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Clemens Brentano: Godwi - Kapitel 66
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodwi
authorClemens Brentano
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-009394-5
titleGodwi
pages3-15
created19990905
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1801
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Sechs und zwanzigstes Kapitel.

Fortsetzung der Geschichte der beiden Schwestern.

Marie und der Vater waren sehr stille auf ihrer Fahrt nach dem Gute der Gräfin: sie waren lange nicht im Freien gewesen, ihre Gemüther waren gleich ruhig, sie hatten sich nichts mitzutheilen, und es war ihnen beiden, als wären sie allein; doch fühlten sie eben durch dieses stillschweigende doppelte Daseyn in einander dies Alleinseyn nicht. –

(Dies mag wohl das eigentliche Wesen der Freundschaft seyn, das so selten lebt, ohne wirkliche Vermischung – bloßes stilles wohlthätiges Gefühl der schönen Umgebung, das neben einander Strömen harmonischer Töne. Der Freund kann nichts, als unser Selbstgefühl aufheben, indem er das seinige verliert, und sich wohl befindet. Wo man die Freundschaft selbst fühlt, giebt einer oder der andere zu viel oder zu wenig, und hat die Sache ihr Ende. Sie ist bloße Verstärkung des Daseyns, und Verminderung des Selbstgefühls im allgemeinen Medium des Lebens; aus den Einzelnen macht sie eine Summe, stellt sie dem Mächtigen entgegen, und macht den Begriff Volk allein ehrwürdig, im Gegensatze des Begriffes Herrscher, Weiser, Dichter. – Sie setzt in der höchsten Unschuld keine Nothwendigkeit der eignen Gattung voraus, der natürliche gesunde Mensch ist eben so Freund mit dem Licht und dem Dunkel, den grünen Bäumen, seinen Werkzeugen, Werken und Gedanken, als seinem menschlichen Freunde; ja die Freundschaft mit dem Menschen insbesondere ist Folge der verlornen Unschuld, es liegt ein Zusammentreten gegen die Natur, etwas Feindseliges und Boßhaftes in der bloßen Freundschaft mit seiner Gattung, und sie folget dem Verluste der Eigenthümlichkeit und der Kraft des Einzelnen, der die Natur nicht mehr zwingen kann, und eine Menge gegen die größte Einheit bilden will, um sich ihr entgegen zu stemmen. –

Zwischen zwei Menschen, von denen einer sich die Welt nimmt, und der andre sich der Welt giebt, kann sie nie statt finden, denn in ihr kann sich keiner ergeben, und kann keiner nehmen, sie ist bloßes Daseyn ohne Thätigkeit. – Sie ist daher bloß im Frühling und Winter des Lebens, im Spiel und der Ruhe – wo uns der Zweck beherrscht, kann sie nicht seyn.)

Am Abend kamen sie dem Schlosse näher, und ihre Begierde Annonciaten zu sehen, ward größer; Marie hatte lange nach dem milden Lichte des Himmels gesehen, und sagte zu ihrem Vater, mit Thränen in den Augen:

Wo mag jetzt Joseph seyn? es ist mir oft, als wäre er doch gar zu weit von uns, als würde er nicht wieder kommen. – Annonciaten verstehe ich jetzt viel mehr, Vater! und es ist mir, als habe sich eine stille Aehnlichkeit mit ihr in mir gebildet – ich kann es nur nicht so sagen, ich bin nicht so stark –

Warte nur, bis Joseph wieder kömmt, sagte Wellner – Du sehnst dich nach ihm –

Wol sehne ich mich nach ihm, aber es ist noch mehr; mit ihm ist es nicht all – Wie wohl Annonciata seyn wird? Vater, sie hat uns lange nicht gesehen, ihr Herz ist so gut, sie wird recht gerührt seyn, uns wieder zu sehen.

Unter solchen Worten fuhren sie den Schloßhof hinein. Es machte ihnen ein alter Diener auf, und sie wunderten sich, daß in dem Hause der reichen Gräfin so wenig Geräusch war.

Der Alte führte sie langsam die Treppen hinauf, es war ihnen unheimlich zu Muthe. Man brachte sie in das Zimmer der Gräfin; – diese saß allein bey einem Lichte auf dem Sopha, und als sie Wellnern und Marien hereintreten sah, schrie sie laut auf, – o Gott, o Gott! – und sank ohnmächtig auf die Kissen, – Marie kam ihr zu Hülfe, ein Kammermädchen trat herein, und vereinigte sich mit ihr, und Wellner stand in einer großen Angst an das Fenster gelehnt –.

