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Clemens Brentano: Godwi - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodwi
authorClemens Brentano
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-009394-5
titleGodwi
pages3-15
created19990905
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1801
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Römer an Godwi.

Zwanzig Meilen bin ich gereiset, und nichts als meine Geldbörse hat gelebt, recht in den Tag hinein gelebt. Der Anfang meines Traums war ein großes Concert und die allmächtige Stimme eines allmächtigen Weibes, und mein Erwachen ist die süße Stimme eines liebenswürdigen Mädchens, die mit ihren kleinen niedlichen Fingerchen auf einer pariser Guitarre spielt. Sie ist einzig wie ihr Auge, in dem die Macht von zweyen wohnt, denn sie hat nur Ein Auge, aber ein Herz und einen Geist. – Du wirst sagen, mit dem Römer muß sonderbar gespielt worden seyn, daß er so launig geworden ist; sieh noch einmal nach der Unterschrift, überzeuge dich. Ja ich bin es; und wie das alles? Dein Vater hat mich vor vierzehn Tagen meiner Arbeit entlassen, und mir erlaubt, meine Geschäftsreise anzutreten. Meine Stelle ersetzt ein Fremder, ein Freund deines Vaters, den er die Woche vor meiner Abreise ins Haus brachte. Er hat, wie er mir sagt, schon einen Monat auf unserm Landhause gelebt, und ich kenne ihn nur als einen fleißigen, sanften Mann, der in seinem Alter von zwey und dreyßig Jahren viel muß erfahren haben. Seine Züge sind durch Leiden verwischt, wenn er lächelt, so rührt er, und wenn er blickt, so sucht er. In Handlungsgeschäften hat er sehr viel Kenntnisse, was den Geist und den ganzen Umfang betrifft; doch muß er oft bey Kleinigkeiten sich sehr anstrengen und besinnen, um das Resultat zu finden. Er ist überhaupt eine von den zarten großen Seelen, die sehr viel verzeihen, und doch von sehr wenigen gekränkt werden können. Ich hätte ihn gern näher kennen gelernt, wenn es nicht schwer wäre, ihm in kurzer Zeit näher zu kommen, weil seine Oberfläche, mit der man sich zuerst berühren muß, um sie ans Herz zu drücken, zerrüttet ist. Es ist mir, als habe ihm das Schicksal die Hand gelähmt und so den Freundschaftsdruck ermordet. Er muß den Menschen, den er lieben soll, gleich umarmen können, sonst kommt er ihm nimmer nahe. Dein Vater ist innig mit ihm verbunden, denn er ist oft allein mit ihm in seinem Kabinette, in das noch keiner außer ihm gekommen ist, und dennoch zeigt er auch im Umgange mit deinem Vater, daß er nur noch die Tiefe des Lebens besitzt, und das Nächste verlor. Er geht mit ihm um, wie ein schüchterner Anbeter mit einem coquetten Weibe, wie der bigotte Catholik mit seiner Religion, er ist der unermüdliche, stumme, ängstliche Befolger aller Winke, die dein Vater giebt, oder die er sich von deinem Vater einbildet. Wenn er ruhig vor sich hinsieht, und ich wollte dir ihn schildern, so müßte ich dich auf die Anlage des Colorits eines Bildes des tiefsten Schmerzes, den das Bewußtseyn verläßt, und die Ahndung des Wahnsinns bewohnt, verweisen.

