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Goethe zu dessen näherem Verständnis

Carl Gustav Carus: Goethe zu dessen näherem Verständnis - Kapitel 3
Quellenangabe
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typeessay
authorCarl Gustav Carus
titleGoethe zu dessen näherem Verständnis
publisherWolfgang Jess Verlag Dresden
series
volume
printrunZweite durchgesehene Auflage
editorHans Krey
year1949
correctorfranka.antenne@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20090511
projectid5ca40155
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II. Die Individualität Goethes

Das neunzehnte Jahrhundert hat eine eigne Tonart auf dem großen Saitenspiele des Menschheitlebens angeschlagen. Wer selbst noch tiefer aus dem achtzehnten Jahrhunderte stammt, ist mehr geeignet, die Verschiedenheit von Sonst und Jetzt zu erkennen. – Es sei das keineswegs als ein unbedingter Vorwurf für das neuere Geschlecht gesagt, aber man muß damit anfangen, sich die Verschiedenheit des Älteren und Neueren anschaulich und deutlich zu machen, wenn man verstehen will, aus welchem Stoffe eine Natur geformt wurde, welche in der gegenwärtigen Zeit so nicht mehr hätte entstehen können – ich meine die Individualität eines Goethe. –

Man möchte sagen, das achtzehnte Jahrhundert hatte noch einen in mancher Beziehung etwas verwilderten, aber saftreichern Boden, wenn dagegen der Boden des neunzehnten ausgesogener, fast an allen Stellen mit Kultur überhäuft, oft nur durch künstliche Poudretten tragbar gemacht, und so mitunter allerdings zu sehr merkwürdigen und großen Produktionen angeregt worden ist. – Muß doch das Verfolgen des Fortwachsens der Menschheit durch die ganze Geschichte hindurch uns die Überzeugung geben, daß die Größe der Individualität, das scharfe Hervorheben einzelner Gestalten über eine gleichgültigere Menge allemal mehr der früheren Periode angehöre, und daß es sich in demselben Maße verliere, als eine gewisse allgemeinere Bildung sich ausbreitet, als ein gewisser Grad von geistiger Entwicklung ein Gemeingut wird. Dies gilt wie in der Politik, so in der Wissenschaft, und so auch in der Kunst und Poesie; die eigentlich großen Wirkungen werden in späterer Zeit hervorgebracht durch Assoziationen; die Vereinigung vieler zu einem Zwecke ist das, was dann noch die bedeutendsten Werke hervorruft; indes werden eben darum dies auch mehr Werke des Gemeinnützigen, Werke der Industrie, als Werke freien ideellen Zwecken gewidmet. Wenn also Goethe hervortrat in einer alten freien Reichsstadt, mitten in ihrem einfachen, etwas langweiligen Bürgerleben, in welches nur späterhin der französische Krieg einige Mannigfaltigkeit und Bewegung bringen konnte, so ist gerade dieser breite Boden mehr als irgend ein anderer geeignet, einem solchen seine Wurzelfasern weit umher sendenden Baume die beste und ausdauerndste Nahrung zu geben. – Man denke sich anstatt dieser Eintrittsstätte einen industriösen, von Volksbewegung aufgeregten Ort, die Erziehung auf Gesamtinstituten mit kommunistischen Rücksichten, volksrednerisch und massenhaft betrieben; und praktisch gewandte Handelsherren, Fabrikanten, Journalisten, Advokaten und Soldaten mögen hervorgehen, aber niemals die Wunderblume eines Goetheschen Genius. – Wir setzen gern hier gleich hinzu, daß Bildungen letzterer Art hervorzurufen, ja in der Entwicklung zu begünstigen, allerdings gar nicht das Augenmerk eines Staates sein könne; denn eben die machtvolle eigentümliche Entwicklung, der gewaltige spontane Trieb einer ganz ungewöhnlichen Entfaltung, steht in offenbarem Widerspruche mit allem, was von außen künstlich und folgerecht für Entwicklung der Geister getan werden kann. Jenes ist das aus eigner Machtvollkommenheit Sich-Darlebende, dem jeder künstliche, auf Förderung von Mittelgut berechnete Eingriff, nur lästig und störend sein wird, alles, was man ihm wünschen kann, ist, daß nur eben nichts sich künstlicherweise um dasselbe bemühe. – Gleich der Eiche, die auf der Küste eines verwilderten Hochlandes sich gerade am mächtigsten entwickelt, die nur hier in einer halben Wüste breithinschattend mit gewaltigen, herrlich geschwungenen Ästen, durch Jahrhunderte hin heraufwächst, während ein ähnlicher Baum, im schulgerecht angelegten Forste gehegt, seinen von Querästen zeitig gesäuberten Stamm langweilig gerade hinauf treibt, um dereinst zum Legen von Eisenbahnschienen die trefflichsten Nutzhölzer zu liefern, verhält es sich mit der Entwicklung einer bedeutenden menschlichen Individualität. – Der Staat kann natürlich kein wildes Hochland als Wüste anlegen, um eine jener Rieseneichen zu erziehen, und wollte er es, so würde doch nur eine englische Parkpartie und kein Gotteswerk daraus werden, und ebensowenig kann er für die Kultur und Erziehung seiner Staatsbürger anders als massenhaft und für Bildung der Massen wirken, aber eben darin, daß dem so ist, liegt wie aller Trost und Segen des Staatslebens, so auch alle Trostlosigkeit und alles Unheil der Kultur, – Gegensätze, welche nun einmal sich nie und nimmermehr zu einer wahrhaften Ausgleichung bringen lassen sollen und können.

Für unsern Zweck ist es indes wichtig, daß wir noch etwas länger bei der Betrachtung dieser Gegensätze verweilen; denn wer einmal recht gefaßt hat, wie gerade nur aus einem solchen Verhältnisse der Umgebungen Goethes Eigentümlichkeit hervorgehen konnte, der wird hieraus und aus dem Gegensatze jener ältern Verhältnisse zu denen einer neuern konstitutionell-industriösen Zeit auch sogleich sich entziffern können, warum Goethe selbst – so sehr sein Geist in anderer Beziehung seiner Zeit vorausgriff – doch kein Mann unserer Zeit, im Sinne der Repräsentanten der Bewegung, sein konnte. – Niemand kann gegen sein eigenes Element ankämpfen und es vernichten wollen; jene Rieseneiche des Hochlandes sehnt sich nicht, in einer modernen Baumpflanzung zu stehen, und jedes Wesen, wie es nur dazu lebt, um gerade nur die ihm eigentümlichste Idee zur möglichst vollständigen Erscheinung zu bringen, so muß es auch fortwährend verneinen und ablehnen, was aus seinem eigentümlichen Boden, aus dem ihm eben gemäßen Kreise des Daseins es herauszudrängen versuchen könnte, oder wodurch es wirklich herausgedrängt wird.

Wem es aus diesen Betrachtungen nicht klar werden will, daß ebendeshalb Goethe auch späterhin nur in dem an sich kleinen und sonst kleinstädtischen Weimar eine ihm liebe und angemessene Existenz finden konnte, der hat ihn schwerlich jemals näher verstanden. Übrigens liegt auch darin wieder ein schöner Zug von eigentümlicher tiefer und praktischer, und ich möchte sagen halb unbewußter Weisheit Goethes, daß er, so leicht es ihm späterhin geworden sein möchte, eine äußerlich größere und glänzendere Stellung anzunehmen, gerade an diesen einfachem Umgebungen mit solcher Treue festhielt, denn weder ein mächtiger Geschäftskreis, noch ein großer luxuriöser Hof mit politischen Intrigen und Wirren hätte ihm zu einer so bedeutenden vielseitigen und erfolgreichen – bis an ein spätes Lebensende fortschreitenden innern Entwicklung Raum gegeben, als das stille Weimar, als der einfache Hof eines Carl August.

