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Clemens Brentano: Godwi - Kapitel 68
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodwi
authorClemens Brentano
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-009394-5
titleGodwi
pages3-15
created19990905
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1801
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Acht und zwanzigstes Kapitel.

Gott sey Dank, sagte ich zu Godwi, nun bin ich mit den Papieren fertig, und es ist nun die Reihe an Ihnen zu erzählen, was Sie wissen –

Ich spreche von dem Meisten nicht gern, erwiederte Godwi, was ich von meinem Vater weiß, und es ist das einzigemal, daß mir es Mühe kostet, Ihnen bey Ihrem Buche zu helfen, Sie werden mir daher verzeihen, wenn ich mich sehr kurz fasse: überhaupt schreiben Sie ja meine und nicht meines Vaters Geschichte; ich will Ihnen also nur einiges aus dem Leben meines Vaters, ehe er nach Deutschland kam, erzählen, und etwas von Josephs fernern Schicksalen, damit ich nachher frei bin, und Ihnen die wenigen Schritte noch aufschreiben kann, die ich von da, wo Sie mich im ersten Bande ließen, bis hier hin that, von dem steinernen Bilde der Mutter, bis hierher an Violettens Grabmahl. Der Weg scheint lang von dem Denkmahle einer Mutter, bis zu dem eines Freudenmädchens, er ist es nicht, aber er umfaßt dennoch mein Gemüth. Sie haben im ersten Bande das Lied von der Marmorfrau, mit dem das Buch hätte anfangen müssen, hätten Sie die Geschichte meines Lebens, das ist, meiner Empfindungen schreiben wollen, und mit dem, was Sie von Violetten sangen, mußten Sie aufhören. –

In diesem Marmorbilde lag all mein Schmerz gefangen, ich lag, wie das Kind in den kalten Armen des Bildes: was in dem Teiche sich bewegt, das ist dasselbe immer wieder, nur im beweglichen Leben gesehen; aber was dort über den grünen Büschen in die Höhe strebt, das ist meine Freiheit, in Marien lag der Schmerz und die Liebe gefangen, in Violetten ward das Leben frei. –

Doch ich will die fatalen Geschichten, die nicht zwischen diesen zwei schönen Polen, diesem Aufgang und Untergang liegen, schnell erzählen, damit Sie, lieber Freund, mit meiner Geschichte fertig werden, und wir mit einander eine bessere lebendige des eignen Lebens anfangen können.

Mein Vater war früh elternlos und sein eigner Herr, leidenschaftlich und voll Enthusiasmus. Aber reich und frei gab er seinem Enthusiasmus keinen Zweck. Er ergriff alles mit ihm, was ihm in die Hände kam, die ganze Welt brannte ihm in einem reinen Feuer, so oft er sie auf einem neuen Punkte berührte, aber nur seine Leidenschaft berührte sie. Er liebte früh, und ward bewundert, nie geliebt; es konnte sich kein Wesen an ihn hängen, denn er sprach im Arm der Liebe vom Universum, wo er es hätte seyn sollen.

Die armen Geschöpfe, die er fallen ließ, wenn sie sich an seine Brust gelegt hatten, und er des Mädchens vergessend, die Arme nach der Weiblichkeit ausstreckte, fielen unsanft, und mußten schmerzlich empfinden, daß er sie nur dann wieder erheben konnte, wenn er seine Arme eben zufällig nach dem Elend ausstreckte. –

So ward ihm nichts, was ihn erquickte, denn der wird sich nie an einem kühlen Bronnen im einsamen schattichten Thale menschlich erfreuen, der immer die Idee der alten Philosophen im Kopfe hat, daß das Wasser das Erste und Höchste sey, von dem Alles komme, zu dem Alles kehre. –

Er war daher sehr unglücklich, denn er sehnte sich nach Liebe und Freundschaft, aber nicht nach Menschen. –

