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Clemens Brentano: Godwi - Kapitel 65
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodwi
authorClemens Brentano
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-009394-5
titleGodwi
pages3-15
created19990905
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1801
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Sechs und zwanzigstes Kapitel.

Als ich so weit geschrieben hatte, führte mich Godwi nach dem Bildersaal, wir traten vor ein großes Gemählde, er zog den Vorhang in die Höhe, und wir sahen es stille an, es stellte Wallpurgis und die Blumen vor, und war von dem nämlichen Künstler, der das Bild Annonciatens gemalt hatte, in demselben Stil, doch mystischer gearbeitet, so wie jenes Allegorie des Lebens, so dieses Hindeuten auf den Tod. Jenes Bild hatte mich heftig bewegt, und in diesem löste ich mich auf.

Vor diesem Bilde, sagte ich zu Godwi, kann ein liebes Mädchen ruhig sterben. Alles schwindet, es ist, als vergehe es unter meinen Augen. Die Farben sind beweglich, sie fliehen alle gegen die ferne Glut des Himmels, und scheinen schon im Nachklang zu wallen. Ich habe nicht gedacht, daß der Abend so könne gefesselt werden, wie er hier aus den dunklen Gewölben der Bäume dringt. Seine geheimnißreichen Seelen schleichen über den dicht belaubten Boden, fließen mit leisen Schimmern an den schlanken Blumen hinab und hinauf, aus deren Kelchen zarte Geister an der größten holdesten Blume des ganzen Bildes dem stillen liebe- und lebenmüden Mädchen hinauf steigen. Es herrscht um das Mädchen eine wunderbare Haltung des Lichtes, die Farben werden gleichsam zu verschiedenen Form-Atomen, und scheinen nur im Lichte zu schwimmen, besonders wo die Blumen ihr näher stehen, gegen ihren Busen wird es schon einiger, um ihre Wangen und Lippen verschwimmt es ganz, und aus ihren Augen strömt wieder völlige Einheit des Lichts, doch ein anderes unbeschreiblicheres. Ihre Stirn und ihre Locken aber brennen in den Flammen des sinkenden Tages, der von oben durch die geöffnete grüne Pforte der Bäume niederbricht, ringsum die Zweige in grüne Glut setzt, und den großen Früchten, die schwer aus ihnen niederblicken, feurige Blicke giebt.

Ich habe vergessen, sagte Godwi, Ihnen zu sagen, daß diese Gemälde von Franzesko Fiormonti sind, dessen traurige Schicksale im ersten Bande Ihres Romans Seite 304 sein Bruder Antonio an meinen Vater schreibt, der ihn wieder gefunden hatte; es ist derselbe, von dem Römer Seite 81 schreibt, daß er seine Stelle ersetze, und mit meinem Vater viel allein sey. Ehe er sich in die Handlungsgeschäfte einließ, an denen er seinen Geist wieder systematisiren wollte, hat er hier auf dem Gute diese Bilder gemalt. Es war damals eine begeisterte Melancholie in seiner Seele, in der sich seine Verrücktheit gelöst hatte. Doch wir werden mehr von ihm hören.

Alle seine Bilder haben einen eignen Karakter, und zwar den, das sie eigentlich nicht sind, sondern ewig werden, und dies entsteht durch eine Manier, indem er das Licht der Pflanzen, des Himmels und des Fleisches in verschiedene Haltungen setzt, obschon nur eine Beleuchtung statt findet. In Bildern dieser Art macht dieses oft einen glücklichen Effekt.

Ja, fuhr ich fort, es ist auffallend, denn eben hierdurch entsteht diese Bewegung, ich möchte sagen, dieses leise Wogen der Farben über das Ganze, das Auge wird vor seinen Bildern ein feines Gehör, das die Schwingungen der einzelnen Töne durch den vollen Akkord hört, und ich möchte seine Malerei rhythmisch und declamatorisch nennen, es ist als wallen die Wellen sanfter Jamben durch das Gemälde.

