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Clemens Brentano: Godwi - Kapitel 80
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodwi
authorClemens Brentano
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-009394-5
titleGodwi
pages3-15
created19990905
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1801
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Neun und dreißigstes Kapitel.

Da ich nach Deutschland zurückgekommen war, nahm ich meinen Weg zuerst nach dem Rheine, ehe ich nach meinem Gute ging. Ich fand eine traurige Veränderung, der französische Revolutionskrieg hat seine Verheerungen dort ausgebreitet; die Natur war noch dieselbe, aber die Menschen nicht mehr. –

Ich ritt Abends mit pochendem Herzen nach dem Schloß der Gräfin, der Weg war aufgerissen, und rings die Weinberge zerstört, das Thor stand offen, wie damals, aber die Thorflügel waren zerschmettert, der Hof war mit Gras bedecket: ich rief nach jemand, und ein alter Diener kam mir mit einer Laterne entgegen: ich fragte nach der Gräfin.

Die ist seit anderthalb Jahren todt, war die Antwort, das Schloß steht unter der Aufsicht ihrer Schuldner, sie ist mit den Franzosen herumgezogen, hat alles zu Grunde gerichtet, und am Ende mußte sie auch sterben. –

Nach Violetten zu fragen, wagte ich nicht, ich fragte, ob er mich wol heute Nacht beherbergen könne, er brachte mich hinauf, nach der nehmlichen Stube, in der ich den ersten Abend mit der Gräfin gewesen war.

Das ist die einzige Stube, an der noch eine Thür ist, sagte er, und in ihrem Mantel können Sie wol hier auf dem Armsessel schlafen.

Er stellte mir das Licht hin, und verließ mich.

Wie ein Todter, der die Welt nach langen Jahren wieder betritt, ging ich in der Stube umher, in der eine fürchterliche abentheuerliche Verwüstung herrschte.

Das Brustbild der Gräfin war mit Degenstichen zerfetzt, und auf eine militairische Art verunreinigt, die Wände waren mit allerlei abgeschmackten Figuren mit Kohlen bemalt, am Boden umher lagen zerrissene Dokumente in Haarwickel verwandelt, in einem Winkel stand ein Gemälde, das sonst auf der Hausflur gehangen hatte, und zwei nackte Weiber vorstellte, die sich um ein Paar Beinkleider schlugen, alle Meubel waren auf eine muthwillige Art zerschmettert, – ich rückte den Armstuhl in die Mitte, setzte meine Füße auf mein Felleisen, und versuchte zu schlafen, aber es war lange umsonst.

Gegen Morgen erwachte ich, und Gott! wie erschrack ich, als ich zwischen meinen Knien ein halb nacktes Mädchen sitzen sah, das eingeschlafen war. Meine Hände, die ich in meinem Schooß liegen hatte, waren mit ihren langen Haaren zusammen gebunden.

Ich wickelte mich los, stand auf ohne sie zu wecken, und betrachtete sie näher, es war Violette, – ich warf meinen Mantel über sie, sie saß auf dem Felleisen, und lehnte den Kopf an das Kissen des Armstuhls. –

Ich trat ans Fenster und sah wieder in dieselbe Gegend, nichts hatte sich verändert, und wie sah es in meiner Seele aus. Wie der Morgen herauf stieg, und es heller wurde, sah ich wieder nach Violetten, aber sie öffnete ihre großen Augen, schrie laut, und ich faßte sie in meine Arme, sie war ohnmächtig: ich setzte mich in den Armstuhl, und hielt sie so, von Herzen umarmt, heiße Thränen flossen über meine Wangen, die ganze Vorzeit erwachte um mich, und schlug mich mit schmerzlichen Schlägen.

Auch Violette erwachte wieder, und sagte laut weinend: ach warum verließen Sie mich damals, hatte ich nicht gesagt, ich würde zu Grunde gehen? –

Ist es denn so, Violette? –

Ach es ist so, es ist nun alles vorüber. –

Die Mutter hatte sich mitten in der Glut des Krieges das freie Zelt ihrer Lust aufgeschlagen, auch Violetten hatte sie der wilden Liebe hingegeben, die Mutter war gestorben, Violette war allein zurück geblieben, Flametten hatte ein nahe wohnender Förster zu sich genommen. Das Schloß und die Güter waren durch Krieg, und die Erpressungen der Gräfin selbst zu Grunde gegangen. Violette hatte keine Heimath mehr, der letzte Mann, den sie wirklich liebte, – denn er hatte sie zu sich genommen, und wenigstens aus Mangel und Noth gerettet, – war ein französischer General, der am Abende vor der Schlacht meistens alle sein Vermögen zu verspielen pflegte, um ohne Testament, und ohne Erben dem Tode entgegen zu gehen.

Er setzte Violetten auf die letzte Karte und verlor sie an einen seiner Waffenbrüder – wenn ich todt bleibe, sagte er, ist sie dein, und komme ich davon, so gebe ich dir meine zwei Schimmel. – Er blieb todt, – Violette floh und verbarg sich bey dem Förster, der Flametten erzog. – Die Armee drang siegend vorwärts, und unter den Elenden, die der Krieg hinter sich läßt, war auch sie.

