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Clemens Brentano: Godwi - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodwi
authorClemens Brentano
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-009394-5
titleGodwi
pages3-15
created19990905
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1801
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Zweiter Teil

An B.

unabhängige Dedikazion.

Es ist unstreitig ein reiner Enthusiasmus in mir, denn jeder heller froher Anklang von außen öffnet alle Schleusen meiner Seele, das Leben dringt dann von allen Seiten wohlthuend in raschen Strömen auf mich ein, und meine Aeußerung ergießt sich ihm in gleicher Freude. Ich fühle dann keinen Druck, keine Gewalt, weder eine Erniedrigung, noch eine Ueberlegenheit. Ach! in solchen Momenten habe ich nur eine Reflexion, sie ist Segen, den ich über mein Daseyn ausspreche, und ich fühle dann Egmonts Gebet durch alle meine Adern strömen, ich lebe dann die Worte:

So ist es mir, wenn sich ein frohes Gemüth, dem die ausübende Kunst das Höchste zur lebendigen Kraft, zum bewußtlosen Innewohnen geschaffen hat, rein und mit klopfenden warmen Pulsen um mich bewegt, und in leichten Spielen ohne Studium ein Leben vor mir entfaltet, dem das Abstrakte durch eine glückliche Beugung der Formen zum lebendigen Elemente ward. Die Minuten, in denen ich mich in ihr verloren fühle, unter den Stralen seiner gesunden Freude leichter athme, die Minuten, in denen ich vergesse, daß seine Schönheit auch der Mühe errungenes Kind ist, sind die einzigen, die ich vertraulich mit dem Leben umgehe, und nicht ein unwillkührlicher Kummer auf meiner Seele liegt. Ich verzweifle dann nicht an meiner Fähigkeit, die großen Werke der Künstler erschüttern mich nicht, und in meiner Brust ist hell und deutlich geschrieben: dahin magst du auch noch gelangen, die Werke der großen Meister erscheinen mir dann wie ferne Städte, nach denen sich mein wanderndes Leben hinsehnt, und die ich in warmen Frühlingstragen wohl auch noch erreichen möge.

Wenn dein holdes Bild vor mich tritt, meine Liebe, so ist mir, als harrtest du meiner dort, als wohntest du in jenen glänzenden Städten, sie wären deine Heimath, du sehntest dich nicht heraus: wie eine schöne wunderbare Blume bewachte dich der Genius der heiligen Fremde und verehrte dich in geheimnißreichem Gottesdienste.

Als hohe in sich selbst verwandte Mächte
In heilger Ordnung bildend sich gereiht,
Entzündete im wechslenden Geschlechte
Die Liebe lebende Beweglichkeit,
Und ward im Beten tiefgeheimer Nächte,
Dem Menschen jene Fremde eingeweiht,
Ein stilles Heimweh ist mit dir geboren,
Hast du gleich früh den Wanderstab verloren.

Die Töne zieh'n dich hin, in sanften Wellen,
Rauscht leis ihr Strom in Ufern von Kristall,
Sirenen buhlen mit der Fahrt Gesellen,
Aus Bergestiefen grüßt sie das Metall,
Der Donner betet, ihre Segel schwellen,
Aus Ferne ruft der ernste Wiederhall;
Die Wimpeln weh'n in bunten Melodien,
O wolltest du mit in die Fremde ziehen.

Die Farben spannen Netze aus, und winken
Dir mit des Aufgangs lebenstrunknem Blick,
In ihren Stralen Brüderschaft zu trinken.
Am Berge weilen sie, und sehn zurück –
Willst du nicht auch zur Heimath niedersinken?
Denn von den Sternen dämmert dein Geschick,
Die fremde Heimath, spricht es, zu ergründen,
Sollst du des Lichtes Söhnen dich verbunden.

Und magst du leicht das Vaterland erringen,
Hast du der Felsen hartes Herz besiegt,
Der Marmor wird in süßem Schmerz erklingen,
Der todt und stumm in deinem Wege liegt:
Wenn deine Arme glühend ihn umschlingen,
Daß er sich deinem Bilde liebend schmiegt;
Dann führt dich gern zu jenen fremden Landen,
Dein Gott, du selbst, aus ihm und dir erstanden.

Dich schreckt so stiller Gang, so schwer Bemühen,
Du sehnest dich in alle Liebe hin,
Des Marmors kalte Lippe will nicht glühen,
Die Farbe spottet deiner Hände Sinn,
Die Töne singen Liebe dir und fliehen,
Gewinnst du nicht, so werde selbst Gewinn,
Entwickle dich in Form, und Licht, und Tönen,
So wird der Heimath Bürgerkranz dich krönen.