Es ist wunderbar dargestellt und gemalt, was ich für unmöglich hielt, ein Bild, das nicht historisch ist, keinen Moment erfüllt, sondern die fortdaurende stille Bewegung eines dichten Gemüthes vorstellt. Ich sehe, daß das Mädchen spricht, obschon ihre Lippen nur leise geöffnet sind, ich sehe, daß sie sich den Blumen vergleicht, und die Blumen sich, denn nur auf ihren Lippen, in ihren Augen wird sie Jungfrau; ihr schlanker Leib hebt sich in leidendem Streben wie eine Pflanze, ihre Arme gleichen zarten Zweigen, ihre Brüste drängenden sehnenden Knospen, welche gelinde vorstreben, und um die sich die sammtenen Blätter lebendiger regen. Ueber diesem Throne des milden Herrschens wallt ihr Antlitz wie Duft; auf den Lippen wird alles ein stiller Erguß; die Augen sind reflektirendes holdseliges Sinnen, und das Haupt ergießt sich mit den Locken in das flammende Element des Himmels. Alles, was sie empfindet, steht in dem Lichtgrade, in dem ihre Empfindung selbst steht und es beleuchtet.

Aber ich werde nimmer fertig, das Bild wächst unter meinen Augen, und hänge ich an den Formen des Mädchens, und suche sie zu enträthseln, so rufen mich die Blumen, als sollte ich sie hinauf heben, an ihr keusches begehrendes Herz; gehe ich nieder, um die stummen Kinder zu brechen, so werde ich zur Biene, und schwebe über ihren Kelchen, deren Süßigkeit sie selbst nie leeren, dann zieht mich wieder der feurige Himmel hinauf, und meine Empfindung verliert alle Gestalt. Diese Geschichte meines Anschauens aber beruhet allein auf diesen drei Lichtern, die in dem Bilde herrschen, und sich auf allen Punkten auswechseln.

Es scheint, sagte Godwi, als wären die Blumen in einem Opfer entzündet, und alles andere sey nur ein Gedicht, das sich in ihren Dampfwolken gebrochen habe, um zu erscheinen, und als wäre das Mädchen nur der Mittler zwischen ihnen und dem Himmel, denn in diesen Blumen liegt ganz der Karakter von Wallpurgis Gestalt und des Himmels. Es ist als seyen die Blumen nur die Darstellung ihres Leidens, das schon stille geworden, und ihre traurigen Blicke ins Leben, so wie der feurige Himmel ihr brennendes Begehren nach dem Tod. Nach dieser Ansicht ruht der Mittelpunkt des ganzen Bildes in ihrem Busen, dessen Schmerz und Andacht ich deutlich in mir fühle, ist es nicht, als sähe man, wie ihr Herz bricht. Ihr ganzes Haupt bis auf die Brust wird gierig vom Himmel angezogen, und von da, wie es schwer nieder dringt, als zögen es Bande des Blutes hinab.

Und dennoch ist auch hier kein Ruhepunkt, sagte ich, denn auch die Glut des Himmels ist die Mutter des Ganzen: ist diese Röthe des Abends nicht reine Sehnsucht im Aether reflektirt, und ist Sehnsucht nicht Abendroth in der Empfindung, und ist das Bild etwas anders, als Sehnsucht im Aether, Sehnsucht in der Pflanze, und Sehnsucht im Mädchen?

Godwi sagte, es ist schön, wie die Natur unsere Ansicht begleitet hat, es ist nach und nach dunkel geworden, das Bild hat sich doppelt bewegt, in seinem Lichte, und in der Beleuchtung des Tages. – Die stille Fackel des Mädchens ist verloschen, die Blumen sind gestorben, die Schatten der Bäume haben ihre Arme um den Schmerz gelegt, die glänzende Pforte des grünen Gewölbes schließt sich der schönen Bahn, auf der die ganze Bescheinung hingezogen ist, nun ruhet das arme Herz, lebe wohl, Wallpurgis!

