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Clemens Brentano: Godwi - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodwi
authorClemens Brentano
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-009394-5
titleGodwi
pages3-15
created19990905
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1801
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»Sie drohen ein Geheimniß heraus, das Sie heraus locken sollten. So will ich denn sprechen, um auch einmal großmüthig gewesen zu seyn. Ich war heute Nacht immer um Sie her und packte ein, und konnte nicht recht begreifen, wie Sie nun so auf einmal fortwollten. Sie wälzten sich im Bette und konnten nicht schlafen, und ich dachte, wohl eben deswegen, weil Sie reisen müßten. Heute Morgen überfiel Sie endlich der Schlummer, und Sie waren so freundlich dabey, daß ich mich mitfreute über den verliebten Traum, den Sie wohl haben mochten.«

»Du vergißt die Intressen; keine Bemerkung. Ja ich träumte.«

»Nu, Herr, ich träumte fast dasselbe, nur mit halb offnen Augen. Die Thüre geht leise auf, und, nun kömmt's, es kommt Milady auf den Fußspitzen hereingetrippelt, in der Hand hatte sie einen Brief, den steckte sie in Ihre Brieftasche, die auf dem Nachttische lag, und, ach! nun« –

Du kannst dir denken, lieber Römer, mit welcher Eile ich den Brief aus der Tasche zog. Welch sonderbare Adresse! »Ich beschwöre meinen lieben Godwi, diesen Brief nicht eher zu öffnen, als bis ich's ihm selbst erlaube!« Schwer, sehr schwer ward meinem Gehorsam der Sieg. Nur ihrem Befehle kann man bei dem Reitze, den sie selbst gegeben, gehorchen. Nun weiter!

»Nun schlief ich fest, bis alles vorbei war, dann wacht' ich auf, weil ich eben nicht dumm bin, und weil die Zeit zu kurz war, als daß die reifen Aepfel hätten von selbst fallen sollen, so fing ich an zu schütteln.«

»Laß dich weg aus der Geschichte, oder die Gedult geht mir aus. Was that sie, der Engel?«

»Nun ich habe keinen gesehen, und wollte bey Gott mit Milady zufrieden seyn, und alle Engel entbehren, denn sie machte mir sehr warm, als sie Sie so umarmte und küßte. Herr, wenn Sie gewacht hätten, hätten Sie ihn, den Kuß, so nicht gekriegt, das Glück kam Ihnen im Schlafe. Hier that ich, was ich vorhin das Schütteln nannte, das heißt, ich dachte, nun ist es Zeit zu wachen, und ein Lebenszeichen von sich zu geben. Ich gähnte und Milady seufzte, beyde sehr laut; ich streckte mich und Milady beugte sich über Sie hin; ich wischte mir den Schlaf und Milady sich eine Thräne aus den Augen. Ey, schon auf, gnäd'ge Frau? Gott! schweig' Er, Conrad! sie drückte mir ein Goldstück in die Hände, schweig' Er wenigstens bis sein Herr weg ist. Die Aepfel waren gefallen, und nun schlüpfte sie wie ein Lüftchen davon.«

»Nie mehr ein Wort hiervon. Das Geld wirst du dem Weibe wohl wieder geben müssen, und wenn du noch einmal schüttelst, so sollen dir Stockschläge fallen.«

Ich gab meinem Pferde die Sporen, und so schnell bin ich lange nicht geritten, außer mir flogen die Gegenstände wie Augenblicke vorbey, in mir drehten sich langsam die Begriffe, Coquetterie, Betrug, Liebe, geheimnisvoller Brief. – Ach glückliche Stunde, wenn ich ihn erbrechen darf, wann wirst du erscheinen, war der einzige Zusammenhang, dessen ich mich erinnere, und ich jagte, als könnte ich die Stunde im Raume ereilen. – Ganz verschiedene Dinge treten sich in den Weg – ein Fluß, der durch den Regen so angeschwollen war, daß wir nicht durchreiten konnten, hob meine ganze Liebesqual einstweilen auf; ich ritt also links einen andern Weg, und meine Sorge schien mir wie die Straße durch den Fluß zerschnitten, und blieb rechts liegen. Reite ich nicht in die Welt, lebe ich nicht in der Welt? Soll ich etwa am Flusse harren, bis die letzte Welle vorüber eilt, und soll ich etwa auf die Stunde passen, bis sie der Strom der Zeit vorüber wälzt? Ueber unerklärbare Dinge will ich mich nicht quälen. Ich und mein Leichtsinn wurden stark genug, die ganze Geschichte einem Ausschusse, wie die Herren zu Paris, zu übergeben. Der Ausschuß bist du. – Lieber Freund sage deine Meynung.

