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Clemens Brentano: Godwi - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodwi
authorClemens Brentano
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-009394-5
titleGodwi
pages3-15
created19990905
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1801
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Römer an Godwi.

Ich habe eine ganze Reihe von Briefen von dir, und wenn ich sie beantworten wollte, was könnte ich sagen? Können wir beide uns etwas sagen? da keiner fest steht, da ein jeder getrieben wird.

Wir können höchstens einer dem andern das Eigne zeigen, und vertauschen; aber uns erfüllen können wir nicht, ich kann dir nicht geben, was dir fehlt, und du mir nicht, denn der Streit ist mit einem jeden losgebrochen, und jeder hat nur mit dem Seinigen zu thun.

Unsre Seelen treibt eine seltsame Laune des Geschicks, wohl uns, daß ein Punkt in unsern Herzen ist, wo wir uns beide ewig wiederfinden, die Freundschaft, denn im Aeußern sind wir für einander verloren.

Unsre Briefe können sich nicht mehr beantworten, denn wo du glühst, starre ich, und bin ich nur erwärmt, so schmilzst du schon. Dies war gerade der Fall bey deinem ersten Briefe von Reinhardstein, in dem du gar nicht aus dir selbst kömmst; du tappst in deinem Herzen herum, daß es mir oft ein Jammer ist, und zertrittst eine Blume nach der andern.

Ich habe nie einen Brief gesehen, in dem ein solcher Gefühlswechsel des Schreibers hervorleuchtete, und dies ist mir um so sonderbarer, da du meistens vergangene Dinge erzählst, die dich hinrissen, als sie geschahen, denn sie geschahen alle nur, insofern sie dich hinrissen, die dich aber nicht mehr hinreißen mußten, wenn du sie nochmals vor den Augen eines Freundes erschaffst; oder ist es die Illusion der Darstellung, die mir manchmal für deine Nerven ein wenig bange macht.

Doch laß das gut seyn; ich weiß nicht warum, aber ich hoffe das Beste für dich. Die Folge deiner Bekanntschaften und deiner Briefe machen mir eine vollkommene Krise wahrscheinlich.

Von dem Landhause einer Engländerin in die Burg eines Landedelmanns, von da zu einer Ruine, zu einem Einsiedler; ist das nicht der Lauf der Zeit?

So auch deine Briefe: der erste Thatendürstend, Molly; der zweite Küssedürstend, Joduno; der dritte Thränendürstend, Otilie; und alle die folgenden Ruhedürstend und voller Heimgehenwollen in die Natur.

Du schläfst, lieber Godwi, einen ruhelosen Schlaf des Lebens, schwere Träume ängstigen dich, bey deinem Erwachen wird dir es leer und müde seyn; aber nicht wieder einschlafen, um Gottes willen nicht!

Tilie ist ein Mädchen, über die ich nicht urtheilen mag, oder auch kann. Es ist überhaupt eine krittliche Sache, über deine Weiber zu urtheilen, und mein Urtheil über Molly ist mir übel bekommen; aber du kannst das Wesen nicht mit der Ofengabel aus mir heraustreiben, es ist meine Natur, immer etwas über die Leute zu denken, und zwar laut.

Tilie nun scheint mir sehr natürlich, und zwar so natürlich, daß sie nach meinen armen Begriffen schon ein wenig ins Uebernatürliche geht. Aber dennoch ist sie dir ohnstreitig die beste Gesellschaft und bringt dich sicher in die Wirklichkeit zurück.

Es war einmal ein seltsamer Engländer, der über den Verlust seines gewöhnlichen Verstandes, seiner Freuden an der Industrie, der Oekonomie, dem Pferderennen und Hahnengefechte, und seines Geschmacks an Kotzebue's Stücken und zuckerbunten Kupferstichen, äußerst melancholisch ward. Er las mit tiefen Schmerzen den phantastischen Shakspeare, und verzweifelte fast darüber, daß er ihm so wohl gefiel, deswegen verfiel er, wie schicklich, in den Spleen, und war immer in einem dunkeln Zimmer, obschon das Tageslicht und die Mittagssonne zu seinen Füßen schien; er aber klagte immer über die Dunkelheit, Tag und Nacht war ihm ganz einerlei, er hielt immer den tollen Lear in den Händen, und las Tag und Nacht in ihm, weil er sagte, die Buchstaben glühten. Aus Kotzebue's sämmtlichen Werken hatte er sich aus Bosheit einen Patent-Papiermachénen Fußboden, Spuckkasten und Leibstuhl machen lassen, und weinte bittre Thränen über diese verkehrte Ueberspanntheit.

