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Clemens Brentano: Godwi - Kapitel 44
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodwi
authorClemens Brentano
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-009394-5
titleGodwi
pages3-15
created19990905
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1801
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Fünftes Kapitel.

Hier trat Godwi aus dem Gebüsche und sagte: lassen Sie die Kreuzfahrer so stehen und uns nach dem Jägerhause gehen, um etwas zu essen.

Haber lächelte und ging mit. Er hatte mir gegenüber gestanden, an einen anderen Baum gelehnt in gebückter Stellung, und viel an seinem Stockbande gespielt.

Von Herzen gern, sagte ich, denn eigentlich fühle ich mehr Anlage zum Hunger als zur Allegorie.

Godwi erwiederte, Sie sollen uns dennoch Ihre Allegorie nicht schuldig bleiben, ich bin begierig, die Reden der einzelnen Haufen und das fernere Geschick der jungen Kreuzfahrer zu hören, unter denen Sie so artig die letzte academische Generation verstecken. Ihre Ideen über Freundschaft gefallen mir, und es ließe sich darüber noch manches zwischen uns wechseln.

Sie haben das alles gehört? versetzte ich beschämt, das war etwas boßhaft, ich glaubte nur vor meinem alten Bekannten so frei sprechen zu dürfen, und hatte die Nebenabsicht bey der Rede, einen Freund zu gewinnen.

Hier versetzte er, wenn es diese war, so kann es sich bald entwickeln, ob Sie Ihre Absicht erreichten, und Sie sagten ja mit so vielem Nachdrucke – ob Sie sich kennen, ob Sie sich sehen, oder nicht das ist gleichviel – verzeihen Sie daher, daß ich mich versteckt hatte.

Dabey war sein Blick fest, es war einer von den seltenen Blicken, die nur frühe Erfahrung geben kann. Der Blick eines Auges, das Blicke der Lust und des Rausches gegeben und genommen hatte, und nicht mehr begehrt, sondern bildet und begründet, der Blick eines Freundes. Wir erreichten bald den tiefsten Theil des waldigten Thales, und da wir noch einige Schritte links in das Gebüsche gethan hatten, ertönten mehrere Jagdhörner auf eine sehr muntere Art. Es war eine rufende Melodie, und ich unterschied bald drei Hörner, die von verschiedenen Puncten aus sich in einem Wechselliede antworteten. Das Echo verdoppelte die Töne, und brachte dadurch in die gedrängte Melodie eine angenehme tonschimmernde Verwirrung. Bald schien sich auch das Echo zu verdoppeln und aus allen Tiefen des Waldes tönte es der Melodie nach, als ziehe ein geheimnisvolles musikalisches Leben durch die Wipfel der Bäume.

Das Echo verdoppelt sich, sagte Haber, haben Sie es bemerkt?

O ja, sagte Godwi, ich habe das leider so oft bemerkt, daß mir durch die Gewohnheit die Rührung entgeht, welche alles fremde geheimnißartige begleitet.

Auch ich war durch den tönenden Wald wunderbar überrascht, und fühlte, was die Alten in ihren Wäldern empfinden mochten, die noch mit Göttern belebt waren, welche in wunderbaren Waldstimmen um den Wanderer ertönten.

Ich mache hier noch die Bemerkung, daß in den Reden Godwi's etwas trocknes, ernstes und bewunderungsloses lag. Er zeigte jene Art von Ruhe, von der die Erfahrung begleitet wird, und welche die muntere offene Jugend mit dem Stolze auf ihre wenigen errungenen Begriffe nicht reimen kann, und die ihr daher drückend wird. Die Jugend sieht solche Wesen wie den traurigen Vorwurf der Menge an, die sie noch zu erringen hat. Ein solches Wesen wird ihr geheimnißvoll und erdrückt durch seine anspruchlose Strenge ihre Wißbegierde. Wenn ich mit meinem muntern, schnellen Sinne eine Zeitlang gelehrte und vortreffliche Freunde erfreut habe, die sich vertraulich zu mir herablassen, und ich in ihrem Umgange vergessen habe, wie weit mehr sie umfassen, als ich, so befinde ich mich wol auch oft in solcher Jugendlichkeit, denn ich darf nur irgend ein Werk solcher Freunde in die Hand nehmen, um jene Bangigkeit zu empfinden, oder habe ich gar das Unglück, mit einer solchen leichtsinnigen Fröhlichkeit in eine große Bibliothek zu treten, so werde ich ganz zertrümmert und empfinde einen recht panischen Schrecken.

