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Clemens Brentano: Godwi - Kapitel 81
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodwi
authorClemens Brentano
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-009394-5
titleGodwi
pages3-15
created19990905
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1801
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Einige Nachrichten

von

den Lebensumständen

des

verstorbenen Maria.

Mitgetheilt

von

einem Zurückgebliebenen.

Der Leser, der in den vorhergehenden Blättern bald mehr bald weniger gerührt und angesprochen wurde, wird nicht ohne Interesse diesen Erinnerungen an den verstorbenen Verfasser begegnen. Sein ganzes Leben war so geheimnißvoll, daß ich statt einer vollständigen Entwicklung seines Gemüths und seiner Jugend, nur mittheilen kann, wie ich ihn kennen gelernt, wie er mir und unsern Freunden erschienen ist und wie wir noch jetzt um ihn weinen. Der Kummer findet in jeder Klage Trost – und an verlorne Hoffnungen denken wir leichter, wenn wir auch Andere dafür interessirt wissen.

Seine äußere Erscheinung bizarr oder angenehm, aber immer anziehend – seine Unterhaltung schnell, sehr lebhaft, immer witzig – vielen fremd, einigen sehr lieb – in seinem ganzen Daseyn ein gewaltsames Ringen seines Gemüths und der äußern Welt – so sah ich Maria zuerst in J. und fühlte mich schnell zu ihm hingezogen. Keiner, der in J. war, nennt diesen Abschnitt seines Lebens ohne Dankbarkeit und angenehme Erinnerung! – Elise! – Dieser Sommer, in dem ich Maria kennen lernte und das Jahr, das wir mit einander verlebten, sind mir unvergeßlich. Wie es überhaupt Ton in J. war, mit allen bekannt, mit wenigen vertraut zu seyn – denn eine anständige Freiheit schuf eine glückliche Geselligkeit, in der jeder leicht den fand, den er suchte – so fanden auch wir, Maria und ich, uns bald in einem fröhlichen Kreise gleichgesinnter Freunde. Ihr guten Jünglinge, du vor allen treuer Wr., wo ihr auch seyd, entfernt, zerstreut – Maria hat euch nie vergessen – ihr begegnetet den letzten Blicken, die er zurück warf – neben seinem Schatten reicht mir die Hand, nicht wahr? wir lieben uns noch und vergessen ihn nicht? –

Darf ich nennen, was uns alle verband? Ein Dichter hatte uns alle geweckt; der Geist seiner Werke war der Mittelpunkt geworden, in dem wir uns selbst und einander wiederfanden, mannigfach von einander unterschieden waren wir, wie unsre Zeitgenossen, ohne Religion und Vaterland, wer die Liebe kannte, fühlte sie zerstörend – ohne diese Dichtungen wäre der lebendige Keim des bessern Daseyns in uns zerstört, wie in so vielen. Im Genusse dieser Werke wurden wir Freunde, in Erkenntniß seiner Vortrefflichkeit gebildet, mit dem Leben einig, zu allen Unternehmungen muthig, zu einzelnen Versuchen geschickt. Deutschland hätte unser Studium Göthens kennen gelernt, wenn mehrere von uns Maria's poetisches Talent gehabt. Sein Gemüth war früher von einem andern Dichter berührt und seine dunkle verstimmte Jugend konnte sich lange dem heitern Genius nicht vertrauen; aber bald verdankte er ihm, daß sein Schmerz Klage, sein Unglück Kraft, seine Trauer um Liebe Streben nach Kunst wurde.

Alle Erinnerungen seiner Kindheit verloren sich in den Schmerz, keine Eltern zu haben, alle Hoffnungen seiner Jugend brach die Verzweiflung der Liebe. Wie sein Leben bedeckte auch diese Leidenschaft ein Schleier. Daß er ein edles Weib, getrennt durch Verhältnisse, unglücklich liebe, war keinem von uns verborgen, denn es war der Inhalt seines ganzen Daseyns. Das Geheimniß selbst schläft in deiner Brust, Clemens Brentano! Du hattest Maria's ganzes Vertrauen, und weil du weißt, was er litt, darum hast du am tiefsten gefühlt, wie werth ihm die Ruhe!

