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Clemens Brentano: Godwi - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodwi
authorClemens Brentano
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-009394-5
titleGodwi
pages3-15
created19990905
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1801
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Der folgende Tag erschien, ich eilte auf seine Stube und fand ihn nicht mehr. Ein Brief lag auf dem Tische:

Antonio! o könnte ich neben dir stehen und dich trösten! Lebe wohl! ich gehe zu sterben, oder fliehe mit ihr; zeige meine Flucht nicht an, bis sie sich selbst kund thut, denn wahrlich, ich tödte mich und sie, wenn man uns ergreift. Die Gewalt ist schrecklich in mir erstanden, ich habe zwei Wesen dem Schicksal entrissen, und trage sie mit Macht zu ihrem Ziel. Lebe wohl! du Theurer, in einigen Monaten sollst du wissen, wo ich bin. Die Thräne, die auf dies Blatt fällt, gehört dir und dem Grabe meiner Mutter. Lebe wohl!

O Francesco, sie war heiß die Thräne, die du mir weintest, denn alle meine Freuden, mein ganzes Leben ist in ihr versiegt. Mein Vater erfuhr die Flucht meines Bruders, und die Entführung Ceciliens. Die Sache machte ein ungeheures Aufsehen, denn eine Nonne zu entführen, heißt ein Ehebruch im Bette des Himmels. Man setzte ihnen von allen Seiten nach, doch vergebens. Mein Vater enterbte ihn, und er ward mit Cecilien in den Kirchenbann gethan. Einige Monate lang zeigte man mit Fingern auf mich, als den Bruder des Verbrechers; von allen Kanzeln hörte ich die Namen meiner theuersten Freunde unter den schimpflichsten Benennungen ablesen, und wenn ich in die Kirche ging, um am Grabe meiner Mutter für ihre Kinder zu beten, so mußte ich erst den Bannfluch über sie an der Thüre angeschlagen sehen. So sehr mir auch von jeher diese Machtsprüche der Kirche in weltlichen Dingen, und überhaupt alle grobe Versinnlichung von Dingen des tiefsten Gefühls erbärmlich schienen, so machte es doch mechanisch den fürchterlichsten Eindruck auf mich; so wie uns immer schaudert, wenn wir etwas Ungewöhnliches sehen, ohne daß wir deswegen an Geister zu glauben brauchen. Ich hatte nun keinen Menschen mehr, dem ich mich offenbaren konnte, und mußte dabei den ganzen Tag dem Feinde meiner verlornen Freunde gegenüber die trockensten und langweiligsten Arbeiten verrichten. Allein das Maaß war noch nicht gefüllt: ich erhielt einen Brief von Francesco ohne Datum und Ort, er war ein Bild des Wahnsinns, der Tod Ceciliens und verwirrte Ideen von Selbstmord waren die einzigen lichten Stellen. Mein Schmerz war grenzenlos, alle Hoffnung war gebrochen, ich unterlag, eine Sinnenermattung warf mich nieder, ich konnte nicht außer dem Bette seyn. Bei allem dem mußte ich arbeiten, mein Vater brachte mir die Briefe ans Bette, die ich beantworten mußte. Ihn selbst schien in dieser Zeit etwas ganz eignes zu rühren. Eines Tages war ich matter als je, einige Arbeiten hatten meine letzten Kräfte erschöpft, die Gegenstände verschwanden um mich, und ich starrte träumend vor mich hin, bis ich einschlief. Da ich wieder erwachte, war es Nacht, der Mond schien in die Stube und erleuchtete eine Statue der heiligen Marie, die zu den Füßen meines Bettes in einem Glasschranke stand. Der goldne Mantel des Bildes glänzte schön, und die Glorie leuchtete wunderbar heilig um das liebliche süße Angesicht der Mutter. Ich glaubte, Cecilie stehe vor mir, ich war ganz in die Anschauung der Erscheinung zerflossen, und fühlte sie in und außer mir, so schlummerte ich wieder ein, und auf einem seligen Traume schwebte das Bild in meinen Schlaf hinüber, und bewegte sich lebendig mit himmlischer Grazie in meinen trunknen Sinnen. Es war mir als bräche sich des Bildes Schein in drei großen Spiegeln in mir, und Francesco, Cecilie und die Mutter lebten in mir; dann hörte ich eine rauhe Stimme, Pietro, mein Vater, stand vor meinem Bette, mit einem Lichte in der Hand, er sprach: Antonio, ich verreise, in vierzehn Tagen kehre ich zurück, dann sollst du angenehmere Tage haben, jetzt arbeite fleißig.