O freier Geist, du unerfaßlich Leben,
Gesang der Farbe, Formen-Harmonie,
Gestalt des Tons, du hell lebendig Weben,
In Nacht und Tod, in Stummheit Melodie,
In meines Busens Saiten tonlos Beben,
Ersteh' in meiner Seele Poesie:
Laß mich in ihrer Göttin Wort sie grüßen,
Daß sich der Heimath Thore mir erschließen.

Ein guter Bürger will ich Freiheit singen,
Der Liebe Freiheit, die in Fremde rang,
Will in der Schönheit Gränzen Kränze schlingen,
Um meinen Ruf, des Lebens tiefsten Klang,
Mir eignen, ihn mit Lied und Lieb erringen,
Bis brautlich ganz in Wonne mein Gesang,
Gelöst in Lust und Schmerz das Widerstreben,
Und eigner Schöpfung Leben niederschweben.

Du sollst dies Buch nicht lesen, denn ich liebe dich, und was ich in dir liebe, ist dieses Buches Unwerth, und der Werth des Lebens, die Poesie – daß ich hier zu dir spreche, ist meines Herzens innrer Drang, du hast mich gefangen, und bist mir die höchste Lehre. O ich möchte dichten wie du da stehst, wie du wandelst und blickst, ich möchte denken, wie du gedacht bist, und bilden, wie du geschaffen bist.

Wie freundlich würde dann mein Werk mir in die Augen sehn, wie würdig sich dem Gedanken des Gebildeten in seiner Unschuld gesellen, denn Würde ist Unschuld der freien Hoheit, wie würde ich mein innres Leben gleich der Mutter meines Werkes verehren, und es rein erhalten von dem Uebermuthe einzelner Kräfte, die roh und gewaltig wie ewiger Sturm die schöne Thätigkeit der Ruhe in mir vernichten. Ich würde mich selbst schätzen, um des Schatzes willen, der in dem Menschen und der Natur verborgen liegt, aus dem ich glänzende Edelsteine zu Tage gefördert, sie geschliffen, und zu künstlichen Geschmeiden, meiner Liebe, meines Lebens, aller Liebe, und alles Lebens gebildet hätte.

Dir würde ich den herrlichen Schmuck anlegen, und du wärest eins mit diesem Schmucke. In deinem Auge und dem Diamant bricht sich der leuchtende Stral, aber mein Diamant würde blicken wie dein Aug, mein Werk würde schweben, wie dein Gang, wie deine Lippe würde es singen, den Sinn würde es hinabziehen, wie die Woge deines Busens, es würde umfassen wie dein Arm, und lieben wie dein Kuß, rein wäre mein Werk, groß, von sich selbst durchdrungen, und vom ganzen Leben thätig begränzt, wie die Seele des Menschen.

Ich fühle tief in meinem Herzen, wie die Jünglinge jetzt da stehen, da sich die Zeiten trennen, und die Philosophie mit der Reflexion alle Töpfe des Prometheus zerschlägt, traurig sehn sie ihr kindisches Bilden zertrümmert, und vergehen in weinerlichem Enthusiasmus. Gerne möchten sie das Feuer vom Himmel stehlen, und fürchten, daß der schreckliche Gott sie an den Felsen schmiede, des Geiers ewige Nahrung. –

O ihr hängt schon an dem Felsen, unbeweglich seht ihr den Wechsel des Tages, und des Jahres: weder der leichte Flug des Vogels über eurem Haupte, noch das Rauschen des Stroms, der des Himmels Spiegel zu euern Füßen wälzt, löst eures Todes Band. Ihr vermögt nicht die Blume des Thales zu ergreifen, denn eure Hand erreicht kaum den blühenden Dorn neben eurem Lager. Ihr blicket nieder in das Getümmel der Schlacht mit Sehnsucht nach gekrönter That, und die Trommeten des Kampfes zerreißen euch das Herz. Ihr blicket nieder in die Gebüsche, wo Hirten in Liebe spielen, und die Flöte des Hirten zerreißt euer Herz.

Hoch seyd ihr erhaben über die Aussicht, aber ihr seyd an den Felsen geschmiedet, die Welt habt ihr erschaffen, die euch erschaffen sollte, und sie zielet mit Pfeilen des Todes auf euch, der Geier der Reflexion zernagt euer ewig wiederkehrendes Herz.

Wohl mir, meine Liebe, daß ich keiner von diesen bin, daß ich noch lieben kann, und fühlen im Ganzen, ein volles Leben mit vollem Herzen umarmen, und daß jedes einzelne getrennt vom schönen Körper, und zergliedert, mich wie todt zurückschreckt. – Erschafft mich die Welt, oder ich sie? – die Frage sey die älteste und verliere sich in die dunklen Zeiten meines Lebens, wo keine Liebe war, und die Kunst von dem Bedürfnisse hervorgerufen ward. – Du bist meine Welt, und du sollst mich erschaffen, o bewege dich, öffne mir die Augen, oder sieh nach deinen Lieblingen den Blumen. –

 
Hiazynth.

