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Clemens Brentano: Godwi - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodwi
authorClemens Brentano
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-009394-5
titleGodwi
pages3-15
created19990905
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1801
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Verzeihen Sie, wenn ich hier meiner Stiefmutter etwas in die Rede falle, um Sie um Ihre Verzeihung zu bitten, daß mich die Freude meines wiedergefundenen Bruders so gesprächig macht. Es ist eine innerliche Gewalt, die mich zwingt, ihnen alles zu erzählen, es ist mir, als hätten Sie mich gefragt, als wären Sie ein Glied meiner Familie, das ganz von ihr getrennt, jetzt erst von ihrer Geschichte unterrichtet werden müßte. Sie müssen es auch dem Nationalcharakter des Italieners zu Gute halten, den die Freude allein aufschließen kann – Sie werden meinem Bruder dann und wann wie ein Arzt etwas von diesen Begebenheiten hinreichen, um ihn zu der großen Ueberraschung vorzubereiten, die ihn erwartet. Ich kehre nun zu meiner Geschichte zurück. Julie sprach mit ruhiger, gelassener Stimme:

Ja, Cecilie ist meine Tochter, ihr Vater war mein Gatte nicht, sie hatte einen kühnen Schritt gethan, auf die Welt zu treten, auf der sie nur das beleidigte Gesetz erwartete. Meine Eltern lebten nicht mehr; der Mann, der mich zur Mutter gemacht hatte, wurde von meinen Verwandten ermordet; ich, eine arme Waise, ward einer Waise Mutter. Ich hatte nichts als meine Schande, und wäre gewiß dem Hohne und der Rachsucht meiner Verwandten ein Opfer geworden, wie sie auch noch bis jetzt glauben, hätte Ihre Mutter, die meine Milchschwester und lange Zeit meine Gespielin war, nicht mich und mein armes Kind gerettet.

