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Goethe zu dessen näherem Verständnis

Carl Gustav Carus: Goethe zu dessen näherem Verständnis - Kapitel 2
Quellenangabe
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typeessay
authorCarl Gustav Carus
titleGoethe zu dessen näherem Verständnis
publisherWolfgang Jess Verlag Dresden
series
volume
printrunZweite durchgesehene Auflage
editorHans Krey
year1949
correctorfranka.antenne@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20090511
projectid5ca40155
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I. Persönliches Verhältnis

Nach langen Vorstudien und mehrjähriger angestrengter Arbeit hatte ich im Jahre 1818 mein Lehrbuch der vergleichenden Anatomie vollendet, eine Menge von Zeichnungen waren dazu nötig gewesen, ich selbst hatte die Tafeln auf Kupfer radiert, und der Atlas mit, wenn auch nur skizzierten, doch jedenfalls erläuternden und charakteristischen Abbildungen lag fertig vor mir. Als ich das Werk an einige gelehrte Freunde zu versenden im Begriff war, erschien es mir als eine Pflicht der Dankbarkeit, auch insbesondre dem Manne ein Exemplar überreichen zu lassen, dem ich schon in Jünglingsjahren die lebhaftesten Anregungen verdankte, dessen tiefes Naturgefühl mich aus seinen Gedichten und seinem Faust begeisternd angeweht hatte und in dessen Bestrebungen, die Metamorphose der Pflanzen zu durchdringen und das Geheimnis mancher Skelettbildungen zu entziffern, mir die in der Wissenschaft seitdem mit Riesenschritten weitergediehene genetische Methode zuerst schöner und deutlicher erschienen war. – Mit einem Briefe, in welchem ich diese Gesinnungen möglichst auszusprechen versucht hatte, sendete ich daher das Buch an Goethe, ein Buch, welches eigentlich bei den wenigen Hilfsmitteln, welche mir damals zu Gebote standen, eine Art von Wagnis war, welches indes doch selbst in dieser unvollkommenen Form in weitem Kreise anregend gewirkt hat und späterhin durch eine Ausgabe vervollständigt, und in englischen und französischen Übersetzungen vervielfältigt, zur gegenwärtigen reichen Entwicklung des Studiums der vergleichenden Anatomie wesentlich beigetragen hat.

Das Schreiben, womit Goethe diese Sendung erwiderte, war mir zu jener Zeit, wo ich, die Unvollkommenheit dieser Arbeit nur zu gut fühlend, fast an ihrem Erfolg verzweifeln mußte, in jeder Beziehung ermutigend, und noch jetzt ist es mir, als die erste mir persönlich von ihm zugekommene Mitteilung, als der Anfang eines nähern Verhältnisses zu ihm, so wie als in seinen Äußerungen im hohen Grade bezeichnend für die gesamte Individualität Goethes, lieb und wert. – Ich schalte es hier sogleich ein:

Ew. Wohlgeboren

Sendung kommt mir zu einem glücklichen und bedeutenden Moment: denn indem ich seit einem Jahre den Auftrag habe, in Jena unter Leitung Herrn Professor Renners, eines vorzüglichen Mannes, dessen Verdienste Ihnen gewiß nicht unbekannt sind, eine Schule der Tierkunde einzuleiten und zu fördern, damit uns die höchst notwendigen und nützlichen Hausgeschöpfe, im gesunden und kranken Zustand, sodann auch in ihrem Bezug zu der übrigen animalischen Welt genauer bekannt würden; so gab mir dies den schönsten Anlaß, ältere leidenschaftliche Studien zu erneuern, meine Papiere vorzunehmen und einiges als Zeugnis meines innigsten Anteils dem Publikum darzulegen.

Wenn ich nun schon längst ein Kompendium entbehrte, welches methodisch genug angelegt wäre, den hohen Begriff zu erleichtern und die ungeheuere Naturidee knapp im einzelnen und lebendig im allgemeinen nachzuweisen; so mußte mir Ihre Arbeit höchst erwünscht sein und ich zweifle nicht, daß in wenigen Jahren sich der akademische Unterricht nach Ihrer Leitung richten werde. Wie sehr hatte ich gewünscht, dieses nächsten Sommer schon bei uns zu erleben.

Da ich mich seit vierzig Jahren in diesem Felde redlich abquäle, so gehöre ich gewiß unter die, welche Ihr Werk höchlich schätzen. Nur wenige Stunden konnte bisher darauf verwenden, allein ich sehe schon auf jedem Blatt, auf jeder Tafel meine Wünsche erfüllt. Das von andern Geleistete, Bekannte, aber in tausenderlei Schriften und Heften Zerstreute, gesammelt und mit neuem Eignen vervollständigt.

Ich nehme nun mit desto mehr Zuversicht meine alten Papiere vor, da ich sehe, daß alles, was ich in meiner stillen Forschergrotte für recht und wahr hielt, ohne mein Zutun nunmehr ans Tageslicht gelangt. Das Alter kann kein größeres Glück empfinden, als daß es sich in die Jugend hineingewachsen fühlt und mit ihr nun fortwächst. Die Jahre meines Lebens, die ich der Naturwissenschaft ergeben einsam zubringen mußte, weil ich mit dem Augenblick in Widerwärtigkeit stand, kommen mir nun höchlich zugute, da ich mich jetzt mit der Gegenwart in Einstimmung fühle, auf einer Altersstufe, wo man sonst nur die vergangene Zeit zu loben pflegt.

Nehmen Sie beikommendes Heft freundlich auf! Sie finden größtenteils darin, worüber wir einig sind. Zu Michael hoffe ich ein zweites zu senden. Unterrichten Sie mich von Zeit zu Zeit von Ihren Zuständen und Arbeiten, ich habe Pflicht und Muße, daran teilzunehmen.

Vergessen darf ich zum Schlusse nicht, daß die geistreiche Behandlung der Tafeln für den allgemeinen Begriff, wie er hier erwartet werden kann, sehr willkommen erscheint. Verzeihen Sie übrigens eine etwas eilige Behandlung Ihrer so wichtigen Arbeit. Bei so vielem Zudrang bin ich gewohnt, daß Freunde es nicht so genau mit mir nehmen: denn manchen lieben, werten Brief ließ ich unbeantwortet, eben weil ich etwas Würdiges zu erwidern mir zur Pflicht machte.

Das Beste wünschend
ergebenst

Goethe.
Jena, d. 23. März 1818.

 

So war denn durch eine so freundliche Erwiderung ein Anfang zu weiteren Mitteilungen gemacht, und es wurde mir in den folgenden Jahren Bedürfnis, jede nicht gerade bloß medizinische Arbeit, die mich lebhafter beschäftigt hatte, auch alsbald nach ihrer Vollendung von Goethe gekannt zu wissen. – Im Jahre 1820 erschien, als Einleitung einer neuen naturwissenschaftlichen und heilkundigen Zeitschrift, mein Aufsatz von den Naturreichen, und zugleich mit diesem sandte ich ihm zwei meiner kleineren Bilder, das eine ein Bild vom Brockengipfel, das andere das Bild eines dunklen Tannenwaldes; denn ich wollte, daß auch von diesen Bestrebungen, der Natur des Planeten in ihren landschaftlichen Erscheinungen etwas abzugewinnen – wie sie mich von Jugend auf fast unablässig begleitet hatten – irgendein Zeugnis seinen Augen vorgelegt werde. Auch von manchem andern, was mich sonst beschäftigte, wurden immer genaue Mitteilungen an Goethe gesendet. So schrieb ich ihm eine hübsche Entdeckung, durch einen meiner Zuhörer gemacht, welchem die Lehre von der Wirbelbildung, wie sie auch an den Hautskeletten der niedern Tiere sich vielfältig verwirklicht, klar geworden und zu eignen Untersuchungen Anregung gewesen war. – Endlich hatte ich auch von einer seltsamen Naturerscheinung ihm Nachricht gegeben, die auf dem Kirchhofe zu Kamenz, bei Fällung und Ausrodung einer alten Linde beobachtet worden war. Letztere will ich hier kürzlich erzählen, da sie nur unvollkommen in Goethes Tages- und Jahresheften besprochen wird, an sich aber so merkwürdig ist, daß sie wohl der Vergessenheit entrissen zu werden verdient. – In dem sandigen Kirchhofsboden jener kleinen Stadt der Oberlausitz fand sich nämlich, daß eine gefällte Linde drei starke schräg eindringende zylindrische Pfahlwurzeln gegen drei Ellen tief, auseinanderweichend in den Boden gesenkt hatte, daß dann mit einemmale jeder dieser Wurzelstämme in unendliche Wurzelfasern sich auflöste, um ein dichtes gegen drei Ellen langes und nicht ganz eine Elle hohes und breites Geflecht und Gewirr zu bilden, zwischen welchen dann Reste menschlicher Gebeine sich eingeschlossen und festgehalten fanden. Die Auflösung des Rätsels dieser seltsamen Erscheinung wurde darin gefunden, daß früher an dieser Stelle drei Särge in den lockern, trocknen, sandigen Boden versenkt worden waren, daß man zwischen sie eine junge Linde gepflanzt hatte, und daß die durstigen Wurzeln des Baumes – Feuchtigkeit suchend, in den drei Richtungen nach diesen Särgen hin, zunächst mit geringer Teilung, fortgewachsen waren. So wie Holz und Körper vermoderten, durchdrang und durchflocht die Verbreitung der Wurzelfasern mehr und inniger die Reste der Särge, ja die zerfallenden Knochen, so daß die Linde, wachsend und sich nährend von den Überresten der Toten, ein lebendiges Epitaphium war für die unter ihrem Boden verwesenden Leichen – ein wunderlich rührendes Bild des ewigen Wechsels von Ernährung und Zerstörung auf Erden – man könnte zugleich sagen, einer Art vegetabilischer Verklärung der Verstorbenen.

