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Clemens Brentano: Godwi - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodwi
authorClemens Brentano
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-009394-5
titleGodwi
pages3-15
created19990905
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1801
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Römer an Godwi.

Mein letzter Brief war ein wenig toll, lieber Godwi, aber ich kann es gar nicht anders einrichten, ich verliere mich so in das Wesen hier, daß ich fast Maaß und Ziel vergesse, und hätte ich nur Zeit, mich ein wenig mit einer einzigen von allen den Weibern zu beschäftigen, so würde mich vielleicht eine einzige fesseln, aber so bin ich immer in eine ganze Tapete mit eingewebet, alle Augenblick fliegt eine andre, wie ein Weberschiff an mir vorüber, und reißt mich hin, an ihrem Punkte mein Kolorit herzugeben; bald muß ich ein Stückchen Blume, bald einen Punkt im Auge, bald einen Funken, bald eine Perle vorstellen helfen.

Es wird dir, glaube ich, wohl thun, oben auf deinem Berge, wo du halb im Himmel steckst, solche Menschenbilder zu sehen, und du kannst Tilien meine Portraits vorlesen, die ohnedieß keine Weiber als Joduno und deine Molly kennt, und keine Männer, als dich und den Landjunker.

Es sind drei Söhne im Hause, die übrigen, zu denen der gehört, der einen Brief geschrieben hat, den du auch geschrieben haben könntest, sind in der Fremde.

Ich will dir die drei ein wenig eintheilen, in den Allzudeutlichen, den Deutlichen und den Undeutlichen.

Der Allzudeutliche.

Er ist der juristische Codex des Familienarchivs, und läßt in seinen Urtheilen das Ur und Ur Ur noch stark hören. Er steht wie eine Eule geneckt unter den vielen leichten Vögeln.

Er trägt die Jurisprudenz, wie Atlas die Welt auf seinem Nacken, und hat das Schöne und Wahre in das Chaos versinken lassen, als er diese Welt auf seinen Nacken packte.

Sein Kopf ist gedrückt, sein Leben gebückt, doch schlägt sein Herz edel und frey, denn da liegt ein liebevolles Naturrecht drinne, das dem Ballen positiven Rechts, in dem sein Kopf wie ein Türk im Turban (meine Türkin auszunehmen) bis über die Augen steckt, die Spitze bietet.

Uebrigens ist es ihm gar nicht türkisch zu Muthe, denn er liebt den Wein, wie jene die Weiber, das heißt öffentlich, und die Weiber, wie jene den Wein, das heißt heimlich.

Er ist ein sonderbares Wesen, ganz für sich und in sich, und selten in den andern, die er doch alle liebt, die ihm alle nichts geben, und denen er gerne giebt, wenn er hat. –

Jetzt komme ich an den

Deutlichen.

Ich wage ihn kaum zu beschreiben, vor ihm neigt sich die ganze Erscheinung, er ist die Wahrheit, die Güte, die Liebe, die ruhige Sorge, der Friede und der entsagende Fleiß, der von allen verstanden, geliebt und geachtet wird, in ihm und der Brünette, die ein inniges Bündniß mit ihm schloß, findet sich alles wieder, sie halten alles zusammen, sie durch Geist und Sinn, er durch Herz und That, und es ist wirklich viel, so viele zu vereinigen. Es ist ein Künstler in ihm verdorben, er hat viel Sinn für Gemälde und Zeichnung, und es ist rührend zu sehen, wie bey dem großen Mangel solcher Gegenstände um ihn sein Blick oft mit Aufmerksamkeit auf dem Basrelief seines Ofens, oder auf der Arabeske seiner Papiertapete verweht. Er hat unendlich viel Sinn für Poesie, und ist es nicht viel, wenn ein Mann von sechs und dreißig Jahren mit ungeheuren Geschäften und Familiensorgen beladen, über Tiecks Genoveva weinen kann, und wenn sein gutes Weib Tage nach der verflossenen Lektüre sagt: »Lieber, es ist kalt in der Stube;« daß er ihr antwortete: gute Frau, Genoveva hatte mit ihrem Bambino noch viel kälter im Walde, und jener schrie und war schon auf der Welt, deiner wärmt sich noch an deinem Herzen. Es ist mir nicht sowohl für seinen Kunstsinn, als für sein Herz bestimmend, daß unter so vielen gelesenen Gedichten gerade dieß einzige wunderheilige ihn so ergriff – ich schicke dir es hier, du sollst es mit Tilien lesen im Walde.

Der Deutliche ist ein Kaufmann, ich habe viel von ihm gelernt; ich ende so, daß ich sage, jeder sollte in seiner Art seyn, wie er, Liebe und Ernst zu dem Seinigen.

