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Clemens Brentano: Godwi - Kapitel 55
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodwi
authorClemens Brentano
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-009394-5
titleGodwi
pages3-15
created19990905
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1801
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Sechzehntes Kapitel.

Ich mogte das Bild nicht ansehen, warum? das weiß ich nicht, vielleicht des Inhalts wegen und dachte:

Was soll diese liebliche traurige Verirrung auf Erden, was hat so eine arme Violette gethan? Warum sind die Dichter verstoßen von der Gesellschaft? bis sie die Gesellschaft mit ihrem Gesange zwingen, sie zu ernähren – warum sind die Dichterinnen mit dem Leibe verstoßen? bis sie Aspasien werden. – Da singt so ein armes Völkchen, weil es nur sein bischen Kehle hat, und von allem Andern weniger – da liebt so ein armes Völkchen, weil sein Leib mächtiger ist, als die Moral, – ist denn keine Welt für die armen Mädchen da, die lebendiger sind, als die Pflicht, was haben die Kinder gethan, und wer will das Fleisch strafen, daß es in üppigem Leben den engen Rock des Staates zersprengt, und hervor tritt natürlich an die Sonne und die Liebe.

Wo ich so ein armes Kind sehe, treten mir die Thränen in die Augen, und ich fluche, daß nicht Platz genug ist in der Ehre für das Leben.

O nennt sie nicht unverschämt, die nicht zugegen waren, als die Erbärmlichkeit siegte, und den Thron bestieg in Purpur der Schaam. Sie sind nicht größer als die Schaam, aber die Schaam ist viel zu klein für sie.

Ich dachte mit einiger Boßheit an die Ehe, die nur in die Breite geht, und sich so breit macht, die Fläche des Staates zu begründen, daß Alles, was die Liebe nur in der Eile empfindet, und nicht in der Weile, in die Höhe muß, weil leider im Staate die Höhe allein noch nicht bevölkert ist.

Die Ehe kam mir vor, wie eine unendliche Fläche mit dem tiefsten Haß gegen alles Streben in die Höhe. Und der Stand der freien Weiber kam mir vor, wie eine senkrechte Linie zum Himmel, die nirgends fest stehen kann, weil die Ehe keine Höhe duldet.

Die arme senkrechte Linie muß daher immer tanzen, wie einer, dem der Fußboden glühend gemacht wird, und kaum richtet sie sich in die Höhe, so muß sie fallen. Zum rechten Winkel bringt sie es selten – immer findet man sie in kleinen schiefen Winkeln und immer zum Fallen bereit.

Das Elend der Kinder war mir nun deutlich, wie ihre Freude, sie müssen stets an den brennenden Boden fallen, und ihre kleine Freude liegt in ihrer Bestimmung, aufrecht in den Himmel zu dringen, und man soll ihnen nicht länger Vorwürfe machen, daß sie sich unterstützen lassen, in die Höhe zu kommen, die ihr Element ist, da die Ehe den ganzen Boden gemiethet hat, für ihr monopolisches Einerlei.

O wäre eine Fläche auf der Erde, wo die Liebe nicht zünftig wäre, und läge sie hinter der bürgerlichen Welt und ihren Gewässern, und wären alle die verlornen Kinder dort, könnte ich sie dann nicht abbilden in ihren verschiedenen Graden von Streben nach dem Himmel, wie die Stralen einer aufgehenden Sonne – nach langer Nacht.

Und die kalte Zone der Ehe würde erwärmt werden, und erleuchtet – wir werden gesund seyn, wenn wir unsere Organisation nicht mehr fühlen, wir werden einen Staat haben, wenn sich die Gesetze selbst aufheben, wir werden eine Liebe haben, wenn wir keine Ehe mehr kennen. Bis dahin seyen die Thiere des Waldes gepriesen, wegen ihrer Gesundheit, bis dahin seyen die Freiheitsschmerzen edler Seelen geehret, bis dahin dulde man mein Bild der aufgehenden Sonne für die verlornen Mädchen.

Denn ich will ewig glauben, daß sich die Liebe in sie geflüchtet hat, in dieser Zeit der Ehe, wie alles Gutes sich in die Poesie flüchtete zur Zeit der Barbarei, und sie stehen jetzt noch da, wie einst die romantische Poesie da stand.

So hatte ich gedacht, auf den Marmorstufen sitzend, den Kopf mit geschlossenen Augen in die Hand gelehnt.