Es war dunkel geworden, und wir hatten es nicht bemerkt. Wir verließen nun die Stube, um ein anderes Gemälde zu besehen, das den Geliebten Wallpurgis' vorstellt, wie er Abends unter den Leichenmännern die Nachricht von ihrem Tode empfängt. Godwi sagte mir, daß dieses Bild sehr gut bey Licht gesehen werden könne, weil es selbst ein Nachtstück sey, und er steckte zu diesem Zwecke eine Lampe an, die an der Decke angebracht war.

Vorher theilte er mir aber noch ein Gedicht mit, welches Franzesko, während er das vorige Gemälde verfertigte, gemacht hatte. Es ist italienisch, und in dieser Sprache wirklich voll Wärme, doch gleicht es seiner Schwester dem Gemälde bey weitem nicht, ich habe es den folgenden Morgen zu übersetzen gesucht, aber es war durch die Eigenthümlichkeit seines Ausdrucks eben so schwer, als das Gemälde zu kopiren seyn würde. Diese Uebersetzung füge ich hierbey und bitte, daß Sie immer Ihre Augen auf das Bild wenden, während Sie sie lesen.

Ueber dem Gedichte standen folgende Worte in Prosa, als Einleitung.

 

Es wollte Abend werden, da saß ein alter Harfenspieler an einem öffentlichen Spatziergange, um ihn her wandelten Jünglinge und Männer, die sich theils geschäftig bewegten, theils gravitätisch schritten, und sehr nachdrucksvolle Bewegungen machten; einige lächelten auch bedeutend, oder sahen gerührt gegen den Himmel; keine Jungfrau war zugegen, die Schüchternheit hatte sie zurückgeführt in ihre Wohnungen, sie saßen in dem einsamen Garten des Hauses oder an dem Fenster ihrer Kammer, und sehnten sich, wie sich die Jungfrau Gottes sehnte, ehe der Geist über sie kam. Das wußte der Greis, denn es war ihm sein liebstes Kind gestorben, ach! und er wußte ja nichts, als das. Sie sagten von ihm, wenn sie an ihm vorübergingen, er sey ein schwärmerischer Mann, der nur Ideale im Kopf habe, und dem es an respektablen Gefühlen mangle. Er aber sang folgendes Lied zu seiner Harfe.

 
Der Abend.

        Nach seiner Heimath kühlen Lorbeerhainen
Schwebt auf der goldnen Schale
Schon Helios, es glühen rings die Wellen,
Der Ozean erschwillt in frohen Scheinen,
Die wie im Blitzesstrale
Die ernste Nacht der fernen Ufer hellen,
Und über alle Schwellen
Ergießt der Gott die stillen Feuerwogen
Zum ewgen Himmelsbogen,
Daß von den Bergen durch das dunkle Leben
Des Tages Flammen wiederhallend beben.

Hoch auf den Bergen wehen seine Flammen,
Den raschen Mann zu führen,
Der seiner Reise Ziel noch nicht errungen,
Er stralet mit dem Glanze stets zusammen,
Wenn gleich die Füße gleiten,
Bleibt von dem Lichte doch sein Haupt umschlungen.
Nie von der Nacht bezwungen
Lenkt ruhig nach der Sterne heilgem Feuer,
Das ernste Schiff den Steuer
Und wandelt heimwärts durch die dunkeln Fluthen
Vertrauend auf des Leuchtthurms hohe Gluten.

Vom kühnen Felsen rinnen Lichter nieder,
Die Thäler zu ergründen,
Und wo des Feuers milde Quelle ziehet,
Verglimmen bald des Haines wilde Lieder,
Denn alle Töne schwinden,
Bis sie des Abends Flammen rein geglühet –
Und welch ein Lied erblühet –
Es flicht die Nachtigall die goldnen Schlingen
Und süß gefangen ringen
Im Liede Liebesschmerz und Schmerzes-Liebe,
Daß Schmerz in Liebe, Lieb' in Schmerz sich übeIch konnte das schöne Tonspiel des Italiänischen von amare und amaro [bitter] nicht anders geben. .

