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Clemens Brentano: Godwi - Kapitel 77
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodwi
authorClemens Brentano
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-009394-5
titleGodwi
pages3-15
created19990905
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1801
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Sechs und dreißigstes Kapitel.

Ich verließ die Stube und ging durch die langen Gänge des Hauses, und betrachtete die verschiedenen alten Bilder. Da ich neben eine Thür vor ein solches Bild trat, hörte ich in der Stube sprechen, und erkannte Violettens Stimme, die mit einem kleinen Mädchen sprach, das Kind sagte: –

Violette nun habe ich dir helfen die Blumen suchen, nun lehre mich auch singen.

Nun komm her, Flametta, sagte Violette, aber höre auch hübsch zu, und singe mit.

Da es das Kind versprochen hatte – sang Violette mit ihm folgendes Kinderlied: –

        Anne Margritchen!
Was willst du mein Liebchen?
Ich trinke so gerne
Gezuckerten Wein.

Zwei Pfund Zuckerchen,
Ein Pfund Butterchen,
Schütt es ins Kesselchen,
Rühr' es mit dem Löffelchen.

Zwei Maaße Wein,
So muß es gut seyn.
Anne Margritchen
Was Zipfel ist das?

Eine Weinsupp, eine Weinsupp!

Nun kann ich es, sagte Flametta, nun will ich auch wieder mit in den Garten gehn, – aber sage mir, warum hast du so ein Holz in deinem Bettchen liegen? –

Das Kissen ist mir zu niedrig, sagte Violette. –

Hier trat ich an die Thür, die nur angelehnt war, und fragte: darf ich mit in den Garten gehn, Violette?

Als sie meine Worte hörten, sprangen sie hinter die Thür, die ich leise eröffnete: vor mir stand Violettens Bett, in dem ich ein scharfes eckigtes Scheid Holz liegen sah. – Violette sprang plötzlich hervor, und riß den Vorhang des Bettes zu, sie glühte über und über vor Schaam.

»Fort, fort aus der Mädchen-Stube!« rief sie dann heftig. –

Jage ihn fort, Flametta. –

Flametta nahm einen kleinen Stecken, und ging auf mich los, mit den Worten:

»Fort, fort, aus der Mädchen-Stube!«

Einer solchen Uebermacht konnte ich nicht widerstehen, und verließ die Kinder. Vor der Thüre rief ich:

Violette kommen Sie doch zu mir in den Garten.

Da rief sie heraus: –

Vielleicht – ja, ja ich komme. –

Im Hause sah ich wenige Diener, nur zwei hübsche Mädchen in der Küche: sie lachten, als sie mich sahen, und versteckten sich, ich mußte mich zusammen nehmen, und rief der einen zu: –

Guten Morgen, Mädchen, war heute Nacht dein Schatz bey dir? –

Ei gewiß! sagte sie. –

Ich ging über den geräumigen Hof nach dem Garten, und sah unterweges mit einem seltsamen Gefühle zum Thore hinaus, durch das ich gestern Abend in diese neue Welt eingegangen war.

Da ich durch den Garten an einem Seitengebäude des Schlosses hinging, wurden mir aus einem Fenster einige Kränze von Weinlaub auf den Kopf geworfen, und da ich hinauf blickte, sah ich Violetten und Flametten, die sich lachend zurückzogen. –

Auf der rechten Seite des Gartens war ein großer Teich, in dessen Mitte ein hoher alter Thurm stand; da ich näher hinging, bemerkte ich noch auf der andern Seite des Thurms eine kleine Insel, auf der ein weißes, mit Laub umzogenes Häuschen durch dichte Gebüsche hervor sah, aber ich mochte mich nicht in den gebrechlichen Kahn wagen, um hinüber zu fahren – ich ging deswegen nach dem großen Gartenhause, das vor mir auf einer Terrasse stand.