Seine Freunde konnten ihm nicht helfen, bis endlich einer den Einfall bekam, ihm das Haus über dem Kopf anzustecken, und das geschah. Kaum war die Flamme bis zu seiner Stube gekommen, so sagte er, es werde nun Licht, und da alles um ihn her brannte, und ihm die Hitze sehr zu Leibe ging, deklarirte er, daß es Tag sey, und ward wieder gescheidt. Das erste, was er that, war, daß er ein halb Schock Pferde zu Tode ritt, fünfhundert Hahnen todt hetzte, immer in Kotzebueschen Wortspielen sprach, und diesem so lang verkannten Dichter zu Ehren einen Patent-Esel, der vor Apollo tanzt, aus Kararischem Patent-Marmor in seinem Park aufrichten ließ, welches Monument der Dichter aus Erkenntlichkeit vor sein bestes Werk in Kupfer stechen ließ.

Sieh, so wird es dir auch gehen, Tilien hältst du für Tageslicht, und sie ist schon Flamme.

Wenn sie dich nicht heilt, so bist du unheilbar, denn ihr seyd euch völlig entgegengesetzt, und das in den Extremen. Da du nun natürlich einen ewigen Drang fühlen wirst, ihr ähnlich zu werden, ihr aber nie ähnlich werden kannst, so wirst du, um näher zu kommen, gerade so weit gehen, als du kannst, bis zum gesunden Menschenverstand.

Daß du ihr nicht ähnlich werden kannst, verstehe ich so: sie ist mehr als natürlich, denn sie ist auf eine gewisse Weise unterrichtet, und ich möchte sagen, sie sey eine weise Frau in einem früheren Leben, und sey in die Jugend dieses Lebens herüber gewachsen. Sie ist gleichsam für mich ungeboren. Da nun meine Stufenreihe folgendermaßen geht – Natur – Bildung – Ueberbildung oder Tod, und alles immer vorwärts schreitet, so kannst du ihr nicht ähnlich werden, weil du mit dem Tode aufhören müßtest; du wirst es also bey der Bildung stehen lassen, weil du von der Ueberbildung nicht vorwärts, und nur bis zur Bildung zurück kannst; zur Natur kannst du schon nicht mehr, weil die Bildung die Natur aufhob, du mußt platterdings auf der Bildung stehen bleiben, oder sterben, was du mit deiner Lebensfähigkeit nur bis zum Wunsche bringen wirst. Ich wünsche dir also viel Glück zur Bildung.

Sie wird dich sanft aus deinem Ideenparadies hinausführen – du sagtest ja von ihr: so trat der Engel von Gott gesandt ins Paradies –

Du im höchsten Grade zusammengesetzt, sie von Grund aus einfach – du stürmend und glühend wie Sirocko, sie sanft und warm wie West – du schmelzend und glühend wie Lava, sie biegsam und zart wie Wachs – du aus der Welt in ihr Leben hineinträumend, sie aus ihrem Daseyn in deine Welt hinein staunend –

Gleich, lieber Junge, wird sie dich nicht lieben, aber vielleicht noch einstens, und das sehr innig. Du bist ihr jetzt eine Masque, die sie blendet und reizt, und wenn du bescheiden einen Flitter nach dem andern von deinem Wesen zu ihren Füßen gelegt hast, wenn sie naiv und neugierig einen Flitter nach dem andern von dir gelöset hat –?

Dann wird sie dich lieben, weil wir alles lieben, was wir bildeten; und wenn es unser erstes Werk ist, und noch dazu ein gutes, o so wird es die erste Liebe und die letzte.

Ich fühle, daß Tilie voll von dem Triebe ist, etwas zu bilden, denn ihre Grundsätze sind hiervon schon ein Beweis, sie sind eine seltsame Moral, die sie sich selbst erschaffen hat, und die bey ihrem einzelnen Leben so trostreich und passend ist, als eine allgemeine für unsre Gesellschaft so selten hinreicht, und alle Lücken mit gutem Ton, Freigeisterei und Galanterie verstopfen muß. –

Das Haus, in dem ich lebe, ist hiervon ein auffallender Beweis, und du sollst die Leute auch kennen lernen, wenn ich sie ganz kenne.

Lebe wohl, man ruft mich irgend wohin, wo es allerliebst und wenig mehr ist; sey versichert, daß ich in dieser folgenden Stunde gar nicht an dich denke, und halte daher meine Versicherung recht lieb und warm, daß ich ewig bin dein

Römer.

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