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Clemens Brentano: Godwi - Kapitel 40
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodwi
authorClemens Brentano
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-009394-5
titleGodwi
pages3-15
created19990905
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1801
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Erstes Kapitel.

Als ich in der Stadt nahe bey Godwis Gut angekommen war, erkundigte ich mich im Gasthofe auf eine unbefangene Weise nach Godwi, und hörte mancherlei von den Bürgern, die mit an dem Abendessen Theil nahmen, was ihn betraf. Sie erzählten mit jener gemüthlichen Geschwätzigkeit, in der sich gewöhnliche Menschen so gern über jeden Ausgezeichneten ergießen, der in ihrer Mitte lebt, oder lebte. Ein jeder hatte eine eigne Ansicht von ihm, ich meine hier den Vater, denn von dem Sohne erfuhr ich nichts bestimmtes, als daß er ganz allein auf seinem Gute lebte. Ich habe das Bestimmteste dieser Urtheile gesammelt, und kann mit einiger Gewißheit folgendes von seiner Erscheinung erzählen.

Godwi's Vater ging mit wenigen um, und wenige liebten ihn; dennoch lagen in seinem Leben viele schöne Beweise seiner Menschenliebe, aber keines dieser Bilder zeigte freundlich auf den Meister zurück, keines seiner Werke wollte ihn als Vater anerkennen. Alle Urtheile über ihn waren dunkel, und man sprach immer von ihm, wie von einem Gespenste, das keinen kränkt, abwechselnd mit Ergebenheit, mit kaltem Absprechen oder einer Art Frechheit, die am Glauben ermüdet ist.

Dieses Alles berechtigt mich, ihn für einen Mann zu halten, der seine Umgebung nicht sowohl durch Vorzüge, als durch Verschlossenheit beherrschte. Er lag wie ein Geheimniß zwischen Neugierigen, und alles, was er that, erhöhte dieses Geheimniß; denn seine Handlungen waren oft wirklich bedeutend, und wurden auffallend, indem sie aus Innern Gründen auszugehen schienen, die mit seinem bürgerlichen Standpuncte in keiner Verbindung standen.

Er war in die Stadt gekommen, hatte sich das Bürgerrecht erkauft, und ein größeres Handlungshaus errichtet, als je in diesem Orte gewesen war; aber keiner seines Standes konnte Nachricht geben, woher er kam, warum er es that, und wie die Wege gewesen, die ihn so schnell zu allem diesem geführt hatten.

Man wußte nur, daß er Abends angekommen war, und im Wochenblatte gelesen hatte, daß ein großes Gut bey der Stadt zu verkaufen sey, welches er auch gleich den folgenden Morgen kaufte. Dann war er einigemal auf die Börse gekommen, hatte große Händel abgeschlossen, und ein Comptoir in der Stadt errichtet. Er selbst arbeitete wenig in diesen Geschäften, sondern überließ sie seinen Factoren, die er sehr begünstigte; und besonders zeichnete er einen jungen Menschen unter ihnen aus, der ihm als elternlos aus England geschickt worden war; und endlich zog er sich ganz auf sein Gut zurück.

Von diesem Gute selbst erzählte man vielerlei, von seiner ganz eignen innern Einrichtung; doch kannte es eigentlich niemand genau, seit er es bewohnte, denn die wenigen Diener, die er um sich hatte, waren für jede Erklärung verloren. Er hatte seinen Sohn dort bey sich, der, nach der Aussage der vielen Erzieher, die ihn verlassen hatten, ein wunderlicher Mensch seyn sollte.

Das Gut gehörte ehemals einem Menonitischen Edelmann, und die Pächter waren alle von dieser Glaubenslehre. Da der Besitzer gestorben war, fiel es der Regierung anheim, und von dieser kam es in Godwis Besitz.

