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Clemens Brentano: Godwi - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodwi
authorClemens Brentano
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-009394-5
titleGodwi
pages3-15
created19990905
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1801
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Römer an Godwi.

Ich schreibe dir heute das Resultat der gestrigen Consultation.

Es fand sich gleich, daß die möglichen Gesandten nach Eichenwehen nur zwei seyen, entweder der Zudeutliche, oder der Undeutliche.

Der erste war leichter zu haben, als zu wollen, und der zweite war leichter zu wollen, als zu haben.

Man zieht ihn zur Seite, man lobt ihn, man schmeichelt ihm, man verspricht ihm, seine feinen Hemden aufs zierlichste zu sticken, alle Hände erbieten sich, ihm eine elegante Satteldecke für sein Pferd zu machen, alle Finger wollen ihm Stiefelstrümpfe aus englischer Baumwolle stricken, man nennt ihn das schönste, edelste, geschmackvollste Mitglied der Familie – wenn er Joduno holen will.

Er nimmt alles an, um nicht stolz zu scheinen, er geht, um für das Angenommene nicht verbindlich zu seyn, und wahrlich, wer ihn kennt, wie ich, wird gerne gestehen, daß es ihm sehr uninteressant seyn muß, ein Mädchen, das er nicht kennt, wie er glaubt, aus dem Hühnerhof ihres Lebens in den Aelstern- und Pfauenhof seiner Familie einzuführen, und eigentlich geht er frank und frei aus Liebe und Gefälligkeit, und die Kälte, welche diese zwei Motive verhüllt, ist durch die mißverstandnen Pflichten seines Standes in ihn gekommen.

So eben steigt er beklatscht in den Wagen, Grüße und Kußhändchen von allen Seiten. – Bald werde ich nun deine Joduno sehen und beurtheilen.

Ich will dir heute Abend schreiben, ob ich mich geärgert habe über die zwei außerordentlichen Mitglieder, wenn ich aus dem Kabinette der Brünette komme.

Guten Abend! Noch konnte ich mich nicht ärgern, kann also den zwei Leutchen nicht Gerechtigkeit wiederfahren lassen. Das Gespräch war heute zu allgemein, und ich zu geneckt, als daß ich die zwei Menschen, die gegenwärtig, so obenhin und durch und durch hätte betrachten können.

Die ganze Gesellschaft war beschäftigt, sich über einige Charmants riens, die Titus, Karakallas, Charles douze, Gustav Adolph, Iglou, Vergettes, Terroristes, Incroyables und Merveilleux Köpfe zu zermartern – Das sind lauter Arten von Verstand, Denkungsarten, die in verschiednen Gattungen von unordentlichen Frisuren bestehen, und oft kömmt man in der Gesellschaft durch unwilliges Wühlen in den Haaren in eine ähnliche Verstandeslage.

Damit man nun nicht merkt, daß ich am öftersten in diese Verlegenheit komme, und damit mein Verstand dann nicht so parvenü drein sieht, habe ich mir heute einen Haarkräusler bestellt, der mir die eklatanteste Frisur machen soll, damit ich weiß, zu welcher Art von Verstand ich mich mit der größten Anlage bekennen soll. – Da ist er; gleich, wenn ich gescheidter bin, sollst du die große Begebenheit hören.

Ich. Wie heißen Sie?

– Christ – ich soll Ihnen die Haare schneiden. –

Ich. Christ? – schneiden Sie nur keinen Mönchskopf – höchstens etwas aus dem dreißigjährigen Krieg – etwa einen Gustav Adolph –

Es klopft an der Thüre – herein – ein zweiter Haarkräusler; der Bediente hat zwei bestellt. –

Wie heißen Sie?

– Heidenblut (mit einem wilden Blick auf Christ), und komme, Ihnen den Kopf aufzuräumen.

O wehe! da haben wir's, es wird einen Religionskrieg geben. Nun werden Sie einen Karakalla aus mir schneiden wollen –

Christ. Ihr Kopf hat alle Anlage zu einem Gustav Adolph –

Heidenblut. Ihr Kopf hat alle Anlage zu einem Karakalla –

Ich. Was wird das nun? Ich schwanke von einem zum andern. –

Christ. Herr Heidenblut wird Sie unchristlich raufen.

Heidenblut. Herr Christ, ich weiß, daß Sie immer mein Blut, mein Leben, mein Unglück verlangen; Sie nehmen mir alle Kunden.

Christ. Nein, wenn ich Ihr Blut verlangte, müßte ich Sie selbst verlangen, und ich brauche Sie gar nicht.

Heidenblut. Er wird Sie ganz gegen die Aufklärung schneiden; er wird Ihnen eine fromme Frisur schneiden.

Ich. Nun, so will ich ungläubig geschnitten werden. Herr Christ, wickeln Sie mich auf, brennen Sie mich, und Sie, Herr Heidenblut, schneiden mir dann die Haare.

Beide. Ja – ja, Ihre Haare haben alle Direktion zu einem tres incroyable.

Ach, wie warm wird mir um die Ohren; Herr Christ, nur keinen Märtyrer, nur keinen Märtyrer – so – ich sehe drollicht aus mit den papiernen Locken – nun schneiden Sie, Herr Heidenblut. Meine langen Haare fallen mir Bündelweise vom Kopfe – schneiden Sie nur nicht alles weg. –

Er. Um die Ohren muß alles weg – damit sie besser wachsen können.

O wehe! die Ohren sollen wachsen –

Er. Nein, die Haare. –

Ich fühlte eine sonderbare Kühlung über dem ganzen Gehirne, es ward mir viel leichter zu Muthe; so zugestutzt kam ich in das Kabinett, wo man mich mit großem Erstaunen aufnahm. Die Brünette führte mich im Zirkel herum, die Blonde hielt mir einen Spiegel vor, und alles begann mich zu necken. –

Morgen fahre ich fort zu erzählen, und dann wird Joduno ankommen und eine große Lücke in der Korrespondenz entstehen. Dein

Römer.

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