Jedenfalls ist es also einer der ersten und wichtigsten Schritte zur bestimmtem Erkenntnis dieser merkwürdigen Individualität, sich die Verhältnisse, unter welchen und in welchen sie sich entwickelte und nur entwickeln konnte, zu vollkommener Anschauung zu bringen. Ich möchte fast sagen, wie zur Erkenntnis der Natur einer Pflanze schon viel gewonnen ist, wenn wir ausgemittelt haben, unter welchem Himmelsstriche und auf welchem Boden sie wächst, ob sie feuchten Wiesengrund oder schattige Waldung liebt, ob sie im Moder des Sumpfs oder ob sie auf freien Höhen der Alpenregionen gedeiht, so ist es auch, wenn wir die Natur, das Wesen einer menschlichen Eigentümlichkeit uns deutlich machen sollen, von höchstem Gewicht, uns die gesamte Konstellation ihrer äußern Verhältnisse zur vollen Anschauung zu bringen. Wer also bei Goethe dieser Beziehungen sich recht klar bewußt geworden, wer eingesehen hat, daß er das große fruchtbare Werk eigner Entfaltung nur vollenden konnte in so einfachen und fast indifferenten äußern Verhältnissen, dem muß es das Törichtste erscheinen, wenn man zuweilen von diesem Geiste, welcher ebendeshalb allerdings nur konservativ und monarchisch gesinnt sein konnte, ein besonderes Eingehen in politische Interessen der Jetztwelt fordern und ihm ein gewisses Ablehnen von allen Richtungen dieser Art zum Vorwurf machen konnte. Dergleichen ist nicht besser als jene abstruse Äußerung eines wohlbestallten Theologen, welcher einst bei Gelegenheit eines Gesprächs über Goethe ausrief: »Da war doch Reinhardt Oberhofprediger zu Dresden ein ganz anderer Mann!« – Wir lassen daher dergleichen auf sich beruhen und fahren fort, auf unsere Weise das Bild und den Begriff dieses wundersamen Geistes immer weiter und weiter in uns aufzuerbauen und darzulegen.

Sollte ich aber zunächst hier eines als Grundeigenschaft seines Wesens aufstellen, so würde ich mich nicht bedenken, den Begriff einer nach menschlicher Weise durchaus vollkommnen Gesundheit, als die eigentliche Basis seiner Individualität zu betrachten. – Allerdings ist in diesem einen Worte gar vieles zugleich ausgesprochen; denn keineswegs von seinem Leben allein kann dann die Rede sein, sondern der Stamm, der ihn erzeugte, kommt dabei nicht minder in Betrachtung. Wer kann gesund sein, wenn kranke zerrüttete Naturen sein Dasein begründen! – Wir wollen nicht das grundkatholische Dogma Calderons verteidigen, wenn er den Sigismund sagen läßt:

»denn des Menschen größte Sünde
ist, daß er geboren ward,«

aber wir finden in unsern Tagen Menschen genug, die von der Geburt her schon so viel des Ungesunden und Traurigen, so viel des Schwächlichen und Verbildeten mitbekommen haben, daß man in Versuchung gerät, sich bei ihnen jener Stelle wahrhaft zu erinnern. – Nicht so bei Goethe; die tüchtige etwas pedantische, aber durchaus bedeutende und ehrenwerte Natur des Vaters, die feine humoristische, echt weibliche, bis ins hohe Alter fast übermütig lebendige Natur der Mutter haben hier einen Grund gelegt, wie er wohl das Element werden konnte, um darin eine Lebensidee sich darleben zu lassen, die dereinst in vielfacher Beziehung als eine der hohen Blüten der Menschheit sich zu bewähren vermochte; Goethe war in Wahrheit, was man von so vielen sagt und was so wenige sind – ein Wohlgeborner. –

Von dieser Wurzel aus entwickelte sich also der Baum der Gesundheit, um welchen die Entwicklung seines Lebens bis in die seltene Höhe der achtziger Jahre sich hinaufrankte, und welchen wir als die erste und wesentlichste Quelle alles Bedeutenden und alles Mächtigen, sowie alles Lieblichen und alles Schönen betrachten müssen, so die Welt diesem merkwürdigen Dasein verdankt. – Es würde wirklich eine wichtige und psychologisch äußerst interessante Arbeit sein, wenn jemand, dem die Natur der Krankheiten sattsam bekannt wäre, sich über die mancherlei modernen Literatoren und Dichter, welche zum Teil sich mit Goethe in Opposition zu stellen versuchen, die schärfere Einsicht ihrer inneren Lebensverhältnisse verschaffen könnte, um uns zu zeigen, in welchem genausten Zusammenhange das, was sie ihre Poesie nennen, mit dem bald schwindsüchtigen, bald hypochondrischen, bald durch Ausschweifung vergifteten, bald durch und durch verkümmerten Zustande ihres leiblichen Lebens immer gestanden habe oder noch stehe. Wer möchte denn, um ein Beispiel aus vergangenen Tagen zu wählen, verkennen, daß die giftige Bitterkeit jenes großen englischen Geistes Swift mit dem zerrütteten, zuletzt in Wahnsinn endigenden Zustande seiner Unterleibsorgane in genauester Beziehung gestanden habe, und wer hat auch bei Lord Byron nicht ahnen können, in wie vieler Beziehung das dunkle Reich seiner mächtigen Produktionen nur der Abglanz war, den ein zerstörendes Feuer innerer, ihn früh schon lähmender Krankheitszustände an dem nächtlichen Himmel seiner Poesie so nordlichtartig widerleuchten ließ? – Es ist daher auch sehr merkwürdig, wie bestimmt wir zu erkennen vermögen, daß jene Werke, welche aus innerer Kränklichkeit hervorgehen, einen durchaus unbehaglichen, unerfreulichen Zustand zurücklassen, sobald wir uns ihnen eine Zeitlang hingeben, während ein aus innerer Gesundheit und Macht des Geistes hervorgegangenes Werk uns mit einem Lebenshauche, gleich frischer Alpenluft, durchdringen kann, wenn wir anders den Kelch unsrer Gemüter solchen Strahlen zu öffnen das wahrhafte Verständnis erlangt haben. Gar oftmals vermögen wir daher wirklich, wenn wir mit unsrer Art zu fühlen einmal auf dem Reinen sind, schon aus dem Eindrucke, den irgendein Werk uns hinterläßt, auch rückwärts zu schließen, ob dasselbe aus einer gesunden oder ob es aus einer kranken Natur hervorgegangen sei, und wir haben dann an uns selbst den Barometer, welcher uns erkennen lehrt, welches Prognostikon dem Geiste gestellt werden dürfe, in welchem einst als notwendige Fortbildungen gerade nur jene Blüten auftauchen konnten.