Es blieben ihm wenig Freunde, aber er hatte immer eine Menge; er war nie ohne eine Geliebte, aber er hatte immer eine verlohren – die armen unbefangenen Weiber sehnten sich nach dem Höchsten, wenn er einige Wochen hohe Worte vor ihnen gesprochen und Alles, wovon sie lebten, klein gemacht hatte; sie sehnten sich nach dem Höchsten, aber er zerbrach ihnen alle tiefere Sprossen der Leiter: da gaben sie sich hin, um mit ihm das Höchste zu erringen, aber sie gaben ihm ihr Höchstes hin – er machte sich ein Gedicht aus der Sache, sprach von der Göttlichkeit der Liebe so göttlich, daß die Menschen zu Idealen der Kunst zu werden strebten, und die Bildsäulen sich begattet hätten, wenn sie es wie jene gehört hätten. –

Wer ihn nehmen konnte, wie ein Element, wie einen Sommer, dem konnte er wohl thun, denn man konnte ihn durch mancherlei Arten von Verehrung dazu bringen, dies oder jenes Wetter zu erschaffen; wer ihn aber nahm, wie ein angewandtes Feuer, oder einen Gärtner, und sich von ihm in der Landwirthschaft unterrichten ließ, der konnte mit Weib und Kind verhungern. –

Er wickelte sich bald mit sehr großmüthigen Gefühlen von den Menschen los, und kam nach Oxford, um zu studieren: dort ergab er sich dem Skeptizismus, und sein Enthusiasmus, den er doch nun nicht mehr ablegen konnte, ward zu einem entsetzlichen viel bösern Ding, zum schwärmenden Spotte. –

Er zweifelte an Allem; doch schien dieses, durch seinen Enthusiasmus gemildert, lauter Bescheidenheit, und alle Menschen waren so lange von ihm entzückt, bis sie sich selbst an ihn verloren, dann nahm er ihre von ihm begeisterten Körper in den Arm, hob sie zum Himmel, opferte sie der ganzen Natur, schlachtete sie mit seinem Spotte, mit der Thräne der Rührung, daß es ihm verliehen sey, sie in so göttlichem Rausche ohne Schmerzen zu tödten, verbrannte sie dann mit schönen Gebeten im reinen Feuer des Enthusiasmus, streute ihre Asche in alle vier Elemente, und verspottete sich hintennach selbst.

Sein Enthusiasmus nahm nun immer mehr ab, und eben so wuchs sein Spott. Vorher hatte er die Menschen zernichtet, weil er sie Engel nannte, jetzt zernichtete er sie, weil sich die schöne Täuschung gelöst hatte – er, der vorhin mit so großen herrlichen Wesen öffentlich war gesehen worden – wie konnte er nun mit den schlechten Menschen umgehen! –

Er war noch eitel, und genoß nun in der Verachtung, und wenn er vernichtete, war er in seinem Berufe. –

Und bey allem dem so unglücklich! – Oft hatte er helle Minuten, und das waren die traurigsten: was hatte er nur verbrochen? daß die Welt so schlecht war, und er so vortrefflich – warum war er nicht wie die andern schlechten Menschen, unter deren Hand Alles aufblühte, warum mußte er zerstören? –

Wenn er solche Momente gehabt hatte, gab er das Gold haufenweis an die Armen, oder setzte sich zu Pferd und ritt im Lande herum – denn das war ihm gleich viel.

Man kannte ihn um ganz Oxford herum, denn er kehrte oft bey den adlichen Familien auf solchen Fahrten ein, weil er doch nicht lange mit der Natur allein seyn konnte, die ihm die Wahrheit zu sehr sagte. –

Bey diesen Gesellschaften nahm er manchem guten Fräulein die Ruhe, denn er legte es drauf an, und war ein schöner liebenswürdiger Mann. –

In Oxford ging er mit ausschweifenden Mädchen um, und bekehrte, was andere verführt hatten, um sie auf eine richtigere Art zu verführen.