Seine Gesellschaft auf diesem Gute war stets wechselnd, denn sie bestand aus durchreisenden Künstlern, die er einige Zeit beschäftigte, und die ihm stets betheuern mußten, was sie bey ihm gebildet hatten, zu verschweigen. Viele Mahler, Bildhauer und Dichter kannten seine Freigebigkeit, und hatten einige Zeit bey ihm zugebracht.

Ein Theil seiner Wohnung soll nach der allgemeinen Sage sogar seinem Sohne und allen seinen Hausgenossen verschlossen geblieben seyn, und hier war es, wo er die Arbeiten der Künstler, die bey ihm gewesen waren, aufbewahrte.

Ehemals war es eine kleine Kirche, der sich die verstorbenen Besitzer des Gutes zu den religiösen Versammlungen ihrer Glaubensbrüder bedient hatten; von außen war es auch Kirche geblieben, im Innern aber nach dem Plane des Engländers verändert worden.

Das Wohnhaus des Gutes hatte er in seinem vernachlässigten Zustande gelassen, so nicht die Gärten, deren Verunstaltung er zu einer zierlichen Verwilderung erhob.

Der gesuchten Nachlässigkeit in der Erhaltung dieses Gutes war sein Haus in der Stadt völlig entgegen gesetzt, wie seine eigene finstre Unthätigkeit seinem kaufmännischen Wohlstande. Dieses Haus war das geschmackvollste und geräuschvollste; seine Zahlstube wimmelte von zierlichen Arbeitern, seine Gewölbe waren in voller Thätigkeit, die Treppen und Eingänge waren mit Bedienten und Thürstehern besetzt, und die Einrichtung der Gemächer schimmerte in dem gediegensten Luxus.

Seine Factoren gaben Gesellschaften, Gastereien, Konzerte und Bälle, an denen der ganze gebildete Theil der Stadt, und die vielen, an seine Handlung empfohlenen Reisenden Theil nahmen.

Er allein erschien nur das erstemal bey der Eröffnung eines solchen Zirkels, und bemühte sich dann mehr ernstlich, als theilnehmend, die ganze Gesellschaft zu einer fröhlichen Anmaßlichkeit auf diese Vergnügungen seines Hauses zu bewegen, und erschien gleich einem Lehnsherrn, der sie mit herkömmlichen Besitzen belehnt.

Das Gute, was er that, wagte er nicht sich anzumaßen; dennoch wendete er eben so wenig Fleiß darauf, es zu verbergen, als es bekannt zu machen, und niemand ehrte seine Wohlthaten, wenn gleich jeder Bedürftige sie wünschte. Seine Wohlthaten sahen aus wie Buße.

Wie er gekommen war, war er auch wieder verschwunden; schon einige Jahre waren hin, daß er mit einer Gesellschaft, deren Zusammenhang mit ihm man nicht näher kannte, plötzlich nach Italien gezogen war. Das Gut aber blieb dem Sohne, der es jetzt bewohnte, und von dem mancherlei Gerüchte gingen.

Besonders schwatzte man viel von einem prächtigen Grabmahle, das er einem Mädchen habe errichten lassen, welches nicht den besten Ruf habe, und mit ihm von seinen Reisen gekommen sey. Man sprach davon, daß sie verrückt geworden sey, und daß das Grabmahl darauf anspiele; sie habe Violette geheißen, und einige Offiziere, die den letzten Feldzug am Rheine mitgemacht hatten, wollten sie sehr gut gekannt haben.

Dem sey nun wie ihm wolle, aber alle stimmten darin überein, daß man nichts schöneres sehen könne als dieses Grabmahl, denn es war in der Stadt öffentlich gezeigt worden.

Dies waren ungefähr die Nachrichten, die ich Abends in dem Gasthofe sammelte, und in dieser Ordnung niederschrieb.

Ich entschloß mich, den andern Morgen vor Sonnenaufgang meinen Weg nach dem Gute anzutreten, das einige Stunden von der Stadt entfernt im Gebürge lag.

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