Da ich in den Saal trat, erblickte ich einen jungen Kapuziner-Mönch, der mit einem Teller voll Trauben in der Hand essend auf und nieder ging: wir grüßten uns.

Ich. Guten Morgen Ihr Hochwürden!

Er. Ich wünsche Ihnen wohl geschlafen zu haben.

Ich. Sie genießen den angenehmen Morgen.

Er. Ich bin des Gärtners Bruder, und trete manchmal hier ab, wenn mich mein Beruf vorüberführt: Sie sind wol der Herr, für den das gnädige Fräulein die Blumen holte.

Ich. War es das Fräulein, die mir die Blumen brachte? –

Er. Kennen Sie sie noch nicht? Sie sagte mir doch, sie habe gestern Abend mit Ihnen gesprochen. –

Ich. Ich lag noch im Bette.

Er. So! – Ich habe viel gutes von Ihnen durch das Fräulein gehört.

Ich. Ich nehme immer Antheil an der Familie meiner Freunde.

Er. Sind Sie unverwandt mit der gräflichen Familie? –

Ich. Nein, ich bin der Freund der Gräfin.

Er. Der Gräfin? –

Ich. Wundert Sie das?

Er. Sie verzeihen, Sie müssen mich verstehen, ich vermuthe, daß Sie der Gräfin sicher das Bessere rathen – und besonders in Hinsicht der Fräulein.

Ich. Die Gräfin ist Mutter, und eine kluge Frau. –

Er. O sie ist eine Dame von vielen Gaben, nur etwas weltlich gesinnt – und das Wohl ihrer Kinder könnte ihr mehr am Herzen liegen. –

Ich. Sie hat mir mit vielem Antheil von Violetten gesprochen. –

Er. Sprechen – sprechen – aber das Kind geht zu Grund! Ich will nicht sagen, als solle sie den Katechismus auswendig können, und alle Heiligen glauben, die Welt ist weiter gegangen, aber die Moral –

Ich. Sie scheinen aufgeklärt, das ist selten in Ihrem Rocke.

Er. Sie sind gütig, sollen wir ewig fort in altem Unsinn brüten? –

Ich. Nennen Sie die Geheimnisse Ihrer Religion alten Unsinn, Herr Pater? – das ist neuer Unsinn. –

Hier trat die Gräfin herein.

Sie ging auf mich zu und küßte mich – der Mönch zog sich zurück – und die Gräfin wendete sich zu ihm mit den Worten: –

Ei Pater Sebastian! seyn Sie nicht böse, daß ich Sie nicht auch küsse, ich hätte es wol gethan, aber Sie verdienen es nicht.

Der Mönch sagte beschämt: –

Frau Gräfin, ich verdiene solche Freundlichkeit nicht, weil sie mein Stand verbietet, aber Ihren Unwillen verdiene ich auch nicht. –

Die Gräfin erwiederte hierauf gelassen: –

Herr Pater, Sie verderben meine Violette, Sie setzen dem Mädchen Gespenster in den Kopf, und nehmen ihr den schönen Theil Ihrer Religion, der für Kinder gemacht ist. Sie geben ihr für die goldnen Früchte des Himmels leere moralische Nußschaalen, und verführen mein Kind. –

Er. Verführen! Frau Gräfin, das ist ein schändliches Wort. –

Sie. Kein Wort ist schändlich, die That ist schändlich! Sie quälen das Mädchen, und fragen Sie nach allen sieben Sachen, so daß sie keine Ruhe mehr vor sich hat, und sich allerlei unreif einbildet, was sich reif ausbilden sollte – und so rauben Sie ihr ihre Unschuld – und verführen sie – ich bitte Sie daher, dem Seelenheil meiner Violette nicht länger nachzustellen, denn ihre Seele ist gesund, hat kein Heil nöthig, und Sie stiften hier wahres Seelenunheil – wenn Sie es gut meinten, so kann ich nichts dafür, daß Sie es schlecht machten. – Leben Sie wohl. –

