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Clemens Brentano: Godwi - Kapitel 42
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodwi
authorClemens Brentano
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-009394-5
titleGodwi
pages3-15
created19990905
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1801
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Drittes Kapitel.

Es giebt allerdings Leute, die so mit den Schattenbeinen zu gehen glauben, und große Beschreibungen von solchen Reisen zu erzählen wissen. Ich meine eine gewisse Gattung junger Philosophen, denen die Sonne noch nicht grade über dem Kopfe steht, sondern hinter dem Rücken.

Das Licht, das die Sonne vor ihnen hergießt, nennen sie ihr eignes Product, ihr ganzer Gesichtskreis ist ihnen ihr Object, und ihren Schatten nehmen sie als ihr Subject, ihr Ich an, das ihnen durch Anschauung zum Object geworden ist. Erst stehen sie sehr ernsthaft still, schütteln in tiefen Gedanken den Kopf, schneiden Gesichter, und betrachten das im Schatten, und nennen es zum Selbstbewußtseyn kommen; dann heben sie wechselweis Arme und Beine – so viel als möglich zierlich, der Aesthetik halber – und haben sie des im Schatten beobachtet, so sind sie zum Bewußtseyn der reinen Acte gekommen. Haben sie dieses Alles einige Zeit getrieben, so bedenken sie, daß es nützlich sey, die äußere Welt an sich zu reißen, ihre physische Kraft zu befestigen. Dies geschieht nun, indem sie ihren Gesichtskreis, ihr Object auf alle Weise in sich herein bringen, das heißt, indem sie durch Hin- und Wiederspringen, bald dieses, bald jenes Stück Wegs mit ihrem Schatten bedecken. Am Ende werden sie dann müde, sie setzen die Füße nieder, ihr Schatten wird immer kleiner, denn die Sonne steigt, und steht ihnen bald grade über dem Kopfe. Es ist voller Mittag, und sehr heiß, sie haben nichts gethan, nicht einmal Optik studirt. Um sich abzuspannen, trinken sie eiskaltes Wasser in der Hitze, und werden krank, das heißt, verlieren die Bewußtlosigkeit ihrer Organisation, und sterben. An ihr Grab stellen sich einige Freunde, und berühren es so lange mit ihrem Schatten, oder vielmehr, stellen so lang reine Freundschaftsacte an, bis andre Freunde es ihnen eben so machen.

Ich erinnerte mich dabey mehrerer Jünglinge, die ich gekannt hatte, auch eines Dichters, der zwar nicht zu den Schattenbeinichten gehörte, aber doch gute Freunde unter ihnen hatte, und mir nicht recht gut war, denn ich haßte stets allen Schatten-Bombast.

Während diesen wunderlichen Gedanken war ich weiter hinab gegangen, und erschrack nicht wenig, als ich plötzlich neben mir an der Bergwand folgende Worte ängstlich sprechen hörte:

Nun kömmt es, nun kömmt es, ach es ist sicher ein wildes Thier, wenn ich nur erst geschossen hätte, – ein Thier, ein Thier!

Ich war von jeher auch nicht sehr muthig, besonders fürchtete ich mich vor Feuergewehr in ungeschickten Händen, und sprang deswegen schnell bey Seite, indem ich mit furchtsamem Pathos ausrief:

Wer Sie auch sind, der sich hier zu schießen fürchtet, so fürchte ich mich, geschossen zu werden, und bin kein Thier, sondern ein Mensch. –

Hierdurch hatte ich meine und seine Furcht vor dem Schießen aufgehoben, und ging nach der Stelle hin. Hinter dem Gebüsche fand ich eine kleine Nische in den Felsen eingehauen, und wer war darin? –

Niemand anders, als der Dichter Haber, dessen ich so eben bey den Schattenphilosophen gedacht hatte –

Er sah mich so groß an, als er klein war, und sprach dabey mit Verwunderung: Ei, Maria, wo kommen Sie her?

Ei, Haber, wie finde ich Sie hier, erwiederte ich, Sie hätten mich ja beynahe todt geschossen –

Er. ich bitte sehr, – ehe ich schieße, spreche ich immer das Wesen an, damit es, wenn es ein vernünftiger Mensch ist, antworten kann.

Ich. Sie können auf diese Weise immer noch die Tauben und Stummen todt schießen. Das Beste wäre das Ansehen.

