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Clemens Brentano: Godwi - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodwi
authorClemens Brentano
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-009394-5
titleGodwi
pages3-15
created19990905
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1801
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Vorrede.

Wo will es am Ende hinaus! Die Begebenheit steht zuletzt wie ein schwankendes Gerüste da, das die Behandlung nicht mehr ertragen kann, und jagt den Lesern Todesangst für sich und sein Intresse ein. Das traurigste aber bleibt es doch immer, wenn dem Buche der Kopf zu schwer wird, durch Gold, oder mehr noch durch Blei. Werden beide Arten nicht Hollundermännchen? die sich auf den Kopf stellen, und ist dieses nicht äußerst gefährlich? wenn zarte weibliche Figuren darin leben sollen.

Ich habe leider diese Briefe mit dem meinigen vermischt, und hoffte einige Entschuldigung, wenn ich erzähle, wie ich zu diesen Briefen gekommen bin.

Einen Theil meines Lebens brachte ich damit zu, mich zu besinnen, als was ich eigentlich mein Leben zubringen sollte, einen andern damit, da mich die Theorie langweilte, und meinen Vorgesetzten Faulheit schien, alle Stände wie die Röcke einer Trödelbude anzuprobiren, und ich stack wahrlich recht unschuldig mit einem von den besten Willen in allen Arten von Propyläen, aber eben so willig, eben so unschuldig verließ ich sie wieder nach der Reihe.

So kam ich endlich in meinen vielen nicht ausgehaltenen Lehrjahren zu Herrn Römer, den die Leser aus meinem Buche kennen, er ist ein reicher Kaufmann in B., und ich sollte mich seinem Stande widmen. Ich ward in seiner Familie freundlich aufgenommen, seine Gemahlin kannte meine Eltern, die ich nicht kenne, und nahm sich meiner wie eine Mutter an. Ich habe ein leicht bewegliches Gemüth, und Herr Römer hatte eine sehr schöne Tochter, in die ich mich etwas verliebte. Obschon mein Herz an einer früheren Leidenschaft litt, die ich nie zur Ruhe bringen konnte, so ergab ich mich hier dennoch neuen und leichtern Fesseln.

Herr Römer bemerkte bald, daß diese Leidenschaft, weder mir noch seiner Tochter, zuträglich sey, und überhaupt fand er, daß der Stand, den ich unter seiner Leitung ergriffen hatte, mich nie ergreifen würde.

Er stellte mir beides mit vieler Freundlichkeit vor, und da er meinen Schmerz über meine ewige Unbestimmtheit bemerkte, gab er mir ein Päcktchen Briefe mit folgenden Worten:

Mein lieber Maria, dies ist ein Briefwechsel zwischen sehr edlen und intressanten Menschen, er enthält auch einen Theil meiner Lebensgeschichte; lesen Sie ihn durch, ich glaube, die Geschichte dieser Menschen wird Sie über Ihre, im Verhältnisse mit jener noch sehr einfache, Geschichte trösten. Zu gleicher Zeit bitte ich Sie den Versuch zu machen, diese Briefe nach dem Faden, den ich Ihnen geben will, zu reihen, und hie und da zu ändern, damit mehr Einheit hinein kömmt. Ich denke das Ganze herauszugeben, und habe die Erlaubniß der vorkommenden Personen dazu. Und weiter eröffnete er mir, daß er von unbekannter Hand reichliche Anweisungen erhalten habe, mich zu unterstützen, und zwar unter der Bedingung, daß ich auf der nahe liegenden hohen Schule studieren solle.

So sehr mich auch mein Glück erfreute, war es mir doch schmerzlich meine Leidenschaft zu der Tochter des Herrn Römers aufzugeben, und da ich diesen Schmerz recht von Herzen äußerte, sagte er mir: –

Wenn Sie sich mehr bilden, werden Sie leicht einsehen, was zwischen Ihnen und meiner Tochter liegt, und es leichter überwinden können.

Wie ich mit den Briefen umging, weiß man, wie ich mich bildete, wird die Zukunft vielleicht auch wissen, denn bis jetzt habe ich noch nichts gesehen, was zwischen mir und meiner Liebe liegen konnte.

Herr Römer erhielt den ersten Band, und über meine ungeschickte Behandlung aufgebracht, versagte er mir seine Tochter auf immer, und noch trauriger – er zeigte mir an, daß ich, durch meine unbeholfne Buchverderberei, einer spanischen und englischen Büchersammlung sey verlustig geworden, die mir von einem anonymen Intressenten an der Herausgabe des Buchs sey versprochen gewesen, wenn ich es gut bearbeiten würde.

Unmuthig über mein Unglück, und ohne alle Quellen zu der weitern Fortsetzung des Buchs, zu der ich mich doch durch den ersten Band verbindlich fühlte, – unternahm ich es, Herrn Godwi, von dem ich wußte, daß er sich auf seinem Gute aufhielt, aufzusuchen, wo möglich seine Freundschaft zu gewinnen, und meinen zweiten Theil mit seiner Hülfe auszuschreiben, und der zweite Theil ist die treue Geschichte, wie ich ihn fand, und was mir mit ihm begegnete.

Der Leser wird hieraus sehen, wie mühsam mir dieser zweite Theil wird, und mit mir bedauren, daß Herr Römer mir eigentlich nicht mehr und nicht weniger genützt hat, als daß er mich in neue Lehrjahre hineingestoßen. – Denn zu der gütigen Unterstützung, die mir von unbekannten Händen zufließt, ist er doch nur das kaufmännische Werkzeug – und was wird endlich mein Loos seyn? Ich habe mich auf einem schwachen Bote auf das unabsehbare Meer gewagt, und treibe den Wellen überlassen hin. O ihr wenigen Herzen, die ihr liebevoll an mir hängt, ihr seht mich ohne Mast und Steuer auf gutes Glück hinaustreiben, und ich werde euch nimmer danken können, schon regen sich die Lüfte von allen Seiten, die Wellen bewegen sich, und ich werde in meinem kleinen Kahne wohl zu Grunde gehen!

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