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Clemens Brentano: Godwi - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodwi
authorClemens Brentano
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-009394-5
titleGodwi
pages3-15
created19990905
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1801
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Römer an Godwi.

Tröste dich, mein Lieber, du wirst nicht in die Verlegenheit kommen, das Herz eines treuen, zarten Mädchens zu kränken.

Joduno von Eichenwehen wird nicht zu Tilien kommen. Sie kömmt hierher zu der Brünette, zu Sophien. Es hat mich ihr Brief, den ich lesen durfte, weil man nicht weiß, daß ich dich und sie durch dich kenne, tief gerührt.

Das arme Mädchen, ja sie liebt dich, und schwankt in ihrem Briefe schüchtern hin und her, ob sie zu ihrer Freundin oder dir soll; am Ende besiegt sie die schwere Wahl, und will scheinen, nur ihre Freundin geneckt zu haben mit dem Nichtkommen.

Ihr Entscheiden, hierher zu kommen, hat mich erfreut für dich, und mir ist es wunderbar bang darum geworden, ihr Brief schon hat mich seltsam berührt.

Es ist seltsam, wie mir das Schicksal deine verlassenen Schmetterlingshüllen in den Weg führt.

Vielleicht werde ich bey ihr die Engländerin vergessen, wie du, die Engländerin vergessen, die mich oft zum Träumer macht. Sie übt eine wunderbare geheime Gewalt über mich aus, die mich drückt, und von der ich mich um keinen Preis loskaufen möchte. Ich fürchte mich daher vor Joduno.

Du weißt, daß ich mit meiner planen, ehrbaren Erziehung, in meinem äußerst verständlichen Kaufmannsstande, gar nichts Geheimnißvolles habe, als daß ich nicht weiß, wessen Kind ich bin, und daß ich nichts verberge, als den Einkaufspreis. Nun quält mich das Mystische in der Engländerin Betragen unendlich, die sich wie ein unbekannter thätiger Genius in unsre beiderseitige Existenz hineingefunden hat.

Das Wunderbarste ist, daß sie zu uns beiden eine Art von Liebe hinzog, und sie plötzlich abbrach, als habe sie nur so lange geliebt, bis sie ein Zeichen in uns erkannte, daß sie es nicht darf. Doch ich hoffe auf den Brief, den du von ihr erhieltst, er muß alles erklären. Verliere ihn nur nicht, mache um Gottes willen keinen Papierdrachen für Eusebio, noch einen Haarwickel für jemand anders draus. –

Joduno also kömmt hierher – und wie das?

Die Brünette war mit ihr in einem Kloster, wo sie mit einander erzogen wurden, sie ist ihre innige Freundin, und dies verspricht viel für Joduno.

Denn wer dieses Mädchens Freundin ist, mag wohl die Achtung der Welt verdienen; aber wenige sind es ganz, das heißt, wenige können ihr geben, was ihr fehlt – Sie selbst – und nur der kann es, der ihr Freund nicht so ist, wie es alle diese sind, die sie nur lieben, weil sie so viel giebt; nur der kann es, der wie ein Spiegel vor sie tritt, der nur alles nimmt, um es ihr zu geben.

Ihr Leben war bestimmt, zum Himmel, zu der Kunst, zur unendlichen Liebe hinzuströmen, aber sie ward aufgefangen zum Strome, sie ward von dürftigen Ufern eingefaßt, und ergoß sich aus Mitleid freundlich rauschend, nährend und spiegelnd durch das arme Leben andrer; viele ganz taugliche, schiffbare Flüsse, einige fischreiche Bächlein, und viele Waldströme und wilde Schneegewässer rannen gierig in sie hinein, um sich vergrößert und auf der Landcharte in ihr geehrt zu fühlen. Schweigend nimmt sie alle auf, die sich ihre Freunde nennen, und führt sie weiter; durch diesen Zufluß ist sie aufgehalten zu vergehen, sie muß langsam die trüben Wellen abwärts wälzen, und ihre Freunde merken es nicht, daß sie sie aufreiben – über ihr steht die Sonne und saugt sie gierig hinauf, schon an der Quelle dort strahlt sie dankend der Sonne Bild zurück, und sie wird wohl bald versiegt seyn, und im Gedanken leben, wenn das zusammengeflossene Gewässer ihrer Freunde den Strom allein ausmacht, den man Sophie nennt. – Sie ward umfaßt, und sollte alles gelinde umfassen, und wenn ich sie ansehe, ist mir als sey sie nur noch die Form ihres Lebens, und zerbricht diese, so werden die, die sie so fest zusammenpackten, mit den Köpfen zusammenstoßen, und weinen, daß sie nun auf ihren eignen Füßen stehen müssen.

