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Clemens Brentano: Godwi - Kapitel 64
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodwi
authorClemens Brentano
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-009394-5
titleGodwi
pages3-15
created19990905
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1801
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Fünf und zwanzigstes Kapitel.

Fortsetzung der Geschichte der beiden Schwestern.

Die Gesellschaft fuhr fröhlich nach dem Gute hinaus; der Italiäner war vergnügt, sang scherzhafte Lieder, und schnitt den Baurenmädchen Gesichter aus dem Wagen; als sie aber den Schloßhof hineinfuhren, ward Wallpurgens Sarg in den Leichenwagen geschoben, die schwarzen Männer bewegten sich, und stille, wie das Geschäft einer andern Welt, ging der Zug an ihnen vorüber.

Sie konnten alle kein Wort sprechen, Joseph und Maria hatten sich angesehen, da der Wagen vorüber ging, und dann nicht wieder.

Nach dieser Pause sprang der Italiäner aus der Kutsche mit den Worten: das war dumm. – Dann folgten die andern.

Joseph erkundigte sich im Hause, und brachte die Nachricht, daß die Gräfin mit Annonciaten, gleich nach dem Tode ihrer Tochter, auf ihr anderes Gut gereist sey. Sie entschlossen sich daher, sogleich zurück zu kehren, nachdem sie einige Erfrischungen eingenommen hätten, für welche der Hausmeister sorgte.

Sie waren in den Garten gegangen, Wellner und den Italiäner reizten einige Statuen, einen andern Weg einzuschlagen, und die beiden Liebenden setzten sich in eine Laube. Anfangs sprachen sie nicht, es war, als seyen sie ganz fremd geworden, und müßten sich ihre Liebe von neuem gestehen, so war der Tod der armen Wallpurgis zwischen ihnen durchgefahren. Morgen war nun der Tag, an dem Josephs Abreise festgesetzt war, und wie traurig der Abend vorher. Er war herausgefahren, um Annonciaten noch manches zu sagen, was ihm das Herz schwer machte, denn er hatte in der letzten Zeit vieles verstehen lernen. Er wollte die Beiden heute in der weihenden Abschiedsstunde sich und einander fester verbinden, damit sie sich in seiner Abwesenheit gegenseitig unterstützen könnten, und nun mußte er sie in solcher Zerrüttung verlassen.

Der Hausmeister deckte zwei Tische im Garten, welche nur eine Taxuswand trennte, an den einen setzte sich unsre Gesellschaft, ohne zu wissen, wer den andern einnehmen werde. Es war schon dunkel, und man aß mit brennenden Lichtern; doch blieben sie nicht lange ungestört, und Wellner, Joseph und Maria verließen den Tisch, als sie die Leichenträger Wallpurgens sich an der andern Tafel versammeln sahen, ihren herkömmlichen Schmaus zu halten; der Italiäner allein blieb zurück.

Die ganze Begebenheit mit dem Leichenwagen und dem Schmaus war ihm äußerst fatal; er nahm sich daher ganz allein für sich vor, sich an den schwarzen Männern zu rächen. Um dieses zu bewerkstelligen, ging er nach dem Thore, einen der Gesellschaft, der noch kommen sollte, zu erwarten, und zu seiner Absicht zu gebrauchen. Er hatte die übrigen sehnlichst nach diesem verlangen hören, weil er der vierzehnte war, und sie nach einem alten Aberglauben, daß einer von dreizehnen, welche mit einander essen, sterben müsse, diesen Retter von Tod und Hunger wie den Messias erwarteten.

Der Italiäner empfing diesen am Thor, und bezahlte ihn so gut für einen Botengang, den er ihn eine halbe Stunde weit machen ließ, daß er ihm seinen schwarzen Mantel hingab, und sich sogleich auf den Weg machte. Er aber hüllte sich in den Mantel, und ging zu den übrigen hin. Diese machten ihm Vorwürfe über sein Ausbleiben, er schwieg; sie fuhren fort, ihren Unwillen zu äußern, und er stumm zu seyn; dann setzten sie sich nieder, um zu essen. Es war dunkel, sie hatten nur eine Lampe, welche an der entgegengesetzten Seite des Tisches an einen tiefen Ast des Baumes gehängt war, der neben dem Tische stand, und der Italiäner saß völlig im Schatten.