Wenn ich nun aber im Vorhergehenden die Gesundheit als eine Grundeigenschaft Goethes aufgestellt habe, so will ich damit keineswegs es aussprechen, daß er frei von Krankheit geblieben sei; – im Gegenteil – gerade eine von Grund aus gesunde Natur äußert sich ebenso darin, daß sie auch, wenn man so sagen darf, gesunder Krankheiten fähig ist, das heißt, daß Krankheiten – physische und psychische – von welchen nun einmal kein Sterblicher ganz unangefochten bleibt, in einem gewissen regelmäßigen Gange, und mit kräftigen und vollkommnen Entscheidungen sich entwickeln und vorübergehen. Wie sehr dieses bei Goethe in seiner physischen Konstitution der Fall gewesen sei, darüber sprechen Vogel und Hufeland, wie oben angeführt, sich sehr bestimmt und deutlich aus; wie wenig aber auch psychisch-krankhafte Zustände – das sind die mannigfaltigsten heftig leidenschaftlichen Bewegungen – vermochten, den innern Bau und den eigentlichen Halt seines geistigen Organismus zu zerstören oder nur bleibend zu beeinträchtigen, das ergibt sich in gar vielem, was wir bei Verfolgung seines Lebens und beim Studium seiner Schriften wohl bemerken können, und das ergibt sich ganz besonders aus der Klarheit und der schönen harmonischen Gestaltung seines hohen, ja höchsten Alters. – Es ist nämlich mit Krankheiten überhaupt eine wunderbare Sache! – ihr Wesen besteht darin, daß in irgendeinen Organismus, neben derjenigen Idee, welche als eigentliches Punctum saliens und als höherer geistiger Kern, dieses Dasein und Sich-Darleben überhaupt und von Haus aus bedingt, eine neue fremdartige Lebensidee sich einlebt, daß diese fremdartige Lebensidee die sämtlichen Vorgänge des Lebens bald mehr bald weniger ihrem Wesen unterordnet und in ihrem Sinne bestimmt, und daß so eine neue eigentümliche Lebensgeschichte innerhalb des diesem Organismus ursprünglich eigenen Lebens auf ihre Weise verläuft und vollendet wird. Ein solcher Krankheitsorganismus, wenn er nun einmal ins Leben tritt, zeigt aber auch sehr verschiedenartige Weisen seines Verlaufs: einmal geschieht es, daß er nach denselben Lebensperioden, welche auch gesunde Organismen bestehen, von früher zarter Entwicklung zu hoher Reife hinanwächst, dann allmählich verkümmert, später abstirbt und zuletzt spurlos verschwindet, worauf das Leben, innerhalb dessen er entstand und verging, gesund, ja oft gesunder als früher zurückbleibt. Ein andermal geschieht es, daß das Leben der Krankheit so gewaltig heranwächst, daß es nicht wieder von dem ursprünglichen organischen Dasein sich abtrennen kann, vielmehr dieses bis zu seinem eignen Ende gefesselt hält, ja dieses Ende übermäßig beschleunigt und somit oftmals schnell tödlich wird. Endlich aber muß auch der mögliche Fall als ein nicht selten vorkommender bemerkt werden, daß wohl die Krankheit abstirbt und sie das Leben als ein wieder gesund gewordenes zurückläßt, jedoch so, daß irgendeine Veränderung, irgendeine Zerstörung, irgendeine Verbildung oder ein Mangel im Organismus zurückbleibt, welche, wie die Narbe die frühere Verwundung, so die vorhanden gewesene Krankheit fort und fort beurkundet. Ich habe dieses einmal Leichen der Krankheit genannt, und dergleichen kommen dem Arzte in gar mannigfaltigen Formen bei übrigens wieder vollkommen gesunden Individuen vor. – Wer nun insbesondere von den verschiedenen Einwirkungen krankhafter Zustände im Gemüte des Menschen und von ihren Einwirkungen auf Charakter und Lebensverhältnisse der Person einen deutlichen und angemessenen Begriff sich erwerben will, dem ist jedenfalls unerläßlich, von diesen verschiedenen Ausgängen krankhafter Zustände überhaupt einen recht vollkommnen Begriff zu erhalten. – Es sei daher erlaubt, dergleichen Vorgänge durch das Beispiel irgendeiner Leidenschaft zu hellerer Anschauung zu bringen, und wählen wir hierzu als Beispiel eine der mächtigsten, das Gemüt des Menschen am mannigfaltigsten und heftigsten bewegenden – die Liebe, – nicht sowohl jene, welche, eben weil sie nur der Ausdruck tiefinnerlich erkannter Seelenverwandtschaft ist, das gesunde Seelenleben entwickelt und in unendlicher Fortbildung von Stufe zu Stufe zu einer immer höhern Beseligung führen muß, sondern die eigentliche Liebesleidenschaft, welche, dem Worte entsprechend, mehr Leiden als Freuden schafft, welche, wie Shakespeare sagt:

»In den Augen Tau erzeugt,
Unter Tränen groß gesäugt«

wird, welche heranwachsend nach Art einer Monomanie alles Seelenleben dominiert, und welche dann doch oft wieder plötzlich sich vermindert, ja erstirbt, und nun so endlich im glücklichsten Falle den Geist erfrischt und gesundet zurückläßt. Eine solche krankhafte Leidenschaft entscheidet sich jedoch auch keineswegs immer gleich einem glücklich durchlebten Fieber zu wahrhafter Gesundheit; sie kann vielmehr gleich leiblichen Krankheiten auch teils die Natur eines chronischen Leidens annehmen, kann fort und fort sich erhalten, die besten Lebenskräfte verzehren, ein stetes Siechtum von Körper und Geist veranlassen, ja in Wahnsinn und Tod den unselig Ergriffenen dahinreißen, teils kann sie auch ein andresmal vielleicht nach längerer Zeit zwar weder ablassen und ersterben, jedoch nicht ohne daß nun zeitlebens, von dieser Periode her irgendeine Bitterkeit und Schroffheit, oder eine Mattigkeit und Trübheit des Geistes, gleichsam als für immer entstellende Narbe nach längst geheilter Wunde zurückbleibe. – Ganz ähnliche Verschiedenheiten des Verlaufs ließen sich denn auch von der Geschichte andrer Leidenschaften und geistig krankhafter Zustände aufführen! – und gewiß! wer im Leben aufmerksam um sich blicken will, kann manches gewahr werden, was er nach diesen Maßnahmen nun besser sich zurechtzulegen und richtiger zu beurteilen imstande sein wird. –