Es waren mir von dem Geflecht dieses Wurzelwerks große Stücken zugekommen und ich verfehlte nicht, auch hiervon späterhin an Goethe zu senden.

Die Erwiderung Goethes auf jene brieflichen Mitteilungen und Bilder war denn enthalten in nachstehendem ebenfalls und in vieler Beziehung eigentümlichen Schreiben: –

Schon zu lange hab' ich angestanden, teuerster Mann, für die liebwerte Sendung zu danken. Ihre einsichtige Darstellung des animalischen Zimmergerüstes hat sich in dem anatomischen Werke genugsam erprobt, daß sie aber auch den Schein, durch welchen uns die gute Natur überall, wenn wir ihn gewahr werden, beglückt, so lebhaft fühlen und kunstreich nachbilden, war mir eine freudige Überraschung. Erlauben Sie, daß ich dankbar die beiden Bilder bei mir aufstelle und Sie glücklich preise, daß die herrliche Dresdner Natur Sie umgibt, nicht weniger, daß Sie sich mit den abgeschiedenen großen Vorfahren, unter denen ich nur Ruisdael nenne, von Zeit zu Zeit nach Belieben und Bedürfnis unterhalten können.

Den Aufsatz »Von den Naturreichen« usw. habe mit Vergnügen gelesen, als wenn ich ihn noch nicht gelesen hätte. Verweilen wir doch immer gerne da, wo wir gemeinsame Gesinnung finden.

Die Entdeckung der drei vollkommenen Wirbel, zwischen den drei Fußpaaren des Heupferdchens, ist höchst willkommen; sie bringt zur sinnlichen Anschauung, was die innere längst zugesteht, daß nämlich das vollkommenste Gebilde durch alle Gestaltungen potentia durchgeht; ich wenigstens stelle mir gern intentionelle Wirbelknochen, an jedem Rückenmark, wie so manches andre Glied an anderer Stelle, der Möglichkeit nach gerne vor, die nur auf den geringsten Anstoß warten, auf die organische Forderung irgendeines benachbarten Teils, um in die Wirklichkeit zu treten.

Auch halte ich den Fall mit den Lindenwurzeln für unschätzbar; hat man denn diese Kleinodien wenigstens zum Teil verwahrt? sie verdienten eine eigene Kapelle. Leider! wenn man unvermutet auf einen solchen Schatz trifft, weiß man ihn nicht gleich zu schätzen; es ist mir selbst so ergangen und ich tadle niemand; sollte aber ein so vegetativer Sarg zerstückt sein, wie aus der Beschreibung wahrscheinlich ist, und Sie könnten mir einen instruktiven Teil davon verschaffen, so würden Sie mir eine besondere Gefälligkeit erzeigen, die Kiste dürfte nur auf der fahrenden Post an mich unfrankiert adressiert werden.

Ihro Königl. Hoheit der Großherzog haben als wahrer und gründlicher Freund des Pflanzenreichs daran den lebhaftesten Anteil genommen; so wie ich ein merkwürdiges Beispiel der ins Unendliche determinablen Organisation hierin bewundert. Die grenzenlose Teilung solider Pfahlwurzeln unmittelbar in die feinsten Fasergeflechte bei dargebotener Gelegenheit!

Wie manches hätt' ich noch zu sagen, doch will ich Gegenwärtiges nicht länger zurückhalten; schenken Sie Beikommendem Ihre Aufmerksamkeit und melden mir gelegentlich etwas Erfreuliches, ich darf meiner Korrespondenz mit Kunst- und Wissenschaftsfreunden keine lange Pause mehr zugestehen.

Ergebenst

Goethe.
Jena, d. 1. Juli 1820.

 

Das nächstfolgende Jahr sollte mir die persönliche Bekanntschaft dieses merkwürdigen Mannes bringen. Ich beabsichtigte eine Reise nach Genua, um endlich einmal Gelegenheit zu haben, mannigfaltige Tierformen des Meeres, deren Studium für meine komparativ-anatomischen Bestrebungen das höchste Interesse haben mußte, im frischen Zustande durch Autopsie kennen zu lernen. Der Weg dorthin wurde über Weimar genommen, eigentlich nur, um Goethe zu sehen, und am 21. Juli abends konnte ich mir damals folgende Stelle über Goethe in mein Tagebuch einzeichnen:

»So war denn unter diesen Betrachtungen (ich hatte früh den schönen Park von Weimar besucht und hierauf die reiche vergleichend-anatomische Sammlung des Geh. Ob.-Med.-Rates von Froriep genauer durchgesehen) die elfte Stunde herangerückt, ja vorübergegangen, und ich eilte, um Goethes Haus aufzufinden.

Gleich beim Eintritte in das Haus deuteten die breiten, wenig geneigten Treppen, die Verzierung der Treppenruhe mit dem Hund der Diana und dem jungen Faun von Belvedere den Besitzer an. Weiter oben fiel die Gruppe der Dioskuren angenehm in die Augen, und im Fußboden blau ausgelegt, empfing den Eintretenden ein einladendes Salve. Der Vorsaal selbst war mit Kupferstichen und Büsten reichlich verziert. Rückwärts führte eine zweite Büstenhalle durch eine lustig umrankte Tür zum Altan und zur Gartentreppe. In ein zweites Zimmer geführt, sah ich mich abermals von andern Kunstwerken und Altertümern umgeben; endlich kündete ein rüstiger Schritt den werten Mann selbst an. Einfach, im blauen Zeugoberrocke gekleidet, gestiefelt und in kurzem, gepudertem Haar, mit den bekannten, von Rauch herrlich aufgefaßten Gesichtszügen, in gerader, kräftiger Haltung schritt er auf mich zu und führte mich zum Sofa. Die Jahre haben auf Goethe wenig Eindruck gemacht, der Arcus senilis in der Hornhaut beider Augen beginnt zwar sich zu bilden, aber ohne dem Feuer des Auges zu schaden. Überhaupt ist das Auge in ihm vorzüglich sprechend; mir erschien darin zunächst die ganze Weichheit des Dichtergemüts, welche sein übriger ablehnender Anstand nur mit Mühe zurückgehalten zu haben und gegen das Eindringen und Belästigen der Welt geschützt zu haben schien. Wohl aber flammte auch im weitern wärmern Gespräche dann und wann das ganze Feuer des hochbegabten Sehers hervor. – So saß ich ihm denn nun gegenüber! Die Erscheinung eines Menschen, welchem ich selbst soviel Einfluß auf meine Entwicklung zugestehen mußte, war mir plötzlich nahegerückt, und ich war um so mehr bemüht, diese Erscheinung hinlänglich zu erfassen und zu beobachten. – Die gewöhnlichen einleitenden Gespräche waren bald beseitigt, und ich erzählte von meinen neuen Arbeiten über das Knochengerüst und teilte ihm die Bestätigung seiner frühern Vermutung über das Dasein von sechs Kopfwirbeln mit. Zur schnellern Darlegung ersuchte ich um Bleistift und Papier, wir gingen in ein zweites Zimmer, und wie ich nun den Typus eines Fischkopfes in seiner Gesetzmäßigkeit schematisch entwickelte, unterbrach er mich oft durch beifällige Ausrufungen und freudiges Kopfnicken. »Ja, ja! die Sache ist in guten Händen,« sagte er; »da haben uns der S. und B. so etwas hergedunkelt; nun, nun! ja, ja!« Der Diener brachte eine Kollation und Wein; wir genossen. Er sprach von meinen Bildern, erzählte, wie ihm das Brockenhaus längere Zeit rätselhaft geblieben sei, und wie diese Dinge überhaupt wohl in Ehren gehalten würden. Auch ließ er sein Portefeuille über vergleichende Anatomie bringen, und zeigte seine früheren Arbeiten. – Späterhin kamen wir auf das Bedeutungsvolle in der Form der Felsen und Gebirge für die Bestimmung der Art des Gesteins, ja für die gesamte Bildung der Erdoberfläche, und auch hier war er schon gewesen, ja hatte dafür gesammelt, wie eine zweite Mappe mit Felsenzeichnungen vom Harz und andern Orten bewies. – Kurze Zeit blieb ich dann im Zimmer allein, und es war mir merkwürdig, die nächsten Umgebungen Goethes zu beachten. Außer einem hohen Gestelle mit gewaltigen Portefeuilles zur Kunstgeschichte interessierte mich ein Schrank mit Schubkästen (vielleicht Münzsammlung), auf dessen Decke eine große Menge antike Götterbilderchen, Faunen usw., darunter indes auch ein ganz kleiner goldener Napoleon in das Stück einer glockenförmig verschlossenen Barometerröhre gestellt, sich bemerklich machten. – Alles deutete auf die vielseitigen Bestrebungen des Besitzers! – Als Goethe wieder eingetreten war, wendete sich das Gespräch noch auf die entoptischen Farben, er ließ Karlsbader Glasbecher mit gelber durchsichtiger Malerei bringen und zeigte mir daran die fast wunderbaren Verwandlungen von Gelb in Blau, Rot und Grün, je nachdem die Beleuchtung so oder so geleitet wurde. Äußerungen über die ungünstige Aufnahme so vieler seiner wissenschaftlichen Arbeiten konnte er nicht ganz unterdrücken, und eine jede Pause des Gesprächs wurde mit einem höchst gutmütig ausgesprochenen »ja, ja!« und »nun, nun!« belebt. Ich durfte mich nicht entfernen, ohne einen Becher Weins mit ihm geleert und ein feines Weißbrot mit ihm geteilt zu haben, und so war es 1 Uhr geworden, als ich scheiden mußte, ich ging, – in aller Hinsicht erfreut und erwärmt.«

