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Clemens Brentano: Godwi - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodwi
authorClemens Brentano
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-009394-5
titleGodwi
pages3-15
created19990905
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1801
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Zweites Kapitel.

Der Morgen dämmerte kaum, als ich meinen Weg antrat; meine wenigen Geräthe hatte ich im Gasthofe zurückgelassen, und mir vorgenommen, ehe ich mich Godwi als seinen unberufenen Geschichtschreiber zu erkennen gäbe, ihn unter einem andern Vorwande zu berühren, um seinen guten Willen zu gewinnen. Ich wollte mich für einen reisenden Künstler ausgeben, der Violettens Grabmahl sehen wolle.

Ich ging unter diesen Gedanken den Berg hinauf, und hatte auch wirklich eine große Begierde, Violettens Grab zu sehen, denn der Gedanke des Bildes konnte unstreitig sehr schön ausgeführt seyn, und ich liebe besonders bedeutungsvolle Werke, die zugleich schön sind, wenn sie auch nichts als sich selbst bedeuteten. Durch die Bedeutung erhält ein gutes Bild immer ein höheres Leben, denn es liegt so eine Geschichte in seiner Erscheinung, indem es, um schön zu seyn, seine Bedeutung besiegt.

Als ich auf dem Berge angelangt war, ergoß sich eine herrliche Aussicht um mich, die Sonne ging schön auf, und es war mir sehr wohl. Ein schöner Wald drängte sich von der entgegengesetzten Seite, und rauschte freudig mit seinen Zweigen des Friedens in der frischen Morgenluft.

Ich fühle in einem Walde, bey den großen lebendigen Säulen der kühlen zusammenrauschenden Gewölbe immer eine tiefe Berührung im Innern.

Friede, Versöhnung, freudigen Ernst, und schaffende Ruhe könnte ich nur singen in Wäldern, bey den allmächtigen Stämmen, die nicht streitbar sind, in der Ruhe freudig verwachsen, sich umarmen, und ausweichen, still und ernst, leises Wehen ihrer Küsse, und leichtes Sinken sterbender Blätter. Fest auf sich Selbst, und aus sich selbst, im Sturme mächtiges Brausen, kräftige schwingende Bewegung, oder großer stürzender Tod, daß die Erde erbebt, und die nahen Freunde mit hinab müssen zu der Ruhe; und wenn die Sonne aufsteigt, und weg geht, wie die Gipfel sie golden begrüßen, und es niedersteigt an den Stämmen leise und feierlich, wie einer des andern Licht theilt, und Dunkel, wie jeder seinen Schatten dann an den Boden streckt, das Maaß seiner Größe, das endlich in allgemeiner Herrlichkeit zerrinnt, wenn der Mittag herabstralt, und ihre Häupter in Pracht und Leben verglühen, während die Füße noch im kühlen Grabe der Schatten weilen, wie dann die Schatten wieder auferstehen, wenn die Sonne untergeht; wie endlich der letzte Kuß der Sonne noch an den Wipfeln hängt, bis alle gleich werden in der tiefen Nacht, wie sie es in der Pracht des Mittags waren, oder der sanfte Mond nach denselben Gesetzen den milden Tag der Liebe, und des innern stillen Treibens im Herzen über sie ausgießt. Friede, Versöhnung, freudigen Ernst, und schaffende Ruhe möchte ich nur singen in Wäldern.

An dem Ausgange des Waldes, der das ganze Thal erfüllte, und auf der andern Seite wieder in die Höhe zog, wo er sich endigte, bemerkte ich einen hohen Rauchfang, auf dem ein Storch sein Nest erbaut hatte, und vermuthete, daß dieses Gebäude zu dem Landgute gehöre. Der Storch war noch nicht wieder da, denn er hat eine weitere Reise zu machen, als der Frühling.

Die Seite des Bergs, an der ich hinabstieg, war meistens Felsenwand, und hin und wieder mit reinlichen steinernen Treppen unterbrochen. Es zog sich so freundlich hinab, um und um rauschte der Wald, die Sonnenstralen fielen schräg das Thal herein, und mein Schatten hüpfte und ging mir gesellig in allerlei gebrochenen Gestalten zur Seite. Ich war recht munter, blieb manchmal stehn, wenn mir mein Schatten gar zu wunderlich aussah, bewegte mich auf verschiedene Weisen, um ihn zu verändern, und freute mich über meine langen großen Schattenbeine; dann dachte ich, wenn du nur so auf den Schattenbeinen hinunter gehen könntest, und hob einen Fuß auf, beynahe zwanzig Stufen wäre ich unten; da ich aber nicht lange den Fuß so halten konnte, setzte ich ihn wieder nieder, und war auf dem alten Flecke.

Ueber dem engen Thale voll Wald stieg ein zarter Nebel auf, und löste sich um mich herum in den Sonnenstralen, die höchsten Bäume schimmerten schon in der Sonne, und bald war der ganze Wald unter mir erleuchtet; auch wurden die Vögel immer lustiger, und ich wünschte nur, auf der andern Seite bald wieder oben zu seyn, damit ich bald an dem Schlosse wäre; denn ich vermuthete, da unten in der Wildniß möchte irgend eine allerliebste Anlage, ein Tempelchen, oder dergleichen stecken, in das ich mich hineinsetzen, ausruhen, und weiter gar nicht ans Weitergehen denken könnte. Ich vermuthete so etwas, weil ich weiß, daß die Engländer immer viele Anlagen zu solchen Anlagen haben, und weil ich durch mein munteres, unregelmäßiges Gehen und besonders durch meine Schattenspiele etwas müde geworden war.

Ich schritt darum wacker zu, der Rauchfang mit dem Storchneste war mir wie ein Magnet: es liegt etwas heimliches, getreues und heimathliches in so einem Storchneste; denn ein gastfreies Dach bedeckt gastfreie Menschen. So reflectirte ich, denn ich war hungrig, und um mir diese Reflexion zu bemänteln, machte ich geschwinde noch folgende über das Schreiten auf Schattenbeinen, und hob, um der Anschauung willen, die Beine noch einigemal, den Schritt des Schattens beobachtend.

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