Er gestand uns gern, wie er sich erheitre in unserm Umgange; er fing an sich und seinen Talenten zu vertrauen – mehrere Aufsätze, die noch nicht gedruckt wurden, sind in dieser Zeit geschrieben – sein Godwi entworfen, hin und wieder ausgeführt.

In keinem glücklichern Momente hätte er das angenehmste Verhältniß finden können, das er jemals hatte – Deine Bekanntschaft T. und den Umgang mit Dir Fr. S. und Deiner edlen Freundin. Freundlicher T., führt Dir ein Zufall diese Blätter in die Hände, siehst Du sie lächelnd durch, wie Du pflegst, darf ich Dich anreden, darf ich Dir sagen, wie wir alle Dich liebten, wie Du uns im Leben begegnetest wie in der Dichtung, einfach, gütig, der Gottheit und der Vorzeit empfänglich, reich an treffendem Witz, reicher an Gefühl, Dichter und Künstler, wie es wenige sind? Von uns allen hatten Deine Werke Maria am meisten gerührt, er pries sich glücklich, je mehr er Dich sahe, er ward fleißig, von Dir zu lernen, noch auf seinem Krankenlager erquickten ihn Deine Erfindungen.

T. Umgang war ihm ermunternd – S. Nähe bildender. Wenige haben sich Dir, gute fromme Seele, mit diesem Vertrauen genähert – Deinen Verstand, Deinen Blick, Deine tiefe gefühlte Würde, F. S., achtete Maria, – Deinen verhüllten Enthusiasmus erkannte er. Sein Schicksal war ein ewiger Irrthum – so hat er Euch verloren.

Daß ich unter seinen Freunden noch die auszeichne, die am meisten auf ihn gewirkt haben. Die Wissenschaft mag R. Genie, den erfindsamen Fleiß, den tiefen Geist und die heilige Ahndung seiner Untersuchungen dankbar bewundern – Maria liebte die Heiterkeit, mit der er ein großes Leben begann und den kühnen Witz seiner Unterhaltung. Von einer andern Seite berührte ihn die seltene Erhabenheit in Kl. Gemüthe. Trefflicher Spiegel Deines Zeitalters! Dich weckte schon in früher Jugend der Genius, mit versteckten Erfindungen dem Irrthume zu begegnen – was Du geschrieben, ist eine stille Persiflage der herrschenden Schwäche – mit kluger Mäßigung verhüllst Du Dein Vorhaben und Deine Originalität – Viele sind Dir begegnet, ohne Dich zu erkennen – unbesonnene Kritiker tadeln Deine Werke, die sie dem Aeußern nach beurtheilen – die Nachwelt wird Dir danken!

Entzündet von der Nähe jener großen Männer, erheitert durch den Umgang dieser und der andern Freunde, ward er gesunder, heitrer wie je vorher. In wenigen fröhlichen Stunden schrieb er das muthwillige Spiel: Gustav Wasa. Wer es beurtheilen wollte, müßte den Witz und die Laune kennen, mit der es geschrieben wurde und die Erbitterung, mit der er den verderbten nichtswürdigen Geschmack um so mehr haßte, je mehr ihn der Geist der Poesie durchdrang.

