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Clemens Brentano: Godwi - Kapitel 56
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodwi
authorClemens Brentano
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-009394-5
titleGodwi
pages3-15
created19990905
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1801
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Siebzehntes Kapitel.

Violettens Denkmal.

Die vier Reliefs des Würfels und die Apotheose.

Erstes Relief.

            Ein kleines Mädchen sitzet in der Mitte,
    Die Arme schalkhaft über sich gerungen,
    Hält sie ein junger Faun mit Lust umschlungen,
    Sie sträubt sich ihm, der ihr mit wilder Sitte

Ein Tambourin mit Früchten reicht, die Bitte
    Ist in des Mädchens Kuß ihm schon gelungen,
    Doch nur die milde Frucht hat sie bezwungen,
    Daß sie von ihm den wilden Kuß erlitte.

Denn von ihr abgewandt, die jungen Schmerzen
    In Tönen lösend, singt ihr Genius,
    Die Rechte in der Lyra, was im Herzen

Die Linke fühlt, es neiget von dem Kuß
    Sich ihm des Mädchens Aug, voll schlauen Scherzen,
    Sie hört sein Lied, doch sieget der Genuß.

Zweites Relief

        Die Jungfrau steht, vor ihr ein Weib und zwinget,
    Die Freie sich den Gürtel zu bequemen,
    Ihr, die sich schämt der Nacktheit sich zu schämen,
    Des Genius Arm die Füße hold umschlinget.

Indeß dem Weib die Gürtung schon gelinget,
    Scheint Neugier nur die Jungfrau zu bezähmen,
    Sie sieht den Schwan vom Genius Speise nehmen,
    Und hebt das Tambourin, das dumpf erklinget,

Hoch mit der Rechten, und mit scheuem Beben
    Forscht ihre Linke, was im Spielwerk rauschet,
    Und fühlet zarte Flügel kleiner Tauben,

Der Faun, der über ihr auf Felsen lauschet,
    Beugt sich herab, die Tauben hinzugeben,
    So konnte Lust ihr nur die Wildheit rauben.

Drittes Relief.

Im Himmel irrt ihr Blick und an der Erde
    Ringt sie in wilder Blöße hingegeben.
    In Lust ersterbend, voll von heißem Leben,
    Uebt sie gereizt, so reizende Geberde.

Auf daß ihm währe, was sie sich gewährte,
    Legt schlau der Faun ihr, der in Lustgeweben
    Nun gürtellos die freud'gen Hüften schweben,
    Den Gürtel um das Aug, wie Lust ihn lehrte.

In süßem Schmerz will sie die Arme ringen,
    Und schlägt das Tambourin in wilden Lüsten,
    Die Tauben buhlen auf den holden Brüsten,

Es bebt der Schwan in seines Todes Singen,
    Es bricht in seines Liedes Lieb' und Leiden,
    Der Genius der Lyra goldne Saiten.

Viertes Relief.

            Der Genius hält siegend sie umwunden,
    Aus seiner Lippen liebevollen Hauchen
    Trinkt Lieben sie, im Strahle seiner Augen
    Trinkt sie den Tod in Lust erschloßne Wunden.

Sie stirbt im Licht die Binde losgebunden,
    Muß sie in ew'ge Blindheit untertauchen,
    Da ihre Küsse heil'ges Leben saugen,
    Im Wahnsinn muß der Sinne Wahn gesunden.

Das Haupt verhüllt in loser Locken Fluthen,
    Streckt sie die Hand, die Lyra zu erlangen,
    Die hoch er hebt, der Schwan reckt seine Schwingen,

Das Tambourin, in dem die Tauben ruhten
    Zertritt sein Fuß, den Faun sieht man gefangen,
    In jenem Gürtel an der Erde ringen.

Die Apotheose.

Canzone –

Gebet.

      Es ruht ein hohes Bild vor meinen Blicken,
So kühn und mild verschlungen,
Wie Lieb und Lied, wie Kuß und Tod verwebet,
In Sehnsucht strebt es auf, weilt mit Entzücken,
Von Wollust ganz durchdrungen,
Des Bildes innres Heiligthum erbebet,
Still zu den Göttern schwebet.
Ich knie an des Bildes Marmorstufen,
All meine Sinne rufen,
Gieb Liebe mir und Lied in Tod und Leben,
Laß mich mit dir zum stillen Himmel schweben!

Das Gewand.

        Die Jungfrau steigt von nackter Lust umflossen
Aus des Gewandes Falten,
Die halb in schöner Ungestalt herabgelassen,
Halb gierig noch, so buhlerisch ergossen,
Die üppigen Gestalten
Der Hüften ihr verrätherisch umfassen,
Den holden Leib nicht lassen.
So zarte Hülle kann nur Dämmrung weben,
Will Phoebe sich erheben.
So küßt das Meer des Gottes goldne Füße,
Und fern noch glimmt die Glut der goldnen Küsse.

Violette.

          Ein schweres Leid strömt durch die holden Glieder,
Die Schwere kämpft mit Schweben,
Die Hüften ringen Himmelan zu dringen,
Der Kopf sinkt sterbend auf den Busen nieder,
Um schneller sich zu heben,
Muß sie die Rechte um den Genius schlingen.
Hoch auf des Schwanes Schwingen
Schwebt er, zur Lyra ihre Rechte strebet,
Die seine Linke hebet,
Und mächtig hebt er sie mit seiner Rechten,
Verschlungen in der losen Locken Flechten.

Der Genius.

    Er, der am Boden freundlich nur geschienen,
Voll Huld und milder Treue,
Schwebt ernst empor in göttlichen Gedanken,
Des Sieges Feier strahlt von seinen Mienen,
Er läßt in stiller Weihe,
Sich von des armen Kindes Arm den schlanken
Geschwungnen Leib umranken,
Ihn hebt der Schwan, und um sie nicht zu lassen,
Muß er ihr Haupthaar fassen.
Des hohen Werkes heiligen Schmerz entzündet,
Die Hand, die er in ihre Locken windet.

Das Ganze.

                Das ganze Bild, in Einigkeit verbunden,
Gleicht rührendem Gesange,
Wie heilige Gebete aufwärts dringen.
Im Herzen glühen ihm so tiefe Wunden;
Mit schmerzenvollen Drange
Muß es nach Lieb und süßen Tönen ringen,
Zu Ruhe sich zu schwingen.
So hebt es sich, so strebt es nach der Leier,
So schwebt in hoher Feier
Der Gott empor und in des Bildes Herzen
Schmiegt sich der Schwan und reiniget die Schmerzen.
O harre, hebe mich empor!
Wie es in tiefer Andacht ganz erbebt
Und zu dem Himmel strebt. –
O Götter löst den Schmerz in süßen Thränen,
Umarmt im kühlen Flug sein heißes Sehnen!
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