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Clemens Brentano: Godwi - Kapitel 70
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodwi
authorClemens Brentano
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-009394-5
titleGodwi
pages3-15
created19990905
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1801
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Dreißigstes Kapitel.

Joseph war eine Zeitlang umher geirrt, verband sich endlich mit der Tochter eines Amtmanns in einem kleinen Städtchen, arbeitete mit seinem Vater zugleich: da dieser, und bald darauf sein Weib gestorben war, zog er auf den Berg, wo wir ihn unter dem Namen Werdo Senne kennen gelernt haben.

Godwi wendete sich hier lächelnd mit folgenden Worten zu mir:

Sie sind wunderbar mit dem guten Joseph im ersten Bande umgesprungen, Sie haben einen so geheimnißreichen Grabstein aus ihm verfertigt, daß kein Mensch rathen sollte, wen er bedeckt, eben so mit Otilien.

Ich kann mich nicht entschuldigen, erwiederte ich, aber ich wollte, es reute mich nicht, und ich hätte meine Geschichte ausschreiben dürfen, ich wollte immer an einem Himmelfahrtstage einen sterben, und am Allerseelen-Tage seine Nachkommen beten lassen, und alle hätte ich am Allerheiligen-Tage noch einmal im Himmel schlecht grouppirt – doch Lieber – erzählen Sie fort, damit wir das Volk nach und nach vom Halse bekommen, ich versichere Sie, es schleppt sich noch wie ein Leichenwagen, und ich glaube, ich werde ruhig seyn, wenn die ganze Geschichte aus ist, fahren Sie fort. –

Molly zog nun nach Deutschland in die Nähe von Josephs Aufenthalt, ihr Sohn blieb noch in England in einer Handlung.

Auf ihrem Wege begegnete ihr folgendes, was wieder einen Knoten in ihrem ersten Bande löset.

In einem Gasthofe hörte sie neben ihrer Stube sehr heftig weinen und klagen, es war eine Italiänerin. Molly ging zu ihr und bat sie, sich ihr zu vertrauen. Die Italiänerin erzählte ihr nun unter vielen Ausrufungen, daß sie von einem jungen Manne gegen den Willen seiner Eltern aus dem Kloster sey entführt worden, daß sie nun hier angekommen und ohne allen Unterhalt seyen, sie sey hier in einem lutherischen Lande getraut worden, und fühle nun den ganzen Fluch ihre Kirche: ach! sagte sie, Madam, hätte ich nur mein Kind gebohren, ich wollte gerne sterben. –

Molly versprach Hülfe, sie hörte, daß ihr Mann ein Maler sey, und verschaffte ihm Arbeit in der Stadt. Sie selbst verließ die junge Frau nie – und schwor ihr, für ihr Kind wie eine Mutter zu sorgen.

Die Italiänerin brachte einen Sohn zur Welt, und starb. – Der Mann kam in die Stube, sah sein todtes Weib, verließ das Haus und war nicht mehr zu finden. – Das Kind erhielt den Namen Eusebio – und Molly nahm es als das ihre an. – Nachdem sie den kleinen Eusebio zwei Jahre erzogen hatte, und er immer sehr kränklich gewesen war, brachte sie ihn zu Joseph hinauf, damit ihm die freie Luft gedeihen möge. –

Auch aus diesem Knaben haben Sie ein recht abentheuerliches Geschöpf zu machen gesucht, mein Freund! sagte Godwi hier zu mir.

Ich verdiene das alles, erwiederte ich, aber fahren Sie fort, jedes Wort der Geschichte langweilt mich so, daß es mir wirklich mehr Strafe ist, sie anzuhören, als alle mögliche Vorwürfe. –

Sie werden einsehen, lieber Maria, fuhr Godwi fort, daß dieser Maler Francesko Fiormonti, und das junge Weib seine Cecilia ist, von denen Antonio Fiormonti an meinen Vater schrieb. Seinen Brief haben Sie allein unverfälscht gelassen.