Der Förster wollte sie nicht länger um sich haben, das Leben war schwer zu erwerben, und die Bauren haßten alles, was der Gräfin angehörte, sie war deswegen Nachts in das Schloß zurückgegangen. –

Es war ja kein Mensch, der sie hinderte, der wilde Krieg hatte ja alle Thore gesprengt, und die Armuth und das Elend konnten aus und eingehen. Sie war nach der Stube gegangen, in der sie sonst mit Flametten gewohnt, und dem Kinde das Lied von der Weinsuppe vorgesungen hatte, ihr Bettchen stand noch da, aber es war kein Boden mehr darinne, auch waren keine Fenster mehr in der Stube und keine Thür, der Wind zog traurig durch die leeren Fensterrahmen, und ging wehklagend durch die wüsten Gänge des Hauses: sie setzte sich auf den Boden auf ein Stück Holz nieder, und weinte, ihre Kleider waren zerrissen, und es war eine kühle Nacht. – Ach es war das nehmliche Holz noch, das sie mit banger Frömmigkeit sonst unter ihr Kopfkissen gelegt hatte, um hart zu schlafen, und sich zu kasteien.

Sie dachte an Godwi und erinnerte sich wieder an alle ihr Elend, und ihr Verderben, seit er sie verlassen hatte. Ihr Schmerz hatte keine Gränzen mehr, sie lief wie verrückt nach der Stube ihrer Mutter. – Hier schlief der nehmliche Mensch auf einem Stuhle, sie kannte ihn nicht, die Laterne stand in einem Winkel und brannte dunkel, sie betrachtete ihn aufmerksam, und er war es, er – der sie in alles Elend gestürzt hatte: sie mochte ihn nicht wecken, setzte sich zu seinen Füßen, und bedeckte seine Hände mit Thränen und Küssen, – es ergriff sie eine schreckliche Zerrüttung, sie zerraufte sich die Haare, und rang die Hände: dann ließ sich ein guter Geist auf sie nieder, sie drückte Godwis Hände an ihr zerrissenes Herz, und fesselte sie mit ihren langen schönen Haaren, dann sanken ihre Blicke, und sie entschlummerte zu seinen Füßen.

Violette sprach wenig, aber sie bat mich, sie umzubringen. Liebe Violette, ich kann dich nicht zweimal ermorden, sagte ich, gehe mit mir nach Hause, und wohne bey mir, ich will den Förster und Flametten auch mitnehmen.

Sie begleitete mich zu dem Förster, ich bot ihm meine Dienste an, er zog gerne mit mir in ein friedliches Land, und wir wohnten mehrere Monate ruhig mit einander. Flametta war so geworden, wie meine Leser sie schon kennen, Violette aber ward nicht wieder froh, aber sie war wie ein Engel, alles vortreffliche, was sie in wilden Flammen der Leidenschaft geopfert hatte, gab der Himmel ihr in mildem strahlenden Glanze wieder. Sie ging nicht von meiner Seite, und als der Frühling wieder kam, reichte ich ihr meine Hand, und fragte sie, ob sie ewig mein seyn wolle. –

Kein Priester verband uns, aber auch das Leben nicht, die Liebe war es allein – und da es Morgen wurde, fand ich sie nicht an meiner Seite, ich suchte sie im ganzen Hause. –

Im Garten saß sie zwischen den Blumen und sang:

Ihr hübsch Lavendel Roßmarin,
Ihr vielfarbige Röselin,
Ihr stolze Schwerdlilgen,
Ihr krause Basilgen,
Ihr zarten Violen,
Und dich Violette,
Euch wird man bald holen,
Hüte dich schöns Blümelein! –

Ich glaubte, sie scherze, und sang: es ist ein Sämann, der heißt Liebe. –

Aber sie kannte mich nicht mehr. – Bald starb sie, – wo sie jenen Morgen saß, steht jetzt ihr Grabmahl. –

Maria ist heute Morgen gestorben, er wollte einige Minuten vor seinem Tode, da er sich sehr heiter fühlte, noch auf der Laute spielen, aber seine Krankheit, die, wie ich erzählt habe, eine Zungenentzündung war, war in eine Herzentzündung übergegangen, der Schmerz ergriff ihn plötzlich sehr heftig, er ließ die Laute fallen, und sie zerbrach an der Erde. –

Er starb in meinen Armen, wir haben viel an ihm verloren. In der letzten Zeit las er meistens in Tiecks Schriften.

In der zerbrochenen Laute, deren sich einstens Kordelia bedient hatte, wie ich oben angeführt habe, stand der Name: Annonciata Wellner – Kordelia und Annonciata sind also dieselben, – nun durfte ich die Stube eröffnen, denn ihr Name war entdeckt, ich fand viele Papiere von ihrer eignen Hand, und besonders viele Gedichte an die Natur.

Ich hoffe in einer weniger traurigen Zeit alles dieses bekannt zu machen, und eröffne nur folgendes:

Als Annonciata aus dem Schlosse verschwunden war, hatte sie der Geliebte Wallpurgis' entführt, sie liebte ihn grenzenlos, – aber er verließ sie, nachdem sie ihm das höchste Opfer gebracht hatte, das ein Weib bringen kann, – meine Leser glauben zu wissen, was dieses Opfer sey, aber ich schwöre ihnen auf meine Ehre, sie irren sich, das höchste Opfer ist nicht das heilige Liebeswerk – ich kenne es allein, und wenn ich aufgehört habe, zu staunen und zu verehren, will ich dieses höchste Opfer des Weibes bekannt machen.

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