Der Fluß zwang uns nach einem Dorfe, das an einem Berg lag, zu reiten. Ueber dem Dorfe lag ein altes gothisches Schloß, das bewohnt zu seyn schien, und ich träumte gar nicht mehr, weil mich die Hoffnung, bald unter ein Dach zu kommen, von aller Empfindsamkeit heilte.

Wir waren kaum einige Minuten weiter geritten, als wir einen Trupp Jäger aus dem Walde, der an der Seite der Landstraße lag, hervorspringen sahen, die eben so sehr als wir eilten. Die Hauptperson war ein etwas bejahrter Mann, er hatte einen grünen Tressenrock, ähnlichen Jagdhut und Haarbeutel an. Er ritt immer mit einer gewissen Grandezza in kurzem Galopp an der Spitze, und wenn einer mit ihm sprechen wollte, mußte er auf die Seite reiten, nach welcher der gnäd'ge Herr seinen Kopf drehte. Hinter ihm ritt noch ein Grünrock, der dem alten im verjüngten Maaßstabe alles nachmachte, er schien mir der Herr Sohn zu seyn, ein derber gesunder Landjunker mit ungeheuren Stiefeln, einem preußischen Zopfe und Tressenhut; den Zug beschlossen mehrere reitende Jäger und eine Kuppel Hunde. Die Herren ritten schnell, und wir ritten schnell, und waren kurz hinter einander, als aus der Tasche der Hauptperson eine Brieftasche fiel. Ich rief, allein das Geplätscher des häufig herabfallenden Regens und das Geräusch der Reitenden machten es ihm unhörbar. Mein Pursche hob die Brieftasche auf, und da wir mit unsern müden Pferden den Besitzer nicht mehr einholen konnten, und uns eine Schenke am Wege ein Obdach anbot, so warteten wir den Sturm ab. Der Wirth sagte mir, daß der Jäger der Besitzer des nahe liegenden Schlosses und Dorfes sey. Ich eilte nun die Brieftasche zu überbringen und zugleich um Herberge für eine Nacht zu bitten.

Es war Abend, der Himmel hatte sich erheitert, und die Natur um uns her athmete mit vollen Zügen die Ruhe, die alles Leben nach einem heftigen Sturme so leise und liebend umweht. Auch dein Freund war ruhig, dachte an dich, wie dir diese Stunde auch Ruhe giebt, nach deinen vielen Arbeiten des Tages, und war in der Erinnerung froh bey dir.