Er. Ich bin von Herrn Godwi zur Jagd beredet worden, der gleich hier im Gebüsche auf dem Anstande steht. Eigentlich wollte ich bloß hier einige Verse machen, konnte aber über dem Geräusche, das Sie durch die dürren Blätter machten, meine Gedanken nicht sammeln, und noch etwas sehr seltsames störte mich; vor einigen Minuten, als ich anfing zu schreiben, flog mir einigemal ein ungeheurer Schatten über das Papier, gestaltet wie ein ungeheurer Fuß.

Ich. Der große Fuß ist etwas wunderbar, besonders da Sie grade mit den Füßen der Verse beschäftigt waren, und eben so sehr wundert es mich, daß ich in dem Augenblicke, in dem Sie mich beynahe erschossen hätten, sehr lebhaft an Sie dachte.

Er. Gott weiß, es ist hier in dem ganzen Thale sehr schauerlich, und Ihre Gesellschaft ist mir recht angenehm.

Hier wendete ich mich gegen die kleine Flinte, die er zwischen den Ast eines Baumes gezwängt hatte, und noch immer auf mich zielte, um sie wegzunehmen. Er hatte vermittelst seines Strumpfbandes und Schnupftuches, die an einander, und den Drücker der Flinte geknüpft waren, sich eine künstliche Maschine verfertigt, um bey dem Schusse weit vom Feuer zu seyn; ich nahm die Flinte weg, und schoß sie in die Luft, worüber er etwas erschrack.

Auf den Schuß kam Godwi herbey, er glaubte, Haber habe etwas geschossen, und wollte ihm Glück wünschen.

Haber erzählte den ganzen Hergang, Godwi lächelte, und fragte, wer ich sey. Der Dichter stellte mich vor, und ich bat ihn um die Erlaubniß, Violettens Denkmahl zu sehen.

Er ward etwas ernster bey meiner Bitte, und sagte mir, nachdem er mich mit den Augen gemessen hatte:

Sie können es sehen, aber nicht eher als Morgen früh, denn es ist Niemand zu Hause, wir sind alle auf der Jagd. Harren Sie also, bis wir heute Abend heim ziehen, Sie können die Nacht bey mir zubringen. Bedürfen Sie irgend einer Erquickung, so lassen Sie sie sich im Jägerhause reichen, und wenn Sie gerne schießen, so lassen Sie sich eine Flinte geben.

Ich dankte ihm, und nahm alles gerne an.

Hier wendete er sich zu Haber, bat diesen, mich hinab ins Jägerhaus zu führen und verließ uns. Haber hängte seine Flinte mit einem lustigen Stolze, und etwas lächerlichen Vorsicht um, da sie abgeschossen war, und trabte stillschweigend an meiner Seite tiefer ins Thal hinab.

Dies war also der Godwi, von dem ich so viel geschrieben habe – es ist eine eigne Aufklärung, wenn so plötzlich die Wirklichkeit vor das Ideal tritt.

Ich hatte mir ihn ganz anders vorgestellt.

Ich fürchtete mich etwas vor ihm, denn es gehört eine große Seelenruhe dazu, einen Autor vor sich zu sehen, der einen so unschenirt herausgiebt, und die Menschen noch im Wahne läßt, als habe er alles das erfunden. Gut, daß er nichts davon zu wissen schien, und da mein Buch erst einige Wochen in der Welt war, hoffte ich, der Dichter Haber werde auch nichts davon wissen, ich wendete mich daher mit der Frage an ihn –

Sind Sie schon lange hier?

Sechs Wochen sind es, erwiederte er, daß ich Herrn Godwi hier im Walde fand, und auf eben die Weise mit ihm bekannt ward, wie Sie. Ich arbeitete grade auf meiner Reise an einem allegorischen Gedichte, und machte, um dem Dinge mehr Leben zu geben, einen Spaziergang hierher, wo ich ihn jagend traf, mit ihm ging, und bis jetzt bey ihm blieb.

Ich bat ihn, mir Godwi etwas zu schildern.

Es ist ein ganz eignes Wesen um diesen Mann, fuhr er fort, Sie werden schwerlich mit ihm auskommen, denn er ist sehr einfach, ruhig und verschlossen; innerlich muß er einen großen Kummer haben, und ich fühle mich sehr von ihm angezogen. Er ist ein schöner, kräftiger Mann, voll Seele, ganz zur süßesten Freundschaft gemacht. Ueber seine ganze Erscheinung ist ein tiefer Strom von reiner Wollust ergossen, und dennoch hat er gar keinen Sinn für innige, dringende, brennende Freundschaft. Er lebt hier in einer ganz eignen Einsamkeit, und fühlt gar kein Bedürfniß des Umschlingens mit andern Menschen; ich werde daher nicht lange mehr hier seyn, denn in einem so trocknen lieblosen Leben halte ich es nicht mehr lange aus.