Ich habe ihn leider! seit diesen Tagen nie wieder gesehen! – Meine Rückreise führte über andre Gegenden, und andre Reisen konnten diese Richtung nicht nehmen. Nichtsdestoweniger blieben wir in steter Wechselwirkung. Zurückgekehrt, sendete ich bald an Goethe einige Tafeln, auf welchen die Gliederung des Kopfskeletts aus drei Schädelwirbeln, drei Hilfs- oder Zwischenwirbeln und drei Antlitzwirbeln genau verzeichnet war, und auch von einer andern Arbeit, welche seit mehreren Jahren in meinem Pulte lag, nämlich von den Briefen über Landschaftsmalerei hatte ich ihm Meldung gegeben und war bereit, sie ihm vorzulegen.

Bald darauf erhielt ich folgenden Brief, welcher abermals manche sehr gewichtige Äußerung enthält: –

Ew. Wohlgeboren

nur allzukurzer Besuch hat mir eine tiefe Sehnsucht zurückgelassen, ich habe mich die Zeit her gar oft mit Ihnen im stillen unterhalten und Ihre Reise in Gedanken begleitet, überzeugt, daß schöne Früchte zu erwarten seien, und zwar nicht späte, sondern unmittelbare, indem Sie sammelnd und erwerbend, alsobald zu ordnen wissen.

Wir leben in einer eigenen Zeit, die wahre Naturansicht verbreitet sich zwar immer mehr, das Wunderliche jedoch ist dabei, daß die Mitarbeiter sich als Rivalen zeigen und wenige recht begreifen, daß, um etwas zu sein, man einem großen Ganzen gehören müsse.

Die übersendeten zwei Tafeln sind mir sehr wert, ich sehe, daß sie die Abteilung in sechs Schädelknochen mit Nummern bezeichnen und durch hinzugefügte Buchstaben auf die Übereinstimmung hindeuten.

Wie traurig, schrecklich, sinnverwirrend ist gegen diesen einfachen Vortrag das kolossale, in gleichem Maße verunglückte Spixische Werk, welches die alte Wahrheit wieder zutage bringt, daß man mit fremdem Gute nicht so bequem, fruchtbar und glücklich gebare als mit eignem.

Wenn ich nun schon, Ihre Tafeln betrachtend, meine eigne Überzeugung darin zu sehen glaube, so wünschte ich doch, Sie übersendeten mir gefällig die Worterklärung dazu, damit ich sicher wisse, daß meine Auslegung mit der Ihrigen übereintrifft; ich muß dieser Angelegenheit in dem 4. Hefte der Morphologie, woran eben jetzt gedruckt wird, notwendig gedenken, da möchte ich mich denn am liebsten in völliger Übereinstimmung mit Ihnen ausdrücken.

Wollten Sie ferner auch von dem Werke selbst über das Schalen- und Knochengerüst kürzlich mitteilen, was Sie allenfalls zur Kenntnis des Publikums zu bringen geneigt wären, so würde solcher Anzeige gern eine schickliche Stelle anweisen.

Bei Gelegenheit der trefflichen Arbeiten d'Altons, deren 2. Heft, die Pachydermata enthaltend, eben vor mir liegt, werd ich einiges zu äußern haben. Solche Bemühungen müssen freilich Bewunderung und Erstaunen erregen und alles, was in uns steckt, zutage bringen.

Schließlich aber bekenne ich gern, daß es mir sehr angenehm sein wird, Ihren Aufsatz über die landschaftlichen Bilder zu lesen. In meiner Kupferstichsammlung habe diesem Kapitel eine große Breite erlaubt und besitze sehr viel erfreulich Belehrendes von der Zeit an, wo die Landschaftsmalerei sich mit der geschichtlichen erst ins Gleichgewicht setzte, dann sich von ihr loslöste, aber noch immer dichterisch blieb, bis sie in der neuern Zeit, nach dem Durchgang durch eine gewisse Manier, sich zu wirklichen Ansichten beinahe ausschließlich herangibt.

Wie sehr Sie ein Recht haben, über diese Gegenstände zu sprechen, beweisen Ihre eigenen Arbeiten, die noch täglich mir und meinem Sohn viel Freude machen, dem ich, als einem Höhelustigen, das Brockenhaus abtreten mußte.

Von Zeit zu Zeit würde uns eine Sendung dieser Art sehr erfreuen, sie sollte ungesäumt zurückkehren; fürs Porto ist diesseits gesorgt.

Treulich teilnehmend

Goethe.
Weimar, den 13. Januar 1822.

 

Dem Wunsche am Schlusse dieses Briefes hatte ich einen Monat später durch Übersendung eines Bildes entsprochen, welches späterhin Eigentum Ihrer Majestät, der jetzt unlängst verstorbenen Königin Carolina von Bayern geworden ist. Es stellte den Abendspaziergang Fausts am Ostervorabende dar und wurde von Goethe, welcher es einige Zeit zur Ansicht dort behielt, in den Heften über Kunst und Altertum ausführlicher besprochen. Nächstdem hatte ich für die morphologischen Hefte einen Aufsatz über die Konstruktion der Schalenformen mitgeteilt, zu welchem einige schematische Figuren gehörten. – Auf alles dieses sowie auf das Manuskript der Briefe über Landschaftsmalerei bezog sich das, was in den folgenden vier Briefen, von welchen die beiden letztern als Empfehlungsbriefe für talentvolle Künstler zu betrachten sind, enthalten war: –

Ew. Wohlgeboren

geneigte Sendung hat mir und den sämtlichen Kunst- und Naturfreunden große Freude gemacht; fürwahr! Sie vereinigen soviel Eigenschaften, Fähigkeiten und Fertigkeiten, deren innigst lebendige Verbindung teilnehmendes Bewundern erregt.

Von allen jedoch nächstens umständlicher, gegenwärtig nur die vorläufige Bitte, ob Sie wohl die Gefälligkeit haben wollten, beikommendes Blättchen zu rektifizieren? Ich würde die beiden Zirkel mit ihren Buchstaben in Holz schneiden und die Erklärung wie hier geschrieben mit Druckschrift untersetzen lassen; deswegen um genaue Berichtigung des Blättchens wohl bitten darf.

Schließen kann ich übrigens nicht, ohne zu sagen, daß Ihre Hilfswirbel mich sehr ansprechen; besonders der erste, dessen Notwendigkeit ich immer dunkel geahnt habe; wie freut mich, daß mein Vorgefühl durch Ihre schönen Bemühungen zum Schauen geführt wird.

Ergebenst
J. W. Goethe.

Weimar, d. 18. Febr. 1822.

 

Dieser Brief ist vor meinen Briefen über Landschaftsmalerei abgedruckt worden. Ew. Wohlgeboren

die angenehmen Bilder zurücksendend, füge zugleich den schriftlichen Aufsatz hinzu; beide stehen in dem reinsten Bezug und deuten auf ein zartes, gefühlvolles Gemüt, das in sich selbst einen wahren haltbaren Grund gefunden hat. Die hiesigen Kunstfreunde wallfahrteten fleißig zu dieser lieblichen Erscheinung und eigneten sämtlich mit Behagen und Zufriedenheit jeder sich das Seinige zu. Haben Sie daher vielen Dank für die Mitteilung, wobei ich nur wünsche, daß die zarten Arbeiten wieder glücklich zu Ihnen gelangen mögen, worüber mir gefällige Nachricht erbitte. Die so wohl gedachten als schön geschriebenen Briefe über Landschaftsmalerei sollten Sie dem Publikum nicht vorenthalten, sie werden gewiß ihre Wirkung nicht verfehlen und für die mannigfaltigen Anklänge der Natur das Auge der Künstler und Liebhaber glücklich aufschließen. Wenn ich nun von der anderen Seite betrachte, wie tief und gründlich Sie das organische Gebild erfassen, wie scharf und genau Sie es charakteristisch darstellen, so ist es wirklich als ein Wunder anzusehen, daß Sie bei solcher Objektivität so gewandt sich zeigen in demjenigen, was dem Subjekt allein anzugehören scheint.