        Wende die hellen,
Heiligen Augen
Zu deiner Liebe,
Daß ich erkenne,
Wie mir das Schicksal
Leben und Liebe
Gütig vertheilt.

Schone nicht meiner,
Wende dich zu mir,
Daß ich im Strale
Liebend erblinde,
Nicht mehr betrachte,
Wie sich das thörichte
Leben bewegt.

Scheint dann die Sonne,
Duftet der Frühling,
Wehet die Kühle,
O so erfind' ich
Heimlich im Herzen
Glühende Rosen,
Blüthen und Blätter,
Dir zu dem Kranz.

Wie sie der Frühling,
Den du entzündet,
Freundlich mir bietet,
Wie sie mir färbet,
Glänzend, bescheiden,
Glühend, und hoffend
Die Phantasie,
Wie sie mir ordnet,
Festliche Andacht.

Keiner mag wissen,
Was ich im Herzen
Dir nur bewahre,
Keiner verstehen,
Was ich den glühenden
Rosen, den Blüthen,
Was ich den kühlenden
Blättern vertraut.

Keiner begleite
Führend den Blinden,
Einsam, und ruhend
Will ich verweilen,
Wo du die Augen
Liebend mir schlossest,
Wo du das Leben
Mir in dem Busen
Liebend erschlossest.

Still wie die Blumen
Einsam nur leben,
Freundlichen Kindern
Liebe Gesellen,
Zärtlicher Mädchen
Holde Vertraute,
Und des Vergehens
Schönste Bedeutung
Will ich vergehn.

Schone nicht meiner,
Wende dich von mir,
Daß ich im Dunkel
Berge die Thränen,
Daß ich umschattet
Betend erwarte
Wie mir geschehe!

Wer mir erglänzet,
Erblühet das Leben,
Blumen eröffnen
Die duftenden Augen.
Glühende Rosen,
Blüthen und Blätter
Zeigst du mir freundlich
Von mir gewandt.

Alle sie pfleg' ich,
Verwandle
Und bild' ich
Dichtend die eine
Der andren in Liebe
Gattend und webe
Aus deinen Lieblingen
Zart dir ein Lied.

Und in dem Liede
Werde ich singen,
Wie sich die Göttin
Von mir gewendet,
Wie ich im Dunkeln
Einsam nun stehe,
Wie sie nur glühenden
Rosen, nur Blüthen,
Wie sie nur kühlenden
Blättern vertraut.

Werde dir singen,
Wie du mit Liebe
Unter den Blumen
Deinen Getreuen
Einst noch erblickest
Und mit den hellen,
Stralenden Augen
Auf ihm verweilst.

Zephirus liebt mich:
Als mit den Blumen
Scherzend er spielte,
Hat er mich kindisch,
Scherzend geküsset,
Weil ich so emsig
Blumen verwebte
In deinen Kranz.

Aber Apollo,
Der wohl die muthigen,
Singenden, ringenden,
Freundlichen Knaben
Liebend umarmet,
Spielt auch mit mir,
Lehrt mich die Pfeile
Schießen, den Diskus
Werfen zum Ziel.

Zephirus eifert,
Daß ich dem ernsten,
Herrlichen Gotte
Mich nur geselle,
Und in den Blumen
Nicht mehr ihn küsse,
Nicht mehr des Lebens
Freuden hinwehe,
Daß sie erwogen
Ein lustiges Meer.

Und mit Apollo
Werf' ich den Diskus,
Und in dem Herzen
Fühl' ich dich näher,
Fühle mit süßen
Ahnenden Schmerzen,
Wie ich dir nah. –

Sieh wie schon kreiset
Höher der Diskus.
Zephirus eifert,
Wirft mir die Scheibe
Tödtlich umnachtend
Auf die erhobene,
Blickende Stirn.

Und in dem Busen
Brechen die Saiten,
Die mir Apollo
Liebend verliehen,
Nieder am Boden
Lieg' ich erkaltet,
Und mir zur Seite
Trauert der Gott.

Will mich dem ernsten,
Finsteren Tode
Nicht überlassen,
Wandelt mich liebend
Zur Hyazinthe;
Zephirus küßt mich,
Nun mit den Andern.

Unter den Blumen,
Die du nur liebest,
Weile ich stille –
Trink' mit den glühenden
Rosen, den Blüthen
Und mit den kühlenden
Blättern dein Licht.

Wende die hellen,
Heiligen Augen
Zu deiner Liebe,
Daß ich erkenne,
Wie mir das Schicksal
Leben und Liebe
Gütig vertheilt.

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