Ich stellte ihm vor, er möge bis zu meiner Genesung bleiben. Allein dazu war er nicht zu bereden. Er befahl und reiste. Nach einigen Tagen konnte ich wieder auf seyn. Der vierzehnte Tag erschien, es kamen einige Neapolitanische Offiziere zu mir und fragten nach der Signora Fiormenti. Die ist schon längst todt, erwiederte ich. Nein, nach der jetzigen Gemahlin Fiormenti's fragen wir; sollte er noch nicht angekommen seyn? Ich kenne sie nicht, erwiederte ich stammelnd, und bat die Herren, mich zu verlassen. Also eine neue Mutter erwartete ich. Ich fand die Sache mit Vortheil verbunden, denn so wurde mein Vater doch beschäftiget; und mußte nicht jedes Weib besser seyn, als er, schon weil sie ein Weib war? Der Gedanke, an ihr ein Organ zu finden, durch das ich zu ihm sprechen könnte, tröstete mich. Den Mangel des Zutrauens zu mir, der in der Verheimlichung der Sache lag, war ich gewohnt, und harrte mit einiger Neugierde auf die Weiblichkeit meiner neuen Hausgenossin.

Der Abend kam, mein Vater stieg aus dem Wagen, aber es war kein Weib bey ihm. Ich wagte ihn nicht zu fragen. Er ging auf seine Stube und schrieb, dann verließ er das Haus um die zehnte Stunde. Ich hüllte mich in meinen Mantel und folgte ihm. In einem entlegenen Theile der Stadt trat er in ein Haus, dessen Fenster festlich erleuchtet waren, und aus dem mir das Getümmel muntrer Gäste und der Klang fröhlicher Musik entgegen schallte. Ich stellte mich dem Hause gegenüber an eine Gartenmauer, und lauschte ängstlich auf jede weibliche Stimme, um in ihr die Stimme der Braut zu bemerken. Ich war plötzlich von einer tiefen Theilnahme für sie ergriffen, ohne sie zu kennen. Ihr Schicksal rührte mich. Als ich so stand und lauschte, ertönte die Betglocke der Nonnen hinter mir, die mich tief erschütterte; ich hatte so oft dies Glöckchen in schlaflosen Nächten mit zärtlichen Wünschen für Cecilien gehört, es war mir eine Sprache aus untergegangenen Zeiten, die schrecklich an ein verlornes Leben mahnte. Gleich neben mir flüsterte die Laube, aus der sie sich in Francescos Arme herabgelassen hatte, flüsterte die grüne Halle lebendig, aus der sie in ihr Grab gestiegen war. Von allen Seiten umgaben mich Bilder des Schmerzes. Ich hörte die Pappeln von dem Kirchhofe der Mutter herüberrauschen, und vor mir den hellen Jubel einer unsinnigen Verbindung. Der nächtliche Wind spielte in meinem Mantel, ich verbarg das Gesicht und weinte. Die Musik verstummte und die Gäste verließen das Haus, meinen Vater allein hatte ich nicht herausgehen sehen. Die Braut öffnete ein Fenster, und ich bemerkte an dem Schnupftuche, das sie vor die Augen hielt, und den Worten meines Vaters: o liebe Julie, Sie weinen an dem freudigsten Tage meines Lebens! daß sie eben so gestimmt war, wie ich. Sie sprach wenig, aber ihre Stimme war sanft und lieblich, und ihre Worte voll tiefen Gefühls. Die Reden meines Vaters standen mit den ihrigen in einem widrigen Miston, und in ihren Antworten lag für mich ein Stolz, der sich aus Ueberzeugung opfert. Sie sagte viel über das Kloster, und bat dann meinen Vater zu schweigen, damit sie dem Gesange der Nonnen zuhören könne. Dann beurlaubte sie meinen Vater, der sie mit Zärtlichkeiten überhäufte, und ich trat in einen Winkel, um ihn vorüber zu lassen.

Ich wollte schon eilen, um auf einem andern Wege vor Pietro nach Hause zu kommen, als mich die Töne einer Laute zurückhielten, an die sich eine süße Stimme schloß. Es war mir, als hörte ich Cecilien singen, es war ganz ihre Stimme. Ich kehrte zurück, und es war Julie, die sang:

So bricht das Herz, so muß ich ewig weinen,
So tret' ich wankend auf die neue Bahn,
Und in dem ersten Schritte schon erscheinen
Die Hoffnungen, der Lohn ein leerer Wahn.
Mit Pflichten soll ich Liebe binden,
Die Liebe von der Pflicht getrennt;
Und frohe Kränze soll ich winden,
Die keine Blume kennt.

Der erste Blick muß schon in Thränen schwimmen,
Mir gegenüber steht das stille Haus,
Der Orgelton schwillt bang um helle Stimmen,
Die blassen Kerzen löschen einsam aus.
Ihr Stimmlein kann ich nicht erlauschen,
In Gottes Hand erlosch ihr Licht,
Und aus der schlanken Pappeln Rauschen
Die stumme Freundin spricht.

Eine Menge Lichter, die sich die Straße herauf bewegten, und einzelne Töne wie von getragenen Saiten-Instrumenten, unterbrachen dies Lied, das mich durch seine dunkeln Andeutungen tief gerührt hatte. Die Musikanten näherten sich, und ich bemerkte Pietro unter ihnen, zweifelte also nicht, daß es eine Galanterie meines Vaters gegen seine Braut sey. Der Kreis ordnete sich unter den Fenstern Juliens, die, als sie es bemerkte, das Licht ausgelöscht und die Fenster zugemacht hatte. Ich war begierig, wie mein Vater in der Musik gewählt habe, die er seiner Geliebten brachte; aber wirklich, er übertraf alle meine Erwartung, als er nach einer rührenden Simphonie selbst eine Arie sang, und zwar:

I miei pensieri
Corrieri fedeli
Ihr, meine Gedanken,
Lauft eiligst, geschwind,
Correte volate
E Passion portate
Verehret die Dame,
Die mich hat entzünd't etc.