Nach Ihrer Beschreibung zu urtheilen, fuhr ich fort, werde ich mich besser zu Herrn Godwi schicken, als Sie; denn wenn er keinen Sinn für die verliebte Freundschaft hat, so ist mir das recht lieb, ich mag sie auch nicht recht leiden. Der Liebe bin ich gern so nahe als möglich, denn in ihr liegt Nothwendigkeit, man muß sich in ihr wechselweise recht innig beistehen, sonst kömmt nimmer nichts heraus, der eine oder der andere Theil wird krank, vor Hunger und Durst nach dem andern, und es giebt eine elende erbärmliche Ziererei, der die Sentimentalität zu einer lindernden Salbe werden muß.

Das nüchterne Lieben ist nur ein Cursus, in dem sich das Wesen der beiden, vor beider Augen entwickelt, damit sie sich erkennen, und einsehen, ob sie sich einander zutrauen können, das körperliche und geistige Daseyn ihrer selbst freudig aus einander zu entwickeln, zu verwickeln, und einem Dritten, ihrem Kinde, zu vertrauen, damit ein lebendiges Product, des bloßen Liebens und Lebens, des reinsten, süßesten Geheimnisses unschuldige Verkündigung hervor gehe, mit denselben Rechten, als sie.

So wird jedes Paares Liebe unendlich, ein Werk der Ewigkeit, und ein Heiligthum aller Erkenntniß. Die allgemeine Liebesziererei ist übrigens das Geschäft eines Complimenteurs, wie es Philander von Sittewald übersetzt, eines compli menteur, eines vollkommnen Lügners.

Die verliebte Freundschaft aber ist nichts anders, als entweder erbärmliche, süßliche Schwäche, völlige Unmännlichkeit des einen Theils, oder Täuschung. Ich bin versichert, daß der Freund, der mir lange in den Armen liegt, entweder ohnmächtig, sterbenskrank, verwundet, und dergleichen ist, oder mich gar nicht meint, sondern irgend ein hübsches Mädchen, oder eine heimliche, unerreichliche Geliebte, in deren Armen er gern so rechtlich, so ungestört, und frei liegen möchte.

Wenn ich es daher ja dulde, daß mein Freund so etwas thue, so thue ich es aus Mitleid, ich laß ihn an sein Mädchen denken, und denke wo möglich auch an irgend eine.

Das Wesen der eigentlichen Freundschaft wird hierdurch gestört, denn es besteht nicht in Auswechslung, in Vermischung und Durchdringung, es besteht in bloßer Geselligkeit.

Hier unterbrach mit Haber, – bloße Geselligkeit ist nach meinen Gefühlen noch lange keine Freundschaft, ich kenne sehr gesellige Menschen, die keiner eigentlichen warmen Freundschaft, die so recht aus der Seele kömmt, fähig sind, die den Drang, sich an Freundesbrust zu schließen, Herz an Herz, Aug an Aug, Lippe an Lippe, Pulsschlag, Blick, Hauch und Wort zu theilen, nicht in sich haben, – oder gar eine Art von Handschuh über den ganzen frierenden guten Freund werden mögen, fuhr ich lächelnd fort, ich zum Beyspiel kann schon keines Menschen Freund werden, der mit seinem Herzen, seinen Augen, seinem Hauche, nicht für sich allein fertig werden kann; seine Worte, auf die mache ich Anspruch, aber am meisten auf seinen Geist, und seine Wahrheit. –

Freundschaft ist allein durch die verschiedenen Stufen der Bildung entstanden, die in einem ewigen Krieg mit einander stehen, und ist daher nichts als stillschweigendes Bündniß durch gleiches Bedürfniß.

Aber, versetzte Herr Haber, die reinste Freundschaft dringt über alle Stufen hinab und hinauf, sie ist frei, und kein Vorurtheil des Standes kann sie hemmen, sie schließt sich bloß an den geliebten Menschen, an das bloße Nackte ohne alle Bekleidung von Sitte, Stand, und anderm dergleichen Unsinn.

Was Herr Haber sagte, langweilte mich, dennoch wollte ich es der Freundschaft nicht entgelten lassen, da ich hier unter den hohen Eichen so recht gestimmt war, ihr eine Rede zu halten.

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