Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Clemens Brentano: Godwi - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodwi
authorClemens Brentano
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-009394-5
titleGodwi
pages3-15
created19990905
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1801
Schließen

Navigation:

Römer an Godwi.

Ich habe dir versprochen, die Leute zu malen, mit denen ich umgehe; ich will es, aber es ist schwer. Sie sind alle äußerst verschieden, haben alle einen einzigen auffallenden Zug von Aehnlichkeit, sind alle sehr originell, und doch alle abgeschliffen.

Ich möchte die Familie einem Bilde in Mosaik vergleichen, lauter verschiedne Steine, alle glatt auf einer Seite geschliffen, mit vielem Lapis Lazuli drinne, bringen ein kunstreiches, kuriöses, doch nicht ganz geschmackvolles Ganze heraus. –

Vor allem gehe mit mir zu den Weibern. Sie sprechen immer in Räthseln, du hast es nicht errathen, oder so künstlich errathen, daß du wieder ein Räthsel gemacht hast. Dich ein wenig brüstend, bringst du die Auflösung vor, mehrere fallen über den neuen Knoten her, die Brünette sieht dich dabei an, als wäre es deine Schuldigkeit, einem so geistreichen Mädchen die Sache ein wenig leichter zu machen; die Blonde löst und löst, und fällt darüber in eine italienische Arie, die sie auch sogleich am Claviere singt; die Brünette singt mit, und dein Räthsel? – du wendest dich gegen eine Ernste hin, die in einem Winkel sitzt und strickt, sie sieht dich mit einem strafenden Blicke an, als hätte sie einen unrechten Gedanken in deiner Seele gelesen. –

Du senkst aus höflichem Bewußtseyn deiner Schuld (die du eigentlich gar nicht kennst), deinen Blick von ihrem Auge herab, und verlierst dich in ihren gar nicht ernsten, sehr naiven Busen.

Du fühlst nun, daß der strafende, ernste Blick prophetisch und a priori war, auf ihrem sanften lächelnden Munde aber vergaßest du das Beste, es hing ein Ablaßzettel auf ihren Lippen, den solltest du mitnehmen, die Sünde am Busen hineinwickeln, und so das Fleisch am Fasttage verschlucken – Nun, wo ist dein Räthsel? Nun – unterstehe dich nicht, es wieder aufzuwärmen, das wäre ungezogen; und hast du nicht genug dafür erhalten?

So geht es hier mit allem, man fängt alles an, aber jedes Bild verliert sich in Schnörkel, und wahrlich, diese Weiber haben alle etwas vom Sirenenwesen, das sich in einen Fischschwanz auflöst.

Il faut dorer la pillule, sagt ein witziger Kopf von dem Goldnen Kopf, der das Schild des Hauses ist.

Jede Münze gilt hier, auf der ein Kopf steht, und heller (Kopf) ist hier so viel werth, als alle Pfennige des Römischen Reichs.

Unter allem diesem Leben und bunten Durcheinanderwühlen wandelt ein schlankes, sanftes, weißes Bild herum, dessen Geist richtig und ruhig, aber wenig sieht; dessen Herz wahr, tief, aber kalt fühlt. Sie erscheint unter den andern, und es ist, als sage sie: ich bin euch allen gut. –

Sie geht, und es ist, als sage sie: mit euch ist es nicht auszuhalten. –

Sie kömmt mit dem Herzen, ihr Geist, der richtig und ruhig sieht, sieht, daß man es nicht aushalten kann; aber, weil er wenig sieht, sieht er nicht, daß man es wohl aushalten kann, wenn man sie einhalten kann.

Von den Stürmen der andern verschlagen, lege ich mich oft vor dieser friedlichen, ruhigen Insel vor Anker, und der kleine Anker von Jaspis, der an ihrem Halse hängt, mit seinen sanft wogenden, tiefen, stillen Gründen, hat sich oft so mit meinen Tauen verstrickt, daß ich kappen mußte, um weg zu kommen.

In solchen Verlegenheiten kam mir oft unvermuthet ein Gedanke so originell, einsam und wunderbar frei, wie ein Robinson aus der stillen Insel entgegen, und half mir großmüthig selbst fortkommen.

Ein Hauptzug in ihrem Charakter ist, daß sie sich nie mit andern Weibern geheime Bagatellen in die Ohren flüstert; sie ist offen und geheim im Ganzen, so daß man nur eins von beiden von ihr sagen könnte. –

Es läßt sich gut von ihr und mit ihr sprechen, sie tödtet keinen Begriff, faßt jeden mit Liebe, und giebt ihm einen zarten Gesellschafter, sie macht das Gespräch glücklich.

Die Brünette, die ich schon in meinem zweiten Briefe anführte, ist mir gefährlich. Sie läßt fast jede Unterhaltung eines erhabenen Todes sterben, und spielt das Schicksal dabei; doch blüht auf ihren wohlthätigen Wink gleich ein ganzer Frühling von Blumen und den Rosmarin eines solchen Grabes, und jeder solcher Hügel wird durch sie ein Berg, von dem du eine fröhliche Weinlese und Erndte übersiehst.

