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Clemens Brentano: Godwi - Kapitel 67
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodwi
authorClemens Brentano
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-009394-5
titleGodwi
pages3-15
created19990905
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1801
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Sieben und zwanzigstes Kapitel.

Der Godwi, den ich hier nannte, ist unsers Godwis Vater. Ich las diesem vor, was ich schrieb, und er gab mir einige Blätter seines Vaters, die er in der Zeit seines Lebens bey Wellner, und auch an jenem Abend niedergeschrieben hatte: sie könnten eigentlich alle an diesem Abend geschrieben seyn, weil sich an ihm alles sammelte, was er damals empfand. Diese Blätter sind lauter Bruchstücke von Erinnerungen aus seinem Leben, die ihm zu Empfindungen wurden, und die sein Sohn historisch selbst nicht genau kannte. –

Ich setze davon das Merkwürdigste hieher, um seine Geschichte aus seinen Empfindungen den Lesern vermuthlich zu machen. – Es wird ihnen um so leichter werden, dieses zu thun, als es sehr viele Menschen giebt, denen alles leicht, und das Bedürfniß dringend war. Ich lasse diese Fragmente ohngefähr so folgen, wie sie mir in der Zeit gefolgt zu seyn scheinen –.

Ich möchte oft lachen und weinen über meine sogenannte Ungeschicklichkeit im Leben, die doch nichts, als eine wunderbare Ueberzeugung bleibt, daß alle Geschicklichkeit lächerlich ist – ich bleibe immer stehen, komme nicht weiter, wenn ich irgend eine Geschicklichkeit erlange, denn ist Geschicklichkeit etwas anders? als: bey einer Sache länger verweilen zu dürfen, als es schicklich ist. –

Es zieht mich alles an, aber ich stehe immer im Zweifel, ob ich willkommen bin, nähere ich mich einer Sache, so möchte ich meine Verlegenheit nicht merken lassen, und mache alle Wissenschaften in mir irren, wenn ich dann sehe, daß sie sich in mir geirrt, so sage ich etwa, kann ich die Wissenschaft betrügen, so kann sie das Leben auch betrügen, und sie weiß wol nicht, was sie will. Ich achte ihren guten Willen, aber ihr Wissen kommt mir verdächtig vor.

Mir ist sehr wohl über alles, was ich nicht weiß, was ich weiß, finde ich unnütz, weil es wol kann besser gewußt werden, ich wollte, ich lebte nicht, mein Leben könnte auch besser gewußt werden.

Das ganze Leben ist eine Geheimnißkrämerei, eine Delicatesse aller Existenzen gegen einander, das mir es oft ängstlicher drinne ist, als bey tugendhaften Mädchen, die in jeder Stunde heurathen können, wenn nur ein Priester die Gelegenheit vom Strauche bricht.

Es ist wahrhaftig nicht der Mühe werth, sich Mühe zu geben, die Sache bleibt ewig dieselbe; bohre ich ein Loch mit meinem Verstande in die Welt, so muß es sich des allgemeinen Gleichgewichts halber wieder zustopfen, und es ist recht unhöflich, die Natur der Dinge so zu bemühen.

Vor vielen Dingen soll man Ehrfurcht haben, man soll sie ehren, und nirgend möchte ich so gerne laut sprechen oder pfeifen, als in der Kirche, nicht um gehört zu werden, sondern um es zu hören, – ich möchte auch wol gerne in einem lüderlichen Hause beten, und über eben diese Gelüste kann ich sehr traurig werden. –

Tugendhaft seyn, wie man es ist, heißt, was ein Brownianer schlecht recipiren nennt; – ich möchte oft toll werden über alle die Dinge, die dazu nöthig sind, und die ich oft gar nicht auftreiben kann.

Am Ende sind alle Menschen nur Formeln, um ein Stück Weltgeschichte herauszubringen, denn warum hielt ich einst nichts auf Tugend, und fange jetzt wieder an, was drauf zu halten?

Ich habe immer eine große Anlage gehabt, Weibern, die sich mit ihrer Tugend breit machten, etwas die Ehre abzuschneiden, und ihre Tugend zu schmählern, damit die andern sich nicht so ängstlich drücken müßten, die ihre Tugend selbst schmählerten, und das that ich vielleicht gar des Wortspiels wegen.

