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Clemens Brentano: Godwi - Kapitel 76
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodwi
authorClemens Brentano
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-009394-5
titleGodwi
pages3-15
created19990905
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1801
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Fünf und dreißigstes Kapitel.

Als ich erwachte, blickte ich durch die Stube hin. Nach der Gräfin zu sehen hatte ich den Muth nicht. Es war eine ganz eigne Empfindung, wie ich mich mit allem verwandt fühlte, mit den alten Schränken und dem Gypsbilde, den Sesseln und mit dem kleinen Sopha im Erker.

Meine Augen liefen an den sauren Gesichtern der Ritterbilder, und den süßlich ernsten der neuern Ahnherrn auf und ab, wie auf meinen Verwandten; ich ergötzte mich eben so an den Damen, und wunderte mich, wie freundlich ihre Schnürbrüste aus einem Gesichtspunkte waren; ich nahm sie nämlich, als cornu copiae, und freute mich der schönen Früchte, die aus ihnen hervordrangen, und hier und da zierlich mit Blumen zusammengestellt waren.

Es war mir, als hätte ich von allen den Leuten erzählen hören, und konnte mich nicht enthalten, dem Bilde des verstorbenen Grafen, der mir gegenüber hing, ein kleines lächelndes Kompliment zu machen, denn ich erinnere mich nicht, daß es mir je so leicht und so lustig zu Muthe war. –

Nachdem ich alle fremde Geschäfte besorgt hatte, wendete ich meine Gedanken auf meine eigne Person, und bekam keine geringe Hochachtung vor ihr. –

Zuerst in welchem herrlichen, ja herrschaftlichen Bette, vielmehr Schlafgebäude, Schlummerpallast, Ruhetempel befand ich mich, wenn ich heute Nacht sollte geschnarcht haben, – die hochwürdigen Herrn des Klosters, das ich am Anfange meiner Herreise besuchte, konnten in ihren Chorstühlen so ehrenvoll nicht gesungen haben, – ein wahrer Krönungssaal schien dieses vortreffliche Ehebett zu seyn.

Hierauf die wackere Bettdecke, deren Lob ich keineswegs verschweigen darf, denn ich fand sie den schwebenden Gärten der Semiramis zu vergleichen, meine Augen lustwandelten durch die tausend Irrgänge ihres damastnen Grundes, und ergötzten sich an dem prächtigen verschlungenen Namen des Grafen und der Gräfin, der in der Mitte allegorisch gestickt war.

O! und ich selbst – ein blauatlaßner Schlafrock, mit rothen Aufschlägen, an dem Ermel mit dem kleinen gräflichen Wappen gezeichnet, sollte ich nicht stolz seyn, in so ehrenvoller Uniform? Ich drückte die Füße zusammen, um mich zu überzeugen, daß ich keine Stiefel anhabe, denn ich hatte die Empfindung, als wäre ich in Diensten, aber ich sah bald ein, daß es Interimsuniform war. –

Vor dem Bette knieten vier Unterthanen, recht zärtlich abwechselnd, ein Pantoffel von mir, und dann ein Pantöffelchen, sie harrten unterthänigst, daß wir sie mit Füßen treten sollten.

Ich wendete mich nun gegen meine Gemahlin, und bemerkte, wie witzig das batistene Betttuch mit Spitzen durchbrochen war, und wie naiv ihre weiße Schulter durchblickte. –

Ach welche reizende Gemahlin habe ich, wie hinreißend, wie fesselnd, es ist ordentlich unangenehm, und erschwert einem die Menschenfreundlichkeit, sie ruhig schlafen zu lassen. – Wie glücklich, und wie unglücklich bin ich! – muß ich nicht eifersüchtig seyn?

Aber was liegt vor mir auf dem Stuhle, ein schwarzer Frack, lederne Beinkleider, und dort ungrische Stiefeln, ein runder Hut auf dem Tische, das sind ja meine Kleider nicht. – Welcher junge Herr hat sich hier ausgekleidet, – habe ich nicht Ursache, eifersüchtig zu seyn? – Ich sehe ja meine kaiserliche Uniform nirgends; sollte ich diese Nacht betrogen worden seyn, sollte mein Weib ihre Untreue hier in meiner Gegenwart – der junge Mann hat in der Dunkelheit meine Kleider vielleicht ergriffen? –

Da bewegte sich die Gräfin, und meine Einbildung, als sey ich der verstorbene Graf, verschwand. –

Ich stellte mich schlafend, und beobachtete durch die Augen blinzend, was die Gräfin für Betrachtungen den meinigen entgegen setzen würde.

Aber sie setzte die Betrachtung meiner Person meinen Betrachtungen entgegen.

Sie lehnte den Kopf auf ihren weißen Arm, und blickte mich freundlich an, und ich betrog das Glück, das mir im Schlafe zu kommen glaubte, ich nahm ihre Küsse stille hin.

Ich biß auf die Zunge, um nicht zu lächeln, ich biß auf die Zunge, um die Lust zu ertragen, wie andere es thun, um den Schmerz.