Sein Herz liegt seit kurzem an den tiefen, stillen Gründen des sanften, schlanken, weißen Bildes vor Anker – der kleine jaspisne Anker ist von ihm ausgeworfen worden, er hängt am Halse seines Weibes.

Jetzt wende ich mich zu dem

Undeutlichen.

Dieser Mensch ist in einzelnen Minuten eine wahre Erscheinung, doch kämpft meistens Mode und Genialität mit seiner Oberfläche. Außer diesen Minuten könnte man ihn für einen Dichter und nicht für einen Kaufmann halten.

Er ist selten unter uns, und wenn er es ist, so führt ihn Liebe und Gefälligkeit her; aber weil er ewig seines Ehrgeizes wegen sich muß gefangen halten, um seine Nichtanlage zu seinem Stande zu verbergen, so erscheint diese Liebe fast nie anders, als eine nothgedrungene Kälte, indem er die Zeit oder die Gewandheit nicht hat, nur das Einzelne zurückzuhalten.

Er ist durch diese ewig in ihm gespannte Feder verschlossen, ohne es zu wissen, und freundlich mit Aengstlichkeit.

Oft schweigt er Wochenlang, und bald ist er die Macht der Unterhaltung; die Weiber schätzen ihn, und wagen es nicht, ihn zu lieben, weil er sie liebt, und es nicht wagt, sie zu schätzen.

Alles außer seinen Gesichtspunkten nennt er Schwärmerei, und ihm sieht sie aus den Augen, denn sein Stand hält ihn nur gefangen, weil er in ihm aus Schwärmerei seine Freiheit hingegeben hat.

Ein innrer Kummer über alles das drückt sein Herz, und äußre Umstände, denen er huldigt, fesseln seinen Geist. Er ist ein trauriger Beweis, wie der Stand seinen Menschen verbildet, und der Mensch in seinem Stande unterjocht ist.

Aus einer freigebigen, schönen, edeln, freien, herrschsüchtigen Seele ist – ein Kaufmann geworden – ist das einzige, was ihn ganz charakterisirt.

Er bekümmert sich wenig um mich, weil er dadurch um sich selbst bekümmert werden könnte, und sucht nur Menschen, die ihn in seiner Sphäre erhalten können, die er als Bürger mit Ehre erfüllt, und es ist traurig zu sehen, wie er aus Ehrgeiz mit Menschen umgeht, die seiner nicht werth sind, die ihn, indem er sie nur als Mittel gebraucht, wieder als Mittel gebrauchen, freilich nicht zum Mittel einer edlen Entsagung, wozu er sie gebraucht, sondern zum Gegentheil. – Du würdest ihm ein Schrecken seyn. – Er schämt sich fast jeder Rührung aus dem mißverstandnen Worte: »sey ein Mann,« er, der zu nichts Anlage hat, als zu dem süßen Namen, in dem Schooße eines schönen, liebenden Weibes: »o du lieber, schöner Junge.« Er schämt sich fast jeder Rührung, und wenn er für sich allein in seiner Stube Guitarre spielt, so hebt ihn sein eigner Gesang eines einfachen Liedes in die Höhe, er wendet die Blicke phantastisch zum Himmel, und hebet den Kopf zärtlich, und schwärmt sich auf seiner runden, vollen Stimme, Gott weiß, in welche Umarmung eines andern höhern Lebens, einer Liebe, oder einer Kunst.

Er liebt seine Pflicht zu sehr, und seine gerechte Forderung zu wenig, und wird einstens sehr unglücklich seyn, wenn er nicht ein Weib bekommt, in deren Genuß, in deren Genialität, selbst das Band der Ehe lüftig, leicht und schön wird. –

Das wäre so ziemlich das Häufchen, das mich umzingelt, und schon so gefesselt hat, daß ich nicht weiß, wie ich wieder nach Hause kommen soll.

Außer allen diesen Menschen existiren noch zwey auswärtige Mitglieder des Bureau d'esprit, die sehr aktiv sind, und die ich gelegenheitlich schildern werde, wenn sie mich ein wenig geärgert haben, weil es schwer ist, sie gern zu schildern, wie sie sind, ohne daß man etwas böse auf sie sey.

Zu dieser Gelegenheit komme ich sicher leicht, denn ich darf den einen nur einmal recht betrachten und erkennen, und den andern einmal recht obenhin ansehen, so habe ich mich gewiß über beide geärgert.

Lebe wohl. Ist heute Abend keine Sitzung, so gehe ich ins Theater, die herrliche Sängerin zu hören. Der Undeutliche ist so von ihr entzückt, daß sie durch alle seine Vorurtheile über Schauspieler eine Lücke, eine Ausnahme gesungen hat. Ich gehe allein hin, um zu hören, ob sie besser, rührender singt, als die – Türkin in B. – Dein

Römer.

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