Als sich die Gräfin zu erholen anfing, bat das Kammermädchen Wellnern und Marien, in das Vorzimmer zu treten –

Hier waren sie stille, ohne ein Wort zu sprechen, Marie setzte sich nieder, und konnte vor Schreck nicht weinen –. Eine kleine Weile drauf brachte man sie in eine Stube, wo sie die Nacht zubringen möchten; Wellner fragte nach seiner Tochter, und die Dienerin verließ mit dem schmerzlichen Ausruf die Stube, ach das ist es, daß Gott erbarm, das ist es!

Wellnern war es nun gewiß, daß sein Kind gestorben sey, Marie war untröstlich, und wurde sehr krank in der Nacht; eine Wärterin, und Wellner blieben bey ihr, der Arzt wurde aus der Stadt geholt. –

Die Wärterin erzählte Wellnern, daß Annonciata nun schon zehn Tage verloren sey, man wisse nicht, wo sie hingekommen sey, sie sey Abends in den Garten, wie gewöhnlich, allein gegangen, aber nicht wieder gekommen, und wie man den Teich abgelassen habe, aus der Vermuthung, sie sey hineingefallen; wie alle Leute der Gräfin nun zum zweitenmal abgereist seyen, da sie das erstemal keine Nachricht erhalten hätten.

Die Gräfin sprach den folgenden Tag mit Wellnern, und beruhigte sich, da er sie gern schuldlos erkannte. Sie konnten keine andre Idee fassen, als Annonciata sey geraubt, weil sie bey jeder andern Art von Entweichung sicher einigen Trost für die Zurückbleibenden da gelassen hätte.

So war dieser traurige Abend –

Alle Nachforschungen wurden verstärkt, ein ganzes Jahr hindurch emsig fortgesetzt, aber umsonst –

Wellner grämte sich sehr über diesen Verlust, und Marie ward immer stiller und schwermüthiger; sie stand oft Abends an ihrem Fenster allein, wo sie sonst mit Annonciaten gestanden, und fühlte nun alles, was ihr jene damals gesagt hatte.

Von Joseph fehlten schon elf Monate die Briefe: der Vater wußte gar nicht, was er Marien sagen sollte, wenn sie nach Briefen fragte. Diesen beiden Menschen war alles zerstöret, was sie mit der Zukunft verband, und sie erschracken vor jedem Stundenschlag.

Marie war wol noch trauriger als Wellner, doch versteckte sie ihren Schmerz, und suchte ihn zu erheitern –. Annonciaten wieder zu finden, gaben sie die Hoffnung beynahe auf und auch der Gedanke an Joseph ward schon dunkler und trauriger –. Wenn Wellner in den Handlungsbüchern blätterte, und sah, wo er geschrieben hatte, kamen ihm oft die Thränen in die Augen. –

Es war nun schon beynahe anderthalb Jahre, daß Joseph nicht geschrieben hatte, als GodwiDer Vater des Unsrigen. , ein Engländer, der Sohn einer reichen Handlung, nach dem Wohnort Wellners kam. Er war ein schöner feiner Mann, von seiner Familie mit einem Kredite empfohlen, der beynah Wellners Vermögen überstieg, und dabey sehr einfach und ernst bey aller seiner Freimüthigkeit; er gefiel diesem sehr wohl, und auch er befand sich gut bey Wellnern und Marien, und brachte seine meiste Zeit bey ihnen zu. –

Er wußte sich bald ihres Vertrauens zu bemeistern, und zog nach einiger Zeit ganz ins Haus. Marie war ihm gut, und er liebte sie schon sehr – doch war es nicht zum Geständniß gekommen, weil er zu oft Zeuge ihrer schmerzlichen Erinnerung an Joseph gewesen war. –

In Wellnern regte sich oft das Gefühl, daß er nicht mehr lange leben würde, dann sah er mit Trauer auf Marien, und sehnte sich heftiger nach Josephen – aber dieser blieb aus, und alle Nachricht von ihm.