Moralisch freute ich mich, als ich merkte, daß sie aufstand, ohne mich zu wecken, denn es war wirklich ein Beweis eines sehr liebenden Herzens, daß sie mich schlafen ließ, da sie wußte, daß ich nicht zu Leiden erwachen würde, ja es lag mir in dem Augenblick viel Unschuld in dieser Handlung, sie konnte noch denken, daß der Schlaf süßer sey, als die Lust. –

Wie sie sich leise in die Höhe richtete, als erstehe ein tugendhaftes Weib zur Seligkeit, wie sie mit Grazie und schüchterner Lust auf mich nieder sah, daß ihr zarter Fuß mich nicht berühre. – Wie die Wurzel unter der Rose, lag ich und drängte ihr Liebe entgegen, – wie sie über mich hintrat, stand mein Puls still und mein Leben hielt ein, als griffe ein schöneres Leben in seine Räder. – Ich ruhte wie die Asche eines Geweihten unter den Säulen des Tempels der Liebe. –

Und leiser soll mein Geist einst nicht über das Grab meiner Geliebten schweben, als sie über mich hinschritt. –

Sie schlüpfte in ihre Pantöffelchen, und zeigte mir, indem sie sich sorglos vor mir ankleidete, mehr keusche Blöße, als eine tugendhafte Jungfrau, die ganz allein sich auskleidet.

Da sie ihre männliche Kleidung angelegt hatte, schrieb sie mit Bleistift ein Zettelchen, kam vor das Bett, kniete nieder und steckte es mir mit einer Nadel auf das gräfliche Wappen, das am Ermel meines Schlafrocks war, dann verließ sie in Stiefeln und Sporn die Stube.

Auf dem Zettelchen standen folgende Worte –

Guten Morgen, schöner Freund! gut geschlafen? Ich habe ein moralisches Kunststückchen gemacht, Sie nicht zu erwecken, was kann man von einer Heidin, gegen die man als Frauenzimmer doch galant seyn muß, mehr begehren, wie kann man seinen Tag besser anfangen? Doch Scherz beiseite – Sie schlafen aber auch, ich habe sie herzlich geküßt – und nicht zu erwachen – ei wo will das hinaus? – Denken Sie nicht, ich sey eine Zauberin, und noch nicht von der Fahrt zurückgekommen, wenn Sie sich allein finden, – ich habe nie etwas mit dem Kamine zu thun gehabt, als daß es mich wärmte, und einmal einen Liebhaber zu mir brachte – ich reite nur ein wenig spazieren, und zwar auf Ihrem Pferde, um an seinen Launen den Mann kennen zu lernen. Adieu, heio popejo – ich bin eine Heidin, und will mein Morgengebet unter freiem Himmel verrichten. –

Ich ergötzte mich an der muntern Laune der Gräfin, und war ich verführt, oder idealisirte ich? ich weiß nicht, aber ich fand sie sehr liebenswürdig, oder liebte sie ein wenig. –

Ich konnte immer noch nicht aufstehen, obschon ich sonst kein Schläfer bin, aber ich lag, wie an Ketten geschlossen in einer ewgen Betrachtung meines lustigen Zustandes: ich konnte manchmal gar nicht begreifen, wie ich hieher gekommen sey, und hatte einen recht deutlichen Begriff, wie es sich so schön breit auf dem Throne sitzt, und wie unausstehlich es seyn muß, Kron und Zepter hinzureichen. – –

Wie einem Kinde, das zum erstenmal Komödie gespielt hat, und die bunten Kleider nicht ausziehen mag, war mir zu Muthe – nein, sagte ich, du kannst den vortrefflichen Schlafrock gar nicht wieder ausziehen, – und wünschte wirklich sehnlich, es möchten ein paar Diebe herein kommen, und meinen schwarzen Frack und die ledernen Beinkleider stehlen. –

Da ging die Thüre neben dem Bette leise auf, ich schämte mich ein wenig. –

»Ach er ist noch nicht auf!«

sagte eine weibliche Stimme; der Vorhang über meinem Kopfe wurde zurückgezogen. Ich machte die Augen zu, wie der verfolgte Vogel Strauß mit dem Glauben den Kopf versteckt, wenn er nicht sehe, werde er nicht gesehen, und es ergoß sich ein Körbchen mit Blumen über mein Gesicht. –

Da ich hörte, daß die freundliche Geberin forteilte, nachdem sie mir ihren Liebesdienst erzeugt hatte – sprang ich aus dem Bette und verriegelte die Thür.

Ich trat in meinem Ornate vor den Spiegel, und freute mich meiner kindischen Eitelkeit, dann guckte ich etwas zum Fenster hinaus: die Arbeiter waren wieder rings in den Hügeln und Gärten beschäftigt, ich war recht froh, und die Natur viel schöner, als mein Lebtage – ich sagte recht von Herzen:

Dies ist Liebchens Fenster, und ich sehe nun in das heitere Gemälde aus einem traulichen Vorgrund, leset nur eure Weinbeeren, Küsse sind doch süßer; mein Herbst klingt nicht, und singt nicht, aber ich gebe ihn doch nicht um den eurigen. –

Dann kleidete ich mich schnell an, und wie ich den seidnen Schlafrock ablegte, legte ich viel frohen Muth ab, und als ich in meinem schwarzen Fracke steckte, war ich wieder voller Grundsätze –, aber ich ärgerte mich drüber.

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