Ich fühlte den kühlen Thau auf meinen Händen, stand auf und öffnete die Augen. Der Mond zerschmolz in das Licht des Morgens, und es war mir, da ich in die freudige Welt hineinblickte, als lächelte sie meiner Träume, und ich wäre aufgestanden, wie eine Blume, die in dem Bach ihr Bild nur sieht, und tiefer den Himmel. Als ich auf die andere Seite des Bildes trat, lag die Röthe des Morgens am Himmel.

Der Erde gehört dies Roth und nicht der Sonne. Bald drangen die ersten Stralen meiner siegenden Colonie zum Himmel, und küßten alle Thränen des Thaues von der Erde; sind doch Thränen ihr einziges eignes Gedeihen!

Ich wendete mich nun zum Bilde, und es schien zu leben; das rothe Licht strahlte dem Genius um Haupt und Herz, goß Leben und Blut durch das Ganze, und spielte dem nackten Mädchen um den Busen und den geheimnißreichen Schooß. Die Sonne wollte schneller in die Höhe, und jeder Strahl wollte das Denkmal der Schwester dem schaamrothen Lichte der Erde entreißen.

Vor mir war das Bild gleichsam geboren. Ich sah es in der Nacht wie in Liebe und Traum, im Mondlichte wie mit dem Begehren, erschaffen zu werden, in des Morgens Dämmerung wie in der Ahndung des Künstlers, mehr und mehr in den Begriff tretend, und ich stand vor ihm und sah, wie es hervor drang mehr und mehr in die Wirklichkeit, und endlich zum vollendeten Werke ward im Glanz der Sonne, getrennt von dem Schöpfer, der nur ein Gebährer ist, für sich selbst, mit allen Rechten seiner Gattung.

Als es so vor mir stand, wie aus der Finsterniß erstiegen, wie erblühet, gestaltet und frei, drang es heftig auf mich ein, und forderte von mir, was es war; es begehrte mit Gewalt, daß ich es erkenne, und ich fühlte mit Freude in meiner Brust, daß ich es erkannte, und daß es und ich in der Dunkelheit sein Begehren war, und daß sein Erlangen mit dem Lichte kam, in mir und in ihm.

Anfangs hatte ich nur den Totaleindruck seiner Eigenthümlichkeit und so rein, als seine Vortrefflichkeit ihn geben mußte – Wollust, Jugend, Freiheit, Liebe und Poesie im Siege des Wahnsinns den Göttern geopfert. Da ich aber von seinem Ausdruck durchdrungen war, da ich es in mich aufgenommen hatte mit seinem Willen, da ich es liebte, forschte ich nun freundlich nach seiner Entstehung – wie ist dir? hatte ich zuerst gefragt; nun fragte ich, wie war dir, und wie ist dir so geworden? – und es war, als sagte es:

Begreife die Bilder an den Seiten des schweren Würfels, von dem ich zum Himmel schwebe, und du wirst mein Leben erkennen, das ein schwerer Würfel war – doch mußte ich mit ihm um Glück spielen, bis der Gott das Glück fesselte. Ich selbst von der obern Seite des Würfels schwebend bin der Gewinnst. Die Liebe führt den spielenden Wahn zu den Göttern. Die untere Seite des Würfels ist meine Geburt; der Würfel war falsch, diese Seite mußte die eins enthalten, aber sie enthält eine falsche drei, ach! und nur so konnte der Würfel stehen, daß mein Sieg oben wohne.

Ich betrachtete die Reliefs der vier Seiten des Piedestals, welche allegorisch Violettens Geschichte enthielten.

Das erste, wie sich das Kind zum Genusse entscheidet.

Das zweite, wie sich ihr die Jungfräulichkeit nicht anpassen will.

Das dritte, wie sie der Genuß besiegt, ihr den Gürtel löset, und von dem Schooße um die Augen legt.

Das vierte, wie die Liebe sie besiegt, und sie in der Umarmung ihres Genius die Poesie nur noch im Wahnsinne erringt.

Die Gruppe auf dem Würfel aber, ihre Apotheose selbst, ihr Tod im Wahnsinne.