Der ungeachtet Ihrer deutlichen Zeichnung in den Druckerstock sich eingeschlichene Fehler läßt sich leider nicht wieder herstellen, daher werde das erratum bemerken, wie Sie es angezeigt haben. Lassen Sie mir von Zeit zu Zeit, wie Ihre Tafeln fertig werden, einen Abdruck sehen, damit ich die Ungeduld auf Ihr erst in einem Jahre zu hoffendes Werk einigermaßen beschwichtige. Bezog sich auf mein erst sechs Jahre später erschienenes Werk von den Ur-Teilen des Knochen- und Schalengerüstes. C. Das neueste Heft meiner Morphologie übersende nächstens.

Treulich teilnehmend
J. W. v. Goethe.

Weimar, d. 20. April 1822.

 

Ew. Wohlgeboren

Geneigtheit läßt mich hoffen, daß Sie den Überbringer dieses freundlich aufnehmen, auch meine und seine Wünsche wohlwollend erfüllen mögen.

Ein talentvoller Jüngling, Friedrich Preller, Schüler des hiesigen Zeichnen-Instituts, welcher schon das vergangene Jahr einige Zeit in Dresden zugebracht und auf der Galerie zwei Gemälde nach Ruisdael und Potter kopiert hat, zieht jetzt wieder dahin, um das Studium der Landschaftsmalerei weiter fortzusetzen, und ich nehme mir die Freiheit, denselben Ew. Wohlgeboren zu empfehlen, damit er seine Absicht desto sicherer erreiche. Er hat sich durch Fleiß und natürlich gute Anlage bereits eine hübsche Fertigkeit im Zeichnen und Malen erworben, und so möchte es angemessen sein für ihn, sich nun den künftigen Sommer an irgendeinem bedeutenden Bilde zu versuchen. Ruisdael oder Berghem scheinen mir diejenigen Meister, welche der Neigung unsers jungen Künstlers am besten zusagen und an denen sich auch sein Talent am fördersamsten entwickeln dürfte; Ruisdael wegen dem Gehalt und der Anmut seiner Erfindung, schöner Wirkung und Übereinstimmung des Ganzen, Berghem vorzüglich wegen dem vortrefflichen Vieh, womit er zu staffieren pflegt, wegen der Heiterkeit in den Farbentönen, und weil sich auch in seinen Entwürfen zuweilen eine poetische Großartigkeit findet.

Zwar wollte ich überhaupt weder wegen der Wahl eines Gemäldes etwas bestimmen, noch den Meister ausschließlich nennen, an den sich Preller halten soll, man wird sich in beiden nach den obwaltenden Umständen richten müssen; aber ich wollte Ew. Wohlgeboren freundlichst ersuchen, besagtem jungen Menschen mit Ihrem Rat und Ihrer Kunsterfahrenheit bei der Wahl eines zu kopierenden Gemäldes an die Hand zu gehen, wie auch denselben auf der Galerie durch Ihre vielgeltende Fürsprache zu begünstigen.

Der ich in Hoffnung: daß sowohl Gemälde als Manuskript glücklich angekommen, mich bestens empfehle und mit aufrichtiger Hochachtung unterzeichne

ergebenst
J. W. v. Goethe.

Weimar, d. 25. April 1822.

 

Ew. Wohlgeboren

erhalten abermals durch einen geschickten Künstler das Gegenwärtige, der auf alle Weise verdient, von Ihnen gekannt zu sein. Es ist Herr Professor Kolbe von Bonn, der sich lange in Paris aufgehalten hat und schon seit den Weimarischen Kunstausstellungen mit mir in Verbindung steht. Das eigne Talent wird er legitimieren, auch seine und unsere Freude an Ihren Landschaften aussprechen. Es steht darüber ein Aufsatz, für Kunst und Altertum bestimmt, schon auf dem Papier. Verschiebt sich der Druck, so sende eine Abschrift.

Noch vor meiner Abreise nach Böhmen hoffe das 1. Heft Morphologie zu überschicken, mit herzlichem Dank, daß Sie solches durch Ihre Anzeige haben schmücken wollen.

Das Bonner osteologische Werk habe nicht gesehen. Können sich doch die Menschen über viel leichtere Dinge nicht vereinigen, was werden sie diesem Problem noch alles für Auslegung suchen. Ich meinerseits glaube bei der Ihrigen acquieszieren zu können.

D'Altons Faul- und Fettiere sind jetzt mein tägliches Studium, er bringt gar vieles den Augen und dem Geist entgegen.

Möge Ihnen alles Unternommene gelingen, vielleicht senden Sie mir Tafeln und Aushängebogen, wie sie mitteilbar werden, damit ich nicht allzulange warten darf. Mit den besten Wünschen

treulich teilnehmend
J. W. v. Goethe.

Weimar, d. 8. Juni 1822.

 

Im folgenden Jahre empfing ich mit dem nachstehenden Briefe die Sendung des 1. Heftes vom 4. Bande von »Kunst und Altertum«, allwo S. 48 und folgende vier meiner Bilder etwas ausführlicher besprochen werden. – Merkwürdig war mir, daß in diesem Briefe Goethe zum ersten Male seines Befindens erwähnte, denn obwohl er hier noch zufrieden sich darüber ausspricht, war ihm doch schon eine schwere Krankheit nahe, von welcher er erst sich Ende März erholen konnte:

Beikommendes neustes Heft von Kunst und Altertum fordert mich auf, auch wieder einmal an Ew. Wohlgeboren Wort und Gruß gelangen zu lassen; da ich dann zuvörderst den Wunsch ausspreche, daß die Gedanken der Weimarischen Kunstfreunde über die höchst schätzbaren Bilder auch Ihr eigenes Gefühl ansprechen mögen.

Hinzufüge eine Anfrage, der ich den zweiten Wunsch beigeselle: möchten Sie mir für das nächste Heft morphologischen Inhalts nur irgendeinen kleinen Beitrag geben? meinen Zwecken gemäß, die Ihnen genugsam bekannt sind. Vielleicht sagen Sie etwas über Ihr neustes Werk, welchem wir zu Ostern entgegensehen. Wenn es auch nur wenige Blätter sind, so wäre es mir angenehm als ein Zeugnis teilnehmenden, wechselseitigen Verhältnisses; ich habe noch einige Freunde um die gleiche Gefälligkeit ersucht.

Möge nach der strengen Kälte die milde Witterung auch Ihnen zugute kommen und das bevorstehende Frühjahr in den herrlichen Dresdner Gegenden Ihnen vollkommen genußreich werden. Mein Befinden ist von der Art, daß ich die vergangenen drei Monate zu manchen Arbeiten und Vorarbeiten ununterbrochen benutzen konnte. Mit den aufrichtigsten Wünschen

ergebenst
J. W. v. Goethe.

Weimar, d. 31. Januar 1823.

 

Mit einem der folgenden Briefe erhielt ich einen kleinen, nett eingerichteten Apparat zur Farbenlehre. Wie ich oben erzählte, hatten wir gemeinschaftlich bei meiner Anwesenheit in Weimar einige jener gemalten Karlsbader Trinkgläser betrachtet, auf welchen sich manche Urphänomene der Farbenbildung, insofern sie durchscheinende Farben betrafen, prächtig herausstellten. – So erinnere ich mich eines Glases, auf welchem die eingebrannte Malerei einer zusammengerollten Schlange sich befand. – Sah man sie an dem frei in hellem Lichte stehenden Glase, so erschien die Schlange gelb, legte man hingegen ein schwarzes Papier in das Glas und betrachtete das Bild bei von vorn auffallendem Lichte, so glänzte es im prächtigen Ultramarinblau, während ein schief einfallendes Licht sogleich diese Farbe in angenehmes Papageigrün verwandelte. – Diesen Vorgang der Farbenentstehung bei durchscheinendem Lichte hatte nun Goethe eigentlich zuerst genauer verfolgt. Ihm war es ganz klar geworden, daß eine Farbe, die uns tausendfältig entzückt und beglückt, nämlich das reine Himmelsblau, nur dadurch entstehe, daß wir das tiefe Dunkel des unendlichen Weltraums durch die erleuchtete Trübe einer vom Sonnenlicht durchdrungenen Atmosphäre hindurchscheinen sehen; ebenso wie andererseits die rote Glut der untergehenden Sonne nur dadurch zustande kommt, daß eine absolute Helligkeit, wie die der Sonne, durch das sich davor stellende Trübe der irdischen Atmosphäre gemildert und gefärbt wird. Wie gesagt, diese Art der Farbenbildung hatte sich dem tiefsinnigen Geist Goethes zuerst recht klar erschlossen, und sie wurde durch kleine Apparate wie der, den er mir sendete, wo sich unter gespannten Fäden kleine, trübgelblich durchscheinend gebrannte Glastäfelchen bald auf schwarzem, bald auf weißem Felde hin- und herschieben lassen, trefflich erläutert. – Will man Goethes Farbentheorie eine Unvollkommenheit nachweisen, so ist sie nur darin zu suchen, daß ihm nicht aufgegangen war, es gebe außer der Farbenbildung auf dem Wege des durchscheinenden Lichtes, welche er eigentlich allein gelten ließ, auch noch eine Farbenbildung durch Lichtbrechung (so entsteht die Farbenpracht des Regenbogens und das Farbenspiel des Diamants) und eine Farbenbildung durch Spiegelung (wohin sämtliche Pigmentfarben zu zählen sind). – Für die Farbenentstehung oder Chroagenesie, wie Goethe sagt, ist nun jener kleine mir gesendete Apparat ein allerliebster Wegweiser, und vielfältige Versuche mit demselben haben seitdem gar oft Freunden und Bekannten das Phänomen der Farbenentstehung im Durchscheinen erläutert. Dabei muß ich aber noch gedenken, daß auch in der Art und Weise, wie Goethe selbst dergleichen Kleinigkeiten nur mit einer gewissen Nettigkeit und Akkuratesse eingerichtet wissen mochte, man in Wahrheit fast den Vater wiederzuerkennen meint, welcher die Zeichnungen des Sohnes nicht in ihren verschiedenen ungleichen Formaten ertragen wollte, sondern allesamt sauber mit der Papierschere in ein gewisses regelmäßiges Format zusammenschnitt. Wirklich erinnere ich mich keiner Sendung von Goethe, so Bücher, kleiner Geldsendungen für Kupferstecher und dergleichen, die nicht aufs zierlichste verpackt gewesen wäre, und so war auch dies kleine, zur Erläuterung der Chroagenesie bestimmte Kästchen zwar einfach, aber höchst regelmäßig und zierlich eingerichtet und verpackt. – Nicht minder hatte ich ja gesehen, wie in seinen Zimmern und Portefeuillen eine strenge, musterhafte, an Pedanterie grenzende Ordnung und Reinlichkeit herrschend war, und fern von aller ostensibler liederlicher sogenannter Genialität, konnte die Ordnung und Zierlichkeit seiner äußeren Umgebung ein wohltuendes symbolisches Bild geben von der feinen Ordnung und lichten Schönheit seines innern geistigen Lebens. –

