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Clemens Brentano: Godwi - Kapitel 61
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodwi
authorClemens Brentano
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-009394-5
titleGodwi
pages3-15
created19990905
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1801
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Zwei und zwanzigstes Kapitel.

Fortsetzung der Geschichte der beiden Schwestern.

Annonciata hatte dem Glücke ihrer Schwester mit Freuden zugehört; in ihrem Busen aber war Schmerz, sie verbarg Vieles, und hatte keinen Freund.

Solche Menschen werden nie glücklich, denn das gewöhnliche Leben allein befriedigt die Bedürfnisse, und ist es gleich so schön, wenn eine Seele in reinerm, höherm Umgange der Liebe steht, so sind diese Wesen doch nur arme Kinder, denn vom Himmel kömmt nur Begierde, und zwar die unendliche Begierde, die auf Erden keine Hülfe, keinen Frieden findet. Wer das Haupt im Himmel trägt, dem verwelket das Herz in der drückenden, niederen Sphäre.

Annonciata hatte Vieles im Herzen, dessen Vertraute sie selbst nicht war. Zwar hatte sie eine Freundin an einer Wittwe, die von einem kleinen Vermögen in der nehmlichen Stadt lebte; aber auch diese würde keinen Sinn für ihren Zustand gehabt haben, denn sie erschien bey ihr nur als ein lebhaftes gutes Wesen. Ob sie ihr nicht mehr vertrauete, oder ob diese Freundin sie nicht verstand, weiß ich nicht.

Annonciata besuchte sie manchmal Abends, wenn der Bruder der Frau Helsing zugegen war, welcher sehr gut vorlas, um ihm zuzuhören. Dieser Bruder war der Hofmeister eines jungen Edelmanns gewesen, der hier in der Gegend lebte. Er sprach oft mit Enthusiasmus von seinem ehemaligen Zöglinge. Die Weiber hörten ihm gerne zu, und in Annonciatens Herz wurzelte diese Beschreibung, wie in einem fruchtbaren Boden. Wenn Helsing aufgehört hatte, vorzulesen, so war sie immer die erste, die das Gespräch auf den jungen Edelmann lenkte, so daß Helsing, der sich in seiner Erzählung gefiel, weil er von alle dem Guten immer etwas einärntete, bald nichts mehr wußte, und bis zu seinen pädagogischen Beobachtungen über des Jünglings früheste Jugend zurückkehrte, um Annonciaten zu befriedigen.

Sie brachte hier meistens die Abende zu, während Marie die letzte Zeit, welche Joseph noch in Deutschland war, mit ihm in Liebe theilte. Annonciata war gern zu Haus, und daß sie jetzt öfter als gewöhnlich ausging, war, um Marien nicht zu stören. Dieses erkannte man übrigens nicht. Es lag in ihrem Karakter, Gefälligkeiten, Wohlthaten und Alles, was sie in den Augen anderer erheben konnte, durch eine oft künstliche, mühsame Vorbereitung unscheinbar zu machen; denn nichts that ihr weher, als Lob; doch erkrankte ihr Gemüth in diesem selbstbereiteten lieblosen Zustande.

In dieser Zeit empfing sie einen Brief von ihrer Taufpathe, einer in der Gegend wohnenden Gräfin, die sie schon vor einiger Zeit besucht, und mit deren Tochter sie einen freundlichen Umgang angeknüpft hatte. Die Gräfin bat sie dringend, sogleich zu ihr zu kommen, weil ihre Tochter Wallpurgis gefährlich krank sey, und sehr nach ihr verlange.

Annonciaten bestürzte diese Nachricht, sie hatte sich, als sie den vorigen Abend wie gewöhnlich am Fenster stand, so lebhaft nach dem Schlosse gesehnt, und nun rief sie eine so traurige Nachricht hin.

Sie brachte den Brief ihrem Vater, der es ihr gern erlaubte, und nachdem er sich bey der Kammerfrau der Gräfin, die mit einer Kutsche gekommen war, Annonciaten abzuholen, über die Krankheit erkundigt und erfahren hatte, daß sie in einer bloßen tiefen Melancholie bestehe, so sprach er mit Annonciaten noch einmal allein, wie man mit Melancholischen umgehen müsse, machte sie aufmerksam auf ihren eigenen Tiefsinn und beurlaubte sie mit den Worten: gehe mit Gott, mein Kind. Annonciata ward durch die Rede ihres Vaters sehr gerührt, die letzten Worte nämlich, »gehe mit Gott, mein Kind,« bewirkten ihr eine heftige Bewegung, denn in diesen selbstgebildeten Ausdrücken des Herzens, die wie die Wünsche: guten Morgen, guten Abend, die Frage: wie geht es? bey den meisten Menschen durch die Gewohnheit ganz bedeutungslos werden, lag für sie eine tiefe Bedeutung, und ich glaube dieses mit Recht für den Zug eines kindlichen und tiefen Gemüths halten zu dürfen, welches fromm an das Wort glaubt, und dem der Sinn nie verloren geht.