Der Mönch ging weg; – die Gräfin rief den Gärtner und sagte ihm: –

Er kann heute Nachmittag in die Stadt gehen, und seinem Bruder ein Dutzend Schnupftücher kaufen; sage Er ihm dabey, ich und Violette hätten sie gesäumt, und schickten sie ihm zum Danke für seine Bemühungen: aber kaufe Er feine weiße, und bitte Er ihn, er möge mir zu Liebe sich das Tabackschnupfen abgewöhnen, es steht ihm zu seiner feinen Miene, und zu seinem hübschen Barte gar nicht gut.

Der Gärtner lächelte und ging weg. –

Ich war über die Heftigkeit der schönen leichtfertigen Frau verstummt, aber ihr munterer Nachsatz an den Bruder des Gärtners that mir wohl, sie gewann durch diese Scene sehr in meinen Augen. – Da der Gärtner weg war, nahm sie mich bey der Hand, und sagte, indem sie mich fortzog:

Sehen Sie, wie ich zanken kann, sollte man sich es vorstellen? Sie sind wirklich erschrocken, daß das, was ich Ihnen gestern von meinen Grundsätzen sagte, mein Ernst zu seyn scheint. – Gott weiß, woher ich die Grundsätze habe, sie sind glaube ich meine Natur, ich glaube, es sind solche, die man nicht für Grundsätze hält, und das ist das Beste. –

Sie hing an meinem Arm, und lief mit mir die Terrasse herab. Violette und Flametta begegneten uns, und die Gräfin führte uns alle nach dem Teich.

Sie sollen mich nun auch nach meinem politischen Glauben kennen lernen,

sagte sie, als wir an den baufälligen Kahn kamen. Sie machte Anstalt hineinzusteigen. –

Er wird uns nicht alle tragen. –

Die Kinder sprangen mit ihr hinein.

Nun, mein Kind, sagte sie freundlich zu mir, willst du allein draus bleiben, adieu, so fahr ich fort. –

Sie sagen das so liebenswürdig, und wenn wir mit einander untergehen, wär es ein freundlicher Tod. –

Mit diesen Worten stieg ich in den Kahn, die Gräfin ruderte, und sagte:

Dies ist meine ganze Seemacht, ich wollte sie mit meinem politischen Glauben bekannt machen, auf der Insel wird sich es aufweisen: – damit Sie sich aber zuerst etwas abhärten, wollen wir einmal um den Teich fahren. Violette singe ein Liedchen! –

Violette sang folgendes Lied: –

Zu Bacharach am Rheine
Wohnt eine Zauberin,
Sie war so schön und feine
Und riß viel Herzen hin.

Und brachte viel zu schanden
Der Männer rings umher,
Aus ihren Liebesbanden
War keine Rettung mehr.

Der Bischoff ließ sie laden
Vor geistliche Gewalt –
Und mußte sie begnaden,
So schön war ihr' Gestalt.

Er sprach zu ihr gerühret:
»Du arme Lore Lay!
Wer hat dich denn verführet
Zu böser Zauberei?«

»Herr Bischoff laßt mich sterben,
Ich bin des Lebens müd,
Weil jeder muß verderben,
Der meine Augen sieht.

Die Augen sind zwei Flammen,
Mein Arm ein Zauberstab –
O legt mich in die Flammen!
O brechet mir den Stab!«

»Ich kann dich nicht verdammen,
Bis du mir erst bekennt,
Warum in diesen Flammen
Mein eigen Herz schon brennt.

Den Stab kann ich nicht brechen,
Du schöne Lore Lay!
Ich müßte dann zerbrechen
Mein eigen Herz entzwei.«

»Herr Bischoff mit mir Armen
Treibt nicht so bösen Spott,
Und bittet um Erbarmen,
Für mich den lieben Gott.