Gott weiß, daß meine Wahrheit mein Unglück war! Ich hörte immer schon dann auf zu lieben, wenn ich merkte, daß meine Geliebte den Engel und den Menschen getrennt hatte, und habe manchem Menschen seinen Engel genommen, und ihn allein stehen lassen: das ist bös, aber es war so: ich habe alle Chemie erschöpft, die Unschuld wieder mit dem Mädchen zu vermischen, aber es ging nicht, und die Unschuld erschien mir endlich nicht schuld an der Schuldlosigkeit.

Eine Zeitlang trieb ich das Leben rückwärts, und that alles nicht, was ich gethan hatte, ich glaubte, das sey Besserung, aber ich kam mir bald so komisch vor, wie ein Riese, der Alt singt, und ein alter Mann, der die Leute mit seinen Kinderjahren unterhält – da machte ich denn das gebesserte Stückchen schnell wieder schlecht, und alle Besserung kam mir vor, als schüttelte ich ewig das Kissen auf, auf dem ich mit meinem Liebchen ruhe, müsse es immer wieder niederdrücken, und käme nie zur Ruhe selbst, oder man rasire mich so langsam, daß mir der Bart immer unter dem Messer wachse.

Ich habe nun so mancherlei gethan, viele Freunde gehabt, viel Geld ausgegeben, viele Mädchen geliebt, viele Ewigkeiten verlohren, und das alles ist vorbey, es bleibt nichts als die Narbe, und die schmerzt, wenn sich das Wetter ändert. Was soll ich mit allen den süßen Erinnerungen, die vorbey sind, und was mit aller der Gegenwart, die vorbey geht, – so raisonire ich jetzt; sonst war dieses keine Empfindung, es war Handlung: ich ärgerte mich einmal darüber, das Jenny eine so liebenswürdige Dirne war, weil ich glaubte, das Laster müsse häßlich seyn; ich gab mir alle Mühe, sie häßlich zu machen, aber das Mädchen ward der Tugend zum Trotz immer artiger. – Ich glaubte nun, wenn sie tugendhaft würde, würde sie ein Engel seyn, weil ihre Schönheit größer war, als ihr Laster: das Mädchen bot mir Hände und Füße zur Tugend, und ich bekehrte sie so gründlich, daß sie sich die Haare und Schleppen abschnitt, damit ihre Tugend wachsen solle; aber sie ward bald so langweilig und so häßlich, daß ich rieth, die Bußthränen in Reuethränen über die verlohrne Sünde zu verwandten, und ich brachte sie mit Mühe soweit zurück, daß ihre Haare wieder wuchsen, und ihre Röcke wieder schleppten.

Ich habe auch wol sechshundert große Wohlthaten gethan, viele kleine abgerechnet, aber empfinde, daß Thaten nur Thaten sind, und daß bey den Wohlthaten ich nur durch Danksagungen langweilt ward, mich aber irgend ein dummer Streich sehr amüsirte, weil die Leute so lustig drauf schimpften.

Manchmal ist mir's, als befände ich mich allein schlecht, weil ich andern Leuten zu sehr traue: sie machen einen Lärm von der Schönheit der Natur, als wäre es eine Seltenheit, und streichen gewisse Empfindungen so heraus, als wären sie nicht blos rein gebürstete Stellen des Lebens, sie haben eine Aufrichtigkeit in allem diesem, daß ihnen die Knöpfe vom Rocke springen, als sey alles dieses etwas anders, als Nacktgehen – und stelle ich mich hin und rüste mich und strecke die Arme wie ein Fechter hinaus, ich warte und warte auf die entsetzliche Vortrefflichkeit der Dinge, als sollte nun bald ein Felsenstück auf mich nieder rollen, und am Ende ist es immer das Alte, was sich von sich selbst versteht, ich werde unwillig, und vergnüge mich in irgend einem Winkel der Erde, so lange es geht –.

Es wäre mir recht angenehm, Weib und Kind zu haben, aber ein Weib vom Vater oder von sich selbst begehren, langweilt mich, und das Stehlen ist verboten.

Marie Wellner liebe ich, aber es ist mir leid für sie, ich habe kein Recht auf sie, und sie alle auf mich: ich will warten, ob sie diese Rechte gebraucht, ich befinde mich wohl in diesem stillen Leben, ich glaube, es könnte gut werden, ob ich gut werden kann? Gott weiß, wer schlecht ist.