Annonciata fiel dem Vater um den Hals, und konnte vor Thränen nicht sprechen. Wellner verstand dies nicht; er dachte nach, ob er sie gekränkt habe, und da ihm nichts einfiel, so legte er auch das zu seiner allgemeinen Idee von ihr zurück, und seine Sorge ward erhöht. Zu Marien ging Annonciata auch, wo sie Joseph fand. Auch hier fühlte sie sich tiefer gerührt, als der Zufall es erforderte, und sie erstaunte selbst über das Wesen ihrer Trauer.

Joseph redete viel Freundliches zu ihr, und viel von der Zukunft, aber das war es grade, was ihr das Herz zerbrach.

Die Zukunft! rief sie, die Zukunft, o wäre sie vorüber!

Dann schnitt sie sich eine Locke über der Stirne ab, und gab sie Marien, die dasselbe that. Joseph und Marie sahen ihrem ganzem Betragen mit banger Aufmerksamkeit zu, denn sie hatten sie nie so vertraulich und so freundlich gesehen.

Annonciata brachte Marien noch ein kleines Orangenbäumchen auf die Stube, und bat sie, es treu zu pflegen und ihrer oft zu gedenken Abends, wenn sie nun nicht mehr bey ihr am Fenster stehe. Dann reiste sie ab, nachdem sie alle Leute des Hauses noch gegrüßt hatte, und ihre Trauer verbreitete sich über alle die Zurückgebliebenen, als sollte sie nie wiederkehren.

Das ganze Haus war nun mit den Zubereitungen zu Josephs Abreise beschäftigt. Er selbst aber suchte die genauere Bekanntschaft des jungen Genuesers, den sich Wellner für Annonciaten ersehen hatte. Dies war ihm nicht schwer, denn jener war ein offener, lustiger Mann, und ihm schon durch mehrere Geschäfte bekannt. Er wohnte in dem Hause eines seiner Schuldner als eine Art Exekution, da er den Mann nicht zahlbar gefunden hatte.

Eigentlich war er kein bestimmter Kaufmann, sondern bloß der Erbe einer großen aufgelösten Handlung, und reiste, um die Schulden dieser Handlung einzutreiben. Joseph entschuldigte seinen Besuch bey ihm durch den Vorwand, daß er ihn um einige genuesische Kaufleute fragte. Da der Italiäner ihm hierüber Auskunft gegeben hatte, begann er, mit vielem Feuer über sein Vaterland zu sprechen, und gerieth in eine lange Auseinandersetzung der Staatsverfassung von Genua, bis es Josephen bange ward, er möge seinem Zwecke heute nicht näher rücken. Der gesprächige Italiäner kam endlich auch auf die Weiber zu sprechen. Er klagte über die unsittliche Sprödigkeit der Deutschen und sagte:

Ich wollte meinem Hausherrn gern die halbe Schuld erlassen, wenn er nur eine weise Tochter mit schwarzen Augen und Haaren hätte, die ich ein wenig lieben könnte; nun aber ist kein Mitleid im ganzen Hause, denn die Tochter hat rothe Haare, und ich muß hier sitzen und unbarmherzig seyn. – Ihnen geht es wol besser, mein Freund, denn ich habe jüngst bey Ihnen so im Fluge ein paar hübsche Mädchen bemerkt.

Joseph erzählte ihm von Marien und Annonciaten, und der Italiäner versprach, ihn nächstens zu besuchen.

Den folgenden Tag war er schon Morgens bey Wellner, und Abends aß er dort. Wellnern gefiel es sehr wohl, denn er hatte ein großes Talent, alte Leute zu unterhalten. Er ward bald der tägliche Besuch, und man freute sich immer recht auf ihn. Abends kam er meistens während dem Essen, setzte sich nieder und plauderte, erzählte italienische Comödien, und machte die Touren des Harlekins, Pantalons und Scaramuz. Marien lehrte er auch ein wenig die Colombine zu machen, und sie spielten manchmal kleine Scenen aus dem Stegreif, um Josephen zu necken, dessen Liebe er immer hinein zu mischen wußte. Marie gewann manche Reize durch ihn, er lehrte sie tanzen, und a l'amore spielen, doch mochte sie ihn nicht leiden, denn er hatte oft im Spiele zu ernste Bewegungen.

Wellner glaubte nun, das sey der rechte Mann für Annonciaten, bey ihm werde sie den Tiefsinn schon verlieren, und wünschte sehr, sie möge hier seyn. Er hatte so eben mit Joseph davon gesprochen, ob man sie nicht rufen sollte, als Marie einen Brief von Annonciaten brachte.

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