Da der Becher herumging, und die Reihe an ihn kam zu trinken, war er weg geschlichen, ohne daß man ihn bemerkt hatte. Die Leichenmänner stutzten hierüber nicht wenig, denn sie waren nun wieder dreizehen, und einer stand deswegen auf, ihren Kameraden zu suchen und zu prügeln. Die zurückgebliebenen aber ließen es sich indessen recht gut schmecken.

Als der dreizehnte weg war, setzte sich der Italiäner wieder hin, und da sie ihn bemerkten, fingen sie an sich zu zählen, indem sie ihre Namen hinter einander her nannten, und als die Reihe an ihn kam, warf er mit einer Erdscholle die Lampe vom Baum, und schrie laut: ecco mi. – Die Leute erschracken hierüber so sehr, daß sie aus einander liefen, um ihren Kameraden zu rufen, er aber nahm die große Leichenbrezel, kletterte, indem er sie um den Hals hängte, den Baum hinauf, und erwartete den Ausgang.

Bald kamen die Leute mit großem Lärm zurück, sie hatten einen Fremden in ihrer Mitte, der sich lebhaft vertheidigte. Da sie sich dem Tische genähert hatten, und einer ausrief, daß die Leichenbrezel auch fort sey, fragte der Fremde, wer gestorben sey, und als er den Namen Wallpurgens hörte, sank er an die Erde. Nun kam der Hausmeister mit Fackeln gelaufen, auch Wellner, Joseph und Marie kamen herbey, der Italiäner aber stieg bestürzt vom Baume, und ging nach der Kutsche, welche schon angespannt war, ließ die andern rufen, und sie fuhren weg.

Joseph erzählte, daß er in der Verwirrung gehört habe, der junge Mensch sey der Mann, um dessen willen Wallpurgis gestorben sey; er habe sie besuchen wollen, und von ihrem Tode noch nichts gewußt, und als er zur Hinterthüre des Gartens hereingekommen, sey er auf so eine lärmende Weise von den Leichenmännern empfangen, und von ihrem Tode unterrichtet worden, daß er fast vor Schreck gestorben sey; doch habe er sich nicht zurückhalten lassen, und sey gleich weiter geritten. Der Italiäner sagte nichts, und der ganze Tag hatte sich traurig und polternd geendigt.

Den folgenden Morgen trennte sich Joseph und Marie unter vielen Schmerzen, sie und der Vater begleiteten ihn bis an den Hafen, und da das Schiff schon weit weg war, und sie nicht mehr ihre winkenden Schnupftücher sehen konnten, bedeckten Marie und der ferne Joseph sich die Augen und wendeten sich.

Sie und der Vater waren beide sehr niedergeschlagen durch die ganze letztere Zeit, und die Munterkeit des Italiäners ward ihnen unangenehm. An Annonciaten und die Gräfin schrieben sie mehrmals um sie zu bewegen zurück zu kommen, aber die letzte bat dringend, ihr Annonciaten zu lassen, und eröffnete zugleich ihren Willen, das Mädchen an Kindesstatt anzunehmen, wenn er seine Einwilligung dazu geben wolle. Sie schrieb:

Annonciata soll nichts davon wissen, es würde ihren gereizten Sinn vielleicht kränken, aber lassen Sie es uns im Stillen über sie verhängen.

Von dem Mädchen lag folgender Brief dabey.

 
Lieber Vater!

Deine Sorgen um mich sind nun meine einzigen Sorgen – Wallpurgis ist todt, und ich bin ruhig. Jemand so sterben sehen, giebt Ruhe, denn ein solcher Tod ist gastfrei, und wer zugegen ist, genießt alles mit: ich bin mit ihr ruhig geworden. Du sollst deswegen auch nicht mehr um meinen Zustand bekümmert seyn, denn alles, was Bangigkeit und Unruhe in mir war, ist mit ihr hinübergegangen, und sie wirft einen stillen Abglanz ihrer Seligkeit in mein Herz zurück; sie war immer ein freundliches, theilendes Wesen, und hat sich auch im Himmel nicht verändert. Es ist mir, wenn ich an sie denke, als stehe sie vor mir, empfange meine Gedanken, und gebe sie mir in einen stillen wohlthätigen Strom von Ruhe gelöst zurück.