Den täglichen Kränkungen meiner Verwandten ausgesetzt, konnte ich es nicht länger ertragen, mein Kind, das Einzige, was ich auf Erden hatte, mit Verachtung behandeln zu sehen, und ich entschloß mich daher, eher mit ihm zu verhungern, ja lieber zu betteln, als länger in dem Hause einer alten Muhme zu bleiben, bey der ich lebte, und mit der niedrigsten Arbeit ein Leben voll Undank und Spott verdiente. Eine alte Frau, die meine Amme gewesen war, die mich sehr liebte und mir bey der Geburt der unglücklichen Cecilie beigestanden hatte, machte mir den Vorschlag, zu ihr in ihre kleine Hütte zu ziehen, das Leben wollten wir schon gewinnen, meinte sie. Der Vorschlag wurde gerne von mir angenommen, ich gab der Alten mein weniges Eigenthum einzeln hin, und sie schaffte es nach und nach weg, und endlich verließ ich Nachts mit Cecilien auf dem Arm das Haus selbst, in dem ich alles verlohren hatte. Nimmer vergesse ich die stille Mitternacht, in der ich wie eine Geächtete durch die breiten Straßen Roms, wie das Gespenst meiner gestorbenen Ehre hinschlich. Die Welt war um mich verwandelt, die Häuser, an denen ich sonst so unbefangen am hellen Mittage vorüber gegangen war, rückten wie schwarze Kerkerwände gegen mich; die Bildsäulen standen kalt und streng vor mir, und sahen beleidigt auf mich herab, mein Herz bebte, Cecilie schlief in meinem Arme. Als ich an die Peterskirche kam, riß es mich unwillkührlich auf die Knie nieder, ich kniete auf den Stufen des Eingangs und betete für mein Kind. Ueber diese Stufen war ich zwei Jahre vorher in einer Reihe unschuldiger Mädchen, mit Blumen gekrönt, zum erstenmale an den Tisch des Herrn gegangen, und nun, wie kniete ich hier, es war, als wollte die hohe Kirche über mich hinstürzen und mich begraben. Ich betete mit Inbrunst zur heiligen Jungfrau, plötzlich hörte ich ein Geräusch innerhalb der Kirche, ich zitterte, die ungeheure Thüre öffnete sich mit einem donnernden, traurigen Tone, und ich zuckte tief auf. Es war ein Meßner, er bemerkte mich nicht und ging seinen Weg fort. Cecilie war durch das Geräusch erwacht, sie weinte, ihre Stimme drang jammernd durch die Nacht, und kehrte in vielfachem Echo von den Säulen der Kirche mit tausendfach schneidenden Dolchen in mein Herz. Ich setzte mich nieder, lehnte den Kopf an die kalten Steine, und reichte meinem armen Kinde die Brust. Ich bemerkte eine Laterne, die sich gegen mich bewegte. Die Alte mußte befürchtet haben, es sey mir etwas zugestoßen, weil ich so lange ausblieb, sie suchte mich daher, und Ceciliens Stimme brachte sie zu mir. Nachdem sie mich ausgeschmäht hatte, so in der Nacht da zu sitzen, und zärtliche Gedanken zu haben, wie sie sich ausdrückte, brachte sie mich zu sich, wo ich hierauf noch einige Monate lebte. Die Alte nährte sich von einem kleinen geistlichen Handel mit Reliquien und geweihten Wachskerzen, auch machte sie von Wachs alle Gliedmaßen des menschlichen Körpers, welche fromme Leute kaufen, um sie den wunderthätigen Bildern zu opfern, wenn sie an irgend einem Gliede ein Gebrechen oder böses hartnäckiges Uebel hatten. Ich arbeitete fleißig mit, aber wir konnten uns doch nur kümmerlich ernähren. Mein Kummer stieg täglich und meine Gesundheit sank immer mehr, die Einsamkeit machte mich mit den fürchterlichsten Gedanken vertraut. Mein altes Mütterchen kam erst spät Abends nach Hause, und ich saß den ganzen Tag verzweifelnd in einer kleinen dunkeln Stube, Cecilie lag kränklich in meinem Schooße, und das Bild ihres Vaters hing über meinem Herzen, wie ein ewiger Vorwurf. So saß ich an einem von den vielen langen, langen Tagen Abends ohne Licht, und wartete auf die Alte, die mir manchmal etwas aus der Stadt erzählte, wenn sie zurückkam. Heute blieb sie länger als gewöhnlich, der Mond blickte schon herein, und ich hatte Cecilien schon zum Schlafen hingelegt. Ich saß und brütete über meinem Elende, das mit helleren Farben als je vor mich trat: wenn nun die Alte stürbe, wenn sie ausbliebe, was würdest du anfangen, dachte ich, du müßtest mit deinem Kinde betteln. Dieses Gefühl durchdrang mich mit all seiner Schmach, es war mir schon als würde die Alte nicht wiederkommen, mein Gram ließ sich nicht mehr denken, ich sank in die dunkelste, tiefste Bewußtlosigkeit meines ganzen Zustands, und es war mir, als würde mir es wohler, als mischte sich ein banger, heiliger Leichtsinn in meine Geschichte, starr und kalt standen einzelne Gedanken in meinem Kopfe, und eine Menge wunderbare nackte Gestalten gaukelten weinend und lachend mit einer fürchterlich süßen Trunkenheit vor meinen Augen. Ich riß mein Kind aus der Wiege, entkleidete es und bedeckte es mit heißen Thränen und Küssen, und alles das mit einem bangen Gefühl von Unrecht und Verbrechen. Das Kind weinte nicht, es lächelte und bewegte sich freundlich, als spielte ich mit ihm, ich zitterte dabei am ganzen Körper, und mein Zustand war dem Wahnsinn nah. Ich hörte die Thüre gehen und erwartete die Alte, aber es näherte sich ein fremder Schritt meiner Stube, und eine Person, in einen Mantel gehüllt, trat herein. Ich hielt sie anfangs für einen Mann und erschrack vor der Idee, es möge ein junger Wollüstling seyn, der mir Hülfe um das höchste Elend bringen wollte. Ich hatte diese Erniedrigung schon einigemal ertragen. Aber ihre Stimme flößte mir Muth und Vertrauen ein, ich erkannte ein edles Weib in der Unbekannten, die mir und Cecilien helfen wollte. Sie trat an das Fenster und nahm mein Kind in die Arme, ich war wunderbar durch ihr ganzes Betragen gerührt, und als die Alte mit einem Lichte herein trat, sanken wir uns in die Arme; es war Ihre Mutter und ich, Antonio! die sich erkannten. Sie verließ mich bald darauf, um mich völlig abzuholen. Als sie weg war, erzählte mir die Alte, warum sie so lange ausgeblieben, und wie sie die Dame gefunden habe. Sie hatte weniger als je verkauft, saß ängstlich hinter dem Tischchen mit bunten Lichtern, Rosenkränzen und Reliquien, es war schon dunkel, die Leute verließen die Vesper, und kein Mensch wollte ein Lichtchen kaufen; endlich kam noch eine Dame aus der Kirche, und als sie sie sehr dringend bat, sie möge ihr doch etwas zu verdienen geben, weil sie eine gar feine Dame mit ihrem Töchterchen, die ins Elend gekommen, zu ernähren habe, so hätte sich die fromme Frau erbarmt, hätte sie mit nach Hause genommen und wäre dann so verkleidet mit ihr hierher gegangen.