Ueber ihr schwebte der Genius, an seine Brust drängt sich der fliegende Schwan, in der einen Hand hebt er die Lyra empor, und schauet selbst zu dem Himmel. Das Mädchen steigt nackt, halb ringend, halb schwebend und mit Schwere kämpfend aus dem Gewande, das in schönen großen Falten auf den Würfel sinkt. Ihr Kopf ist auf den Busen sinkend und tod; der Genius hat die eine Hand in ihre Locken geschlungen, um sie heraufzuziehen; das Mädchen umklammert mit der Rechten seine Hüfte mit Liebe und Arbeit, und hebt die Linke matt und welk nach der Lyra, was man an den willenlos sinkenden Fingern dieser Hand erkennt. Die beiden Vorderseiten der Figuren sind an einander gelehnt, so daß man von jeder Seite eine Figur ganz, und eine halb sieht. Des Mädchens Brust ruht an dem Schwane, der die Mitte des Bildes erfüllt, und die beiden Figuren verbindet. Von der Seite des Genius sieht man den Unterleib Violettens, um den sich das Gewand noch gierig anschmiegt, ihren Busen und den schmerzlich liebenden Zug ihres Gesichts, den der Tod nicht ganz besiegt, und der Wahnsinn wie ein letzter heftiger Reiz noch einmal ins Leben zu wecken scheint, sieht man von der einen Seite genug, damit das Bild seinem Sinne genüge; denn der ganze schöne Leib Violettens ist durch den einen schwebenden Fuß, und den Zug der Hand des Genius in ihren Haaren auf ihrem andern schwer an die Erde gebannten Fuße gewendet. Ueberhaupt ist es fein von dem Bildhauer gedacht, daß er die ganze Seite des Mädchens, mit deren Arm sie den Genius umklammert, sinkend und schwer gebildet, und sie zum Anlehnen der Verbindung gebraucht hat, so wie er die andere, mit deren Hand sie nach der Lyra strebt, und deren Fuß sie hebt, ganz frei und in gelindem Schweben hielt. Von dieser Seite ist das Bild anzusehen. In der Mitte des Bildes, wo sich die Hand in die Locken windet, stirbt seine Wollust und Liebe, die mit dem Mädchen heraufdrang, und löst sich sein Stolz und seine Hoheit, die vom Haupte des schwebenden Genius nieder wallet, und erschließt sich gleichsam eine Wunde, die dem Ganzen Einheit giebt, und in der sich beide schön durchdringen, und schön ist es, wie der Schwan sich an diese Wunde schmiegt, und den Schmerz des Anblicks lindert. Wenn ich sagen wollte, wo man das Bild im Leben fände, so würde ich sagen:

Gehst du in Liebeheischenden Frühlingstagen Abends durch wunderbare kunstreiche Gärten, und suchst Liebe in der Dämmerung traulicher Lauben, und trittst du in eine, wo ein Weib so ganz ergeben in Schlaf oder Lust auf weichem Moose ruht, und trittst du hin, bebend in kühnem Rausche und banger Unerfahrenheit, stehst zitternd vor ihr; sie erwacht nicht; ein dünnes, formensaugendes Gewand bedeckt sie; der Busen hebt es nicht, und blickt durch das Gewand, wie deine eigene Lust durch deine bange Unerfahrenheit, du wendest deine Augen hin zum Haupte, und glaubst das Bild der Würde selbst zu sehen; dein Entschluß wankt, du sinkest nieder, küssest die schöne Hand, die auf der linken Brust gelinde zu ruhen scheint, und fühlest im Kuß der Hand des Busens ergebenden Widerstand, und wenn sich dann in allen deinen Gliedern das Leben regt, und alle Natur ein Bündniß schließt in deines Herzens Mitte gegen die Tyrannei der Furcht der Sitte und der Unerfahrenheit, und wenn du dann mit kühner Hand das Tuch, das dich so von der Liebe trennen will, verachtend, schüchtern, doch gelinde von den Füßen aufwärts ziehst, und immer höher in Seligkeit die lustbethränten Augen gleiten, und wenn das geschürzte Gewand das würdevolle Haupt schon längst bedeckt, den Busen du befreien willst, um hinzugehn in aller Freiheit in die Lust, wenn dann die schöne holde Brust – – – – mit einer offenen Wunde blut'gen Lippen zu dir spricht, was dir des Hauptes Würde nicht, und nicht des Schooßes heimliches Vertrauen sagte, wenn alle deine Lust in diese Wunde wie in ihr Grab dann sinkt, und hülfesuchend das Gewand du von dem ganzen schönen Leibe niederziehst, und von der schmerzenvollen Wunde aufwärts blickst, hin nach dem Haupte, Gebet zu holen, und nieder über des süßen Leibes Zaubereien, mit dem Traume der irdischen Wonne deinen Schmerz zu lindern, wie in der Erinnerung des schönen Lebens die Trauer um den Tod sich mildert, und wenn du ewig zu der Wunde wieder hin mußt, bis endlich alles das in ihr zusammenrinnt, und Lust und Schmerz und Hoheit aus der Wunde blühen – so hast du voll des Bildes Eindruck, so stehst du vor dem Denkmal Violettens, und wendest du dich, und trittst ins enge dunkle Haus zu jenen Menschen, die du die Deinigen zu nennen pflegst, so fühlst du, was du dich vom Bilde wendend fühlest.

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