Unsere müden Rosse arbeiteten sich mit Mühe den steilen Burgweg hinan; ein offnes Thor empfing uns, ein halb Dutzend hungrige Hofhunde blekten uns die Zähne, und der Herr Castellan, Cammerdiener, Minister der auswärtigen Geschäfte und Thorschließer brachte diese Störer meiner Gefühle von der Ruhe in der großen Natur zur Ruhe, indem er sein Phlegma und seine thönernen Pfeifen ihnen zuwarf. Nachdem er ein bischen geflucht hatte, und mit den Füßen auf der Erde herum gestampft, kam er auf einmal in die dritte Position, und sprach: »Herr Jost Freyherr von Eichenwehen, und Herr Jost, Stammherr von Eichenwehen, zu welchen Sie vermuthlich hinzugelassen zu werden wünschten, sind so eben wieder weggeritten, weil seine Excellenz, der Herr Freyherr, seine Brieftasche verloren, die das ganze Glück der Hochadelichen Familie, seiner Excellenz Stammbaum, enthält, seine Excellenz« – Die Brieftasche habe ich gefunden, schicken Sie Herrn von Eichenwehen nach, bringen Sie die Pferde in den Stall, und zeigen Sie mir eine Stube, in der ich mich ein bischen umkleiden kann. Das Umkleiden mußte der Herr Castellan nicht für nöthig halten. Er führte mich etliche Wendeltreppen hinauf – unmuthig und träge tappte ich seinen schwerfälligen Fußtritten nach – ach! so dreht sich die Wendeltreppe meiner Laune aus dem traulichen Wollustdüstern Boudoir meines Herzens hinauf zu dem wüsten todten Leben in meinem Kopfe, dachte ich, und kaum hatte ich es gedacht, so entstand eine sonderbare Generation in mir. Ich sah mich im Durchschnitt wie den Riß eines Gebäudes, in meinem Kopfe war ein großer Redoutensaal, aber alles war vorbey, den letzten Ton des Kehraus sah ich dicht bei der Orchesterbühne meiner Ohren mit sterbendem verschossenen Gewande gähnend zur Thüre hinausschleichen. Eine Menge meiner jugendlichen Plane standen verstört und mißmuthig da, der Tanz war vorbei, sie hatten die Masken in den Händen, weinten aus den trüben erhitzten Augen Abspannungsthränen, und guckten sich an, und gebehrdeten sich, wie Phöbe, Diane und Proserpina in Wielands Göttergesprächen, sie konnten nicht glauben, daß sie alle dieselben seyen. Unten in meinem Herzen, da war das düstere Cabinet, Molly stand da wie eine Zauberin, sie kam von dem Maskenballe herab, meine Zufriedenheit saß bey ihr, sie suchten ihre krausen Gewänder aus einander zu wickeln, die sich auf der Wendeltreppe verwickelt hatten, und zeigten beide ziemlich unziemliche Blößen. Gut, daß vor die Fenster Gardinen aus rosenrothen Träumen gewebt, gezogen waren, und der Luxus der Sinnlichkeit in dicken wohlriechenden Rauchwolken den kleinen Raum mit Nebel erfüllt hatte, man konnte sich nicht recht erkennen. Ja räuchert nur, dachte ich, Göthe sagt doch, der Herr vom Hause weiß wohl, wo es stinkt. Nun ward es ganz dunkel, das letzte Lichtstümpfchen auf dem Kronleuchter im Ballsaale war erloschen, es schimmerte kein Fünkchen mehr die Treppe herunter. – Nun, nun Herr Baron, wo bleiben Sie denn, donnerte mich eine Stimme von oben herunter an, ich war aus der Wendeltreppe des Schlosses auf die meiner Laune gerathen, und hatte vergessen, auf der ersten weiter zu gehen, nun schlich ich vorwärts. Die breite schöne Treppe in Molly's Landhaus, wo führte die mich hin, ach! in das Amphitheater ihrer Arme, das schöne Schauspiel ihres Geistes in ihren Augen zu sehen, und diese verdammte Wendeltreppe, wo führt sie mich wohl hin? Ich brauche Sie nicht zu melden, sagte der Castellan, als wir an eine kleine gothische Thüre kamen, das Fräulein hält nicht viel davon. Das Wort Fräulein lasse ich mir nicht zweymal sagen. Schnell tröstete ich mich, daß ein Fräulein, welche dem Unangemeldeten verzeiht, wohl auch dem im Reisehabit durch die Finger sieht. Ich klopfe; herein! Ein niedliches Mädchen von achtzehn Jahren hüpft mir entgegen, sie entschuldigt die Abwesenheit ihres Vaters, ich meinen Anzug. Sie setzt sich in den Erker, ich mich ihr gegenüber, auf kleine steinerne Bänke, die in der Mauer angebracht waren.

Sie. Wollen Sie Licht, es ist schon Abend.

Ich. Es ist nicht Abend in uns, wenn es Abend außer uns ist.

S. Was meynen Sie damit – doch Ihr Name?

I. Godwi.

S. Godwi? Dieß ist ein schöner Name, ach! das ist ein schönerer Name als Eichenwehen, ich möchte wohl auch so heißen. Doch ich will Licht holen.

I. Nein, Fräulein, lassen Sie es, es wäre eine Sünde gegen die Natur, und die Stunde, die ich bey dem Untergang der Sonne mit Ihnen durchleben kann.

S. Nun so lassen Sie uns denn so sitzen bleiben.

I. Und uns unserer Freunde erinnern, die vielleicht jetzt eben so glücklich sind, als ich und Sie – Sie verzeihen, ich meyne nur durch diese schöne Naturscene. Sie haben doch auch Freunde?

S. O ja, aber doch nicht viele – Otilien, Sophien, und – nein, das sind sie alle. – Es ist mir recht lieb, daß Sie kein Licht wollen, denn Sie hätten mir sonst meine Lieblingsstunde verdorben. Sehn Sie, so sitze ich alle Abende hier, und sehe wie ein Nönnchen in der Klause nach der untergehenden Sonne, manchmal werde ich ganz traurig, da drüben, wo Sie sitzen, da saß sonst meine gute Mutter, die war so freundlich, und wir spannen dann immer in die Wette, jetzt bin ich immer allein, und wenn die Langeweile, ach! die Langeweile – der Vater ist gut, aber er ist immer auf der Jagd, und Jost, mein Bruder – nu der ist gar nicht freundlich. Doch Sie werden bald sehen, daß hier nur ein Jäger froh seyn kann – Doch was plaudere ich – verzeihen Sie, Ihre Ankunft hat mich so überrascht, daß ich ganz verwirrt spreche.

