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Clemens Brentano: Godwi - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodwi
authorClemens Brentano
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-009394-5
titleGodwi
pages3-15
created19990905
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1801
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Antonio Firmenti an Godwis Vater.

Segen über Sie und das Ihrige! Sie haben mir die fröhlichste Nachricht ertheilt, die ich seit zwölf Jahren erwartete. Mein Bruder, mein geliebter Francesco lebt und ist in den Armen eines Freundes. Meine Nachfragen sind ganz Europa durchlaufen, fünf Jahre lang habe ich selbst alle große Städte durchreist, ohne eine Spur von ihm zu finden. Schon wollte ich auf die Freude Verzicht thun, ihn je wieder zu umarmen, schon löschte die Zeit sein Bild aus meinen Augen, als er mir plötzlich und unerwartet wiedergefunden ist. Die wenigen Blicke, die er Sie in sein Schicksal thun ließ, will ich Ihnen, so viel als möglich, erläutern. Seine Geisteszerrüttung, die mich so sehr schmerzt, würde es ihm ohnedieß zu gefährlich machen, in der Darstellung in seine Leiden zurück zu kehren. Wenden Sie alles an, ihn so viel als möglich zu zerstreuen, und wieder herzustellen. Ich sende Ihnen hierbei einen Wechsel auf dreihundert Pfund Sterling; geben Sie mir von Zeit zu Zeit Nachricht von ihm, und wenn Sie mir endlich den glücklichen Punkt melden, wenn er fähig ist, die Erschütterung des Wiedersehens zu ertragen, so komme ich selbst, umarme ihn und führe ihn dem sanften Himmel seines Vaterlandes zu. Doch itzt zur Erzählung seiner Geschichte, die die Geschichte meiner ganzen Familie werden wird, die Sie ganz kennen müssen, da der Himmel Sie zu ihrem größten Wohlthäter gemacht hat. Ich werde ganz aufrichtig seyn, und Ihnen meine innersten Meinungen über diese Familie aufschließen.

Unser Vater war ein redlicher, kluger und reicher Mann, doch alles dieses aus kaufmännischen Gesichtspunkten betrachtet. Redlich, ohne doch die sogenannten Handlungsvortheile zu verwerfen, klug in Spekulationen und bürgerlichen Verhältnissen; auch seine Religion war Spekulation auf den Himmel, Verhältnisse mit der Menschheit hatte er wenige, und hier waren Mönchsköpfe seine Maschienen, reich an Gütern des Lebens – Gott segne seine Asche!

Wir beide waren seine einzigen Kinder; das Taufbuch bezeugte es, sonst hätten wir es wenig erfahren, denn er war rauh und hart. Ein Glück für uns war es, daß er auch stolz war, so, daß er wenig mit uns sprach, und nur seine Mienen uns weh thaten. Wir standen in keinem Umgange mit ihm, und sahen ihn oft Wochenlang nicht, bis der Tod unsrer vortrefflichen Mutter uns plötzlich in eine engere Verbindung mit ihm brachte, die um so drückender war, da die freundliche Mittlerin nun fehlte. Sie war die Tochter eines vornehmen Römers, der wegen einiger gewagter Ausfälle auf den Nepotismus Rom verlassen, und seine Güter bezogen hatte. Ihr Vater hatte sie zum geistvollen, vorurtheillosen Weibe gebildet, und ihre Mutter ihr Herz und ihre Sitte zu einer Zartheit der Empfindung und einer Bescheidenheit geleitet, die sie fähig machten, den Flug ihres Geistes und die Freiheit ihres Denkens auf dem Punkte in der Erscheinung zu begrenzen, auf dem Weiber, um die Forderungen der sogenannten Weiblichkeit nicht zu übersteigen, verweilen müssen, und der in sie jenen unergründlich reizenden Hintergrund legt, der uns wie ein verborgener Schatz aus den tiefen Augen der wenigen entgegen sieht, die ihn besitzen. Mein Vater, der bey Bergwerken mehr Sinn für den Inhalt der Tiefe als bey Menschen besaß, berührte mit all seinem Geize diese Fülle nie, die sie in Liebe und inniger Theilnahme über uns ausgoß. Ihre Handlungen gingen immer mit ihren Aeußerungen in gleichem Schritte; wo ihr Geist viel weiter als ihre Aeußerung war, verbreitete er über diese eine helle, deutliche Allgemeinheit, so daß, indem sie das ganze im Einzelnen äußerte, sie weder der Welt durch ihre Größe drückend, noch sich selbst ungetreu werden konnte; und wahrlich, nur der Blick nach innen, nur ihr hohes Selbstbewußtseyn konnte sie für den Druck einer rauhen Umgebung, für die harte Behandlung meines Vaters und seine ungestüme Liebe zu ihr entschädigen. Ich habe sie nie gegen ihn murren hören, und zu uns, die wir ihre Freunde waren, sprach sie nie von ihm, als mit allgemeinen Worten der Achtung und Pflicht.