Alle hielten ihn für einen sehr gefährlichen Mann, und fielen doch gerne in seine Schlingen, denn es waren die, in denen es Mode und gleichsam honett war, einmal gefallen zu seyn – und es war auch bequem, denn er war diskret aus Hochmuth.

Er machte auf einer seiner kleinen Reisen die Bekanntschaft eines sehr schönen, in der ganzen Gegend als ein Wunder von Verstand bekannten Mädchens: auch sie war lange auf ihn begierig gewesen, sie war stolz, siegreich, und wußte nicht, wie sinnlich. Sie hatte es lange gewünscht, sich mit ihm zu messen, aber so hatte sie ihn nicht vermuthet.

Sie saß am Tische neben ihm, und koquettirte mit Todesangst, er aber war kalt, ohne allen Witz, beißend verständig, zerlegte ihre Reize und ihre Worte sehr ruhig vor der ganzen Gesellschaft, und sah dabey aus, wie ein Engel der Güte – diese Gattung war seine Hauptstärke. –

Das arme Mädchen war in der schrecklichsten Noth, ihr ganzer Ruhm stand auf dem Spiel. Sie war daher fest entschlossen, ihn zu besitzen – und fing an alle seine kalten Reflexionen, seinen edlen Spott mit einer scheinbaren Unschuld aufzunehmen, und ihr Verstehn vor der Gesellschaft in sehr gefühlvollen Auslegungen zu entwickeln.

Es that seine Wirkung, die Gesellschaft, besonders die Weiber, welche sich anfangs gefreuet hatten, daß sie endlich doch da gescheitert sey, wo alle scheiterten, verstanden bald das Gespräch der beiden nicht mehr, und sahen nur mit Eifersucht die gelogene Zufriedenheit Molly's von Hodefield. –

Godwi merkte das alles recht gut, und er war zu beschäftigt, seinen Ton fort zu halten, und zugleich auf einen letzten vernichtenden Schlag zu sinnen, als daß er hätte empfinden können, wie liebenswürdig Molly war. –

Aber ihr blieb heute der Sieg, denn sie stand schnell vom Tische auf, und sagte, daß sie zu einer Freundin müsse, die krank sey, zugleich wendete sie sich, mit einer ziemlichen Vertraulichkeit zu unserm Spötter, und sagte unbefangen:

Ich hoffe, lieber Freund, Sie heute Abend überzeugt zu haben, wie ich Sie sehr gut verstehen, und wie ich gar nicht begreifen kann, daß man ihren Grundsätzen einen so bösen Ruf gegeben – wahrlich wenn Sie in Ihrer Güte fortfahren, mich so wenig zu besuchen, weil Sie glauben, es könne meinem Rufe schaden, so übertreiben Sie; ich kann nicht begreifen, warum Sie mich nicht öfter besuchen sollten, wir sind immer so ungestört, als das letzte mal, denn Sie wissen, ich bin allein, und ganz mein Herr – Sie wackrer Mann, wie kann man Sie gefährlich nennen? es ist umgekehrt, Ihnen ist alles gefährlich, doch ich verspäte mich, denken Sie an den Weg zu mir. –

Sie hatte Godwi nie gesehen, trat ihm dabey auf den Fuß, den er mit einem spottenden Nichtverstehn zurückzog; aber das störte sie nicht, sie legte ihm freundlich die Hand auf die Schulter, und verließ die Stube.

Ihm war ein solches Weib interessant, er hatte lange keinen so ehrenvollen Kampf gehabt – und er nahm es stillschweigend an. Ihre Sicherheit schien ihm nur Sicherheit, aber sie hatte ihn doch um ihre Verlegenheit betrogen. –

Als sie weg war, war es nun seine Sache, die Anwesenden zu quälen, er sprach deswegen mit Begeisterung von der Liebenswürdigkeit Molly's, und ließ nachher jede einzelne Liebenswürdigkeit für sich über die Klinge springen. –

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