Weil ich doch dabei bin, so will ich über die Brünette in einer Fabel weissagen. –

Eine kraftvolle, herrliche Eiche wächst in der Mitte von vielen andern gewöhnlichen Bäumen. Die Menschen kommen und wollen sich Hütten bauen, sie hauen die gewöhnlichen Bäume nieder, und keiner möchte gern die Eiche verlieren, so bauen sie denn rund um die Eiche schlechte, baufällige Hütten. Die Eiche, die sich durch inneres Leben weit und mächtig ausbreitet, wußte gar nichts von den Hütten und wächst ruhig fort, die Menschen aber glauben, es wäre recht schön, wenn sie die herumstrebenden Aeste der Eiche in ihre Häuser hinein vorbauten, damit sie doch in ihrem todten Holze einen grünen Zweig hätten, und so muß nun die arme Eiche in dunkle Stuben, feuchte Gewölbe etc. hineinwachsen – sie vertrauen leise, ohne es zu wissen, sie folgt dem angewiesnen Wege. Ihre Krone nur spielt noch in der freien Luft, die einzelnen Aeste verdorren, und die Menschen bauen immer näher heran, sie lehnen Ueberhänge und Altanen auf die Zweige. Da wächst sie unter dem herrlichen Lobe, o die gute, herrliche Eiche, gegen alles ihr Streben, endlich, drängt sich gewaltsam ihre Kraft empor, sie strebt mit allem ihrem Leben zwischen den engen Hütten hinauf, die Sonne blickt auf sie, sie blüht heftig im Winter, treibt Frucht und Blüthe und Saamen mit Gewalt neben einander in die Höhe; dieß ist die einzige Minute ihres eignen Lebens, und die letzte. Alles bricht an ihr herunter, alle die leichten Werke, auf sie gestützt, zertrümmern, und die Hütten senken sich traurig gegen die Mitte, wo sie war.

Lieber, ich habe nicht geglaubt, daß ich das schreiben würde, was ich schrieb, es hat ein Wort das andre gegeben, und nun, ach! nun ist mir wunderbar still zu Muthe, von der Straße steigt ein stöhnender, gebrochener Ton herauf, es ist ein armes Weib, das geistliche Lieder singt, um zu leben. Ihr Gesang hat mich erweckt, und es ist mir ein wehmüthiger Nachklang geblieben. Ich will ihr ein brennendes Papierchen mit Geld hinabwerfen. Ach! ist das der Stern, der sich deiner erbarmt, du armes Weib? – Es ist schrecklich, daß in der Bürgerschaft das Beten zum Betteln werden muß. Ach, wie ist es traurig, daß der Mensch aus Armuth singen muß, und daß alle Töne, die Seufzer und Klagen werden möchten, gezwungen werden, den Gang fröhlicher Töne und des Jauchzens anzunehmen, wodurch der rührende Anstrich solcher Lieder entstehst.

Das Weib hört plötzlich auf, ich lausche am Fenster, es ist ein Frauenzimmer aus dem Hause gewesen, die mit ihr sprach. Ich erkenne die Stimme nicht, und da ich doch gerne wissen mochte, wer es war, so gehe ich hinab, zu sehen, wer in der Versammlung der Uebrigen fehlt. Du sollst es gleich erfahren, lieber Godwi –

Es war die Brünette, sie tritt herein, und als ich ihr sage, weil ihr ein Geldbeutel aus der Hand fällt: sind Sie noch so spät wohlthätig? antwortete sie: ich bin noch so spät wohl thätig, und manchmal wohl noch später, denn ich thue wohl oft in der Nacht lesen, jetzt habe ich meine Kammerfrau bezahlt.

Verzeihe, Lieber, ich habe mich verirrt.

Man will nun debattieren, welcher der Brüder deine Freundin holen soll, und das wird im Bureau d'esprit geschehen. – Lebe wohl.

Römer.

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