Im Sommer 1800 verließ Maria J. und ging nach D. Hier fand er, unvermuthet, wie ich glaube – die Frau, die er liebte, wieder. Sie kam von einer Reise aus Italien zurück – er sah sie, um sie nie wieder zu sehen – ihm ward sein Unglück gewiß, uns sein Tod wahrscheinlich. Wie gern vertraut' ich dem theilnehmenden Leser alle Briefe, die er mir in dieser merkwürdigen Zeit geschrieben – was ich geben darf, sind nur einige Stellen:

»Mir ist wohl, recht wohl: Es wird dich freuen, daß ich das sage, aber es freut mich noch mehr, daß ich es sagen kann. Ich hatte den Frühling nie gesehen, darum hat er mich so überrascht auf dem Wege hieher. Von meinen Beschäftigungen kann dir K. erzählen. Auch an Godwi habe ich viel geschrieben.«

»Hier ist mir alles lieb, nur nicht einige junge Philosophen, die die Kunst üben, ohne alle Kunst von der Kunst zu reden. Ach, ich wollte gern die Philosophie achten, aber so lange solche Leute ihre Nichtswürdigkeit in den philosophischen Mantel verhüllen können –«

»Von meinem Studium der Antiken und der andern Kunstwerke habe ich auch an K. geschrieben. Ich trete nie ungerührt, immer mit der gespanntesten Aufmerksamkeit in diese Gesellschaft der Götter, aber nicht lange, so widerstehe ich mir vergeblich; der Ernst meiner Betrachtungen wird tiefe Wehmuth, und wenn ich hinauf sehe zu der schönen Griechin und der rührenden Trauer in ihren stillen Mienen, dann ergreift mich das Gefühl von Vernichtung, mit dem mich die Musik zu erfüllen pflegt, und ich muß hinaus und habe alles vergessen, nur meinen ewigen Schmerz nicht. –«

»– Großer Gott, wie mich das gefaßt, zerstört hat! Sie ist wieder in Deutschland, sie ist hier. Ich werde sie vielleicht heute noch sehen. Denke dir: ruhig sitz' ich zu Tische, da erzählt ein Fremder, wie unterhaltend es heut in der Gallerie war; eine große schöne Frau ging, die Gemälde zu betrachten und wie sie ging, sahen alle Maler von ihrer Arbeit und ihr nach. Alle, so schien es, vergaßen ihre Ideale über den Anblick – ›Und wer war die Zauberin?‹ – Ach, da nennt er sie und von dem Augenblicke weiß ich nicht, wo ich bin und wie mir geschieht. Diese Menschen vergessen über Ihre Erscheinung ihre Ideale, und ich, der die ganze Gottheit dieses Weibes kennt und fühlt – ich soll Sie vergessen, über dem, was ihr Ideal der Kunst nennt! –«

»Ich habe dir lange nicht geschrieben, ich werde dir auch wol nicht viel mehr schreiben. Ich fühle mich sehr schwach. In dieser romantischen Gegend bin ich sehr gern, diese Verwirrung zerbrochner Felsstücke, einsame Wasserfälle, überall Trümmern und Zerstörung, thut mir sehr wohl. Doch werde ich diese Thäler bald verlassen und wieder nach D. gehen. Ich muß in die Welt, in diesen Einöden bin ich nicht einsam genug, und einsam muß ich doch seyn, wenn ich ihr mein Wort halten und leben und dichten will – darum will ich zurück zu den Menschen.«

Gegen den Herbst verließ er D. und ging an den Rhein. Von hier schrieb er selten: aber seine ganze Stimmung drückt sich in folgenden Worten eines Briefes ganz aus, die ich nie vergessen werde: »Vorige Nacht saß ich oben bey dem Schlosse der Gisella und sah unter mir den Rhein und in den dunkeln Fluten den Mond und die Gestirne abgespiegelt und von den schäumenden Wellen gegen die Felsen geworfen, als würden sie zertrümmert. Sieh, so steht die Tugend und die Schönheit ewig unverrückt und nur ihr Abglanz wird von unserm dunkeln tosenden Leben bewegt« –

Dann lebte er auf einem Landhause v. S. Die romantische Gegend und die einsamen Verhältnisse dieses Aufenthalts hat mein Freund im zweiten Theile des Godwi selbst beschrieben. Den guten Geist dieser Wohnungen, der auch Maria tröstete, in dessen Armen er gern starb, an dessen Brust er wieder zu erwachen wünscht, Dich, mein S., hat er nicht beschrieben. Und wer könnte die ruhige Würde Deiner Erscheinungen, die stille Güte Deiner Mienen und die liebende Consequenz Deines Lebens mit Worten andeuten? Ich mag Dich nicht erinnern, was Du für Maria gewesen bist, aber ich bitte Dich, wenn die gestorben sind, für die ich lebe, laß mich auch in Deinen Armen einschlafen.