Froh, deinen Vater in den Armen eines Freundes zurück zu lassen, der ihn sehr beschäftigt, weil er bedarf, stieg ich in unsern freundlichen englischen Wagen, und dein Vater war so ungewöhnlich munter, daß er mir zurief, nehmen Sie sich in Acht, mein lieber Römer, Sie sitzen mitten in der Caprise einer Huldin meiner Vorzeit, einer Furie meiner Gegenwart. Ich grüßte ihn, fand ihn sonderbar und rollte in der Caprise recht bequem weiter. Pläne, dein Bild und das Bild einer Caprise meines zukünftigen Weibchens setzten sich zu meiner Seite und wurden meine unterhaltenden Gesellschafter. Die Epochen meiner Reise mit offnen Augen waren mein Wohlbehagen, als ich durch die reizenden Fasaden von D. fuhr, hinter denen schlechte Häuser stecken. Chodowieki's und Jury's Titelkupfer zu den Romanen des Feldpredigers, den spasmodischen Produkten des, Gott sey Dank! im Herrn selig entschlafenen Vaters der zwölf schlafenden Jungfrauen, fielen mir dabey ein; – weiter meine Langeweile bey der schlechten Geburtshülfe, die in H. den Musen geleistet wird, denn ihre Söhne sehn an diesem Orte fürchterlich aus; weiter die unermüdliche Policey in — die den Baum vor dem Walde nicht sieht, das heißt: den Sparren im Kopf, den Balken im Auge, vor dem Splitterwalde in den Augen der andern, und gern jeden zum Spitzbuben machte, um allen ihren Häschern und Polizeyknechten Beschäftigung zu geben. Durch diese Stadt geht der Transito der gesunden Vernunft von wackern Marktknechten zu Ballen geschnürt und den Beschauern der Landesaccise durchwühlt.

Ich konnte nirgends unterkommen, als im goldnen X. Nicht einmal eine Stube für mich allein konnte ich haben, und mußte, da ich zu Bette ging, das Gespräch zweyer mit mir einquartirten Studenten hören. Der eine von H. kam sehr zerstört und traurig nach Hause, und schrieb seinen Kummer in das Freudendebet eines unglücklichen Frauenzimmers, deren Bylanz er heute gezogen und ein großes Deficit gefunden habe. Der andere, ein ziemlich trockner Geselle von J., wollte den Kummer gar in keine Rechnung gebracht wissen, und ärgerte den ersten durch seinen Trost, F. behaupte, alles läge im Capital Conto des Ichs, fast bis zu Thränen. Ich reiste vor Tages Anbruch ab, und konnte dennoch den hebräischen Morgengebeten der polnischen Juden nicht entgehen, sie verdarben mir den Gesang der Nachtigalllieder, die mir durch die Stadt nachhallten. Weiter schlief ich bis nach B., wo, nun du kennst den Werth des Ortes schon, nach einem zweideutigen Aufenthalt der geträumte Theil meiner Reise anfing. Ich rollte durch die schönen breiten Straßen, ein kalter, todter Wind strich mir um jede Ecke entgegen, alles, was ich sah, waren Leute die durch Gehorsam grade, und Leute, die durch Stolz krumm gehen gelernt hatten, Soldaten und Höflinge. Einige Flüche und das Schallen der Stockschläge der Kinder des Landes, die die Kreide aus ihren Hosen, den einzigen Ueberfluß in ihrer Existenz, zur Parade ihrer Arbeit, und die Gastfreunde aus ihren Bettdecken, die eben so sehr zu den zehrenden Capitalien, als der fürstliche Stall, gehören, zur Parade ihrer Ruhe ausklopften, unterbrachen mich in meiner Angst, die mich jeden Augenblick vor dem Zauberpallast deiner Calypso vorbeyführte. Jeder zierliche Nachttopf vor einem großen breiten Fenster machte mich vor ihrer Schlafstube zittern, jeder rothseidne Vorhang schien mir das erste Princip der Mogenröthe ihres heutigen Tages, jedes Kammerzöfchen, das mit weißem Arme ein silbernes Waschbecken vom Fenster herausgoß, schien mir ihren Schlaf und ihre süßen Träume von dir zu vergießen. Ich stieg in einem Wirthshause ab, das am militairischen Uebungsplatze liegt, und sah, wie sich einige Landes-Junker ihres Lebens freuten, da sie ein Landeskind mit Spitzruthen überzeugen konnten, daß es ihm ein leichtes sey, das verbotne Volkslied: Freut euch des Lebens, eben so wenig zu singen und zu denken, als sein Herz Antheil an dem Sinne des »Herr Gott dich loben wir« bey der Geburt eines neuen Ruthenpflanzers nehmen zu lassen.

