Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Clemens Brentano: Godwi - Kapitel 49
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodwi
authorClemens Brentano
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-009394-5
titleGodwi
pages3-15
created19990905
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1801
Schließen

Navigation:

Zehntes Kapitel.

Drei Haufen standen die Edeln am Ufer des Weltmeers. Nebel lag um sie her, und die Treuen sahen sich kaum unter einander, doch erkannten sie sich immer noch, wenn hie und da ein Wort aller im Enthusiasmus der Redner lauter schallte. Von dem einen Haufen hörte man unaufhörlich die Worte:

Kraft, Ideale Natur, Individualität.

Von dem andern die Worte:

Streben in sich zurück, Selbsterkenntniß, Tiefe, Fülle.

Und von dem dritten hörte man:

Lebensgenuß, Zurückreißen der Natur in sich, Verindividualisirung.

Endlich nun erstand ein Redner aus jedem Haufen. Der Redner der Tapfersten trat hervor, und rief aus –

Dränget euch an einander, ihr Freunde, ein einziger Wille, ein Phalanx dem Nebel, der uns neidisch einander entreißen will, ich habe ein Wort der Kraft an euch zu reden, welches gleich einem Magnete alle reine eisenhaltigen Herzen an sich ziehen, und zu einer Individualität vereinigen wird. Die Anderen näherten sich, ihre Redner an der Spitze, und der Erste fuhr fort:

Stehet fest, fest meine Freunde! lasset euch nicht irren – es gilt jetzt –

Ihr habt in der Kraft eurer idealen Natur, eure Selbsten einer Aufgabe geweiht, was darf euch berechtigen, sie fallen zu lassen, als die Anschauung ihrer Nihilität –

Ich sprach mit euch, da ihr noch schwach waret, jetzt müßt ihr entern, das nenne ich mit eignet Kraft eurer Selbst, eueren Vorsatz und alle selbstgefundenen Mittel fassen, halten, durchführen. – Nur so seyd ihr für den heiligen Krieg – oder diesen Gedanken in euren Seelen in den Abgrund der Vergessenheit senken, und alle Wellen eurer alten Gedanken über ihm zusammenschlagen lassen, wie die Wellen des vor uns liegenden Weltmeers über unsre streitglühenden Körper hinschlagen werden; denn wer dem Weltmeere die Brust nicht bieten mag, der ist kein Sohn seiner Mutter, die es thut, der Erde –

O ihr habt mich so oft angestaunt, da ich in objectiver Ruhe unter euch wandelte, erschrecken werdet ihr, wenn ihr schwach seyd, und ich handelnd auftrete.

Ergründet schnell eure Subjectivität, und sprechet mit Klarheit, ob ihr fähig seyd mit mir zu handeln?

Hier hielt der edle Mann ein, einige riefen bravo! viele murrten, dann sprach ein andrer Redner. Mit der zärtlichen Undeutlichkeit eines Menschenliebenden, aber ganz in sich allein zurückkehrenden Gemüthes, redete er alle an, indem er sich zu dem vorigen Redner wendete.

In der Tiefe deiner Brust bemerke ich eine apriorische Anschauung unsers Zustandes, die du mit Recht als ein Produkt von dir selbst giebst, weil sie falsch seyn dürfte für die Intensität vieler, die hier stehen und erkannt haben den Ursitz der Welt, und die einzige Straße nach dem Besitze und der Gabe.

Ich spreche daher zu jenen Glücklichen unter uns, deren Wesen dem unendlichen tiefen Milchbrunnen gleicht, von dem ein kindlicher Aberglauben sagt, daß die unschuldigen Kindlein aus ihm herauskommen, – zu jenen spreche ich, welche die Schöpfung in der Brust, in dem reinen tiefen Spiegel ihres Herzens tragen, und welche mit mir die tiefen Worte des begeisterten Helden, der damals so feierlich zu dem Volke sprach, verstanden haben. – Er selbst hat sich nicht verstanden, und war nur ein Organ der Religion, wie hätte er sonst nach seinen eignen Worten:

Glaubet aber nicht, das Grab Christi sey außer euch, und es stehe zu erlösen im Kriege fanatischer Waffen – in euch selbst ist das Grab des Herrn, von den Sünden des Unglaubens geschändet, nur in euch könnt ihr es befreien, und die äußerliche That ist nur gesellschaftlich, in euch ist die Tiefe, die Fülle, die Klarheit, strebet in euch zurück, kommet zur Selbsterkenntniß.

Wie hätte er sonst nach diesen seinen Worten hinziehen können in Unendlichkeit und leerem Streben der Individualität ins Universum.

Wohin fliehet ihr, ihr Geister! – in die Unendlichkeit? – Diese Kraft euch aufzuschwingen, gab euch die Natur – aber sie treibt euch auch in die Endlichkeit zurück – schon die unfreundlichen Wellen dieses Weltmeers thun es, und sind, obschon sehr lange, doch wol lange noch nicht die Natur – o Freunde, die ihr in euch, wie ich, den Lampenfunken des heiligen Grabes brennen sehet, bleibt zurück, denn das heilige Grab ist in euch – o! verliert es nicht in den Wellen, weil ihr es erobern wollt. Flattert nicht über die Endlichkeit hinaus, sonst werdet ihr bald der Unendlichkeit müde in eure Leerheit zurückkehren – durch inneres Vergraben erwerbet euch das heilige Grab – und schreitet so in ewiger Vertieferung in die Unendlichkeit dieses Grabes.