(An dem Abend, als die Scene zwischen Wellner und Marien vorfiel, fand sich Godwi sehr ergriffen: er vergaß alles, was vor diesem sein Leben umfaßte, und entschloß sich fest, Marien zu besitzen, an ihr und dem guten Alten ein einfaches ruhiges Leben zu erbauen, und ruhig zu werden –, er schwor sich selbst nur von dem Besitze Mariens aus zu leben, und alles anzuwenden, sie zu erhalten. Die Lage des Vaters schien ihm dazu eine Hülfe zu bieten, weil er reich war, und ihn durch ein Darlehn decken konnte; er hoffte auf die Dankbarkeit der Tochter, und faßte die Hoffnung, Joseph werde nicht zurück kommen –, wie ihn dieser Plan rührte, wie er jetzt schon wieder auflebte, und eine ganz andre Ansicht seines Lebens bekam, ist leicht aus folgenden Zeilen zu sehen, die er schrieb, und die mehr Selbstgefühl, als Selbstverachtung athmen.) –

Ich habe lange auf den gewartet, der mich dem ewigen Zweifel an ein besseres Leben in mir entrisse, und endlich ist sie erschienen, die mich zur Einzelnheit erheben kann. Marie hat sorgenvoll mit mir gespielt, und wenn sie ihren eignen Schmerz an meinen Mängeln wegschneidet, so kann ich immer schöner werden, und einst ihr Glück, das sie verlor, ihr in mir, ihrem Werke, zeigen.

(Dieses wenige war mir verständlich, alles andere zeigte mehr oder weniger Bitterkeit und Selbstverachtung, mitunter eine Art von Muthfassen, die einer gewohnten Frivolität sehr ähnlich war, dabey doch guten Willen, aber selbst für diesen guten Willen Verachtung.) –

Er schrieb nach diesem ein Billet an Wellner, bot ihm eine ansehnliche Summe an, und ließ einige Zeilen einfließen, wie er sehr wünsche, mit ihm in eine nähere Verbindung zu kommen. Wellner nahm die Summe an, und wünschte auch, daß ihn Marie lieben möge –.

Auch dies fand sich. Godwi war mehr um sie, er hatte ihren Vater gerettet, sie war ihm dankbar, es kamen Briefe, Joseph sey todt, sie war sehr traurig, und dem Vater war es die letzte Erfahrung: er ward krank, und wünschte Marien noch bey seinem Leben mit Godwi verbunden zu sehen, sie reichte ihm die Hand, es war an derselben Stelle, wo er sie einst Josephen versprochen hatte – bald darauf starb er. –

Godwi besaß nun die ganze Handlung, und führte sie unter Wellners Firma fort. Marie war nicht glücklich und nicht unglücklich mit ihm, aber sie liebte ihn nicht – sie liebte immer nur Josephen. –

Abends ging sie oft, mit ihrem kleinen Sohne auf dem Arm, am Hafen allein spazieren, und sah noch dahinaus, wo ihr lieber Joseph hingefahren war, und weinte.

Als sie auch einmal so da ging, kam ein Schiff gefahren, vorn auf dem äußersten Rand stand ein Mann, der aussah wie Joseph; er hatte ein Fernrohr in der Hand, und sah nach ihr, und winkte mit einem Tuch, sie bebte, und trat ganz hervor an das äußerste Ende des Ufers, so daß der Knabe sie bang um den Hals faßte. –

Der Mann sprang in ein Boot, und kam näher, ach er sah immer aus wie Joseph! Er rief laut, Marie, Marie!

Es war Josephs Stimme, es war Joseph selbst, und er sah, wie Marie die Arme nach ihm ausstreckte, wie ihr Kind und sie in die See stürzte –.

Joseph wurde gerettet, das Kind wurde gerettet, aber Marie war todt.

Godwi nahm den Knaben und floh, Joseph blieb krank zurück, er litt sehr an seinem Verstande. Als er genas, erzählte man ihm, daß Marie verheurathet gewesen. Dies brachte ihn zu einem fürchterlichen Ernste, er fand ein Testament Wellners, in dem er eröffnete, daß Godwi das ganze Vermögen gehöre, weil er darin seinen Banqueroutt bekannt machte –.

Er verließ die Gegend, und lebte herumziehend von dem Wenigen, was er in Amerika erworben hatte –.

Dieses ist die Geschichte von Godwis Eltern, und die Leser werden nun die Stellen im ersten Bande, wo Werdo Senne Seite 126 singt, manche Stellen aus Otiliens Brief an Joduno, und die meisten dunkeln Stellen in den Reden Werdos gegen Godwi verstehen, denn Werdo Senne ist niemand anders, als dieser Joseph. Er erkennt in Godwi den Sohn Mariens, und dies bewegt ihn so heftig.

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