Wenden wir uns aber jetzt nach dieser Abschweifung wieder zu Goethe, und man wird uns nun verstehen, warum wir bei ihm gerade auf die Klarheit und Gesundheit seiner späten Lebensjahre so viel Gewicht legen! – Wahrlich die großen poetischen Werke dieses Genius möchten schwer und selten in dieser Höhe und Schönheit erreicht werden, aber noch seltner und schwerer wird das schwerste aller Kunstwerke, das Kunstwerk des Lebens, zu dieser Reinheit und Vollendung hinauf gebildet! – Erst wer im hohen Alter, nach vielfältigster Lebenserfahrung, manchen Irrungen, leidenschaftlichen Stürmen und bald verfehlten, bald erfüllten Hoffnungen, mit reinem hellem Geiste, in Frieden mit der Welt und Gott, und mit liebevollem, großem, poetischem Sinne das Ganze seines Lebensganges so zu überschauen, ja in diesem Maße auf einen weiten Kreis noch fortzuwirken vermag, wie ich Goethe im schon sehr vorgerückten Alter selbst sah, wie ihn viele der hier mitgeteilten Briefe deutlich erkennen lassen, und wie Eckermann in den spätesten Jahren ihn beobachtete und darstellte, – dessen Psyche darf genannt werden als eine, deren volle Lebensaufgabe in diesem Dasein gelöst ist und deren gesunde Weiterbildung in einem fortgesetzten Dasein unmöglich fehlen kann. – Wir haben ja das Recht, Geburt und Tod in vieler Beziehung einander zu parallelisieren, und so dürfen wir auch überzeugt sein, daß, wie zum Fortleben und zu gesunder Entwicklung des Gebornen die regelmäßige gesunde Vollendung seiner Entwicklungsperiode im Schoße der Mutter die erste und unerläßlichste Bedingung ist, so unfehlbar auch bei einer Weiterentwicklung innerster Lebensidee jenseits dessen, was wir Tod nennen, die regelmäßige und schöne Vollendung des gegenwärtigen Lebensganges von der wesentlichsten Bedeutung und notwendigsten Einwirkung sein müsse. – Wir wollen jedoch hier noch gar nicht die Beziehung eines so hohen und schönen Alters auf Weiterentwicklung des Goetheschen Genius hervorheben, aber schon die Klarheit dieses Alters an und für sich, indem sie den Beweis abgibt, daß alles, was von krankhaften Zuständen der Seele irgend einmal eingewirkt hatte, in dem fortgehenden Umschwunge dieses Lebens seinen reinen Abschluß, seine vollkommne Beseitigung wahrhaft erlangt hatte, läßt dies so groß, so bedeutungsvoll erscheinen. Sind doch selbst diejenigen, welche durch die Macht und Übermacht des Goetheschen Genius, wie er in frühern Jahren und Werken sich dokumentiert, aufs höchlichste belästigt worden, und diesen Genius anfeinden, so viel es eben in ihrem Vermögen steht, entwaffnet und verstummt, wenn man sie auf das Bild eines hochbejahrten Mannes verweist, in welchem mit dem gereiften Blicke vielseitigster Erfahrung und Erkenntnis die volle Lebendigkeit des Geistes, die mildeste Gesinnung und die liebevollste Klarheit des Gemütes sich verband. Und wie leicht treffen das Leben des Menschen Wunden, die, nie heilend, einen solchen geläuterten Zustand in höhern Jahren unmöglich machen, wie leicht ergreift gerade da ein gewisses Sichgehenlassen bei dem Menschen Platz, wie leicht erfassen ihn in unbewachten Augenblicken Krankheitszustände geistigen wie leiblichen Lebens, von welchen nie eine vollkommne Genesung erreicht wird! – Es ist mir immer sehr tiefsinnig erschienen, daß an eine Sache, die so oft ein bloßes Spiel der Eitelkeit wird, ich meine an einen Orden, damals als ein solcher unter Goethes Mitberatung gegründet wurde, er eine so bedeutende Beziehung auf echte Lebenskunst zu knüpfen imstande war, und zwar dadurch, daß man ihm als ein Symbol der Wachsamkeit den Falken unterlegte. – Wach sein, scharf um sich schauen, den Gang des Lebens im Auge behalten – nur dem, welchem ein Gott diese Gabe verliehen hat, wird es möglich sein, durch Klippen und Brandungen zwischen Piraten und Sirenen bis zur Region ungetrübter Himmelsklarheit der höhern Jahre zu schiffen! – Wie oft hören wir in unsern Tagen, daß auf Dampfwagen, wenn sie in rasender Schnelligkeit Hunderte von Menschen dahintragen, schon das kleinste Versehen, die kleinste Unachtsamkeit unermeßliches Unglück verbreiten könne, aber nicht solcher Gelegenheiten allein bedarf es – fast in jedem Augenblicke des Lebens umschweben uns unsichtbar verderbliche Dämonen; ein Fallenlassen eines Messers, ein unbedacht gesprochenes Wort, ein Fehlgriff zwischen zwei Gläsern und tausend Ähnliches kann zu jeder Zeit uns und andern die furchtbarsten Geschicke bereiten, nicht zu gedenken der Stürme und Verderben, welche falsch gehegte Neigungen und ungeschickt behandelte Lebensverhältnisse oft ganz unerwartet in noch höherm Maße herbeiführen. – Allerdings also gilt es ein stetes Wachsein, eine freilich wieder nur durch innere von Haus aus miterhaltene Energie bedingte stete Gegenwart des Geistes, wenn wir, soviel an uns ist, diese Dämonen im Zaum halten sollen; – und selbst hierbei muß wiederum der Begriff der Ängstlichkeit und der kleinlichen, steten Sorge um Erhaltung des Lebens schlechterdings ausgeschlossen bleiben, wenn irgend nicht wieder auf diesem Wege aller Wert und alle Schönheit und Freiheit des Lebens uns verloren gehen soll. Überblickt man nun dies alles, so erkennt man wohl, wie hoch es zu stellen ist, wenn nach solchen tausendfältigen Irrsalen und Gefahren der Mensch zu dem Ziele einer Lebensklarheit der höhern Jahre gelangt, wie wir sie in Goethe gewahr werden. – Die Verlockungen der Bequemlichkeit und Erschlaffung des Lebens und die seltsamen Stürme der Zeit hatten so wenig als die tiefeingreifenden leidenschaftlichen Bewegungen vermocht, ihm die Priesterbinde des höhern welt- und selbsterfahrenen Alters zu beflecken! – und er hatte recht, zu sagen:

»Die Flut der Leidenschaft, sie stürmt vergebens
Ans unbezwungne feste Land.
Sie wirft poet'sche Perlen an den Strand
Und das ist schon Gewinn des Lebens.«

Dieses also nicht zwar Ausschließen des Erkrankens, aber dieses immer wieder Gesunden, dieses sich immer wieder vollkommen Herstellen, dieses frisch und durchaus sich Erneuen betrachten wir als das besonders Auszeichnende und eigentümlich Glückliche in Goethes Existenz, und wie sehr hierin zugleich ein Schlüssel zum Verständnis so vieler seiner Werke gegeben ist, hat er vielfältig selbst auf das Bestimmteste angedeutet – sogar in den eben angeführten Zeilen aus dem merkwürdigen Buche, welches er einst den westöstlichen Divan genannt hat, liegt dieses offenbare Geheimnis auf das Schönste aufgeschlossen. –Gehen wir auch hier noch etwas näher ein! –

Goethe hat selbst zu verschiedenen Malen seine poetischen Produktionen mit dem Namen von Konfessionen belegt, er hat sie im höhern Sinne Gelegenheitsgedichte genannt und dadurch angedeutet, wie genau ihre Entstehung in seinem eignen Lebensgange begründet war. Hiermit soll nun zwar nicht ausgesprochen sein, daß sie geradezu alle aus besonders leidenschaftlichen Zuständen hervorgegangen seien, daß sie alle gleichsam als Krisen eigentümlicher krankhafter Stimmungen sich entwickelt hätten; keineswegs! – Werke wie Götz von Berlichingen, Werke wie die Iphigenia, wie der Egmont, wie die Metamorphose der Pflanze, sie sind aus reiner, durch Lebensverhältnisse herbeigeführter Begeisterung für Verhältnisse des Menschheit- oder des Naturlebens entstanden und sind von krankhaften Stimmungen durchaus nicht influenziert. Betrachtet man dagegen den Werther, die Stella, den Faust, viele einzelne Gedichte, und selbst den in der Form so außerordentlich klar durchgearbeiteten Tasso, und man wird nicht verkennen können, daß leidenschaftlich befangene Stimmungen zum Grunde gelegen haben, und daß Goethe durch ihre Bearbeitung sich von gewissen krankhaften Stimmungen vollends befreien mußte. – Das merkwürdigste Beispiel von allem ist wohl der Werther, und dies sowohl als die ungeheure Wirkung, die dieses seltsame Büchlein bald nach seiner Erscheinung hervorgebracht hat, veranlaßt uns gerade, hierbei etwas länger zu verweilen. – Ich rufe demnach, um die Entwicklung des Ganzen recht anschaulich zu machen, zunächst folgende Stelle aus Goethes Dichtung und Wahrheit in das Gedächtnis meiner Leser zurück: –

»Jener Ekel vor dem Leben (sagt hier Goethe) hat seine physischen und seine sittlichen Ursachen, jene wollen wir dem Arzt, diese dem Moralisten zu erforschen überlassen, und bei einer so oft durchgearbeiteten Materie nur den Hauptpunkt beachten, wo sich jene Erscheinung am deutlichsten ausspricht. Alles Behagen am Leben ist auf eine regelmäßige Wiederkehr der äußeren Dinge gegründet. Der Wechsel von Tag und Nacht, der Jahreszeiten, der Blüten und Früchte, und was uns sonst von Epoche zu Epoche entgegentritt, damit wir es genießen können und sollen, diese sind die eigentlichen Triebfedern des irdischen Lebens. Je offener wir für diese Genüsse sind, desto glücklicher fühlen wir uns; wälzt sich aber die Verschiedenheit dieser Erscheinungen vor uns auf und nieder, ohne daß wir daran teilnehmen, sind wir gegen so holde Anerbietungen unempfänglich: dann tritt das größte Übel, die schwerste Krankheit ein, man betrachtet das Leben als eine ekelhafte Last. Von einem Engländer wird erzählt, er habe sich aufgehangen, um nicht mehr täglich sich aus- und anzuziehen. Ich kannte einen wackern Gärtner, den Aufseher einer großen Parkanlage, der einmal mit Verdruß ausrief: Soll ich denn immer diese Regenwolken von Abend gegen Morgen ziehen sehn! Man erzählt von einem unsrer trefflichsten Männer, er habe mit Verdruß das Frühjahr wieder aufgrünen sehen und gewünscht, es möchte zur Abwechslung einmal rot erscheinen. Dieses sind eigentlich die Symptome des Lebensüberdrusses, der nicht selten in den Selbstmord, ausläuft und bei denkenden, in sich gekehrten Menschen häufiger war, als man glauben kann.