Den folgenden Morgen kam Ihre Mutter mit einem Wagen, mich aus der Wohnung der Alten abzuholen, die ich nicht ohne Thränen verließ. Emilie bezahlte sie reichlich für das Gute, das sie an mir und meinem Kinde gethan hatte, und verschaffte ihr die Stelle einer Pförtnerin in einem Kloster, dem eine Freundin von ihr als Aebtissin vorstand.

Ihre edle Mutter berührte mein Unglück mit keinem Worte mehr, und begehrte keine Bedingung, als die Befolgung ihres Willens; denn, sagte sie, liebe Julie, du kannst in deiner Lage keinen Entschluß fassen, du bist zu sehr durch Reue zerstört, und könntest leicht eine Menschenfeindin werden, weil die andern dich für geringer halten, als sich selbst, und du dich für mishandelt.

Sie versorgte mich mit allem Nöthigen, und brachte mich in die Gesellschaft zweier Menschen, deren Gesellschaft mir eine immerwährende Darstellung der Gesetze war, die ich übertreten hatte. Vassi, ein Maler, und Bettina, eine Jüdin, liebten sich von der frühsten Jugend an, und da sie die große Trennung ihrer Religion an einer engern Verbindung verhinderte, so lebten sie schon zwanzig Jahre in der reinsten Seelenverbindung. Diesen beiden vortrefflichen Menschen ward ich zur Gesellschafterin gegeben, und sie nahmen sich meiner und Ceciliens wie Eltern an. Als Cecilie sechs Jahre alt war, kam sie nach Ankona zu ihrer Tante, und nachher zu Ihrer vortrefflichen Mutter im vierzehnten Jahre, und jetzt – jetzt bin ich an der Stelle, wo mein Kind aufblühte, wo meine Emilie starb an der Seite ihres Sohnes, meines Freundes. – – Da mein Vater nach dem Tode meiner Mutter, um sich zu zerstreuen, nach Rom gereist war, hatte er sie kennen gelernt, und sie gefiel ihm. Sie wußte wohl, daß sie ihm nicht sagen durfte, daß sie Ceciliens Mutter sey. Er sprach oft von dem Tode seiner Gemahlin mit ihr, und da er nicht wußte, daß sie dann um ihre größte Freundin weinte, hielt er diese Thränen blos für eine Folge ihrer Neigung zu ihm. Dies fesselte ihn immer mehr an sie; er hatte wenig Gründe gegen den Vorschlag, ein junges Weib zu nehmen, und setzte seine Bewerbung mit ununterbrochnem Eifer fort. Julien lag in dieser Verbindung, selbst in der Unannehmlichkeit seines Alters und Charakters, ein schwärmerischer Reiz der Entsagung. Sie wußte, daß er gesagt hatte, da Emilie ihm Cecilien als ihre Tochter vorstellte, daß er ihr Vater nicht werden werde; nun konnte sie ihn zwingen, ihres Kindes Vater zu werden.

