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Clemens Brentano: Godwi - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodwi
authorClemens Brentano
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-009394-5
titleGodwi
pages3-15
created19990905
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1801
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Römer an Godwi.

Wo die Herren im Nationalkonvent zu Paris zu viel Arbeit sehen, bey Arbeiten, deren Erfolg kritisch ist, bey denen sie sich in ihren oder in des Publikums Augen durch den Erfolg beschämt finden könnten, muß ein Ausschuß dran. Bey der Verwirrung, bey der Abentheuerlichkeit seiner Streiche, stößt mein lieber Karl auf einen Punkt, der ihm nicht so ganz hell in die Augen leuchtet, und er ernennt mich zum untersuchenden Ausschuß. O lieber Karl, wann wirst du die gerade Menschenstraße wählen, und nicht mehr aus dem Hundertsten ins Tausendste denken, handeln und plaudern, ich kann mir ihn ganz denken, den incroyablen Karl, vis a vis, oder in den Armen, denn ich weiß, du bist kein Freund von Entfernung, einer andern Merveilleuse. Es ist ein Unglück, daß du auch immer in die Hände der Extreme fallen mußt. Wo wohnt das gute bürgerliche Mädchen, das tugendhaft und häuslich dir einst den verwirrten Kopf aufräumen, und deine Hände zu nützlicher und zweckmäßiger Arbeit geschickt machen wird. War es nicht der Aufgang der nämlichen Sonne, der dir das Bild weniger Tage vorher neben der räthselhaften Molly so rosenfarben malte, nicht der Untergang der nämlichen Sonne, die mit den letzten Strahlen gleich darauf dein wächsernes Herz in eine andere Form goß? Du nanntest Molly ein göttliches Weib, das heißt: du bedientest dich zur Bezeichnung ihres Werthes des Namens der höchsten dir denkbaren Vollkommenheit, und schon haben diese Göttinn ein paar Hirschgeweihe und ein lustiges sonderbares Geschöpf gestürzt. Du hast ein Geschöpf kennen gelernt, das du noch höher stellen könntest. Wie heißt denn die Stufe über deinem Götzen? oder, lieber Karl, willst du wohl eingestehen, daß der die Menschen und all' ihr Streben und Ringen nach irgend einem Zwecke für eine Caprice Gottes halten muß, der ein Weib göttlich nennt, das mit den Herzen, Gefühlen und Worten ihrer armen Anbeter spielt? Sie hat nicht genug, dich zu ihren Füßen zu sehen, sie berauscht sich in den Gefühlen ihres Stolzes, und stößt deine Begierden zurück; sich hätte sie ganz befriedigt, sie will nur ihrem Betragen noch das Gewand der schönen Tugend, Enthaltsamkeit und Abentheuerlichkeit umhängen, ernst und streng weiset sie deine feurige Liebe in die Schranken des Wohlstandes zurück, vergißt nicht, dir mit der feinsten Coquetterie die Mühe zu zeigen, die ihr es kostet, läßt sich einen Kuß von dir rauben, wo du ihn rauben solltest, um ihr den Schwur der Ehrerbietung gegen ihre strengen Grundsätze zu besiegeln, und fordert durch das Feuer eben dieses Kusses dich auf, das Gebäude ihrer ganzen Weisheit zu zertrümmern.

Es mag der feinste sinnliche Genuß das bezauberndste Spiel der Gefühle seyn, allein es ist nichts desto weniger das gefährlichste und gewagteste, denn wer es verliert, hat sich selbst verlohren. Molly weiß auf die geschmackvollste Weise die äußersten letzten Fäden der Sinnlichkeit durch affektirte Menschlichkeit in die Gränzen einer edlen empfindungsvollen Sittlichkeit hinüber zu weben, so daß ihr Betragen zwar ihren Geist, ihren Geschmack, und durch augenblickliche, liebenswürdige Geistesgegenwart ihre Erfahrung, aber nichts weniger als ihr Herz, ihre Tugend vor der Verdammniß der Moralität retten kann.