Nichts aber veranlaßt mehr diesen Überdruß als die Wiederkehr der Liebe. Die erste Liebe, sagt man mit Recht, sei die einzige: denn in der zweiten und durch die zweite geht schon der höchste Sinn der Liebe verloren. Der Begriff des Ewigen und Unendlichen, der sie eigentlich hebt und trägt, ist zerstört, sie erscheint vergänglich wie alles Wiederkehrende. Die Absonderung des Sinnlichen vom Sittlichen, die in der verflochtenen kultivierten Welt die liebenden und begehrenden Empfindungen spaltet, bringt auch hier eine Übertriebenheit hervor, die nichts Gutes stiften kann. – Ferner wird ein junger Mann, wo nicht grade an sich selbst, doch an andern bald gewahr, daß moralische Epochen ebensogut wie Jahreszeiten wechseln. Die Gnade der Großen, die Gunst der Gewaltigen, die Förderung der Tätigen, die Neigung der Menge, die Liebe der Einzelnen, alles wandelt auf und nieder, ohne daß wir es festhalten können, so wenig als Sonne, Mond und Sterne; und doch sind die Dinge nicht bloß Naturereignisse: sie entgehen uns durch eigene oder fremde Schuld, durch Zufall oder Geschick, aber sie wechseln, und wir sind ihrer niemals sicher.

Was aber den fühlenden Jüngling am meisten ängstigt, ist die unaufhaltsame Wiederkehr unserer Fehler; denn wie spät lernen wir einsehen, daß wir, indem wir unsere Tugenden ausbilden, unsere Fehler zugleich mit anbauen. Jene ruhen auf diesen wie auf ihrer Wurzel, und diese verzweigen sich insgemein ebenso stark und so mannigfaltig als jene im offenbaren Lichte. Weil wir nun unsere Tugenden meist mit Willen und Bewußtsein ausüben, von unseren Fehlern aber unbewußt überrascht werden, so machen uns jene selten einige Freude, diese hingegen beständig Not und Qual. Hier liegt der schwerste Punkt der Selbsterkenntnis, der sie beinahe unmöglich macht. Denke man sich nun hierzu ein siedend jugendliches Blut, eine durch einzelne Gegenstände leicht zu paralysierende Einbildungskraft, hierzu die schwankenden Bewegungen des Tages, und man wird ein ungeduldiges Streben, sich aus einer solchen Klemme zu befreien, nicht unnatürlich finden. – – – –

– Wenn ich nun alle diese Mittel überlegte und mich sonst in der Geschichte weiter umsah, so fand ich unter allen denen, die sich selbst entleibt, keinen, der diese Tat mit solcher Großheit und Freiheit des Geistes verrichtet, als Kaiser Otho. Dieser zwar als Feldherr im Nachteil, aber doch keineswegs aufs äußerste gebracht, entschließt sich zum Besten des Reiches, das ihm gewissermaßen schon angehörte, und zur Schonung so vieler Tausende die Welt zu verlassen. Er begeht mit seinen Freunden ein heiteres Nachtmahl, und man findet am andern Morgen, daß er sich einen scharfen Dolch mit eigener Hand ins Herz gestoßen. Diese einzige Tat schien mir nachahmungswürdig, und ich überzeugte mich, daß, wer hierin nicht handeln könne wie Otho, sich nicht erlauben dürfe, freiwillig aus der Welt zu gehen. Durch diese Überzeugung rettete ich mich nicht sowohl von dem Vorsatz als von der Grille des Selbstmordes, welche sich in jenen herrlichen Friedenszeiten bei einer müßigen Jugend eingeschlichen hatte. Unter einer ansehnlichen Waffensammlung besaß ich auch einen kostbaren, wohlgeschliffenen Dolch. Diesen legte ich mir jederzeit neben das Bett, und ehe ich das Licht auslöschte, versuchte ich, ob es mir wohl gelingen möchte, die scharfe Spitze ein paar Zoll tief in die Brust zu senken. Da dieses aber niemals gelingen wollte, so lachte ich mich zuletzt selbst aus, warf alle hypochondrischen Fratzen hinweg und beschloß, zu leben. Um dies aber mit Heiterkeit tun zu können, mußte ich eine dichterische Aufgabe zur Ausführung bringen, wo alles, was ich über diesen wichtigen Punkt empfunden, gedacht und gewähnt, zur Sprache kommen sollte. Ich versammelte daher die Elemente, die sich schon ein paar Jahre in mir herumtrieben, ich vergegenwärtigte mir die Fälle, die mich am meisten gedrängt und geängstigt; aber es wollte sich nichts gestalten: es fehlte mir eine Begebenheit, eine Fabel, in welcher sie sich verkörpern könnten.

Auf einmal erfahre ich die Nachricht von Jerusalems Tode und unmittelbar nach dem allgemeinen Gerüchte sogleich die genaueste und umständlichste Beschreibung des Vorgangs, und in diesem Augenblick war der Plan zu Werthern gefunden, das Ganze schoß von allen Seiten zusammen und ward eine solide Masse, wie das Wasser im Gefäß, das eben auf dem Punkte des Gefrierens steht, durch die geringste Erschütterung sogleich in ein festes Eis verwandelt wird.« –

Gewiß, diese Betrachtung enthält einen tieferen Blick in menschliches Seelenleben, als in so mancher voluminösen Psychologie gefunden wird! – und wenn irgendwo, so kann man in solchen Stellen erkennen, daß wahres Philosophieren über das Leben recht eigentlich das Besitztum eines Geistes war, welcher nichtsdestoweniger das, was gemeinhin Philosophie genannt wird, mit solcher Entschiedenheit ablehnte. – Das letzte Gleichnis ist vielleicht die schlagendste Darstellung der Art und Weise, wie eine poetische Produktion zustande kam, welche wir im Bereiche unserer Literatur von einem bedeutenden Autor besitzen, und darf dem an die Seite gestellt werden, was Mozart in jenem herrlichen, von mir in den Vorlesungen über Psychologie zum Teil mitgeteilten Briefe über die Entstehung seiner Kompositionen ausspricht. – Was der Dolch gewiß allein nicht vermocht hätte, nämlich jene unklare Befangenheit in Lebensüberdruß und Melancholie ganz aus seinem Innern zu vertreiben, das erreichte die Abfassung des Werther auf ganz organische Weise und als Krisis einer durchgelebten Krankheit. Freilich geht hieraus noch eine andere Bemerkung hervor, welche nicht sowohl Goethe als das Publikum betrifft. Es erklärt sich nämlich zum großen Teil nun die eigentümliche Wirkung, welche der Werther hervorbrachte, und zwar nicht sowohl durch die Vollendung seiner Form hervorbrachte, sondern stoffartig erzeugte, indem er eine Menge junger Leute in ähnliche Stimmungen dahinriß, als die war, von welcher sich Goethe durch seine eigentümliche Produktivität befreit hatte. Ja, man sprach von Selbstmorden, welche aus dieser Ursache sich begeben haben sollten, und man machte dem Dichter ob seines gottlosen Buches nachdrückliche Vorwürfe, über welche er freilich auf seinem Wolkenwege ganz ungestört und immer vordrängend dahinschritt. – Gewiß, wer so wenig die innere organische Notwendigkeit einer wahren Dichterseele versteht, um an dergleichen zu denken, der kann auch einem Fieberkranken es verargen, wenn er genesend Krankheitsstoffe aushaucht, welche in andern Disponierten dieselbe Krankheit erzeugen können. Er bedenkt nicht, daß der Vorwurf nur denen zu machen ist, die die nötige Vorsicht vernachlässigen und sich Einwirkungen auszusetzen wagen, denen sie eben auf keinen Fall gewachsen sind. Ist es doch eine eigene Sache um alles Menschenleben, ein geheimer Kampf und Krieg zieht sich doch durch alle Verhältnisse hindurch, überall, selbst unter den scheinbar friedlichsten Zuständen, ergeben sich Gefahren mannigfaltiger Art, und nur mit vieler Wachsamkeit und mit guten Anlagen ausgerüstet und unter glücklichen Konstellationen gelingt es wohl dem Menschen, auch einen längeren Weg mit Ruhm und mit bewahrter leiblicher und geistiger Gesundheit zurückzulegen; daher, wer großer Sicherheit und Festigkeit sich nicht bewußt ist, möge um sich schauen, geistig und leiblich sich wahren und vermeiden, was seinem schwächeren Fahrzeuge Gefahr droht – denn allerdings wird ihm oft Not und Krankheit da erwachsen, wo der Kräftige und Höherorganisierte die freudigsten Blüten des Lebens bricht.