Die ganze gegenwärtige Gesellschaft fällt dann über die Kränze her; und das Gespräch winkt in einzelnen Blumen von Busen, Locken, Lippen und Blumenkrügen dir entgegen, sie selbst aber nahm einen kleinen Rosmarinzweig und hält ihn aufmerksam vor ihr einziges großes Auge, und zieht eine Linie in die Ewigkeit. –

Die Blonde möchte es auch gerne so machen, aber sie kömmt nicht dazu; es liegt in ihr zu viel Begierde und Geberde, so daß fast jede Begierde eine Geberde, und jede Geberde eine Begierde wird. Sie ist zu mimisch, um mehr als sich und andere nachzumachen, und verliert in jeder Heftigkeit des Vorsatzes die Kraft zur Handlung. Wenn sie witzig seyn will, so ist schon in dem Pfeil, den sie abschießt, mehr Drang, als in der Senne des Bogens; ist der Pfeil angekommen, so kann er nicht mehr verwunden, weil die Spitze sich gierig in sich selbst umgebogen hat. – Sie kann keinen langen Ton singen, ohne daß er in einen Triller fällt, und will sie einen Gedanken gerade aus in die Höhe oder Tiefe schicken, so wird das Ende kraus, und kehrt in sich selbst zurück; sie wird nie etwas erhalten, wenn nicht einer in die selbstthätigen Schlingen fällt, oder sie sich nicht selbst umarmt.

Aber da sitzt noch so eine Rabenschwarze in dem Winkelchen, es dämmert schon in der Stube, und ich hätte sie übersehen, mit ihren Locken der Nacht, wenn ihre schönen Augen nicht leuchteten, und milde, schöne Blicke aus ihnen stiegen, wie Stralen zweier einsamen Sterne am Himmel. Kannst du dir ein Mädchen denken, mit allen Zeichen der Gluth, die sanft und stille ist, ein schöner Busen so sittlich verhüllt, daß sich jeder umsonst bemühen wird, irgend den Zwiespalt – – in ihrer Brust zu erkennen?

O du freundliche begehrende Zufriedenheit, du wohlthätige getrennte Einigkeit, du Streit im Frieden, warum sprichst du nicht? –

– Ich höre.

Nein, du bist zum Sehen gemacht.

– Sehen Sie mich so gerne?

Nein, du bist zum Sehen und nicht zum Hören gemacht, meinte ich –

– Ich höre und sehe – doch, warum sagen Sie das, das versteht sich von selbst.

Du bist zum Sehen gemacht, weil du so viel mit deinen großen Augen sprichst, und nicht zum Hören, weil du so wenig mit deinen kleinen Lippen sprichst; du bist zum Sehen gemacht, weil du so große Augen hast, und nicht zum Hören, weil du so kleine Ohren hast; ei, wie klein sind deine Ohren –

– Drum sollten Sie ihnen nicht zumuthen, so groß Lob zu hören. –

Ich schweige, denn, lieber Freund, ihr Busen ist leicht zu erregendes Meer, und es würde sie schamroth machen, wenn sie bemerkte, daß man in solchen Stürmen so leicht den Zwiespalt – – in ihrer Brust sieht.

O weh, es ist Abend, ganz dunkel, es ist eine Fledermaus in der Stube. Ach je, es ist mir eine Fledermaus was Schreckliches; keine Maus, kein Vogel, gar nichts, o ich bitte, verschonen Sie mich, das ist mir verhaßt bis in den Tod; von nichts, als von der Unsterblichkeit der Seele sprechen Sie, und alles wird unsterblich, und so langweilig, daß man die Unsterblichkeit zum Gukguk wünscht, wenn sie immer während der langen Zeit einem die Zeit lang machen, und die Fledermaus fliegt mir immer um den Kopf, sehen Sie, gerade wie die Fledermaus ist Ihre Unsterblichkeit, sie kriecht nicht, wie andre honnette Mäuse, sie fliegt nicht, wie andre honnette Vögel. Gott sey Dank, nun ist sie fort, die Fledermaus; nun die Unsterblichkeit? – sie ist auch fort.

Alle Lichter sind abgelaufen in der Stube von dem Flattern der Fledermaus. –

Die Brünette. Wie sind Sie doch so menschenfeindlich.

Ich. O, ich halte alles, was ich hasse, nicht für Menschen. Zum Beispiel, solche Leute halte ich für Fledermäuse. Weiter ist mir in Tod verhaßt Zwieback, wie sie ihn gewöhnlich hier beim Theetrinken essen, er gleicht gewissen Leuten, deren Witz nie reif wird, obschon er zweimal gebacken ist, und die immer beide Backen voll nehmen, nichts zu sagen.

Die Blonde. Und weiter –

Ich. Und weiter ist mir verhaßt eine Art von Zeug, Damis genannt, er hat einen verdammten Glanz, schreit alles an, ist äußerst spröde, reißt leicht, und am Ende ist gar nichts darhinter.

Die Ernste. Und weiter –

Ich. Und weiter ist mir verhaßt: wandle auf – (Rosen) und (Vergißmeinnicht), das ist eine dumme Sentimentalität, die einen an allen vier Ecken der Welt einholt, ein Gedanke, ja, fast so abgeschmackt, wie die Anekdote der Herren von Viereck, die hinter einander ins Thor ritten; wenn mir die jemand erzählt, möchte ich ihm immer sagen: wandle wo du willst, und denke nach Belieben an mich. –

Das schlanke Bild. Und weiter –

Ich. Und weiter seyen weit von mir alle todte Vivat auf Torten und Illuminationen, Gott weiß, warum, es giebt eine Art höfliche Leute, die nichts, als wünschen, und die man verwünschen sollte.

Das war ein Stückchen der Unterhaltung dieses Abends. Gute Nacht, lieber Godwi, morgen weiter – ich komme morgen an die Männer.

Römer.

 << Kapitel 31  Kapitel 33 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.