Morgen werden alle Wasser in dem Lustgarten Seiner Durchlaucht springen, weil sich ein neuer Segensstrom in der Geburt des zukünftigen Volksvaters über das Land ergossen hat, das Wasser in seinem Kopfe und die Thränen seiner Unterthanen abgerechnet, welche sich in ihrer wechselseitigen Austrocknung wie die Pontinischen Sümpfe zum Schweiße der römischen Päbste verhalten. Doch sein Kopf und seine Unterthanen gehören nicht zu jenen FontainenSoll doch wohl nicht eine Anzüglichkeit auf den Französischen Schriftsteller La Fontaine seyn?

Anmerk. des irritirten Setzers.

, die wie eine gewisse Fontaine Wasser und immer Wasser in tausend lang und kurzwährenden und -weiligen Strahlen zur Freude großer Damen und ihrer Kinderstuben und einer Menge litterarischen Pöbels und seiner Spinnstuben ausspeyet. Sie haben ihre Stelle im Jammerthal.

Den 22ten. Ich sitze mitten in einer wollenen Schäferey, die gewirkten Tapeten meiner Stube sind voll von Schafen und Schäferinnen, aus den Zeiten der arkadischen Schafzucht unsers Geschmacks, aus den Zeiten Gesners. Hinter meinem Bette ist eine hingewebt, die immer recht mit mir harmonirt, wenn ich einschlummernd das Ritardando, Decrescendo und Diminuendo meines heutigen Lebens ertönen lasse. Ihre lange langweilige Taille verträgt sich gar nicht mit unserm jetzigen kurzgebundnen Geschmack – la pointe de sa taille est encore au bas ventre et celle d'à présent se finit au coeur. – Da ich, wie du weißt, gewohnt bin, seit mehrern Jahren vor dem Schlafengehen Gesners Idyllen zu lesen, so sind mir diese Surrogate sehr willkommen, weil ich, obschon ich sehr auf pag. 5. der kleinen Taschenausgabe gespannt bin, sie vergessen habe, mitzunehmen. Doch so wie die Kriegskunst von jeher ein Feind und Zerstörer der herrlichen Ruhe war, so verhindert seit zwey Abenden auch die lermende Taille eines in der angränzenden Stube an dem Pharotische eines Bürgers aus F., der seine Bierbank zu einer Goldbank exaltirt hat, spielenden Kriegers, den Einfluß der langen Taille der Schäferin. Dieser Krieger gäbe sein Herz gern zum Karten-Sinnbild hin, hätte seine ganze Compagnie je an einem andern Flecke Herz gehabt, als unter dem Ellnbogen, das heißt herzförmige Tuchflecken, damit sie ihre Montur und die Ellnbogen derselben drey Jahre lang durchbringen könne, denn diese Pursche sind alle wie Simson und haben die Eselskinnbacke stets in den Händen.

Es ist Zeit, daß ich in die Caprise steige und mich nach dem Lustschlosse fahren lasse, wohin heut alles lustwandelt, und ich mir die Leute ansehen will. Ich bin bey meiner jetzigen Freyheit ein ganz anderer Mensch geworden, und freue mich über die neuen Seiten, die ich an mir entdecke. Ich glaube fast, könnte ich mich nur so wenig über meine Sphäre erheben, daß ich die dummen Streiche von Individuen alle bemerkte, ich wäre fähig, einen satirischen Almanach, wie F. zu schreiben.

