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Clemens Brentano: Godwi - Kapitel 52
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodwi
authorClemens Brentano
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-009394-5
titleGodwi
pages3-15
created19990905
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1801
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Dreizehntes Kapitel.

Der Weg zog sich noch eine Strecke durch den Wald, aber man konnte unten durch die Stämme schon das freie Thal sehen. Es schien mir, als gingen wir langsamer, als zögen uns die Schatten des Waldes zurück.

Am Ausgange des Waldes trafen wir auf ein kleines Haus, neben dem ein größeres zerstörtes Gebäude stand, und ich bemerkte, daß auf dem Rauchfange des Letztern das Storchnest war, welches ich den Morgen gesehen hatte. Aus dem Fenster der Hütte schimmerte ein Licht, und ich fragte, wer hier so einsam wohne. Godwi sagte, in dem Hause wohnt kein Mensch, das Licht, das darinne brennt, ist eine Lampe, die alle zwei Tage angesteckt wird. Schon seit meiner frühesten Jugend erinnere ich mich, daß ich eine furchtsam Ehrfurcht vor diesem Hause hatte. Es ist ein Herkommen, daß dies Licht hier brennt. Wenn eine Jungfrau oder ein Jüngling unter den Mennoniten stirbt, welche meine Pächter sind, so wird er hier in diesem Hüttchen einen Tag und eine Nacht hingesetzt, und hier neben zwischen den Mauern des verfallenen Gebäudes begraben. Warum die Stube ganz eingerichtet ist, als wohne eine Familie darin, weiß ich nicht; aber es ist eine freundliche Idee. Der älteste meiner Pächter hat den Schlüssel dazu; er steigt alle zwei Tage herauf, und steckt die Lampe an, und wenn er todt ist, so bekömmt der älteste wieder dies Geschäft, so daß es zu einem Sprüchworte unter ihnen geworden ist: er trägt den Schlüssel. Die Alten selbst werden unten im Thale begraben, weil sie sagen: er habe nicht mehr hinauf gekonnt, drum sey er unten begraben.

Ich sah zum kleinen Fenster hinein, die Lampe stand in der Mitte der Stube auf dem Tische, an der Wand hingen männliche und weibliche Kleider, und die ganze Stube sah bewohnt aus; es lag ein ewiges Warten auf den Vater oder die Mutter, oder auf den Geliebten und die Geliebte in allem; ich wendete mich und sprach: auch ich habe Ehrfurcht davor.

Habern suchten wir mit Mühe dazu zu bringen, auch hinein zu sehen. Er kehrte aber schnell um, als der Wind an den losen Fensterscheiben rasselte, und ging schweigend mit uns den Berg hinab; vor uns tiefer unten ging ein Licht, und der Jäger sagte:

Das ist der alte Anton, der hat eben die Lampe angesteckt, wenn er sein Verslein noch nicht gesungen hat, so wird er es bald hören lassen.

Bald darauf hörten wir auch eine zitternde Stimme singen, doch konnten wir sie nicht verstehen, weil sie undeutlich aussprach, und zu entfernt war. Wir gingen deswegen rascher, bis der Alte still stand, weil ihm das Treppensteigen beschwerlich war, und wir hörten die zwei letzten Verse seines Gesanges:

Ich hab das Lämplein angesteckt
Zum langen Angedenken,
Und wenn mich kühle Erde deckt,
Mag Kind und Enkel denken:
Der Vater ruht im Thale aus,
Und kömmt nicht mehr ins stille Haus.

Lischst du o Herr mein stilles Licht,
Das tief herab schon brennet,
Und werd vor deinem Angesicht
Ich nur ganz rein erkennet,
So geht mit Freude angethan
Erst recht mein schönstes Leuchten an.

Hier löschte der alte Anton sein Licht aus, und war vor uns zu Haus.