Daß ich übrigens die mir von Goethes Sohne gemeldete glückliche Genesung des Vaters mit Freuden aufnahm, kann man denken, und indem ich letzterm meine innigsten Glückwünsche hierzu im April 1823 gesendet und ihm zugleich einen jungen, für das Fach der Kunstgeschichte reisenden Dänen angelegentlich empfohlen hatte, konnte ich nicht umhin, anzufragen, wo doch jene für die Bildung durchscheinender Farben so interessanten Becher zu haben wären. Erwiderung hierauf findet sich im ersten der beiden folgenden Briefe, während der zweite den kleinen Apparat selbst begleitete: –

Ew. Wohlgeboren

verfehle nicht zu vermelden, daß Herr Hoym aus Dänemark seinerzeit glücklich angekommen und ich ihn, da ich mir es eben zumuten konnte, eine kurze Zeit gesprochen; ich habe an ihm einen ganz wackern jungen Mann gefunden, und unser Hofrat Meyer, der ihn öfter gesehen, gibt ihm auch das beste Zeugnis und hat ihn gewiß in seinem Fache gefördert.

Für Ew. Wohlgeboren Teilnahme an meiner Wiedergenesung danke zum allerbesten; bei meinem Wiedereintritt ins Leben erfreue ich mich doppelt und dreifach derjenigen Männer, welche auf so trefflichen Wegen sind, und fand es höchst wünschenswert, noch eine Zeitlang in Ihrer Nähe zu verweilen und Zeuge von Ihren Fortschritten zu sein.

Zugleich sei mir eine Anfrage erlaubt: ob die den 12. März von hier abgegangene, für die Morphologie bestimmte Zeichnung richtig zu Ihnen gelangt ist und ob ich hoffen kann, die erbetene Kupfertafel bald zu erhalten? Der verdienstvolle Aufsatz ist abgedruckt und die Hefte gehen ihren gemessenen Schritt vorwärts.

Sehr gern würde ich ein Trinkglas, wie Sie bei mir gesehen, überlassen, wenn noch eins vorrätig wäre; das vorgezeigte ist mein letztes; sie sind überhaupt seltener, als ich anfangs dachte; bei meinem vorjährigen Aufenthalt konnte keins erlangen. Indessen sende nächstens auf eben die Weise getrübte Glasscheibchen, welche dieselben Phänomene nur nicht mit solcher Anmut vor Augen bringen; ich füge noch einige Bemerkungen alsdann hinzu.

Der ich mich aufs neue zu fortdauerndem wohlwollendem Andenken, sowie zu gelegentlicher Mitteilung schönstens empfohlen haben will.

Ergebenst
J. W. v. Goethe.

Weimar, d. 14. April 1823.

 

Hierbei erfolgt ein kleiner, einfacher Apparat an der Stelle eines wünschenswertem Trinkglases. Wollen Sie indessen bei hellem Tage, ja im Sonnenschein selbst, diese Blättchen bald auf weißem, bald auf schwarzem Grunde betrachten, so werden Sie sehen, wie schön das größere über dem Weißen gelb erscheint und über dem Schwarzen ins Violette hinüber äugelt. Das kleinere Glas zeigt über dem Weißen Chamois und über dem Schwarzen ein reines Himmelsblau.

Von diesem letzten hätt' ich gern auch ein größeres Scheibchen gesendet, allein sie gelingen bei der chemischen Operation seltener und werden so spröde, daß sie leicht zerspringen; indessen zeigt doch diese kleine Scherbe, worauf es eigentlich ankommt; hier ist der Grund aller Chroagenesie, wem er sich entfaltet, der ist geborgen.

Ew. Wohlgeboren müßte dies alles bei dem schönen Blick in die Natur nicht fremd sein; doch ist es immer fördernd, wenn wir die Gesetze kennen dessen, was wir aus innerm Antrieb praktisch geleistet haben. Erhalten Sie mir ein freundliches Gedenken.

Ergebenst
J. W. v. Goethe.

Weimar, d. 16. April 1823.

 

In diesem und in dem folgenden Jahre hatte Goethe sich noch einmal insbesondere den Naturwissenschaften zugewendet und fast anhaltend beschäftigte ihn die Herausgabe der Hefte zur Morphologie. Mit Lebhaftigkeit interessierte er sich fortwährend für meine Arbeiten über die Lehre vom Wirbelbau und dieses gab mehrfachen Anlaß zu abermaliger Wechselwirkung. Mir selbst hinwiederum war in jenen Jahren als Gegensatz und Ruhepunkt nach angestrengten wissenschaftlichen Arbeiten eine zeitweise Beschäftigung mit der Kunst ein unabweisbares Bedürfnis, und manches Bild von tieferer poetischer Intention datiert aus jenen Tagen. Auch hieran nahm Goethe freundlichen Anteil und von beiderlei Beziehungen geben die nachstehenden vier Briefe, in welchen er nicht selten meiner Bestrebungen nur zu wohlwollend und fast enkomiastisch gedenkt, ein unverkennbares Zeugnis: –

Ew. Wohlgeboren

verzeihen, wenn beikommendes Heft zu spät anlangt; vor meiner Badereise ward es nicht fertig und jetzt drängt sich so manches zusammen, das ich nicht alsobald ins Gleiche bringen kann. Haben Sie Dank für das Mitgeteilte. Finden Sie etwas für das nächste Heft, so werd' ich es mit Vergnügen aufnehmen. Indessen bitte von Ihrer neusten Beschäftigung mir einige Kenntnis zu geben. Mich bedrängt altes und neues Interesse von so mancherlei Seiten, daß ich keiner genug zu tun glaube, doch will ich nach und nach teils öffentlich, teils im Vertrauen, davon einiges mitteilen.

Nehmen Sie indes den besten Dank für den Anteil, welchen Sie dem fähigen Preller gönnen wollen; freilich lassen sich die jungen heranstrebenden Künstler nicht immer so leiten wie man wünscht; mir will oft scheinen, als wenn Auge und Ohr anders als vor Zeiten gebildet sei, nicht empfänglich für das, was man sonst für das Beste hielt.

Mögen Sie mich wissen lassen, was Sie der Naturforschenden Gesellschaft in Halle vorgetragen, so fördern Sie mich gewiß und verpflichten mich aufs neue. Mit den aufrichtigsten Wünschen

ergebenst
J. W. v. Goethe.

Weimar, d. 30. September 1823.

 

Ew. Wohlgeboren

sende mit Gegenwärtigem die treffliche Abhandlung zurück. Was ihr in der Eile abzugewinnen war, ist schon alles wert, denn ich konnte mir den Hauptbegriff aneignen, woraus das Nähere sich mit Muße entwickeln wird, wenn mir der Abdruck vor Augen kommt. Nehmen Sie vorläufig meinen besten Dank. Vielleicht gönnen Sie mir eine kleine Anzeige, oder was es auch sei von dem, was Sie zunächst geleistet haben und leisten, für das eben im Druck begriffene Heft der Morphologie. Es ist mir sehr angenehm, daß eine solche Beschäftigung mich mit den großen Bewegungen des Tages immer in einigem Bezug erhält.

Was Sie uns an eigenen Gemälden mitteilen mögen, soll in dem Museum in gutem Lichte aufgestellt werden, vielleicht tauschen Sie solche Stücke von Zeit zu Zeit mit andern aus und setzen uns dadurch in den Stand, die bewundernswürdige Vielseitigkeit Ihrer ausgebildeten Naturgaben anzustaunen und näher kennen zu lernen. Es ist überhaupt mit Worten nicht auszusprechen, auf welcherlei Betrachtung Ihre unerschöpfliche Tätigkeit hinweist.