Der Gedanke, sagte sie zu mir, auf die Stelle zu treten, wo meine Freundin stand, alles das zu leiden, was sie erduldet hatte, hatte einen sonderbaren Reiz für mich. Es war mir, als könnte ich mich in die Form und Gestalt eines bessern Wesens, als ich selbst war, einschleichen, um auf mich zurückschauen und meiner Gebrechen lachen zu können. Ich habe Cecilien nicht mehr gefunden, ich trete in eine aufgelöste Familie, Sie sind der einzige, letzte Zweig, der Rechte auf mich hat, so nehmen Sie denn meine heilige Versicherung, daß mein Eintritt in dieses Haus keinen Zweck hat, als Ihnen ein Herz voll Dank, voll Freundschaft näher zu bringen, als in diesen todten verödeten Mauren Ihnen das Leben wieder in einem zärtlichen vertrauten Umgange zu entzünden. O, wir sind leider durch die fremde Macht des gewaltigen Geschicks verbunden, alle unsre Lieben haben wir verlohren, unsre Vergangenheit ist ein Grab aller unsrer Freuden der Gegenwart und der Zukunft geworden. Die Gegenwart, Antonio, sie ist zu enge, wir müssen sie zersprengen, wir müssen in einander alle Zeit zerstören, wir müssen uns lieben. Es umschwebt uns dann das Bild der Mutter und Ceciliens, und ziehet unser Leben in leiser Sehnsucht hinüber zu sich. – – Sie weinte, meine Arme umschlangen das edle Weib, ich glaubte meine verlohrnen Freuden alle wiedergefunden an mein Herz zu drücken – O, so habe ich alles gefunden! – rief ich aus, und mein Vater trat herein. Julie blieb ohnmächtig in meinen Armen. Der Schrecken benahm mir die Sprache, mein Vater drückte nur eine Minute den verzweifelnden Zustand seiner Seele in einem glühenden Blicke aus, und stürzte zu Boden. Wir kamen ihm zu Hülfe, aber es war zu spät, der Schlag hatte ihn gerührt. Er mußte geglaubt haben, ich sey der Verführer seines Weibes gewesen, seine Eifersucht kannte keine Gränze. Sein alter schwacher Körper konnte den Sturm des Verdachts der Wahrscheinlichkeit und der Ueberzeugung des unvermuthetsten Betrugs nicht in derselben Minute ertragen, und unterlag.

Lange nachher noch wagten Julie und ich nicht, sich gegenseitig zu nähern, sein Tod war gleichsam zwischen unsre Umarmung gefallen, und hatte uns gewaltsam aus einander geschleudert. So unschuldig wir auch waren, so schreckte uns doch der Gedanke aus einander, daß er die Welt mit dem Verdacht der schändlichsten Verrätherei von uns verließ.

Wir näherten uns furchtsam und konnten nur nach und nach die stumme Betrachtung dieses Zufalls durch Blicke und einzelne wenige Worte unterbrechen. In dieses Dunkel, das kaum zur Dämmerung übergegangen war, warfen Sie, lieber Freund! durch ihre Nachricht von Franzescos Leben, ein fröhliches, helles Licht. Verzeihen Sie daher die Unordnung und Unbestimmtheit, die diesen Brief begleiten könnte. Es ist so lange her, daß ich der Freude entbehrte, daß mir wohl ihre Sprache etwas ungeläufig ward. Meinem Bruder werden ich und die Mutter seines Weibes mit offnen Armen entgegen kommen. Sein Vermögen blieb ihm unversehrt, mein Vater ist ohne Testament gestorben. Er soll kommen und mit mir theilen, was auch ihm gehört, und in Ruhe seine Tage beschließen. ich kann kaum die Zeit erwarten, ihn an mein Herz zu schließen. Ob ich ihn wohl noch kennen werde? – Lassen Sie ihn doch malen, und schicken Sie mir sein Bild, bis ich ihn selbst mit seinem Bilde vergleichen kann, das fest, unauslöschlich in meinem Herzen steht.

Wenn Sie können, ohne ihm weh zu thun, so suchen Sie doch einiges von dem wahren Schicksale seines Weibes zu erfahren, damit ich Julien etwas über ihre Tochter sagen kann.

Leben Sie wohl, antworten Sie bald, denken Sie, daß Sie das Glück zweier Menschen dadurch vermehren, die so lange unglücklich waren, und deren besseres Geschick Ihr erster Brief begründete.

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