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Clemens Brentano: Godwi - Kapitel 71
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodwi
authorClemens Brentano
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-009394-5
titleGodwi
pages3-15
created19990905
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1801
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Ein und dreißigstes Kapitel.

Der Mann, welcher sich bey meinem Vater aufhielt, fuhr Godwi fort, und von dem ich Ihnen schon gesagt habe, daß er Annonciatens Bild, wie auch das von Marien und Wallpurgis mahlte, war Franzesko Fiormonti, wie Sie wissen.

Er war in London in einem Irrenhause von seiner Verrücktheit geheilt worden. Wie er hingekommen sey, wußte er nicht, und da er wieder hergestellt war, wollte er nach Deutschland, um eine gewisse Dame aufzusuchen, die, wie er sich erinnerte, an dem Todesbette seiner Frau gesessen habe; – wie sie hieß, konnte er sich nicht entsinnen.

An meinen Vater war er empfohlen worden, und arbeitete bey ihm, während dieser sich umsonst bemühte, jene Dame auszukundschaften.

Ein glücklicher Zufall führte ihn endlich: er wollte, Franzesko solle ihm Molly malen, nach einem kleinen Gemälde, das er noch aus jener Zeit besaß. Franzesko erkannte Molly, und da ihm mein Vater ihren Namen sagte, so war er gewiß, daß sie seine Wohlthäterin gewesen war.

Er war nun nicht mehr zu halten, und reiste zu ihr hin. Sie freute sich innig, dem kleinen Eusebio seinen Vater wiedergeben zu können – und freuen Sie sich, lieber Maria, freuen Sie sich, unterbrach sich Godwi. –

Ich fragte ihn verwundert, warum?

O es giebt nun bald einen herrlichen Zug, eine Völkerwanderung, die uns Luft machen wird! Sie erzählten mir, wie Sie auf dem hohen Berge am Rhein auf einem Baume saßen, und den Zugvögeln glückliche Reise wünschten, solche Zugvögel werden gleich an uns vorüber ziehen.

Durch Franzesko kamen Molly und mein Vater wieder zusammen. –

Sie können sich denken, wie ich überrascht ward auf meiner alten Burg, da mein Vater und Molly ankamen, ich kannte alle diese Verbindungen nicht –.

Mein Vater reichte mir zuerst die Hand, da er herein trat.

Ich hätte dich nirgend lieber gefunden, als hier, sagte er, wo ich alles wieder finde, – dann wendete er sich zu Joseph mit folgenden Worten –

Joseph, ich bin zu alt, um vor Dir niederzuknien, und Dich um Verzeihung zu bitten, reiche mir Deine Hand, meine kann nichts böses mehr thun, und Deine kann noch verzeihen, ich habe schwer gebüßt. –

Der alte Joseph stand ruhig auf, weinte, und umarmte ihn; wenn die Folgen sterben, sprach er, ist keine Ursache mehr. –

Otilie stand ruhig neben mir, auch ich stand ruhig –.

Lieben sich unsre Kinder? sagte mein Vater zu Joseph. –

Ich umarmte Otilien gerührt, und beide sagten wir ruhig: Nein. –

Franzesko saß mit seinem Kinde im Arm stumm in einem Winkel.

Es fehlt noch einer, sagte Molly zu meinem Vater, dein Pflegesohn Römer, – wisse, er ist unser Kind! Du hast einen guten Menschen aus ihm erzogen; darum verzeihe ich Dir so gern, daß Du mich nicht mehr liebtest, als ich ihn gebar.

Nun geht es zu Ende, unterbrach sich Godwi freudig, nun sind wir gleich auf dem hohen Baume am Rhein, und aller Druck stürzet hinab, wir werden gleich der ganzen fatal verwickelten Geschichte los seyn, die Zugvögel regen schon ihre Schwingen –.