Das Gut lag zu unsern Füßen; von der entgegengesetzten Seite begrenzte es ein hoher Baumgarten, sonst war es einsam und sah öde aus. Die Wildniß über dem Berge, wo wir den heutigen Tag zugebracht hatten, schien mir bey weitem freundlicher. Dies äußerte ich Godwi, und Haber sagte, er habe die nämliche Empfindung.

Godwi sagte, ich bin von Jugend auf an diese Gegend gewöhnt, dennoch habe ich die nämliche Empfindung, so oft ich vom Jägerhause komme. Einsam und öde wird überhaupt alles, was der Mensch berührt, ohne es zu vollenden, nur der Mensch kann tödten. Dieses ganze Thal nun ist das Bild einer Anstalt, die ins Stecken kam, alles verlangt nach einem Ende, und man könnte sagen, es gleiche einer interessanten Erzählung, die mitten durch ein Fragezeichen unterbrochen ist.

Es liegt etwas Derbes und Selbstständiges in der wilden Natur, sie ist voller Leben, und scheint sich den Teufel um den Menschen zu bekümmern; sie geht ihren Weg, ohne sich viel umzusehen, und treibt ihr Geschäft für sich und mit Kraft. Hierdurch rührt sie uns, und das Gefühl der Einsamkeit in ihr begründet sich auf die Schwäche des Menschen; man wünscht einen Freund neben sich zur Unterstützung gegen die Wildniß, die einem so frech in die Bildung hereintritt, das Echo der Felsen giebt uns kalt und spöttisch die Ausrufungen zurück, in denen man umsonst versuchte, dieser Natur etwas abzuschmeicheln; man möchte einen Freund, um seine Empfindungen genommen zu sehen; man wünscht sich ein williges liebendes Mädchen auf das Moos, um am Fuße der stolzen Eiche in lebendiger Beweglichkeit das höchste Opfer der Menschen zu feiern, und der tapfern barschen Natur zu zeigen, daß es im Leben nicht auf kolossalische, unbewegliche Grobheit ankömmt. Aber hier – fuhr ich fort – was will man hier machen, hier ist alles so zahm, da steht Kohl und dort steht Weißkraut und jenseits Korn und dort – wie heißen Sie? wendete ich mich zum kleinen Dichter.

– Haber.

– Und dort steht Haber, und alles sieht aus, als wisse es schon, daß es nächster Tage werde gefressen werden, vielleicht gar als Futter unvernünftiger Thiere.

Ja, sagte Godwi, hören Sie ein Paar Hofhunde klaffen, und einen Hahn krähen, und ein Paar Kühe brüllen, so ist alles in Richtigkeit mit der genialischen Natur, und man muß sich dann meistens, weil es kothig ist, an dem Himmel halten.

Es war ein schöner Himmel, und alles was wir hörten, sahen, war still, müde und ruhend.

Hier ist der Abend nicht viel Anders, sagte ich, als Ruhe ohne alle Erinnerung, es ist keine Selbstthätigkeit in einem solchen Abend, und er sagt nichts als: nun ist es recht gut, nun geht es bald ins Bett.

Sie sind etwas zu unbändig, sagte Godwi, nehmen Sie sich in Acht, daß Sie nicht werden, wie diese öde Landschaft, welche hinlängliche Bildung hat, bey großer Fruchtbarkeit, um die Fruchtbarkeit zu unterjochen.

Ich schwieg, und mein Gewissen drückte mich.

Wir kamen nun an das Gut selbst. Einige kleine Häuser bildeten eine Straße, auf der verschiedene Ackergeräthschaften standen; es war stille, und Godwi sagte: lassen Sie uns ruhig seyn, die Leute schlafen schon. Das Thor des Landhauses stand offen, die Hunde sprangen freundlich an Godwi herauf, und wir traten in das bescheidene einfache Haus, in eine Stube gleich bey dem Eingange.

Godwi hieß uns willkommen, der Jäger brachte Licht, und das Abendessen ward bestellt. Godwi und Haber saßen auf dem Sopha, ich saß am Fenster auf einem Armstuhle, es herrschte eine allgemeine Stille unter uns, und jeder schien sich seinen Gedanken ruhig zu überlassen.