Wo wollt ihr euch aber finden, als in der Endlichkeit! Wo könnt ihr Kraft anwenden, als in dieser! – Überfliehet ihr sie, so stumpfen sich eure Kräfte mehr und mehr ab, es ist kein Rückhalt da, der euch fest halte, es ist kein Schiff auf diesem Weltmeere, und euer endloses Streben, eure schwimmenden Arme werden endlich doch in einen Wallfischmagen verendlicht, oder gar endlich als Fischthran auf Schuhen und Stiefeln, oder Fischbein in Schnürbrüsten (schreckliche Beschränkung schöner Weiblichkeit!) verindividualisiret werden.

Greifet ein in die Endlichkeit – suchet in euch das Ideal des heiligen Grabes, das eurem Wesen harmonirt, dieses fasset ganz und alle Äußerungen, wonach ihr die Unendlichkeit modificirt, seyen euch nach diesem Ideale bestimmt. So könnt ihr das heilige Grab in euch erlösen, und von seiner Fülle, die sich in der Blüte ewiger Herrlichkeit erneuert und füllt, die Wunder auf alle andere durch euch ausströmen lassen.

Bravo, heiliger göttlicher Ausleger! schrieen viele Stimmen mit einem seufzenden sehnsüchtigen Tone.

Der dritte Haufen und seine Redner hatten sich während dem über den Mundvorrath in den Körben der Esel hergemacht, sie lagen umher und schliefen.

Pumps, pumps, pumps, that es drei Schläge ins Weltmeer, die wenigen Anhänger des muthigen ersten Redners stürzten sich hinein.

Die Anhänger des Zweiten traten dicht zusammen und umklammerten, einer dem andern in den Armen ruhend, die heiligen Gräber; unter diesen waren jene innigen, dringenden, brünstigen Freunde.

Sie zogen wankend Feld ein, und man hat weiter nichts von ihnen gehört, als in einigen Volksromanzen, welche die Fischer und Schäfer dort singen, allerlei Überbleibsel ihres selbstischen Wahnsinnes. Auch sollen durch ihre fernern Thaten fast alle Arten von Aberglauben, fliegende Drachen, Beischlaf des Teufels mit Hexen und besonders das Alpdrücken bey jungen schlafenden Frauenzimmern entstanden seyn.

Die Eingeschlafenen aber erwachten den folgenden Morgen, und gingen langsam nach Haus. Sie leben nun in einer Art von Traum, aus ihren Krisen und aus den Volksliedern habe ich die Geschichte dieser entscheidenden Gemüthsschlacht zusammen getragen.

Das Weltmeer aber war nichts als ein sumpfichter Fischreich, die Tapfern brauchten gar nicht zu schwimmen, und auf der andern Seite stand ein Wirthshaus, in dem sie sich es recht gut schmecken ließen. Auch fanden sie dort einige zurückgebliebene Bagagewagen des heiligen Zuges. Sie setzten sich mit auf, und kamen auch in den Krieg. Doch hat man von ihren Thaten bis jetzt noch nichts gehört.

Das wäre nun so ziemlich die Geschichte des philosophischen Anflugs der letzten Jahre.

Haber näherte sich mir, und wollte mich umarmen, aber ich trat zurück und sprach:

Verbannen Sie diesen fabelhaften Zug von inniger Freundschaft aus Ihrem Gemüthe, ich bin Ihr Freund und aller derer, die nach dem Bessern streben, oder die schon weiter sind, als ich.

Hier kam der Jägerbursche herein und fragte, ob wir nun gehen sollten.

Was macht Flametta? sagte Godwi.

Sie hat bis jetzt nichts gethan, erwiederte er, als mir gepredigt, daß ich den Apollo so schlecht gemacht habe. Sie behauptete, wenn sie ihren Akteon aufführen würde, werde ich die Scene, wo mir die Hirschgeweihe wachsen würden, besser spielen. Ich sagte, sie solle sich mir nur einmal nackt im Bade zeigen, für die Hörner wolle ich schon sorgen: da gab sie mir eine Ohrfeige, die, wäre sie nicht auf das Ohr gefallen, leicht die Grundlage eines Hornes hätte werden können – und für diese Ohrfeige gab sie mir denn wieder einen Kuß, weil ich so geduldig gewesen sey, sagte sie, und sauste mir die Ohrfeige in den Ohren, als knacke einer die Welt wie eine Nuß auf, so schmeckte auch der Kuß, wie der Kern jener Nuß. Jetzt ist sie in dem Walde mit den Hunden und den kleinen Mädchen des Försters, denen sie das Fürchten abgewöhnen will, und wir müssen wol auch gehen, wenn uns der wilde Jäger nicht die Haare versengen soll.

Haber drang auch sehr aufs Gehen, und wir verließen mit dem Jäger das Haus.

 << Kapitel 48  Kapitel 50 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.