Ich erhielt von meinem Vater den Auftrag, nach F. zu reisen, Römern vorzubereiten, und ihn dann zurück zu seinen Eltern zu bringen. –

Ich traf ihn aber schon unterweges, und zwar mit Joduno, es war in einem kleinen Wirthshause, nahe bey Eichenwehen.

Wir umarmten uns herzlich, Joduno kam mir freundlich entgegen, und küßte mich; sie sah sehr blaß aus, und ich fragte, ob sie krank gewesen sey.

Römer wird Ihnen alles erzählen, sagte sie; und ich hörte nicht ohne Rührung von Römer, daß er in seinem letzten Briefe an mich nur zu wahr geweißagt hatte, denn er sagte mir:

Die Brünette ist gestorben, sie hat unsre Liebe gestiftet, meine und Jodunos Liebe, das war die letzte und schönste That ihres Lebens; was sie am Allerseelen-Tage, da Joduno in F. ankam, gesagt hatte, als sie mit ihren Geschwistern vom Grabe ihrer Mutter zurückkam, ist wahr geworden. Es hat sie leise hinab gezogen, sie ist vorige Woche gestorben –.

Römer sagte mir noch, daß er Joduno nach Hause begleite, um ihrem Vater seine Liebe darzustellen, und dann hänge es von der Güte meines Vaters ab, ihn zu unterstützen, damit er sich irgendwo ehrenvoll niederlassen könne. –

Hier sagte ich ihm nun, daß sein Vater und seine Mutter gefunden sey, und ihn auf der Burg erwarteten. Wir eilten dahin. –

So wunderbar verbunden waren nie Menschen, wie diese, aber ich fühlte, daß ich nicht zu ihnen gehörte.

Mein Vater ging selbst nach Eichenwehen, um bey dem alten Edelmann die Tochter für Römer zu begehren, und sie ward ihm gegeben –. Römer aber übergab er seine Handlung, die dieser nach B. hinzog, damit Joduno näher bey ihrer Heimath sey –.

Mir ward dieses Gut, und ein beträchtliches Vermögen zu Theil, und mit dem kleinen Eusebio an der Spitze, zog nun der Zug nach Italien.

An der Spitze flog Eusebio, hinter ihm Franzesko und Otilie, und hinter diesen mein Vater nebst dem alten Joseph, in ihrer Mitte aber Molly von Hodefield, so piramidalisch, wie die Störche fliegen – adieu –.

Glückliche Reise, sagte ich, kommt um Gotteswillen nicht wieder –!

Nein, sagte Godwi, eine gute Partie ist davon gestorben. – Otilie lebt noch, sie hat sich Francesko vermählt.

Nun sind wir mit dem verzweifelten zweiten Bande fertig – ich kniete mich vor meinen Freund, und bat ihn herzlich um Verzeihung. Ich will es nicht wiederthun, sagte ich. –

Eins noch habe ich vergessen, hob er zu meinem Schrecken wieder an, ich muß noch einiges erzählen, was ich auf meinem Gute fand.

Ich reiste zurück frei und frank, und so gesund an Leib und Seele, wie ich es nimmer gehofft hatte. Da ich in dem Walde ankam, fand ich das neu angelegte Jägerhaus, und in ihm Kordelien: wie sie hier hin gekommen war, habe ich nie erfahren, sie rechtfertigte sich durch ein Legat von meinem Vater, das ihr hier freien Unterhalt bis zu ihrem Tode versicherte. –

Auf dem Gute selbst brachte ich noch einige Zeit zu, und beschäftigte mich theils mit den Gemälden und Statuen, die seit meiner Abwesenheit entstanden waren, theils mit meinem Gemüthe.

Nachdem ich dann mit den Wiedertäufern meine Rechnungen abgeschlossen, und das Gut völlig übernommen hatte, entschloß ich mich, an den Rhein zur Weinlese zu reisen.

Nun sind wir eigentlich fertig. –

Hier nahm mich Godwi am Arme, wir gingen aus der Eremitage zurück, und fanden Habern schon beschäftigt, seine Rolle in Flamettens Lustspiel auswendig zu lernen. –

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