Aufrichtigste Anerkennung und Teilnahme

ergebenst
J. W. v. Goethe.

Weimar, d. 29. Oktober 1823.

 

Ew. Wohlgeboren

benachrichtige ich hiermit schuldigst, daß die übersandten Bilder glücklich angekommen sind und bis jetzt den Weimarischen Kunst- und Naturfreunden zu vergnüglicher Betrachtung Gelegenheit geben. Die Aufstellung derselben in dem Museum werde zu gelegener Zeit bewirken, wenn es sich fügt, daß Aufmerksamkeit und allgemeine Teilnahme darauf zu lenken ist, da in diesen Augenblicken, bei ungünstiger Jahreszeit noch mancherlei Zerstreuung sich zwischen ruhige Betrachtung und ein Kunstwerk stellt.

Der höchst fruchtbare, mitgeteilte Aufsatz ist abgedruckt, und da ich in eben diesem laufenden Hefte noch einige Worte über Schädel und Wirbel von meiner Seite sagen möchte, so frage an: ob es mit Ihren Zwecken übereinstimmt, daß ich Ihrer Hilfswirbel, die sich mit meiner Vorstellungsweise sehr wohl vertragen, in allen Ehren gedenken dürfte, oder ob Sie sich vielleicht vorbehalten, diese neue Ansicht im Zusammenhange des Hauptwerkes selbst zuerst vorzutragen.

Alles Gute wünschend, Ihre vielseitige glückliche Tätigkeit mit Freude bewundernd, empfehle mich zu fernerem wohlwollenden Andenken.

Ergebenst
J. W. v. Goethe.

Weimar, d. 1. Januar 1824.

 

Ew. Wohlgeboren

für die letzte Sendung sowie für alles, was mir von Ihnen zugekommen, zum besten dankend, vermelde, daß der Kasten mit den Bildern von hier nach Jena abgegangen und, wie ich hoffe, sorgfältig von dort weiterspediert werden wird. Diese wahrhaft liebenswürdigen tiefgefühlten Kunstwerke kamen zur ungünstigsten Zeit. Unser erst werdendes Museum lag durch unheilbar schwere Krankheit des Aufsehers in trauriger Stockung, die sich dadurch vermehrte, daß eben in dem Augenblicke noch eine andre Anstalt damit verbunden werden sollte, wodurch denn die Verwirrung immer größer ward; die Säle wurden selten besucht, ich hielt Ihre Bilder bei mir aufgestellt, wo sie zu mancher angenehm-geselligen Unterhaltung dienten.

Nun ergriff ich bei unserer letzten Ausstellung die Gelegenheit, sie in ein günstiges Licht zu setzen, wo sie denn auch von Hof und Publikum mit Anteil betrachtet wurden; aber mein Wunsch ward demungeachtet nicht erfüllt; gern hätt ich, mit Ew. Wohlgeboren Zustimmung, einiges hier festgehalten, doch auch das wollte nicht gelingen.

Ich bin umständlich in solcher Erzählung, weil ich nicht wünschte, daß Sie mich in dieser Angelegenheit für nachlässig hielten; die Umstände waren aber noch viel verwickelter, als ich erzählen kann. Sei es den Weimarischen Kunstfreunden vergönnt, bei Gelegenheit ihre Teilnahme an diesen werten Kunsterzeugnissen auszusprechen. Was ich von Ihren naturwissenschaftlichen Bemühungen gewahr werde, erfüllt mich jederzeit mit Bewunderung, ich mag die tiefen, reinen Ansichten oder den glücklich freien Vortrag, die genauen Inneres und Äußeres entwickelnden Darstellungen betrachten, alles erregt in mir die genügsamsten Gefühle; Urteil hab' ich nicht über Ihre Arbeiten, ich muß mich darin zu finden suchen, sie zu nutzen wissen und freue mich, in meinen hohen Jahren so viel davon aufnehmen zu können.

In dem leider über die Gebühr verspäteten morphologischen Hefte finden Sie Ihren schönen längst mitgeteilten Aufsatz, und auch von meiner Seite mancher treuen Erwähnung.

Möge die wenige Wirkung, die mir noch vergönnt ist, auch Ihnen zu einiger Zufriedenheit gereichen.

Aufrichtig teilnehmend
J. W. v. Goethe.

Weimar, d. 2. Oktober 1824.

 

Am Anfange des folgenden Jahres ersuchte mich ein Freund – musikalischen Bestrebungen seit frühen Jahren eifrig zugewandt, bei Goethe anzufragen und einzukommen, ob er nicht geneigt sich finden dürfte, zu jenem niedlichen kleinen Singspiel – Jery und Bätely – mit dessen Komposition dieser Freund sich eben beschäftigte – noch einen etwas massenhaftern Schluß hinzuzudichten. – Nur mit einer gewissen Sorge, Goethe zu belästigen, konnte ich mich entschließen, ihm in dieser Angelegenheit zu schreiben; indes – mein Brief mußte den alten Herrn gerade in der behaglichsten Stimmung getroffen haben, denn wenige Tage später erfolgte schon mit nachstehenden Zeilen die fertige Schlußszene des Ganzen, wie sie nun in allen spätern Ausgaben der Werke aufgenommen ist. – Sie beginnt mit einem Chor der Sennen, dem ein Hörnergetön von Alpe zu Alpe vorausgeht, und endigt mit dem Chor

»Friede den Höhen,
Friede den Matten;
Verleiht ihr Bäume
Kühlende Schatten
Über die junge Frau,
Über den Gatten;
Nun zum Altar!« usw.

Ew. Wohlgeboren

übersende in freundlichster Erwiderung Ihres gestern erhaltenen, geehrten Schreibens einen wahrhaft extemporierten Schluß zu Jery und Bätely. Herr Cerf, dem ich mich bestens empfehle, wird als musikalischer Dichter diese Skizze seinen Zwecken am besten anzupassen verstehen.

Mehr sag ich nicht, damit die heutige Post nicht versäumt werde.

Ergebenst
J. W. v. Goethe.

Weimar, d. 22. Januar 1825.

 

Die Sendung wurde vom Komponisten höchst dankbar aufgenommen und musikalisch bearbeitet, doch ist mir nicht bekannt geworden, daß sein Werk später jemals veröffentlicht worden wäre.

Auf höchst erfreuliche Weise wurde ich im Anfange des Jahres 1826 überrascht durch einen Glückwunsch Goethes – mir zugleich mit d'Alton, dem nun auch, einige Jahre nach Goethe, verstorbenen Autor jener großen trefflichen Abbildungen der Säugetierskelette, bestimmt. Das Blatt kam mir überdies gerade an meinem siebenunddreißigsten Geburtstage, dem 3. Januar, zu Händen und ließ den wohltuendsten und zugleich anregendsten Eindruck für neue Tätigkeit zurück. Denn wer irgend versucht, in einer bestimmten Richtung einen Wirkungskreis im Leben oder in der Wissenschaft sich zu bilden, erfährt, je weiter er diesen Kreis ausdehnt auch um so mehr, neben mancher günstigen Erwiderung, Mißwollen, Widerspruch, ja entschiedene Anfeindung. Dergleichen verfehlt denn doch nicht, zu manchen Zeiten empfindlich zu werden und für eine gewisse unbequeme Stimmung, die sich infolgedessen wohl entwickeln kann, ist kein entschiedeneres Heilmittel zu denken als der beistimmende und durchaus in unsre Gesinnung eingehende Zuruf eines von uns hochgeachteten und allgemein als groß und tüchtig anerkannten Geistes:

»Wenn ich das neuste Vorschreiten der Naturwissenschaften betrachte, so komm' ich mir vor wie ein Wanderer, der in der Morgendämmerung gegen Osten ging, das heranwachsende Licht mit Freuden anschaute und die Erscheinung des großen Feuerballs mit Sehnsucht erwartete, aber doch bei dem Hervortreten desselben die Augen wegwenden mußte, welche den gewünschten gehofften Glanz nicht ertragen konnten.

Es ist nicht zuviel gesagt, aber in solchem Zustande befinde ich mich, wenn ich Herrn Carus Werk vornehme, das die Andeutungen alles Werdens von dem einfachsten bis zu dem mannigfachsten Leben durchführt und das große Geheimnis mit Wort und Bild vor Augen legt: daß nichts entspringt, als was schon angekündigt ist, und daß die Ankündigung erst durch das Angekündigte klar wird, wie die Weissagung durch die Erfüllung.

Rege wird sodann in mir ein gleiches Gefühl, wenn ich d'Altons Arbeit betrachte, der das Gewordene, und zwar nach dessen Vollendung und Untergang darstellt und zugleich das innerste und äußerste Gerüst und Überzug, künstlerisch vermittelt vor Augen bringt und aus dem Tode ein Leben dichtet. So seh ich auch hier wie jenes Gleichnis paßt. Ich gedenke, wie ich seit einem halben Jahrhundert auf eben diesem Felde aus der Finsternis in die Dämmerung, von da in die Hellung unverwandt fortgeschritten bin, bis ich zuletzt erlebe, daß das reinste Licht, jeder Erkenntnis und Einsicht förderlich, mit Macht hervortritt, mich blendend belebt und, indem es meine folgerechten Wünsche erfüllt, mein sehnsüchtiges Bestreben vollkommen rechtfertigt.