Danke Gott, mein Lieber, daß du so glücklich aus den Schlingen dieser liebenswürdigen Verderberin entkommen bist; aber entgehe zugleich dem Gefühle der Eitelkeit dieses Entgehens. Du selbst warst nicht stark genug, sie hat dich in den Plan ihres Siegs zurückgestoßen, und in der Beendigung der Geschichte mit dem Morgenbesuche und dem Kusse sehe ich wohl, daß du ihren Waffen nur ein Spiel, kein Kampf, warst. Die Geschichte am Morgen scheint mir das, was den Mozart ausgezeichnet hätte, der aus Laune, oder auf Bitte eines mächtigen Geschmacklosen, ein elendes Lied auf seiner Violine hinzauberte. Es war in Rücksicht auf den moralischen Werth der ganzen Sache das Selbstgefühl eines Bierfiedlers, der, hat er in seinem Gassenhauer die Beine seines Pöbels genug zum Tanzen gezwungen, an das Ende des letzten Takts noch einen Ohrenzwang gratis anhängt. In jedem gefälligen Landschaftsgemälde ist Ferne, und die abgestufte Verkleinerung und Verundeutlichung reizender Natur im letzten Grade in eine Morgenröthe überschwebend, giebt uns in gleich nahen Gegenständen das Täuschende der Perspektive. Hier hat der Künstler den Raum behandelt, Molly, die Künstlerin, endigte ihre Scene durch eine versprechende Anspielung in die Zukunft, sie behandelte die Zeit.

Ich halte sie für bewunderungswerth in ihrer Art. Es ist der feinste Egoismus, den Sieg, der wegen der Schwachheit des Gefesselten ohne Lorbeer war, seinem Selbstgefühle durch die Kraft und Zierlichkeit, mit der man das Schlachtfeld verläßt, zur Schmeicheley zu erschaffen.

Ueber den zweytes Abentheuer zu urtheilen, habe ich keinen Beruf erhalten, und überhaupt liebe ich nicht, dir, lieber Freund, Lehren zu geben, denn du willst durch die Zeit und ihren Inhalt geheilet seyn.

Dein Vater ist seit deiner Abreise trauriger und sonderbarer als je geworden. Er will nicht wissen, was du mir schreibst, denn, sagt er, es ist unedel, wenn ein Mensch durch die Benutzung zufälliger Rechte im mindesten die Heiligkeit der Herzensergießung zweyer Freunde stört. Ist ihm wohl, liebt er mich, fragt er nur ängstlich, und als er mir diese Fragen bey deinem letzten Briefe that, ging er weinend in seine Stube zurück, noch eher als ich ihm antwortete. Es ist mir unbegreiflich, Karl, daß er dich so unnütze Reisen thun läßt, da er dich so liebt, und deiner fröhlichen Laune so sehr bedarf. Ich stellte ihm dieses neulich Abends vor, da er sehr heiter war, und mir sagte, in diesem Augenblicke, Römer, könnten Sie mich fragen, was Sie wollten, ich würde nichts übel nehmen. Er ward sehr betroffen und sprach: Sie hätten diese Saite dennoch nicht berühren sollen, Römer; doch Sie sind unschuldig, ich halte Wort, es liegt ein Geheimniß über Karls Kindheit, das mich tödten würde, wenn ich ihn noch lange um mich gesehen hätte, dann entfernte er sich und schloß sich ein. Ich werde nie mehr hiervon mit ihm sprechen, aber dir mußte ich es sagen, damit du deinen guten Vater nie falsch beurtheilen mögest.

An dem Abende, lieber Freund, an dem unvergeßlichen Abende, der uns zum erstenmal trennte, und uns dennoch durch den erneuerten Bund unserer Freundschaft um vieles näher brachte, habe ich dir versprochen, aufrichtig und redlich an dir zu handeln; ich beschwöre dich, Karl, werde ein Mann, der unveränderlich nach Recht und Billigkeit handelt, denn mir ahndet, du wirst unglücklich genug werden, ein schweres Urtheil über Menschen fällen zu müssen, denen du unendlich viel, denen du alles verdankst. Die Geschäfte deines Vaters werden mich bald nöthigen, eine Reise machen zu müssen. Ich habe diesen Augenblick so lange als möglich verschoben, denn es ist mir ein ängstlicher Gedanke, ihn sich ganz selbst überlassen zu müssen; zwar kann ich seinen geheimen Kummer nicht heben, allein ich kann ihn doch zerstreuen.

Vielleicht komme ich nach B., vielleicht höre ich bey Molly ein Kollegium ihrer praktischen Kriegskunst, das du hoffentlich wie diesen langweiligen Brief in der Hoffnung eines baldigen Vergessens absolvirt hast. Lebe wohl, in F. werde ich die Messe zubringen. Adressire deine Briefe an die Herren Gebrüder Buttlar, bey denen ich wohl absteigen werde.

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