So drang der Töne Frühling aus dem Schweigen,
So auch in reinen Seelen
Des Tages wilde Kämpfe bald zerrinnen,
Wenn Lieb und Schmerz sich hold zusammen neigen,
Die Zwietracht zu verhehlen,
Und rührend doch den ewgen Streit beginnen.
Ach keine mag gewinnen! –
Ein Wundergift fließt beiden von den Pfeilen,
Zu tödten und zu heilen –
Denn er muß stets an ihrem Pfeil gesunden,
Und sterbend lebt sie nur in seinen Wunden.

Doch bald wird nun die Ruhe niederschweben,
Daß alle Schmerzen fliehen,
Den heißen Kampf die stillen Schatten kühlen,
Dann mag der Sehnsucht ungelöstes Leben
In heilgen Phantasien,
In schönen Träumen dichtend sich erwühlen.
Könnt ihr solch Leben fühlen?
So will, mit seinem Rausch euch zu erfüllen,
Mein Bild ich gern enthüllen,
Mein Bild, wie in des Abends Heiligthumen
Die Jungfrau redet mit den holden Blumen.

 
Die Jungfrau und die Blumen.

          Wo leis des Gartens dichte Schatten rauschen,
Und in den dunklen Zweigen
Die reifen goldnen Früchte heimlich schwellen,
Gleich holden Engeln, die in Wolken lauschen,
Und freundlich sich bezeigen,
Sehr ihr die weiße Jungfrau sich erhellen.
Des Lichtes letzte Wellen
Umfließen sie. Sie sitzt, und ihr zu Füßen
Unschuldge Blumen sprießen;
Sie spricht zu ihnen, weckt mit ihren Blicken,
Die schon die Augen schließen, schlafend nicken.

Es scheint ihr Wort sie mehr noch einzuwiegen,
Was ihre Lippen sprechen,
Wallt längst im Traum um ihre zarten Seelen
Und wohnt in ihrem Leben still verschwiegen –
Die Stummheit zu zerbrechen,
Sind sie zu schwach, und können's nicht erzählen.
Doch sie kann Nichts verhehlen,
Der stille Abend löst die keuschen Banden,
Die ihren Schmerz umwanden,
Sie klaget leis, und mit den blauen Augen
Will Antwort sie aus ihrer Stummheit saugen.

»Ihr blinden Kinder, wenn der ewge Schlummer
Von euren Augen weichet,
Wenn eure Lippen seufzend sich erschließen,
Ein warmes Herz euch bebt, und eurem Kummer
Die Götter Worte reichen,
Erblüh ich eine Blume euch zu Füßen.
Ihr werdet still mich grüßen,
Und für der Liebe jungfrauliches Bangen
Der Blume Trost verlangen,
Denn wir sind Schwestern, sind im harten Leben
Der tiefen Liebe frühem Tod gegeben.

Was Lilie keusch in deinem Kelche webet,
Was Rose roth dich mahlet
Und eure Augen stille Veilchen sagen,
Auch keusch und bang in meinem Busen strebet,
Von meinen Lippen strahlet
Und still und wild die blauen Augen klagen.
Uns faßt ein gleich Verzagen,
Ach! nimmer kann des Herzens still Verbrennen
Der keusche Mund bekennen,
Ach! nimmer will die wilde Welt verstehen,
Was unsrer Düfte stumme Lippen flehen.

Wenn linde Sonnenstralen nieder sehen,
Sich laue Weste regen,
Erkennen wir aus uns mit dunklem Sehnen,
Doch nimmer wissen wir, wie uns geschehen.
Was wir im Innern hegen,
Ist süßes Träumen und ein kindisch Wähnen.
Es fließen alle Thränen
Noch leicht herab, und weilen keine Schmerzen
Im unerschloßnen Herzen,
Bis von der ewgen Liebe tiefen Quellen
Das Herz sich dehnt, und leis die Knospen schwellen.

Im Busen keimet heimliches Begehren,
Und mildes Widerstreben,
Und wie sie liebend mit einander walten,
Erzeuget sich ein hoffendes Entbehren;
Der Blüthe junges Leben
Will nun die zarten Blätter schon entfalten.
Die freundlichen Gestalten,
Die in verborgner Werkstatt noch gefangen,
Nach Freiheit sehr verlangen,
Bis uns des Morgens goldner Pfeil erschließet
Und der geheimen Wunde Thräne fließet.