Ich konnte nicht länger bleiben, ein tiefer Unmuth bemeisterte sich meiner bey dem Gesange Pietros, und ich ging mit dem Gedanken nach Hause, daß der Verbindung der Liebe und des Alters keine Grazie beiwohne.

Den folgenden Mittag war bey Tische der Platz meiner verstorbenen Mutter wieder besetzt, und mit einem, wo nicht so feinen, doch eben so freundlichen Wesen. Mein Vater war heftig fröhlich und zärtlich, Julie in einer wehmüthigen Verlegenheit, und da ich einmal ihren Blick überraschte, der lange auf mir verweilt zu haben schien, überflog eine sanfte Röthe ihr Gesicht und drang eine Thräne in ihr Auge. Ich dankte dem Himmel, daß sie in die Familie getreten war, die seit dem Verluste Ceciliens und Franzesco's einer Einöde glich. So wandelte doch wieder ein sanftes, weibliches Bild wie ein guter Geist durch das stille Haus, das sonst einen ganzen Himmel umfaßt hatte, so konnte sich mein innerer Kummer doch wieder in der schönen Entsagung einer Mitleidenden erheben. Ich ging öfters durch alle Gänge des Hauses, nur um sie zu finden, und so oft sie mir begegnete, überraschte sie mich mit einem süßen Schrecken, Cecilie oder die Mutter schien mir entgegen zu kommen, durch ihre Schritte über die gewohnten Wege dieser Verlornen, indem sie die häuslichen Verrichtungen besorgte, erhielt sie über mich die Macht der sinnlichsten Erinnerung. Wenn wir uns begegneten, schienen wir beide verlegen, und dennoch schienen wir uns zu suchen.

Ich saß Nachmittags in meiner Stube, und in dem Augenblicke, daß ich die Worte in mein Tagebuch schrieb: »Meine Stiefmutter ist ein gutes, sanftes Weib, das Leben hat mir durch ihre Nähe einen neuen Reiz erhalten, sie erweckt die schönste Zeit meines Lebens, indem sie wie ein guter Geist auf den Wegen geht, die einst Cecilie und die Mutter gingen,« pochte es leise an der Thüre und Julie trat zu mir herein. Sie bat mich, ihren Besuch zu entschuldigen, und er schien ihr eine kleine Überwindung gekostet zu haben; sie setzte sich zu mir auf das Sopha und redete mich mit schüchterner Stimme an:

»Signor Antonio, wir wohnen unter einem Dache, und ich glaube, uns näher, als es scheint. Ich habe schon lange auf den Zufall gehofft, der uns bewegen könnte, uns diese Nähe zu erklären, ich habe nicht länger darauf warten können, um so mehr, da ich bemerkte, daß Sie mir wohlwollen, und daß es nur der Zufall ist, der uns bis jetzt von einander entfernt hielt.« – »Signora, erwiederte ich, Sie sind gütig, und es thut mir wohl, daß Sie den Schritt thun, den ich allein verzögerte, weil ich Ihre Gesinnungen gegen mich nicht kannte.« – Hier schwieg sie, ihr Blick verweilte mit Rührung auf dem Gemälde meiner Mutter. Es war allein in meiner Stube, denn Pietro hatte es seit seiner zweiten Verbindung aus allen Gemächern, in die er treten konnte, verbannt. Es schien ein tiefer Schmerz in ihr zu erwachen, und helle Thränen traten in ihre glänzenden Augen.

Kannten Sie dieß Weib? sprach ich ernst.

O, ich kannte sie, ich liebte sie, sie war meine Freundin, meine Wohlthäterin, erwiederte sie in einer schönen Leidenschaftlichkeit des Schmerzes. Ich staunte, und sah gespannt einer Auflösung von vielen Räthseln und Ahndungen entgegen.

Sie sind Ihr Sohn, fuhr sie fort, und mein Freund in dem Grade, als wir uns gegenseitig in der Liebe zu Ihrer Mutter begegnen. Hier reichte sie mir ihre Hand mit unendlicher Anmuth, und ich erkannte in ihrer Würde die Freundin meiner Mutter.

Signora! erwiederte ich, Sie sind die Freundin dieses Weibes gewesen, Sie haben die Stelle gekannt, auf der jene untergegangen ist, und konnten die nehmliche Stelle betreten; wissen Sie, was Sie thaten?

Es war mein Wille, sprach sie stark, aber ihre Stimme sank bey den Worten: da zu leben, da unterzugehen, wo meine Cecilie, meine Tochter –

Cecilie Ihre Tochter – rief ich aus, und lag in ihren Armen – so sind Sie dann auch meine Mutter! Sie zog sich zurück und sprach ruhig: Fassen Sie sich, ja ich bin Ceciliens Mutter, ich will Ihnen alles erklären. –

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