


An Bettine.

Du bist ein feines Kind, ich lese Deine lieben Briefe mit innigem Vergnügen und werde sie gewiß immer wieder lesen mit demselben Genuß. Dein Malen des Erlebten samt aller innern Empfindung von Zärtlichkeit und dem, was Dir Dein witziger Dämon eingibt, sind wahre Originalskizzen, die auch neben den ernsteren Beschäftigungen ihr hohes Interesse nicht verleugnen, nimm es daher als eine herzliche Wahrheit auf, wenn ich Dir danke. Bewahre mir Dein Vertrauen und lasse es womöglich noch zunehmen. Du wirst mir immer sein und bleiben, was Du bist. Mit was kann man Dir auch vergelten als nur, daß man sich willig von allen Deinen guten Gaben bereichern läßt. Wieviel Du meiner Mutter bist, weißt Du selbst, ihre Briefe fließen in Lob und Liebe über. Fährst Du so fort, den flüchtigen Momenten guten Glückes liebliche Denkmale der Erinnerung zu widmen: ich stehe Dir nicht dafür, daß ich mir's anmaßen könnte, solche geniale lebensvolle Entwürfe zur Ausführung zu benützen, wenn sie dann nur auch so warm und wahr ans Herz sprechen.

Die Trauben an meinem Fenster, die schon vor ihrer Blüte und nun ein zweites Mal Zeugen Deiner freundlichen Erscheinung waren, schwellen ihrer vollen Reife entgegen, ich werde sie nicht brechen, ohne Deiner dabei zu gedenken, schreibe mir bald und liebe mich.

G.

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