Nun lösen sich die räthselhaften Triebe
Und zu dem reinen Throne,
Der aus dem Herzen froh herauf gedrungen,
Steigt schüchtern und verschleiert unsre Liebe.
Es hat die bunte Krone
Der sanften Königin das Licht geschlungen.
Sie hat das Reich errungen,
Und blickt in ihres Sieges junger Wonne
So freudig nach der Sonne,
Die freundlich sich in ihrem Schooß ergießet
Und sie mit goldnen Stralen froh begrüßet.

Dir arme Königin, wie wird dir bange,
So einsam und verlassen,
So arm siehst du hinaus, ins weite Leben,
Die eignen Düfte küssen deine Wange,
Du mußt dich selbst umfassen,
Kein Volk, kein schöner Freund die Liebe geben.
Die zarten Säulen beben,
Auf denen sich dein leichter Thron beweget,
Vom Weste selbst erreget.
Die Nacht flieht lieblos dir in dunklen Träumen,
Am Morgen Thränen deine Blicke säumen.

Sind nicht dein Thron des Busen junges Wogen,
Dein Purpur, rothe Wangen,
Dein Diadem, der Locken goldne Schlingen?
Ach bald sind all die Wellen weggezogen,
Der Purpur bald vergangen,
Gelöst die Flechten, die dein Haupt umfingen.
Der Liebe Pfeile dringen
Vom Himmel und der Schmerzen glühes Wühlen
Im Herzen zu erkühlen,
Löst du in stillen Thränen dein Geschmeide
Der Thränen Weide wirst du, Augenweide!

Du arme Königin! so ohne Wehre
Sollst schweren Kampf du führen,
Will keiner für die holde Braut denn streiten,
Will keinen, daß die Glut sie nicht verzehre,
Solch' zarte Schönheit rühren,
Des Schattens liebend Dach um dich zu breiten?
O stummes bittres Leiden!
Welch Leben, wo die Liebe ungedinget
Dir keine Hülfe bringet,
Und wolltest du den dichten Schleier heben,
So würde dir des Schatzes Geist entschweben.

Und heißer, immer heißer dein Begehren,
Und leiser deine Klagen!
Die Farben schon, die deinen Schmerz verkünden,
Der Düfte leise Worte sich verzehren,
Um lauter stets zu sagen,
Wie dich die wilden Flammen ganz entzünden.
Die Hülfe zu ergründen,
Willst du vom freien Throne niedersteigen,
Dem Frevel dich zu neigen?
Noch elender ein Handwerk voller Wehe,
Umzunfte dich der schnöde Tod, die Ehe. –

Nein! solcher Aermlichkeit dich hinzubieten,
Wird Armuth dich nicht zwingen,
Die freie Liebe läßt sich nicht umarmen,
Wo sie den Kuß in Zweck und Absicht schmieden,
Wo Trieb und Freiheit ringen,
Und alle Lüste an der Noth verarmen,
Dem Handwerk zum Erbarmen,
Wo zwei geübte Langeweilen weilen
Und Pflicht und Nothdurft theilen
Darfst du dich nicht ergeben – heilig Leben!
Dein Bild nicht in des Haushalts Linnen weben.

O könntest ruhig du dein Sterben leben,
Die Andern nicht erkennen,
Die alles Lebens eine Hälfte fassen,
Sich stille wandelnd hohes Ansehn geben,
Und hin und wieder rennen,
Als wäre ohne sie die Welt gelassen.
Ach wohl! ist sie verlassen,
Das Leben ist zur Selbstbetrachtung worden,
Die Liebe zu ermorden,
Und forscht die Schönheit tödtend nach Gesetzen,
Die Liebe und die Schönheit zu ersetzen.