Ich wende mich nun wieder etwas zu meinem Vater. Dieser hatte während dem, was ich Ihnen erzählte, sich hier in der nahgelegenen Stadt etablirt, und dieses Landhaus gekauft. Mariens Tod, Josephs Elend hatten einen mächtigen Riß in sein Leben gemacht, er ward sehr melancholisch und überließ sich der Reue in einem fürchterlichen Grade. Er floh mich, und ich verzweifelte in den Händen der Lehrer. Einen Freund hatte ich, der einige Jahre älter war; er war als elternlos meinem Vater aus England geschickt worden, denn er hatte jemand gesucht, um mir einen Gesellschafter zu geben –. Dieses ist Römer, Molly's Sohn. Sie wußte es wol, sie wollte Godwi zwingen, Vater zu seyn, und hatte durch Römer einen Faden angelegt, sich wieder mit meinem Vater zusammen zu spinnen. –

Ich führte ein trauriges Leben, bis mir endlich mein Vater erlaubte, zu reisen, er wünschte, ich möchte nach Italien gehn –; aber Sie wissen, wie ich reiste, die Freiheit war so wunderbar, so süß, daß ich oft in einem Dorfe einen halben Tag zubrachte.

Als ich nach B. kam, ward ich mit Molly bekannt, von deren Zusammenhang mit mir ich nichts wußte.

Die Frau war noch sehr schön, und es hatte mich vorher noch kein Weib in die Arme gefaßt. Sie öffnete mir einen ganz neuen Sinn fürs Leben, ich habe von niemand mehr gelernt, als von ihr.

Sie ward sonderbar durch mich erregt, ihre Schwärmerei besiegte ihre Erfahrung, und sie beweist in ihrem Briefe an Joseph, den Sie im ersten Bande Seite 142 mit ihren undeutlichen Kunststücken verdorben haben, daß keine sogenannte Besserung möglich sey, wenn man das als Sünde annimmt, was unmittelbar aus dem Zentrum unsers Daseyns aufflammt. Sie war als ein sinnliches Weib erschaffen worden, und war so unschuldig geblieben, wie sie Gott erschaffen hatte, das heißt sinnlich, und hatte ihr die Natur nicht einen Fingerzeig gegeben, sollte sie etwa begehrend, und liebenswürdig geblieben seyn länger als die meisten, um das Rettungsmittel der Moral anzuwenden, da sie nicht zu Grunde gegangen war.

Es klingt paradox, sagte ich, aber es ist doch wahr, wer zur Wollust geboren ist, und sie nicht übt, führt ein recht lasterhaftes Leben. Es ist nichts Unkeuscheres, als ein recht sinnliches Mädchen, das keusch ist, und eine Violette, die sich bekehrt, verliert ihre Unschuld. Der Staat aber ist nur auf eine Gattung eingerichtet, und besteht aus sehr schlechten Menschen, weil ein Theil gut, und der andere schlecht werden muß, um tugendhaft zu seyn, wie es der Staat will –.

Doch siegte das schlechte gute Prinzip in ihr, und sie schickte mich weiter. Wie ich zu Joduno und dann zu Otilien kam, wissen Sie.

Es bleibt mir noch etwas zu lösen, es ist die Erscheinung der weißen Frau mit dem Kinde im Arm, die Sie im ersten Bande 289 so unerklärt erscheinen lassen, es ist niemand anders gewesen, als die Engländerin, die ihren Pflegling Eusebio besucht hatte, ohne mir doch begegnen zu wollen. Sie trennte sich eben im Walde von ihm: als ich mit Otilien auf die kleine Wiese hervortrat, hielt sie ihn in den Armen, und was Sie, mein lieber Maria, zu den stillen Lichtern gemacht haben, ist nichts anders gewesen, als eine kleine Handlaterne, mit der sie Eusebio zu ihrem Wagen zurückbegleitete –.

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