So aber ging unser Dichter eine eigentümlich große Lebensbahn dahin; auf merkwürdige Weise warf diese urgeistige Natur die Krankheitsstoffe, die das Leben herbeiführte, wieder heraus, mit unausgesetzter Tatkraft dämpfte er den Krieg, den ihm wie jedem Tüchtigen die kleinen Dämonen dieser sublunarischen Welt vielfältig und immer von neuem erregten, und mit nie ruhendem Bestreben arbeitete es in ihm, den Bau des eigenen Innern immer bedeutender, schöner und mächtiger fortzubilden. Dies nun alles zusammengenommen, wird es gegenwärtig verstehen lassen, was ich damit gemeint hatte, wenn ich oben als Festes und Wesentlichstes in Goethes Individualität die Gesundheit seiner Natur ausgesprochen habe.

Goethe war indes nicht bloß ein »gesunder«, sondern er war auch ein eigentümlich »schön und mächtig Organisierter« – »Sein hoher Gang, seine edle Gestalt, seines Mundes Lächeln, seiner Augen Gewalt und seiner Rede Zauberfluß« sind ihm wohl im Leben von vielen ebensoviel beneidet worden als seine großen Werke! – Witz, scharfer Humor, Weltverstand und tausenderlei Geschicklichkeiten können sich gewiß oftmals in einer kleinen, dürftigen, ja verbildeten Organisation darleben, aber eine so mächtige Gesinnung, eine solche Energie des Seelenlebens, eine solche welthistorische Produktivität wie die Goethes sind geradezu unmöglich in einer dürftigen, ja nur gewöhnlichen körperlichen Erscheinung, sie fordern, ja, eigentlich zu sagen, sie erschaffen eine bedeutende und schöne körperliche Bildung. – Es ist für die Wissenschaft vom Menschen zu beklagen, daß Organisationen so seltener Art, die man Normalbildungen nennen könnte, nicht leicht der genauen Ermittlung und Ausmessung zugänglich sind, welche gefordert werden müßte, wenn man von dergleichen Erscheinungen sollte sagen können, sie wären vollständig gekannt! – Ich bemerke dies insbesondere in Beziehung auf die genauere Kenntnis vom Kopfbaue Goethes. Wir besitzen nur eine Abformung seiner Antlitzform, die er einst selbst im Leben besorgen ließ und die bei weitem nicht mit der Vollständigkeit gemacht ist, welche man zur genaueren Erkenntnis der Kopfform bedarf, aber es steht zu hoffen, daß, wenn man sich allgemeiner überzeugt hat von der Bedeutsamkeit der Schädelbildung, man einst durch Öffnung seines Sarges und Abformung dieses edlen Hauptes nachholen wird, was früher versäumt war. Erst dann aber, wenn die Gestalt des Schädelgewölbes eines Goethe ebenso klar der Beurteilung vorgelegt werden kann als das eines Schiller, S. von dessen Schädelabguß die genaue Abbildung in meinem Atlas der Kranioskopie. 1. Heft. Leipzig 1843 wird sich in die Art und Weise der Vollkommenheit seiner Organisation näher auf wissenschaftliche Weise eingehen lassen. Für jetzt sei nur soviel bemerkt: – Wir können nach jenem Abgusse einzig vom Vorderhaupte Goethes urteilen; wer sich aber die Mühe geben will, in meinen Grundzügen einer wissenschaftlichen Kranioskopie von der physiologischen Bedeutung des Vorderhauptwirbels am Schädel sich zu unterrichten, dem wird klar sein, daß gerade in dieser Gegend, welche als das Symbol der Intelligenz des Individuums betrachtet werden darf, das Charakteristische eines Mannes von solcher Bedeutung besonders hervortreten muß. In Wahrheit sind denn auch die Maße dieser Gegend, namentlich das Maß der Höhe dieses Wirbels, ganz ungewöhnlich. – Unter einer Sammlung von etwa hundert meist eigentümlichen und merkwürdigen Kopfformen, die ich vor mir habe, finde ich nur bei Napoleon eine Stirnhöhe, welche der von Goethe sich vergleicht. – Denn wenn die Entfernung der größten Wölbung der Stirnbeine von der äußern Ohröffnung, mit dem Tasterzirkel genommen, bei wohl und intelligent entwickelten Menschen insgemein etwa fünf Pariser Zoll beträgt, so steigt diese Entfernung bei den freilich wegen unvollkommener Abformung nicht ganz genau zu messenden Kopfbildungen von Napoleon und Goethe auf fünf Zoll und sechs, ja vielleicht acht Linien! – Dabei ist es charakteristisch, daß bei beiden Köpfen nicht in ebenso bedeutendem Maße die Breite des Vorderhauptes ausgebildet erscheint. Vielfältige Vergleichungen scheinen es nämlich zu beweisen, daß ein gewisses Verhältnis besteht zwischen bestimmten Richtungen intelligenten Lebens und bestimmten Richtungen in der Entwicklung des Hirngebildes und Schädelgewölbes, daß Anschwellung in der Höhe das somatische Moment ist, welches im Psychischen der Energie gegenständlicher Erfassung des spirituellen Organismus ebenso parallel geht als antithetische, analytische Gegensetzung in der Breite dieses Gebildes korrespondiert der zergliedernden analytischen Richtung intelligenten Seelenlebens, welche wir insbesondere mit dem Namen der analytischen oder philosophischen Tendenz bezeichnen. Bei Napoleon sowohl als bei Goethe ist die Breite des Vorderhauptes wie gesagt weniger beträchtlich und beträgt nur ungefähr viereinhalb Zoll Pariser Maß, und es stimmt vollkommen damit überein, daß beiden alles, was im Sinne der Schule mit dem Namen Philosophie und philosophische Tendenz bezeichnet wird, fremdartig, ja gewissermaßen entgegengesetzt und feindlich war. – Merkwürdig ist in dieser Beziehung der Unterschied in der Kopfbildung Schillers gegen Goethe. Im ersteren ist die Breite der Stirn auffallend, und man darf nur neben die Maske von Goethe die Totenmaske von Schiller stellen, um sofort ein völlig umgekehrtes Verhältnis von Stirnbreite und Stirnwölbung in beiden gewahr zu werden. Es braucht kaum der Bemerkung, wie sehr dies mit den geistigen Tendenzen beider Männer übereinstimmt, indem Schillers poetisch-philosophische Richtung im Gegensatz zu Goethes naturalistisch-poetischer bekannt genug genannt werden darf.