Die Bilder des ganzen Tages gingen mir vor den Augen herum, ich hatte eine seltsame Empfindung, in dem Hause Godwi's zu seyn, und mit ihm selbst so bekannt, von dem ich so vieles geschrieben hatte. Es schien mir unrecht und nicht redlich, wenn ich ihm nicht bald sagte, wer ich sey. Dann entwickelte ich, was ich von seiner Jugend aus seiner Erzählung an Otilien wußten, hier an der Stelle, wo es geschehen war, und indem ich meine Gedanken so ins vergangene Geschichtliche hinüber spann, verlor ich mich immermehr ins Allgemeine, dachte an meine Jugend und alle Jugend, und an den erdrückenden Schmerz, unter dem die meisten guten Kinder ihr Bestes und Eigenthümliches für einige Gesellschaftsregeln hinopfern müssen.

Die Grillen zirpten in den Mauern und der Perpendicul der Uhr ging ewig derselbe, nächtliche Fledermäuse schwirrten über den Hof, und das Licht war weit herunter gebrannt – mir war es tief im Herzen dunkel und traurig.

Hier trat ein alter Mann in die Stube, er hatte einen schönen gesunden Kopf, und einen langen weißen Bart, und war einfach in weißes Tuch gekleidet. Godwi grüßte ihn und sagte: verzeihet Anton, daß ich so spät komme.

Der Alte lächelte und sagte: Sie sind der Herr und immer willkommen. Dann deckte er den Tisch, trug einige kalte Speisen und etwas Wein auf, und wünschte gute Nacht.

Der Alte mit seiner Ruhe und seinem Barte schickte sich recht zu dem Ganzen und hatte mich sehr gerührt. Godwi sagte mir, daß seine Pächter aus einer Mennoniten-Familie bestanden, die so lange auf dem Gute sey, als sie existire, und daß dies nun der dritte Großvater sey, der hier lebe.

Wir setzten uns nun zu Tische, Haber war eingeschlafen; ich klimperte mit den Gläsern, um ihn zu erwecken, aber sein Erwachen war nicht hinlänglich, ihn zum Essen zu bringen, denn er war körperlich und geistig eingeschlafen; er hatte nämlich in einer Lage auf dem Sopha gelegen, daß mehrere Glieder seines Leibes seinem Hauptschlafe ungetreu auf ihre eigene Hand eingeschlafen waren. Wir aßen und tranken dann munter mit einander.

Das Mahl war vorüber, nur die Gläser waren noch ergiebig, und der Wein bringt in jede Stimmung, in der er mich antrifft, noch eine muthwillige fantastische Stimmung. Ich muß mich dann äußern, und empfinde etwas ganz wunderbar Frevlendes, Gewagtes in meinem Herzen; Alles wird mir unter den Händen lebendig, was mein Leben Schmerzliches und Freudiges, Banges und Religiöses umfaßt, reiht sich an meine Worte, und zieht in einem wilden bacchantischen Zuge von meinen Lippen.

In solchen Momenten verliere ich mich in meiner Rede, die mit sich selbst zu witzeln anfängt, eine Grundempfindung, Sehnsucht, unerkannte Liebe oder Druck in der Kindheit bleiben herrschend, alles Andere wird zum frechen Witze, in dem eben diese Hauptempfindungen, die ich allein in einem bangen Drucke in der Brust fühle, muthwillig hin und her schwanken.

Diese Empfindung fühlte ich sich bey mir nahen, eine tiefe Rührung geht allezeit vorher. Es ist mir, als sollte ich bald mein ganzes Leben wie eine Braut umarmen, ich sey nun allem gewachsen, was mich einzeln erdrückte; ich fordere dann alle die Gestalten auf, stoße sie kalt von mir, oder reiße sie mit einer wilden Bulerei in mich.

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