Als wir in einen Winkel gekommen waren, wo sich die Wildniß immer mehr drängte und der Weg sich verlohr, sprach Haber:

Nun haben wir uns verirrt, die geheimnißreiche Musik hat uns irre geführt, denn dies ist nimmermehr der Weg nach dem Jägerhause.

Godwi lächelte und sagte:

Hier haben wir keine Hülfe, als die Hülfe aller Menschenkinder, wir müssen zurück kehren, oder, sind wir fromm, die Unsterblichen anrufen, dies nun ist die Sache der Dichter. Lassen Sie uns daher unter die große Eiche treten, die hier neben dem Gebüsche steht.

Da wir einige Schritte durch das Gebüsch gethan hatten, waren wir unter der großen Eiche; ich erinnere mich, nie eine solche Säule des Himmels gesehen zu haben, sie quoll wie ein ungeheurer Strom aus der Erde, und zerstreuete ihre grünen Flammen in den Himmel.

Haber fragte, in welchem Silbenmaße er beten sollte, in Stanzen oder Sonnetten?

Godwi lächelte, und ich sagte, überlassen Sie mir das Gebet, mein Hunger wird mich ein kräftiges lehren, und wenn es mein Eifer nicht ungereimt macht, so soll es doch sicher reimlos seyn. Dann sprach ich:

Unter des lebenden
Grünenden Tempels
Flüsternde Hallen
Komme ich irrend.

Wie sich die Eiche
Himmelwärts thürmet,
Wie in dem Gipfel
Ruhet des Mächtigen
Jupiters Fuß.

Und in dem Herzen
Fühl ich die Nähe
Heiliger Wesen,
Die durch die Zweige
Zu dem Olympos
Wandeln empor.

Führt mich ihr friedlichen
Geister des Haines,
Die mich umschweben
Lachend und rufend,
Führt mich zurück.

Irrende, flüchtige,
Tönende Geister,
Die ihr mit schäkernden
Lispelnden Worten
Irr' mich geführt.

Hier wo in mondlichen
Nächten ihr rauschet,
Und um die wohnsame
Herrliche Eiche
Tanzend euch schwingt.

Wo ich im Thaue
Freudigen Grases
Von euren flüchtigen
Goldenen Sohlen
Ehre die Spur. –

Hört mich ihr freundlichen,
Die ihr verlorene
Götter gepfleget,
Die ihr die fliehende
Daphne umarmt.

Frohe, geheime,
Lindernde Geister,
Die in des Waldes
Rührigen Schauer
Weben den Trost.

Mächtige, lebende,
Stärkende Geister,
Die in der Stämme
Alter und Jugend
Bilden die Kraft.

Wenn ich je frevlend
Eure geheiligten
Stämme verletzet,
O! so verdorre
Welkend die Hand.

Nimmer auch hönt' ich
Echo die Jungfrau,
Die mit euch wohnet,
Theilt ihr vertraulich
Liebe und Schmerz.

Führet mich heimwärts!
Bin nur ein Wandrer,
Bin kein Unsterblicher,
Der mit ambrosischen
Bissen sich nährt.

Wisset mich hungert,
Führet mich heimwärts,
Daß ich dem Freunde
Von der Dryaden
Hülfreicher Güte
Bringe die Mähr'.

Während meinem Gebete hörten wir verwirrte Stimmen jenseits der Eiche.

Der betet, glaube ich, sagte eine Stimme, wer mag das wol seyn?

Ein Narr – erwiederte die andere.

Gott gebe, daß er ihn erhört, sagte die erste Stimme.

Daß wer ihn erhört? fragte die zweite.

Ei nun Gott –

Das ist ja dumm, Gott soll geben, daß Gott ihn erhört, es wäre wol besser, Gott erhörte ihn, damit er ihm gleich was gebe.

Flametta, Flametta, du spaltest die Worte wieder. –

Das Spalten macht mir vielen Spaß, wenn ich deinen Verstand dazwischen klemmen kann, und sollte ich es allein thun, um dich empfinden zu lassen, wie es den Thieren zu Muthe ist, die du lieber in Fallen fängst, als sie, wie ich, rechtlich todt zu schießen. Glaubst du mich auch so zu fangen? das lasse dir nur vergehen.

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