Sie wähnen gar, die Liebe sey verloren,
Weil sie sich selbst vermissen,
Das Leben in Verzeichnisse schon bringen,
Als würde fernerhin nicht mehr geboren,
Als bräch' aus Finsternissen
Der Tod herauf, die Mutter zu verschlingen.
Mit solchen Wunderdingen
Vermeinen sie die längst verlornen Gränzen
Der Liebe zu ergänzen,
Und ordnen uns und stellen nach den Flammen
Dem Tode in Systeme uns zusammen.

Wie schöner Sieg! Wir können hier nicht sterben,
Denn hier war uns kein Leben,
Ein Frühling nur, wir sind es selbst gewesen,
Erblühen und Verglühen – kein Verderben
Kann unser Bild entweben,
Nur Opfer kann der Liebe Fessel lösen,
O freudiges Genesen!
Erhebe sanfte Königin den Schleier
Dem reinen Himmelsfeuer,
Will liebend nicht das Leben dich erringen,
So laß vom stillen Gotte dich umschlingen.

Wie glüht der Mittag heiß, in tiefem Schweigen
Eröffnet sie den Schleier,
Der Liebe Heiligthum muß sie enthüllen,
Und zu dem Throne gluhe Stralen steigen,
Des stillen Gottes Freier,
Die wachen Schmerzen tödtend ihr zu stillen.
Sie reicht dem mächtgen Willen
Die Liebe hin, und löset ihre Krone
Und breitet auf dem Throne
Die duftenden Gewänder, an den Gluten
Des Bräutigams sich opfernd zu verbluten.

Mir ist das schöne Opfer bald verglommen,
Es wallt das letzte Düften
Dem lichten Gott, der mit der Krone fliehet,
Er wand sie mir, er hat sie hingenommen,
Und in den reinen Lüften
Das bunte Leben mit ihm heimwärts ziehet,
Mein stiller Abend glühet,
Und wo des hohen Glanzes reine Wellen
In heißem Purpur schwellen,
Da brechen sich der Sehnsucht letzte Wogen,
Und ist der Streit der Liebe hingezogen.«

O Nacht! so voller Liebe,
Ergieße deine dunkle Flut der Bangen,
Umfange ihr Verlangen,
Laß kühlend um die kämpfenden Gestalten
Das stille Meer der ewgen Liebe walten!

Godwi zog nun den Vorhang des Nachtstückes in die Höhe. Das Bild nahm die eine Wand der kleinen Stube ganz ein, wir saßen gegen über auf einem Sopha. –

Der ganze Moment des Bildes war heftige Spannung, Männer mit schwarzen Mänteln ringsum, immer dunkler gegen den Rand. Mitten unter dem Baume ragt eine Fackel heraus, welche grelle Lichter über die hagern plumpen Gesichter der Leichenmänner wirft: von ihren Hüthen fallen schwarze Flöre, welche schön durchsichtig dem hellen Scheine eine Halbtinte entgegensetzen. Etwas entfernt von den Fackeln, doch allein in ganzer Beleuchtung, lehnt der Jüngling ohnmächtig im Arme eines Dieners, sein Kopf sinkt abwärts, so daß er von oben beleuchtet wird; er hat schöne blonde Locken, und einen edlen Gesichtsschnitt; der Bediente zieht ihm das Halstuch ab, und hat ihm die Kleider geöffnet, ein grüner Mantel fällt von seinen Schultern, und antwortet dem Grüne des Baumes, der durch die Fackel von unten erleuchtet wird, in dem Baume sieht man den Italiäner dunkel sitzen. Im Ganzen sind keine heftigen Farben, nur starker Kontrast von Dunkel und Licht.

Es war, wie dumpfes Murren in den dunkelsten Stellen, um die Flamme der Fackel einige lauten Schreie, um den Jüngling stille Bangigkeit, und er selbst leises Athmen und Seufzen. – Man meinte, es müsse sich nun bald ändern, sie müßten bald aus einander gehn.

Godwi ließ den Vorhang wieder fallen, und ich sagte: Gut, es war Zeit, lange konnten die vielen Menschen nicht hier in der kleinen Stube seyn, der Athem ward mir schwer.

Wir verließen den Saal, und ich besuchte Georg den Diener, der sehr krank war.

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