Herrn Carus und d'Alton
zum neuen Jahr

treu teilnehmend und
ergeben

Weimar 1826.
J. W. v. Goethe.

 

Bescheidne, durch Vorstehendes veranlaßte Anfrage:

Die untere Kinnlade des Schellfisches erscheint wie eine aufgeblasene Schote; durchsägt zeigt sich zwischen der äußern und innern Lamelle ein festanliegender Knochenkörper. Sollte man diesen als Andeutung eines bei diesem Geschlecht nie zur Entwicklung kommenden Zahnes halten dürfen? –

Durch eigenen Trieb und durch so frische Anregung gefördert, arbeitete ich in jener Zeit anhaltend daran, den Begriff allmählicher, von einer Einheit ausgehender, morphologischer Entwicklung mehr und mehr zu deutlicher Darstellung zu bringen. Das zweite Heft meiner großen Erläuterungstafeln zur vergleichenden Anatomie war im Jahre 1827 vollendet und ausgegeben worden. In diesem Hefte war es die Aufgabe, die verschiedenen Ur-Teile des Skeletts durch die verschiedensten Tierklassen in ihrer Durchbildung zu verfolgen, und auf einer Reihe von großen wohlausgeführten Tafeln fanden die Reihen dieser Formen auf so instruktive und pittoreske Weise sich zusammengestellt, daß Goethe, dem das Heft alsbald mitgeteilt worden war, das Ganze humoristisch mit dem Namen einer wissenschaftlichen Augensalbe wohl zu bezeichnen das Recht hatte. Späterhin hat eine in diesen Wissenschaften mehr und mehr Platz ergreifende mikroskopische Richtung die Forscher mehr als billig von Beachtung der Totalität dieser Gestaltungen abgewendet; indes wird auch dieses in fortrückender Zeit in sein rechtes Gleichgewicht sich wieder herstellen, und man wird erkennen, ebenso wie es unmöglich ist, allein durch mikroskopische Untersuchung der Farbenmaße eines Gemäldes zu einem Begriffe des künstlerischen Wertes des Ganzen zu gelangen, ebenso eine gewisse Gesamtauffassung organischer Formen wesentliche Bedingung sei, wenn es darauf ankomme, die Idee der verschiedenen Organismen in der besonderen Art ihres Sich-Darlebens zu verfolgen und in ihrer eigentümlichen Schönheit zu begreifen.

Goethes Antwort auf jene Sendung lautete also:

Es ist für ein großes Glück zu achten, wenn wir das alte Wort auf uns anwenden können: Was man in der Jugend wünscht, hat man im Alter genug. In vielen Fächern ist mir das gute Geschick geworden, besonders auch in diesem, welches Ew. Wohlgeboren mit so viel vorzüglichem Talent bearbeiten.

Mit sehr angenehmem Gefühl erinnere ich mich der achtziger Jahre, als die vergleichende Anatomie mir das höchste Interesse und die Überzeugung einflößte, daß nur auf solchem Wege Einsicht in die lebende, ja in alle Natur, wie sie auch erscheinen möchte, zu erwerben sei. Camper hatte mächtig gewirkt; ich stand kurz vor seinem Ableben mit ihm in einigem Verhältnis; Sömmerrings rasche Tätigkeit berührte mich mehr; Merck war auch in dieser Liebhaberei mein Geleitsmann. Und so darf ich mich meiner treuen, wenn auch unzulänglichen Bemühungen gern erinnern, jene Epoche mir klar und gegenwärtig denken, nach deren Verlauf ich das Geschäft in den besten Händen sah, um allmählich von der Mitwirkung abzulassen.

Welchen großen Gewinn aber bringen mir nicht jene Arbeiten, da sie mich zur Teilnahme alles dessen, was in der Wissenschaft gefördert wird, aufrufen, mich befähigen solche zu prüfen, zu schätzen und mir zuzueignen; besonders mich an allem dem, was Ew. Wohlgeboren durch Meisterhand fördern und ausbilden, mich zu erquicken und zu beleben.

Höchst erwünscht erschien mir so Ihr zweites Heft, indem es eine wissenschaftliche Augensalbe enthält, die mich klarer und frischer in die Tierwelt hineinsehen macht, nachdem ich dieses Frühjahr und Sommer über veranlaßt worden, auf das ewige Bilden und Umbilden der Pflanzenwelt meine Aufmerksamkeit zu erneuern.

Auch muß ich noch hinzufügen, daß ich durch neue und erneute Verhältnisse zu Graf Sternberg, Cuvier, Sömmerring in die organischen Reste der Vorzeit wieder aufmerksam hineinzusehen gedrängt ward, da mich denn immer Ihre Lehre von den Urerscheinungen begleitete. Faßt man sie recht, so wird uns mit dem Begriff ein stilles heimliches Anschauen des Werdens und Steigerns, Entstehens und Entwickelns immer zugänglicher und lieber.

Persönliche Gegenwart und eine, freilich nicht vorübergehende Unterhaltung über diese Gegenstände würde mich schneller dahin führen, wohin zu gelangen kaum hoffen darf. Indessen geschieht ja das viele Gute, Treffliche, wenn ich es auch nicht in seinem ganzen Umfange mir zueignen kann.

Mit den eifrigsten Wünschen eines fortdauernden Gelingens
treu teilnehmend

J. W. v. Goethe.
Weimar, d. 16. August 1827.

 

Im folgenden Jahre wurde endlich mein Werk über die Ur-Teile des Schalen- und Knochengerüstes, nachdem es mich zehn Jahre hindurch anhaltend beschäftigt hatte, vollendet und dem Publikum übergeben. Es war dasselbe Jahr, in welchem ich als Begleiter Seiner Königlichen Hoheit des Prinzen Friedrich August – gegenwärtigen Königs von Sachsen – eine viermonatige Reise durch Italien und die Schweiz zu machen die erwünschte Gelegenheit hatte, und noch ehe ich abreiste, konnte ich die Zusendung des Buches an Goethe, welcher längst so aufrichtigen Anteil an dieser Arbeit genommen hatte, anordnen. In Florenz erhielt ich seine Antwort – poetisch und tiefsinnig – wie alles was bei höherer Bewegung aus seinem Geiste sich offenbarte:

Ein alter Schiffer, der sein ganzes Leben auf dem Ozean der Natur mit Hin- und Wiederfahren von Insel zu Insel zugebracht, die seltsamsten Wundergestalten in allen drei Elementen beobachtet und ihre geheim-gemeinsamen Bildungsgesetze geahnet hat, aber, auf sein notwendigstes Ruder-, Segel- und Steuergeschäft aufmerksam, sich den anlockenden Betrachtungen nicht widmen konnte; der erfährt und schaut nun zuletzt: daß der unermeßliche Abgrund durchforscht, die aus Einfachstem ins Unendliche vermannigfaltigten Gestalten in ihren Bezügen ans Tageslicht gehoben und ein so großes und unglaubliches Geschäft wirklich getan sei. Wie sehr findet er Ursache, verwundernd sich zu erfreuen, daß seine Sehnsucht verwirklicht und sein Hoffen über allen Wunsch erfüllt worden. Mehr darf ich nicht sagen, denn ich habe kaum einen Blick in das Werk getan, der aber schon auf das Vollkommenste erhebt und befriedigt.

Mit den treuesten Wünschen und Grüßen folge dem würdigen Naturforscher gegenwärtiges Blatt, und wo es ihn trifft, sei es Zeuge meines Dankes und meiner Segnungen. Und so fortan

treu teilnehmend

J. W. v. Goethe.
Weimar, d. 8. Juni 1828.

 