Du kannst es nicht glauben, lieber Vater, was das für eine Empfindung ist, mit allem bin ich versöhnt, und kann so glücklich hier im Garten herumgehen, denn in jeder Blume liegt mir das ganze Leben. Ich will deswegen recht offen mit Dir reden, denn ich bin nun so, daß ich nichts mehr zu verbergen brauche, da auch in dieser Einigkeit meiner Seele jenes Verbergen ein Ende nahm: ob ich denke oder spreche, das ist einerlei.

Ich weiß, wie Du mich liebst, und wie Du immer um mich besorgt bist. Die Erziehung ist etwas, was der Erzieher immer weiß, und ein Gemüth ist etwas, was er nicht weiß; da er aber doch mit der sorgenden schönen Liebe, die ihn treibt, erziehen muß, so wird er sehr traurig, wenn er niemals das werden sieht, was er bezweckt. So warst Du und Joseph immer traurig um mich, und ihr würdet noch viel trauriger geworden seyn, wenn ich nicht die Hälfte des Verdrusses in mich genommen hätte, und obschon ich dadurch eure Einwirkung auf mich scheinbar wirkender machte, so erlag ich doch oft sichtbar dieser doppelten Thätigkeit des Selbstbildens und Sichbildenlassens, so daß dieser Betrug, den ihr in mir bemerktet, euch wieder kränkte.

Sey versichert, lieber Vater, daß alles aus mir werden wird, was aus mir werden kann, denn ich bin ernsthaft und unbefangen. Was man erkennen kann, erwäge ich und gebe ich mir mit Sorgfalt und Verstand, und alles, was über den Menschen schwimmt, wie die Luft über der Pflanze, giebt mir das Leben: ich bin fromm und andächtig, es zu empfangen, denn fromm ist der, der das Schöne und Reine mit Liebe sucht und emsig betet, wenn er vor der Natur und schönen Werken steht, und andächtig ist der, welcher über seinem Denken nicht ein trennendes Ende fühlt, sondern einen leisen Uebergang in die unendliche Liebe. Die Andacht ist ein gelinder Rausch, der unsre geschlossene Gestalt von allen Seiten eröffnet, und uns unsere Verwandtschaft zeigt mit vielem, das wir nie sahen, noch wußten. So sind die halben Töne in der Musik, und die milden Farben des Uebergangs in der Malerei, und die Wellenlinie in der Gestalt fromme Züge, denn alle sie stehen an der göttlichen Pforte des Ueberganges. – So auch ist mein ganzes Herz ein frommes Herz, denn ich stehe zwischen meinem Leben und Wallpurgis Tod – o! lasse mich diesem Herzen ruhig folgen.

Ich fühle auch schon, wie ich mich ins Leben zurückwende, und bald ganz froh seyn werde. Sicher hat Dir die Gräfin schon geschrieben, wie mein Muth wohl oft zum Muthwillen wächst – daß ich durch den Tod eines lieben Mädchens so geworden bin, ist nicht wunderbar, denn durch ihn habe ich erfahren, was ich erdulden muß – ich bin in meiner Jugend schon mit meinem Tode verbunden, und stiftete Freundschaft und Vertraulichkeit mit ihm, damit er einstens wie mein Spielgeselle zu mir komme, wenn er kömmt.

Lasse mich bey der Gräfin, die arme Frau hat Niemand auf der Welt, und sie liebt mich.

Es ist vor einigen Tagen ein italienischer Lautenist hierher gekommen, und hat vor der Gräfin gespielt. Sie wünschte, daß ich es lerne, und der Mann bleibt nun einige Wochen hier, mir Unterricht zu geben. Die Gräfin hat mir eine schöne Laute dazu geschenkt, und ich werde Dir einmal viel Freude damit machen.