Ich darf nicht länger leben,
Ich liebe keinen mehr –
Den Tod sollt Ihr mir geben,
Drum kam ich zu Euch her. –

Mein Schatz hat mich betrogen,
Hat sich von mir gewandt,
Ist fort von hier gezogen,
Fort in ein fremdes Land.

Die Augen sanft und wilde,
Die Wangen roth und weiß,
Die Worte still und milde
Das ist mein Zauberkreis.

Ich selbst muß drinn verderben,
Das Herz thut mir so weh,
Vor Schmerzen möcht ich sterben,
Wenn ich mein Bildniß seh.

Drum laßt mein Recht mich finden,
Mich sterben, wie ein Christ,
Denn alles muß verschwinden,
Weil er nicht bey mir ist.«

Drei Ritter läßt er holen:
»Bringt sie ins Kloster hin,
Geh Lore! – Gott befohlen
Sey dein berückter Sinn.

Du sollst ein Nönnchen werden,
Ein Nönnchen schwarz und weiß,
Bereite dich auf Erden
Zu deines Todes Reis'.«

Zum Kloster sie nun ritten,
Die Ritter alle drei,
Und traurig in der Mitten
Die schöne Lore Lay.

»O Ritter laßt mich gehen,
Auf diesen Felsen groß,
Ich will noch einmal sehen
Nach meines Lieben Schloß.

Ich will noch einmal sehen
Wol in den tiefen Rhein,
Und dann ins Kloster gehen
Und Gottes Jungfrau seyn.«

Der Felsen ist so jähe,
So steil ist seine Wand,
Doch klimmt sie in die Höhe,
Bis daß sie oben stand.

Es binden die drei Ritter,
Die Rosse unten an,
Und klettern immer weiter,
Zum Felsen auch hinan.

Die Jungfrau sprach: »da gehet
Ein Schifflein auf dem Rhein,
Der in dem Schifflein stehet,
Der soll mein Liebster seyn.

Mein Herz wird mir so munter,
Er muß mein Liebster seyn!« –
Da lehnt sie sich hinunter
Und stürzet in den Rhein.

Die Ritter mußten sterben,
Sie konnten nicht hinab,
Sie mußten all verderben,
Ohn Priester und ohn Grab.

Wer hat dies Lied gesungen?
Ein Schiffer auf dem Rhein,
Und immer hats geklungen
Von dem drei Ritterstein.Bei Bacharach steht dieser Felsen, Lore Lay genannt, alle vorbeifahrende Schiffer rufen ihn an, und freuen sich des vielfachen Echos.

            Lore Lay
            Lore Lay
            Lore Lay

Als wären es meiner drei.

Als wir an der Insel ausgestiegen waren, sagte die Gräfin:

Der Kahn ist so schlecht, aber ich liebe ihn und mag keinen andern, ich bin oft recht vergnügt auf ihm gefahren.

Nun kamen wir an das kleine runde Haus, es war ganz mit Epheu überzogen, auf dem runden Dache stand ein geflügeltes Pferd, das sich in die Höhe bäumt, auf ihm ein nackter Jüngling, und vor ihm zwei Liebesgötter, die das Pferd am Zügel niederziehen, auf dem Fußgestell aber war die Inschrift:

Friedrich dem Einzigen.

Sehen Sie meinen politischen Abgott, ich freue mich oft über meinen Witz, ich wollte den neugierigen Baumeister nicht in mein Geheimniß sehen lassen, denn eigentlich müßte es heißen, Friedrich dem Meinigen.

Doch Lieber! seyn Sie nicht böse, weil ich Sie wissen lasse, daß ich vor Ihnen schon liebte. –

Wir gingen in das Häuschen, in dem es recht freundlich war; aber da ich wußte, daß ich über einem Grabe saß, was mir die Gräfin verschwiegen hatte, konnte ich nicht ganz froh werden, – und das zubereitete Frühstück schmeckte mir nicht recht. –

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