Manchmal, wenn er sah, wie Godwi sich um Marien bewegte, faßte er den Muth, an die Möglichkeit zu glauben, der reiche Engländer nähere sich seinem Kinde mit ehrlicher Liebe, leichter aber hielt er es für Freundlichkeit, oder Sitte.

Er ward nun täglich stumpfer, und, hatte wenig Freude mehr an seinem Geschäfte. Bald aber erhielt sein Glück den heftigsten Stoß, mehrere fehlgeschlagene Operationen, und ein großer Banqueroutt machten ihn unzahlbar, – er war in der größten Verzweiflung – und beynahe auf dem Wege, sich sein Leben zu nehmen. Diese Gemüthsstimmung empfand Marie schmerzlich: sie hatte schon einige Tage bemerkt, daß er sehr traurig war, ihr auswich, und wenig bey Tische aß. Die Verschlossenheit ihres Vaters gegen sie bey einem sichtbaren Leiden war ihr sehr drückend; sie hatte es nie erfahren, und konnte nur glauben, sie selbst sey Schuld daran, sie müsse ihn sehr gekränkt haben, daß er nicht einmal mit ihr sprechen könne. Wenn sie auch alles überdachte, so konnte sie nichts in ihren Handlungen finden, bis sie endlich vermuthete, ihrem Vater mißfalle ihre unbefangene Vertraulichkeit mit Godwi, und er denke Böses von ihr.

Dieses bewog sie zu einer Kälte gegen den Engländer, welche er sehr unverständlich fand. Zwei Tage war diese allgemeine Spannung im Hause –, als es endlich zu einer Erklärung kam.

Wellner, Godwi und Marie saßen Abends zu Tische, alle stumm und traurig. Gegen das Ende konnte Marie es nicht mehr verbergen. Wellner hatte sie sehr wehmüthig angesehen, sie konnte ihren Schmerz nicht mehr halten, die Thränen stiegen ihr in die Augen, und sie verließ, laut weinend die Stube. Wellner folgte ihr mit den Ausrufungen, Gott, Gott! du armes Kind, in die Nebenstube. Godwi saß nun allein an dem Tische, spielte mit dem Messer, und fühlte jene fatale Ruhe der Selbstverachtung, um die sich schöner Schmerz bewegt –, er sang ohne zu wissen die Worte: god save the king, und setzte mit einem fürchterlichen Bewußtseyn die Worte: and dam me, dazu. –

Er stand auf, ging schnell nach der Thüre, und blieb starr vor ihr stehen, als er Mariens Worte hörte: –

O lieber, lieber Vater, ich liebe ihn nicht, ich liebe Godwi nicht, o denkt nichts böses von mir –

Er hörte erstaunt folgendes Gespräch, und in seinem Herzen waren viele schmerzliche Anklänge, die wir bald verstehen werden –

Liebe Marie, das ist es nicht, was mich ängstigt, o wie konnte ich deinem armen Herzen diesen Schmerz lassen!

Wir sind sehr unglücklich, lieber Vater, Annonciata ist verlohren, Joseph ist verlohren, ach und Euer Vertrauen ist verlohren, ach mein Vater, gebt mein einziges nicht so hin!

Das ist es nicht, Mädchen, das nicht, (hier hob er hart und kalt die Stimme) aber ich bin ein Bettler, bald, bald, und du die Tochter eines ehrlosen Bettlers – der Engländer bebte, und ward ruhiger, eine Zeitlang hörte er nicht mehr sprechen, – dann erhob Marie ruhiger die Stimme –

Lieber Vater, nur das, o das ist es nicht, ich verstehe es vielleicht nicht, aber das wird uns nicht unglücklich machen. – Leben, – das bischen Leben wollen wir gewinnen, und nach uns wird doch niemand kommen, der von uns begehrt; wir werden allein seyn, und lebt nur ruhig, sterbt ruhig, ich will ruhig nach Euch sterben. –

Godwi verließ die Stube, und ging nach seinem Zimmer, wo er alles empfand, was ein Mensch leidet, dem das Leben durch innere Fülle, und äußeren Ueberfluß lange so leicht als Tugend und Laster war, und der mit wenigem geretteten Selbstgefühl in die Geschichte einfacher liebender Menschen tritt, ohne doch von diesen eigentlich als ein Wesen anerkannt zu werden, das wirklich Theil an ihnen hat.

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