Ich lese der Gräfin viel aus dem Shakespear vor, und finde es sehr nützlich, denn es härtet mich gegen meine Empfindlichkeit ab. – Ich fürchte mich ordentlich vor seinen Personen, und vor denen immer am meisten, die ich besonders liebe. Wenn ich Abends allein im Garten gehe, gehe ich oft schnell oder langsam, und mögte beides zugleich, denn irgend ein Wesen aus diesen Gedichten geht mir entgegen, und verfolgt mich. In vielen einzelnen finde ich mich wieder, und erkenne eine ganze Welt in ihnen.

Könnte ich das nur zusammenstellen, und richtig aussprechen, so würden Begriffe und Erfahrungen draus werden. Nun aber bleibt es immer Empfindung, denn die ganze Natur um mich her wirkt eben so auf mich, und noch stärker, jede ihrer Erscheinungen strömt mit diesen Empfindungen zusammen, und dadurch scheinen sie mir so drückend werden zu können. Jede Beleuchtung des Himmels, und jede berührendere Zusammenstellung von Landschaft erhält für mich ein fantastischeres Leben, indem sie sich mit diesen Männern und Frauen Shakespears verwebt, und nicht mehr allein wie ein hingebotener Genuß da liegt, sondern in eine Art von Handlung, von dramatischem Leben tritt.

So gar meine Empfindungen selbst bestehen so, ja selbst in diesem Briefe sind Anklänge dieser Hinneigung zu einem bloßen allgemeinen Verkehr mit Allem, was lebt, und einer völligen Unfähigkeit, mich bestimmt zu einem einzelnen Wesen zu wenden.

Lieber Vater, ich hoffte nicht, daß es Dich schmerzen wird, dies so aufrichtig von mir zu hören, denn es ist mir sehr wohl, indem ich es schreibe, auch will ich nur immer an Dich schreiben, Du kannst dann Marien vorlesen, was Dir gut dünkt, daß sie es wisse.

Lebe herzlich wohl.

Annonciata.
 

Obschon für Wellner viel Unverständliches und Fantastisches in diesem Briefe war, so rührte ihn doch das Vertrauen Annonciatens, und er entschloß sich, sie noch bey der Gräfin zu lassen.

Der Italiäner war weggereist, ohne Abschied zu nehmen, das verdroß Wellner, und es that ihm nun doppelt wohl, keiner Verbindungen mehr zu bedürfen, da er mit Mariens Glück auf dem Reinen war, und auch Annonciata glücklich und zufrieden schien.

Sein Leben mit Marien währte so einige Monate fort, in einer einsamen Stille. Dann und wann unterbrachen es die Briefe Josephs, die der Vater mit Marien freundlich theilte. Annonciatens Briefe wurden seltener, kürzer, und hatten weniger Verhältniß zu einander, in einigen war sie helle Glut, in andern schien sie zu verlöschen, und dann schrieb sie wieder ruhig und getröstet.

Von Joseph erhielt Marie den letzten Brief aus England, in dem er seine Ueberfahrt nach Amerika meldete. Dieser Brief war sehr rührend, und Marie war lange nicht zu trösten. Sie beschäftigte sich nachher meistens mit Bildern aus diesem Welttheil, sie las ihrem Vater nichts als Reisebeschreibungen durch Amerika vor. Ihren Geliebten suchte sie unter jeden Umständen dieses Landes auf, und lebte in der neuen Welt.

Dies gab ihrer Phantasie ein bestimmtes Uebergewicht über ihre Ruhe, und neigte sie zu einem anderen sehnsüchtigen Daseyn hin. Wellner bemerkte mit Verdruß diese Veränderung, die doch bloß eine höhere Entfaltung war, denn sie ward so mannichfacher, und machte auf ihrer Gedankenreise viele merkwürdige Entdeckungen für ihre Liebe. Sie lernte nun erst wissen, daß sie liebe, berechtigte sich dazu, und beschützte sich dies Recht.

Da ihre Einsamkeit aber immer tiefer ward, und es sehr lange her war, daß Annonciata geschrieben hatte, so entschloß sich Wellner, mit ihr nach dem Gute der Gräfin zu reisen.

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