Von seiner Krankheit hab' ich nichts zu sagen. Seine Liebe war sein Leben, seine Krankheit und sein Tod. Bis in dem letzten Augenblick war er thätig – wir mußten seiner Begierde zu lesen und zu schreiben auf den Befehl des Arztes nachgeben. Er würde nicht sterben, behauptete dieser, wenn er immer fort schriebe. Die letzten hellen Tage und Stunden verdankt er Dir, A., Deine Ironie, Dein reines Gefühl und Dein jugendliches poetisches Daseyn heiterten den Kranken ach, wie sehr! auf. Nun sterbe ich ruhig, sagte Maria einst lächelnd, ich habe den Humor gesehen. Die Freude, die Dir in Tiecks Dichtungen geworden, mag Dir belohnen, was Du an ihm gethan. Bleibe um Gotteswillen so lustig, wenn Du ein großer Physiker wirst.

Von den Anlagen, die mit ihm verloren gegangen sind, hat der Freund nicht zu reden. Nur das darf ich bemerken, daß die schönsten lebendigsten Stellen dieses zweiten Theils wenige Tage vor seinem Ende geschrieben wurden. Der Sinn seiner Dichtungen spricht sich deutlich genug aus – daß in unserm Zeitalter die Liebe gefangen ist, die Bedingungen des Lebens höher geachtet sind wie das Leben selbst, und die Nichtswürdigkeit über die Begeisterung siegen kann, hatte er mit seiner Jugend und seinem Leben bezahlt. Er wandte seine letzten Kräfte auf, Andern dies Opfer zu ersparen. Streit mit der Liebe war sein Schicksal, Streit für die Liebe sein Beruf.

Nahe an S. Gute lagen hoch und mit einer reizenden Aussicht die Trümmern einer Burg – zwischen den Ruinen wohnte in einem kleinen Häuschen ein Kastellan, bey dem wir in frühern Zeiten oft sehr vergnügt lebten. Es war ein eigener Aufenthalt zwischen den alten Thürmen und Mauern: aus einem Theile der alten Burgkapelle war die Kirche des Dorfes geworden. Maria, der immer mehr seinen Tod sah und wünschte, bat uns, ihn zu dem alten Kastellan zu bringen. Hier lebte er einige Wochen oben, fleißig, heiter und freier, je näher sein Tod kam. S. und A. waren beständig um ihn; die kleine Sophie, des Kastellan Tochter, war seine Wärterin.

Von seinem Tode laßt mich schweigen. Ich habe ihn nicht sterben gesehen. S. las ihm Tiecks Herkules am Scheidewege vor.

»Und da kömmt noch die Ewigkeit,
Da hat man erst recht viele Zeit.«

Maria lachte noch einmal, er drückte S. Hand stärker und S. hat ihm nicht weiter vorgelesen.

Man hatte mich auf das Schloß gerufen. Als ich hinauf kam, saß S. an dem alten Thurme und sah still in den Abend. Seine Hand wies mich in die kleine Kirche. Lächelnd lag der bleiche Freund in dem besten Ruhebette. Die kleine Sophie legte ihm Rosen in die Hände. Als ich heftig an ihm niedersank, ihn zu umarmen, bat mich das Kind leise: Wecken Sie ihn nicht! Er hat lange nicht so gut geschlafen und wie wird er sich freuen, wenn er aufwacht und die Rosen sieht! –

Wir theilen dem Leser noch die bey dieser traurigen Gelegenheit erschienenen traurigen Gedichte traurig mit.

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