Wie bedeutend die übrige Organisation Goethes gewesen sei, geht aus seinen Bildern, Büsten, Statuen hervor und ergibt sich noch mehr aus den oben angeführten Worten seines alten ärztlichen Freundes Hufeland.

Auch über die geistige Eigentümlichkeit Goethes will ich hier nicht in vielfältige Betrachtungen mich verbreiten. Es gibt wohl entschieden in der ganzen Geschichte der Menschheit keinen einzigen Charakter, kein inneres eigentümliches Seelenleben, welches so vollkommen klar, ich möchte sagen: durchsichtig für Welt und Mitwelt hingestellt wäre als Goethes. – Seine gesamten poetischen wie seine wissenschaftlichen Werke, seine vielfältigen Briefe, seine eigne Sorgfalt, durch eine fast pedantische Sammlung aller auf seinen Lebensgang irgend Beziehung habenden Papiere und Dokumente, nichts zu verlieren, was wohl auch noch so entfernt zur Vervollständigung eines Bildes seiner Existenz dienen könne, endlich die Aufzeichnung so vieler seiner kleinen Züge und Äußerungen durch seine Freunde, stellen die Psyche dieses merkwürdigen Mannes mit einer Deutlichkeit heraus, wie wir es vergebens bei so viel andern bedeutenden Organen des Menschheitslebens suchen. – Ich will daher, da das Positive seines Wesens allen, die es überhaupt erfassen wollen, mit solcher Klarheit vorliegt, hier nur noch einige Worte über das Negative desselben anfügen, und ich verstehe darunter insbesondere das, worin er sich verneinend und ablehnend gegen die Welt verhielt, ablehnend, damit der ihm selbst eigentümliche Kern um so ungestörter sich entfalten konnte. – Es ist dies eine Seite, die an ihm vielfach angefeindet worden ist, die in ihm selbst vielleicht zuweilen mit einem gewissen Übermaße hervortrat und die nichtsdestoweniger als auf einer tiefen inneren Notwendigkeit beruhend anzuerkennen ist. In den organischen Verhältnissen der Menschheit ist es gegründet, daß eine mächtige und bedeutende Natur die Kleineren und Schwächeren herbeilockt und anzieht; diese drängen sich dann zu, umgeben das Gewaltige und wollen an ihm haften, aber möchten nun auch, daß es ihnen sich hingebe, ihrem Zuge erwidere, ja zuletzt seiner Macht sich begebe, damit die beliebte Gleichheit nur ganz und völlig hergestellt würde. – Daraus entspinnt sich dann viel des Verdrießlichen! – der eine ist belästigt, der andere gekränkt und beleidigt – der findet sich gestört und jener beklagt sich, daß seinem offenen, zutraulichen Entgegenkommen so schlecht erwidert wird, und so hat denn auch Goethe in dieser Art vielfältige Leiden gehabt, von welchen zum Teil das Buch des Unmuts im Divan sattsames Zeugnis gibt. – Dabei ist es aber auch sehr charakteristisch, daß dieser Unmut Goethes immer nur gegen den Begriff und nie gegen ein bestimmtes Individuum gerichtet erscheint, so etwa Divan, Ausgabe 119, S. 102:

»Dümmer ist nichts zu ertragen
Als wenn Dumme sagen den Weisen,
Daß sie sich in großen Tagen
Sollten bescheidentlich erweisen«

oder S. 103:

»Verschon uns Gott mit deinem Grimme
Zaunkönige gewinnen Stimme.«

Es schwebt daher über allen dergleichen Ausbrüchen ein Hauch von höherer Weisheit, welche bei alledem, daß sie von dem Widerwärtigen belästigt wird, eine innere Überzeugung bewahrt von der Notwendigkeit in dergleichen Gegensätzen. Diese Erkenntnis ist in folgenden Worten auf eine wahrhaft schöne Weise niedergelegt: ebendaselbst S. 102:

»Was klagst du über Feinde?
Sollten solche je werden Freunde,
Denen das Wesen, wie du bist,
Im stillen ein ewiger Vorwurf ist.«

Kurz, es leiten uns diese Betrachtungen zu der nicht unwichtigen Erkenntnis: daß, je größer und mächtiger ein geistiges Lehen ist, um so mehr seine Bestrebungen wie seine Abneigungen ein Allgemeineres zum Gegenstande haben werden, während, je kleiner und schwächer die Psyche, sie auch immer mehr an Einzelheiten haften wird. – Wo wir daher im Kleinlichen den Unmut gegen das Widerstrebende in persönlichen Groll und in Haß und Zank gegen einzelne sich Luft machen sehen, da faßt eine größere Natur in ihren unmutigen Stimmungen die Allgemeinheit des ihm Zuwiderseienden zusammen und richtet Unwillen, ja vielleicht Zorn nur gegen den Begriff. – Belege hierzu treten uns überall, wo wir uns umsehen, entgegen, vom wahrhaft großen Feldherrn, der all sein Genie aufbietet, die Macht des Feindes zu vernichten – aber wo er irgend kann, des einzelnen gefangenen oder verwundeten Feindes schont, bis zu jenem Erhabenen, welcher mit heiligem Eifer dem Bösen in der Menschheit entgegentrat und nichtsdestoweniger mit unendlicher Milde sich des einzelnen Sündhaften erbarmte. Bei Goethe ist diese Neigung, das seiner Natur Zuwiderlaufende soviel als möglich unbedingt abzulehnen, auch die Erklärung davon, daß er in Polemik sich nie eingelassen hat. – Man verstehe uns hier nicht falsch! wir sind nämlich keineswegs der Meinung, es sei eben durchaus und allein das Rechte, allen Widerspruch und alle Diskussionen des Entgegengesetzten zu vermeiden, in wissenschaftlichen Dingen ist eine klare, ruhig durchgeführte Polemik bekanntlich nur zu oft das Mittel, der Erkenntnis des Wahren näher zu rücken, und so hätte es Goethe selbst gewiß, zumal in seiner Farbentheorie, vor mancher Einseitigkeit und manchem Irrtum der Auffassung und Erklärung der Phänomene bewahrt, wenn er auf Entgegnungen und Widerspruch hie und da wirklich eingegangen wäre; allein in ihm war das Bedürfnis des Ausbaues seiner eigensten Individualität zu mächtig, und wiederum war diese Individualität selbst so bedeutend und außerordentlich, daß ganz mit Recht er alles ablehnen durfte, was ihrer Entwicklung insbesondere minder angemessen erschien. Und eigen ist's allerdings mit allem, was uns von außen hereinkommt und nicht aus uns selbst unter den rechten Konstellationen hervorwächst – eigentlich ist es doch immer ein Fremdartiges, ein uns nur Angetanes, und ebendeshalb uns immer irgendwie Beeinträchtigendes. – Es ist mir schon oft sehr merkwürdig gewesen, was man von Fra Beato Angelico da Fiesole erzählt – nämlich daß er, wenn seine Seele von einem Bilde erfüllt und er unter Gebet an dessen Ausführung gegangen war, es ihm nicht möglich wurde, auf irgend andere, wenn auch sichtlich verbessernde Ratschläge für sein Werk einzugehen; – nur so, wie es ihm innerlich erschienen war, mußte er es, unbekümmert um etwaige Verzeichnungen, zur Ausführung bringen, und – wer bedeutende Sachen von ihm gesehen hat – wird eingestehen, daß Fiesole nicht mehr Fiesole bliebe, wenn seine Gestalten auf den schulgemäßen Typus zurückgeführt und von allen Fehlern gegen Zeichnung und Perspektive befreit worden wären. Gerade dieser Fiesole aber mit seinem stillen, gottinnigen Sinne ist doch eben das in seinen Werken uns allein Liebe und Verehrungswürdige! – Ähnlich ist es dann auch mit Goethe! – seine Arbeiten lieben wir hauptsächlich, weil wir zuletzt durch sie hindurch immer wieder bald mehr, bald weniger deutlich seine Individualität, seine eigentümlich große und gesunde Natur, und diese immer in jedem Werke wieder von einer neuen und eigentümlichen Seite gewahr werden. Eben darum nun, weil es bei ihm wesentlich auf die Ausbildung seines ganz eigensten Seins ankam und er darum befähigt und berechtigt war, das ihm nicht Gemäße abzulehnen, selbst auf die Gefahr hin, daß hie und da hierdurch seine Schöpfungen an Korrektheit etwas verlieren möchten, fühle ich mich hier an jenes bekannte Wort erinnert:

– – »Gemeine Naturen
Zahlen mit dem, was sie tun,
Edle mit dem, was sie sind.«

Es gibt Arbeiten, bei welchen es uns gar nicht einfällt, nach der Individualität dessen zu fragen, dem wir sie verdanken, die Sache ist uns hier alles! – Ein Wörterbuch, eine sorgfältige deskriptive Arbeit über Menschen- oder Naturwerke und dergleichen lassen uns über die innere Individualität des Verfassers ganz unbekümmert, dahingegen in einer höheren philosophischen Betrachtung, in einem größeren poetischen Werke, in einer tieferen historischen Forschung wir notwendig durch die Individualität des Geistes, von welchem diese Werke ausgehen, in unserem Interesse wesentlich bestimmt werden; es sind, könnte man sagen, durchlauchtige, das heißt durchleuchtende Werke, der Geist, aus dem sie fließen, leuchtet durch sie hindurch wie der Schein festlicher Kerzen durch die Fenster eines Palastes, und nicht sowohl um des Dargestellten willen, sondern darum, daß uns daran die Individualität des Urhebers, seine eigentümlich großartige Gesinnung, sein weitschauender heller Geist, seine poetische, schöpferische Kraft durch und durch fühlbar werde, ja daß sie gleichsam magnetisch uns dann ebenfalls durchdringe, fördere und innerlich selbst entwickle, das ist es, worauf es hier ankommt, und darum werden diese Werke immer um so mächtiger wirken, je mächtiger der Genius ist, aus dem sie hervorgegangen sind. Goethes Werke gehören hierher im vollen Sinne des Wortes, und eben darum und weil er das selbst gar wohl fühlte, war ihm fast unbewußterweise und ganz unbesorgt darum, ob man ihm das für den ärgsten Egoismus anrechne, überall hauptsächlich darum zu tun, daß er sich, sein Wesen, sein Ich immer vollkommener und klarer in diesen Werken darlebe und in ihnen sich spiegle. Fremdartiges daher nicht anzunehmen, Widerspruch entschieden abzulehnen, Erwiderung auf Entgegengesetztes zu vermeiden, mußte somit ein unausweichbares Bedürfnis für ihn bleiben, eben um in dieser Entwicklung auf keine Weise gestört zu werden. – Wer ihm sonach dergleichen verdenken will und wer diesen Zug aus seinem Leben wegwünscht, ist weit entfernt, in das Verständnis seiner Natur wirklich näher eingedrungen zu sein. – Er hielt sich und mußte aus innerer Notwendigkeit sich halten an seine eignen Worte:

»Laß dich nur zu keiner Zeit
Zum Widerspruch verleiten,
Weise fallen in Unwissenheit,
Wenn sie mit Unwissenden streiten.«

Überhaupt kann in der Beziehung einer reinen, zum großen Teil unbewußten Lebensphilosophie jeder von Goethe Vielfältiges lernen! – Wie viele Menschen gewahren wir nicht, die das Kunstwerk ihres Lebens verderben oder unvollkommen ausführen, weil sie nicht zu unterscheiden vermögen, was das ihnen wahrhaft Gemäße sei und was nicht! – Bald aus einer irrigen Meinung für sich selbst irgendeinen Vorteil zu erreichen, bald in der falsch verstandenen Absicht, dadurch, daß sie ihrem eigensten Wesen untreu werden, andern einen besonderen Nutzen zu gewähren, verlassen sie das, was Goethe einmal sehr hübsch die Fortifikationslinien unseres besonderen Daseins nennt, und stören dadurch ihre eigene Weiterbildung ebensosehr, als sie es sich unmöglich machen, in Zukunft auch andern das zu sein, was sie ihnen hätten sein können, wäre ihre eigene Entwicklung zu ihrem naturgemäßen Ziele gelangt. Es hat mir in Assisi die alte naive Darstellung des Giotto immer viel zu denken gegeben, wo man die reine Seele in einer Art von Burg wohnen sieht, nur mit umschwebenden Engeln Gemeinschaft pflegend, während die verdorbene Seele aus ihrem Schlosse durch Dämonen verlockt in den Höllenabgrund sich verliert. Man kann dabei an gar vieles und insbesondere an die innere Selbstläuterung der Seele erinnert werden, aber auch die Burg, welche die schönere Seele umfängt, ist nicht ohne tiefe Bedeutung! Sie stellt eben die symbolische Bedeutung dar von dem, was Goethe die Fortifikationslinien unseres Daseins nennt, und es ist damit teils die Selbstbeschränkung, teils aber auch die entschiedene Abhaltung des uns nicht Gemäßen, des unser Wesen Beeinträchtigenden bestimmt genug bezeichnet. – Will man Goethes Leben im einzelnen verfolgen, so werden wir eine Menge Züge finden, welche Belege zu diesen Betrachtungen geben. Schon das oben erwähnte Festhalten an dem kleinen weimarischen Kreise, in welchem er allerdings seiner Fortifikationslinien vollkommen Herr blieb, früher schon das Abbrechen verschiedener Verhältnisse, von welchen er voraus empfand, daß sie ihn allmählich nötigen würden, aus der ihm eigentümlichen Richtung herauszugehen, endlich selbst seine entschiedene monarchische Gesinnung, dieweil nur mit dieser und mit entschiedener Ablehnung alles revolutionären Wesens die Durchführung seines eigentümlichen Lebensganges möglich blieb, werden uns, wenn wir sie in diesem Lichte betrachten, vollkommen deutlich.

Einer besonderen Bemerkung bedarf es indes, daß bei allem diesem, was in unbedeutenderen Geistern zuletzt zum widerwärtigsten Pedantismus und zur völligen Hemmung alles Entwicklungsganges führen muß, in ihm gerade hierdurch eine fortgehende innere Ausbildung gesetzt wurde. – Wenn man die Geschichte seines höheren Alters durchgeht, wenn man sieht, wie keine bedeutende Erscheinung im Gebiete der Künste und der Wissenschaften sich hervortat, welche er nicht mit Aufmerksamkeit beachtete, mit Umsicht zu vergleichen und mit seinen Bemerkungen in Briefen oder Tages- und Jahresheften zu begleiten pflegte, so kann man wohl erkennen, daß das, was er die Fortifikationslinien des Daseins genannt hat, keineswegs eine chinesische Mauer war, welche, wie in jenem philisterhaften Lande, alles abhalten sollte, was den inneren Entwicklungsgang anregen und fördern konnte, sondern nur bestimmt war, die ungemäßen Einwirkungen zu verhindern, aber innerhalb des eigenen Kreises die eigentümlichste Fortbildung zu unterstützen. – Ein schönes Wort in dieser Beziehung ist daher die Stelle aus einem der oben mitgeteilten Briefe, mit welcher wir diesen Abschnitt beschließen wollen; sie heißt: – »Das Alter kann kein größeres Glück empfinden, als daß es sich in die Jugend hineingewachsen fühlt und mit ihr nun fortwächst. Die Jahre meines Lebens, die ich, der Naturwissenschaft ergeben, einsam zubringen mußte, weil ich mit dem Augenblicke in Widerwärtigkeit stand, kommen mir nun höchlich zugute, da ich mich jetzt mit der Gegenwart in Einstimmung fühle auf einer Altersstufe, wo man sonst nur die vergangene Zeit zu loben pflegt.«

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