Hat der, welcher, in einförmigen Arbeiten eingeschlossen, aus langer Weile gerne moralisirt und guten Freunden gern mit gutem Rathe an die Hand geht, wohl Anlage, in der Freyheit hie und da Bemerkungen zu machen, die unter die launigen und satirischen gehören? Können die Umstände aus dem Cothurn eines vortrefflichen Iflandischen Hofraths wohl den Stiefel eines bissigen Katers erschaffen – mir geht es fast so, ich habe mir durch den einförmigen Gang meiner Geschäfte einen einförmigen, systematischen Gang meiner Ideen und Grundsätze erschaffen, die mich selbst am Ende mehr langweilen als Herrmann Lange, wenn der seltene Zufall mir schneller die Bilder vor den Augen vorüberjagte, weil ich viel gesehen, und so wenig bemerkt hatte, als Nikolai in seiner zwölfbändigen Reisebeschreibung; wenn man umgekehrt geärgert wird, so hat man wenig gesehen und so viel bemerkt, wie der Verfasser des Romans Godwi, und da kommen nun deine Briefe hinter drein und sprechen von Kaufleuten und praktischen Menschen etc. – Doch die Caprise will fort, sie gefällt allen Leuten wohl, sie ist gewaschen und geputzt, und erregt allgemeinen Neid. Bis aufs Wiedersehn. Es geht mir bey dieser Fahrt wie einem Menschen, der immer witzelt, und deswegen manchmal treffen muß. Er ist zu Menschen von Stande zu Tische gebeten, und will nun recht witzig seyn, weiß aber noch gar nicht, ob er bemerkt werden wird, und es bangt ihm vor dem Ausfalle der Schlacht, da noch alles im tiefen Frieden liegt. Da bin ich wieder, und wie blaß, zerstört, ängstlich. Haben deine Bemerkungen nicht getroffen, armer Römer? O! ich wollte gern nicht bemerken, wenn die verdammte Caprise nicht wäre bemerkt worden. Ich kann dir nicht sagen, Karl, wie mir zu Muthe ist, verliebt bin ich wahrlich nicht, hundert Menschen habe ich umgerennt, hundert Flegels habe ich erhalten, Xenien habe ich gemacht, Straßen bin ich durchlaufen, wer weiß, wie viele stille Liebende gestört, wie viele argwöhnische Alte erweckt, wie vielen Podagristen auf die Zehen getreten, und wie vielen Laufern zwischen die Beine gekommen. Da ich, um nach Hause zu kommen, über die Fulda setzen mußte, bekam ich fast Händel mit dem Schiffer, dem Uebersetzer der kleinen italienischen Gondel, der gerade auch ein Paar Damen mit schwarz und weißen Federn übersetzte. Merkur soll diesen Charon etwas verdorben haben.

Gott sey Dank, daß alles dieß vorbey ist, ich habe dieß alles von B. bis nach F. ausgeschlafen; aber doch ist es mir sonderbarer und wilder dabey zu Muthe, als es dir seyn mochte, als du mir deine sanftern Abentheuer an eben diesem Orte erzähltest. Ich saß also in der Caprise, und fuhr durch die Leute durch, die alle geputzt nach W. fuhren, ritten und gingen. Man zog vor meinem Wagen alle Augenblicke den Hut ab, und ich mußte diesem Gruß unaufhörlich antworten; man ist nun einmal hier gewöhnt, sich vor Caprisen zu. beugen. Die Leute, die um meinen Wagen herum spatzirten, hatten alle ihre fette Seite zu Tage gelegt, und suchten sich gegenseitig in der Beurtheilung ihrer Glücksumstände zu übertölpeln. So sind nun die Menschen, statt ihre Tage der Ruhe und Erholung, wie Beckers Erholungen, zur Mittheilung ihrer Armuth und langen Weile anzuwenden, so wenden sie sie an, um zu heucheln und erliegen der Arbeit an ihrer Ruhe. Wie wenig brauchen doch diese Menschen, um glücklich zu scheinen, und der Schein in fremden Augen ist ihnen alles, weil sie zu ermüdet und zu geistlos sind, sich selbst zu genießen; sie kennen nur den Genuß im Neide des Nachbars, umgekehrt wie ermüdende und geistlose deutsche Producte allein im Lobe des Nachbars leben. – Sonderbar, daß die Engländer uns die guten Arbeiten ihrer Hände so theuer bezahlen lassen, und die schlechten Arbeiten unserer Geister so theuer bezahlen – Wer ist der angeführte Theil?

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