Dies sollte der letzte Brief sein, den ich bei Lebzeiten des verehrten Mannes von seiner Hand bekam! – Manche Änderung in meinen Verhältnissen entfernte mich in der nächstfolgenden Zeit von den komparativ-morphologischen Studien, welche mich mit Goethe bisher in näherer Wechselwirkung erhalten hatten, und als ich sie wieder lebhaft aufnahm, um die zweite so viel vermehrte Ausgabe meiner vergleichenden Zootomie zu besorgen – war der Teure von uns geschieden. – Im Jahre 1831 jedoch brachte eine andere Richtung meiner Bestrebungen mich ihm noch einmal näher. – Die Vorlesungen über Psychologie, welche ich ein Jahr zuvor einem sehr ausgezeichneten Kreise von Männern und Frauen gehalten hatte, waren im Druck erschienen und ich verfehlte nicht, auch sie Goethe vorzulegen. Ganz unerwarteterweise blieb meine Zusendung ohne Erwiderung – und als im März 1832 der Unvergeßliche uns genommen wurde, beklagte ich zwiefach, nicht noch eine erfreuliche Zeile aus seinem letzten Lebensjahre erhalten zu haben. – So vergingen abermals Jahre, als im Winter 1834–1835 die eigentümlichsten Stimmungen mich drängten, meine Gedanken über den damals zuerst uns ganz bekanntgewordenen Faust zu einem deutlichem Bewußtsein zu bringen. – Von neuem trat alles, was in meinem Leben auf Goethe sich bezogen hatte, wieder im hellsten Lichte hervor, lebhaft bewegte sich der Zug der Gedanken um den Dichter und die unsterbliche Dichtung, und was mich damals anhaltend beschäftigt hatte, konzentrierte sich zuletzt in drei Briefen, welche ein Heft bildeten, dessen Herausgabe im Jahre 1835 erfolgte und von manchem edlen Gemüte und feinen Geiste mir Dank eingetragen hat. – Wie seltsam war es mir nun, als gerade um diese Zeit – drei Jahre nach dem Dahinscheiden Goethes – mir ein Brief von ihm an mich zu Händen kam! – Die Sache verhielt sich folgendergestalt: Seine Exzellenz der Kanzler von Müller, der geprüfte, vieljährige Freund Goethes, hatte bei der Durchsicht und Ordnung der Korrespondenz von Goethe geglaubt, in der Korrespondenz mit mir einige Lücken zu bemerken und mich um Abschriften der in den Weimarischen Manuskripten fehlenden Briefe ersucht. Als ich diese sendete und das Verzeichnis der in meinen Händen befindlichen Briefe beifügte, wurde mir erwidert, daß sich unter den von Goethe diktierten mir bestimmten Briefen einer, und zwar der letzte vorfinde, welchen hinwiederum ich gar nicht erhalten zu haben scheine. – Natürlich bat ich sogleich um eine Abschrift desselben und erhielt nun erst die auf Zusendung meiner Psychologie vermißte Erwiderung. – Man kann denken, daß gerade damals, wo ich im Geiste so viel mit Goethe mich beschäftigt hatte, mir das Erscheinen eines Briefes an mich – wie aus einer anderen Welt herüber – den wunderlichsten und lebhaftesten Eindruck hinterlassen mußte! – Wahrscheinlich hatte ihn Goethe diktiert wie alle die übrigen, es war jedoch entweder die Reinschrift zur Unterzeichnung vom Sekretär nicht besorgt, oder die unterzeichnete verloren worden, und so war mir damals entgangen, was mir bestimmt war, um in späterer Zeit doch noch glücklicherweise mein Eigentum zu werden. Hier denn der Brief: –

Ew. Wohlgeboren

bin sehr gern auf jenem Wege gefolgt, den Sie in Natur und Kunst ausübend zu betrachten in den verschiedensten Richtungen eingeschlagen hatten. Ebenso angenehm ist es mir, Sie gegenwärtig zu begleiten, da Sie uns in unser Inneres zurückführen. Ich sage dies bei den ersten Blicken, die ich in Ihr neuestes Werk tue, wo mir so viel Belehrendes und Aufregendes entgegentritt.

Ganz naturgemäß habe ich bei dem Allgemeinen, das Sie vortragen, auf die individuelle Psychologie meiner abgeschlossenen Persönlichkeit zu reflektieren gehabt und glaubte immer doch nur die Ramificationen jenes geistig organischen Systems, auf die verschiedenste Weise durchgeführt, in Wirksamkeit zu erblicken.

So viel sage ich übereilig und nur so viel andeutend, da ich bei wachsendem Interesse, bei innigstem Eindringen in das Gegebene meist den Mut verliere zu einer umständlichen Ableitung und Durchführung meiner Gedanken über das Gewonnene, wie mir es auch bei dem Studium Ihrer die Organisation aufhellenden Schriften gegangen ist; denn gerade da, wo man sich am tüchtigsten auszusprechen wünschte, fangen an die Worte zu fehlen.

Auch hier sage ich nichts weiter, aber zu versichern hab' ich, daß ich Ihre Bemühungen, die uns noch innerhalb des Kreises menschlicher Natur dem Unendlichen anzunähern auf das richtigste und bescheidenste sich bestreben, teilnehmend anerkenne; womit ich denn, eine lange Folge solcher edlen Unternehmungen wünschend, mich und das Meinige zu wohlwollendem Andenken dringlichst empfehle.

Weimar, November 1831.

 

Soweit denn also die Schilderung dessen, was persönlich mich mit Goethe in einige Berührung gebracht hat! – Ich stehe nicht an, es unter die glücklichsten Verhältnisse meines Lebens zu zählen, daß mindestens so weit mir ein Verhältnis zu ihm gewährt war. Wer längere Zeit in der Welt lebt, erkennt gar bald, wie sparsam überhaupt Begegnungen uns gegönnt sind mit Menschen, welche eine höhere Bedeutsamkeit ihres Innern uns wert macht, und welche ein tiefbegründetes reines Wohlwollen uns verbindet. Jede verfehlte Begegnung solcher Art ist ein unersetzlicher Verlust, jede erlangte und glücklich gegönnte ein unschätzbarer Gewinn. – Es hat mich daher immer wahrhaft gerührt, wenn der würdige, hochbejahrte C. W. Hufeland in seiner Nachschrift zu Dr. C. Vogels Aufsatz: »Die letzte Krankheit Goethes« – noch mit wahrhaft jugendlicher Wärme das Glück preist, Goethe im Leben nähergestanden zu haben. Er durfte das in so viel weiterer Beziehung sagen – obwohl gerade über irgend wichtigere Probleme er wohl kaum mit Goethe in vieler Wechselwirkung sich befunden hatte; allein ihm war das Glück geworden, Goethe noch in den Jahren voller Kraft des jungen Mannes zu beobachten, und indem ich nun hier diesen ersten Abschnitt beschließe, halte ich es für angemessen, jene Äußerungen Hufelands hier noch selbst mit aufzunehmen, da sie in der Folge zu manchen weitern Betrachtungen uns führen werden. – Seine Worte sind: –

»Ich rechne es zu den größten Vorzügen meines Lebens und zu den schönsten Seiten desselben, daß es mir vergönnt war, diesem großen Geiste, diesem Heros der deutschen Geisterwelt eine lange Reihe von Jahren hindurch persönlich nahezustehen, und sie mit ihm zu verleben, so daß ich ihn als einen wesentlichen Bestandteil meines eignen Lebens betrachten kann. Als Knabe und Jüngling schon sah ich ihn im Jahre 1776 in Weimar erscheinen in voller Kraft und Blüte der Jugend und des anfangenden Mannesalters. Nie werde ich den Eindruck vergessen, den er als Orestes im griechischen Kostüm in der Darstellung seiner Iphigenia machte: man glaubte einen Apoll zu sehen. Noch nie erblickte man eine solche Vereinigung physischer und geistiger Vollkommenheit und Schönheit in einem Manne, als damals an Goethe. – Unglaublich war der mächtige Einfluß, den er damals auf gänzliche Umgestaltung der kleinen Weimarischen Welt hatte. – Nachher hatte ich das Glück, zehn Jahre lang (von 1783 bis 1793) als Arzt und Freund seines nähern Umgangs zu genießen. Zwar gab er dem Arzte wenig zu tun, seine Gesundheit war in der Regel, wenige vom Einfluß der Atmosphäre herrührende rheumatische und katarrhalische Beschwerden und besonders die schon damals vorhandene Disposition zu katarrhalischer Angina abgerechnet, vortrefflich; aber desto lieber unterhielt er sich mit dem Arzte als Naturforscher, und so genoß ich bei ihm manche Stunden der interessantesten Mitteilung, Belehrung und geistiger Erweckung.

Es ist mir nie ein Mensch vorgekommen, welcher zu gleicher Zeit körperlich und geistig in so hohem Grade vom Himmel begabt gewesen wäre und auf diese Weise in der Tat das Bild des vollkommensten Menschen darstellte. Aber nicht bloß die Kraft war zu bewundern, die bei ihm in so außerordentlichem Grade Leib und Seele erfüllte, sondern mehr noch das herrliche Gleichgewicht, was sich sowohl über die physischen als geistigen Funktionen ausbreitete, und die schönste Eintracht, in welcher beides vereinigt war, so daß keines, wie so oft geschieht, auf Kosten des andern lebte, oder es störte.

Man kann in Wahrheit sagen, daß dieses hauptsächlich seinen Geist auszeichnete, daß alle Geisteskräfte in gleich hohem Grade und in der schönsten Harmonie vorhanden waren, und daß selbst die bei ihm so lebendige, so schöpferische Phantasie durch die Herrschaft des Verstandes gemäßigt und gezügelt wurde. Und eben dies galt von dem Physischen; kein System, keine Funktion hatte das Übergewicht; alle wirkten gleichsam zusammen zur Erhaltung eines schönen Gleichgewichts. – Aber Produktivität war der Grundcharakter sowohl im Geistigen als Physischen; und im letztern zeigte sie sich durch eine reiche Nutrition, äußerst schnelle und reichliche Sanguifikation und Reproduktion, kritische Selbsthilfe bei Krankheiten und eine Fülle von Blutleben. Daher auch noch im hohen Alter die Blutkrisen und das Bedürfnis des Aderlasses.

Solche Erscheinungen gehören zu den seltensten Geschenken des Himmels. Es ist Freude zu sehen, daß die Entstehung so vollkommener Menschennatur auch noch in unsern Zeiten möglich ist, die so manche für eine Periode der Abnahme des Menschengeschlechtes halten.«

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