I. Nein, gnädiges Fräulein, Sie sprechen nicht verwirrt. Sie sprechen eine schöne seltene Sprache, die Sprache der Wahrheit, der Unschuld und der Natur. Ich habe lange keinen Menschen, am wenigsten ein Weib so sprechen hören, und zwar in einer Minute, wo fast alles heuchelt, in der Minute des ersten Zusammentreffens.

S. Es ist sonderbar – in einer andern Stunde würde ich nicht so gesprochen haben – aber hier darf ich nicht mit Fremden sitzen, und nicht in dieser Stunde, daß ich nicht so sprechen sollte, denn hier habe ich immer alles gesagt, was ich fühlte, hier hörte mir immer die Mutter zu. – Wir waren aufgestanden, ich hatte ihre Hand gefaßt, Joduno weinte ihrer Mutter eine stille Thräne, sie sah in die letzten Strahlen der sinkenden Sonne, wie wir dem fliegenden Gewande eines scheidenden Freundes, der nun unserm Nachsehen verschwindet, mit nassem Blicke folgen, und drückte mir dennoch die Hand, wie einem Freunde beym Wiedersehn. Mein Herz, Römer, war verloren. Die Sonne ging unter, und Herr von Eichenwehen, Vater und Sohn, kamen herauf. Joduno machte geschwind Licht, wir setzten uns in eine ehrerbietige Entfernung, indeß unsere Blicke und unsere Herzen ganz dicht beisammen steckten, so dicht, daß sie seufzten. Alles dieses geschah ohne die mindeste Verabredung, wir verstanden uns, und obschon es dich wundern mag, so wunderte es mich doch nicht. Unser Zusammentreffen war ein Wiederfinden. Die Sonne war unter, und als der Vater mich bewillkommte, und der Sohn mit offnem Munde vor mir stand, waren wir schon so vertraut, daß ich mit ihr lachte, schäkerte oder seufzte, wenn der Vater den Rücken wandte. Man dankte mir beim Abendessen für meinen Fund, und bat mich mit vielen Worten, einige Tage zu bleiben; ich entschuldigte mich mit vielen Worten, daß ich morgen wieder reisen müßte. Joduno sah mich an, und ich sprach, recht gerne will ich bleiben, wenn ich Ihnen nicht beschwerlich falle. Von dem Tischgespräche weiß ich nichts mehr, als daß ich mehr von meinen Ahnen erzählte, als wahr ist, daß mir der Herr Sohn nochmals für meinen Fund danken sollte, aber schon schlief, und daß sich meine Schuhspitzen mit den Fußspitzen Jodunos unterhielten.

Joduno war etwas früher vorn Tische aufgestanden als ich, sie kam wieder. Leuchte den Herrn Baron in seine Stube, Joduno – Sonderbare Sitte – Unbefangen und ohne ein Wort zu sagen, geht sie vor mir her, eine große ungeheure Thüre eröffnet sich, das Licht steht auf dem Tische, eine süße freundliche Stimme sagt, gute Nacht! – das übrige weißt du. Ich hatte bey Tische gesagt, daß ich noch schreiben wollte, Joduno hatte einstweilen alles dazu auf den Tisch gelegt, selbst den Stuhl hingerückt. Neben das Papier hatte sie die schöne Rose hingelegt – hat sie den Tisch wohl auch vor ihr Bild hingerückt?

Ach die Wendeltreppe führte mich doch auch zu einer schönen Aussicht. Molly deine Worte: gekrönte Liebe gehört nur dem Manne, haben einen sonderbaren Doppelsinn für mich erhalten, seit ich den Hirschkopf gegen mir über habe – das Bild der lieben Joduno sieht mich so freundlich an, daß ich jetzt fast schon vor der Dunkelheit erschrecke, wenn ich das Licht auslöschen werde. Gute Nacht, ich steige ins ungeheure Riesenbette, in dem vielleicht alle Herrn von Eichenwehen, und wohl auch die liebe Joduno gebohren sind, um heute Abend zu sterben, und morgen früh wieder neu gebohren zu seyn. Dein

Godwi.

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