Unsrer Mutter ging es sehr kümmerlich, sie theilte ihr kleines Taschengeld mit uns und den Armen. Mein Bruder war ihr ganz heimgefallen, mein Vater haßte ihn, indem er durch seinen allgemeinem Sinn und seinen Künstlerglauben keinen Berührungspunkt in dem engen Herzen des Kaufmanns hatte. So umfaßte die Mutter den Sohn mit doppelter Liebe, da sie ihn lieben und schützen mußte, und legte in seinem Herzen dadurch den Grund zu der wunderbaren Leidenschaftlichkeit seines Gemüths, die die Wirkung des wirklichen Lebens auf ihn so rauh und schmerzlich machte. Er verließ sie selten, saß halbe Tage zu den Füßen dieser Märtyrerinn, und suchte ihren stillen Kummer, den er aus Delikatesse mit Worten nicht zu zerstreuen wagte, mit Singen, Vorlesen oder Verfertigung kleiner allegorischer Bilder zu zerstreuen. Seine Liebe ward immer heftiger in ihm, sie brannte eigentlich ohne Gegenstand und verzehrte ihn selbst; sein ganzes Daseyn war umfassend und voll Wunsch ohne Hoffnung, so daß er ewig in sich selbst zurückkehrte, und indem er an sich selbst allein immer von neuem und neuem bestimmen mußte, ward er der unbestimmteste, undeutlichste Mensch. Meine Mutter gab sich ihm ganz mit ihrem innersten Wesen aus Mitleid hin, und er verwuchs mit seinem eignen Ursprung, aus dem er sich doch hätte entfernen und sich seinen eignen, freien Raum hätte erfüllen müssen. Bald lag keine einzige Folge mehr in seinen Gedanken noch seinen Handlungen, und wer nicht sein Bruder oder seine Mutter war, mußte über den zerstückten, seltsamen Menschen trauren. Bald bemerkte die Mutter selbst diese leidenschaftliche Liebe in ihm mit Angst, und fühlte nur zu sehr, daß sie ihn ganz vernichten müsse, um sich ihm zu entwinden; um so lieber ergriff sie die Gelegenheit, die sich ihr darbot, seiner Leidenschaft einen andern Gegenstand unterzuschieben. Sie nahm die Tochter einer Freundin zu sich, die ihre Ehre auf dem geradesten Wege der Natur verloren hatte. Die Mutter des Kindes verlor sich, und die Anverwandten hörten, daß sie gestorben sey. Cecilie wurde bis ins vierzehnte Jahr bey meiner Muhme in Ankona erzogen, dann nahm sie unsre Mutter zu sich, voll Freude, ein weibliches Wesen um sich zu haben, die Jugend, diese verlorne einzige glückliche Zeit ihres Lebens, noch einmal in einem zarten Herzen zu sehen, und sich gleichsam in diesem Spiegel nochmals unter Sonne und Liebe zu entwickeln. – Mein Vater fragte öfters bitter, wo denn das Kind herkomme? und da meine Mutter antwortete: von der Unschuld und Armuth, so fragte er: was soll aus ihr werden? Meine Tochter, antwortete die Mutter. So! sagte er bitter, ich werde nie Ihre Kinder anerkennen, die nicht die meinigen sind, und verließ uns.

Cecilie war nun die stete Gesellschafterin Franzescos und der Mutter, die mit Freude bemerkte, wie diese beiden sich immer näher und näher kamen, und endlich sich ganz durchdrangen.

Ich brachte den größten Theil des Tages in kaufmännischen Geschäften zu, und machte nebenher kleine Spekulationen zum Besten Ceciliens, der ich für den Fall der Noth einen heimlichen Schatz sammelte, denn ich liebte sie herzlich, und wußte, daß der Vater ihr nichts geben würde, die Mutter nicht könne und mein Bruder viel zu sehr aus ihren Augen getrunken hatte, um nur den Gedanken an ernähren möglich werden zu lassen. Meine Mutter begünstigte Franzescos Leidenschaft auf alle Weise, um sich mit ihm selbst wieder in das Verhältniß kindlicher und mütterlicher Liebe gesetzt zu sehen, denn sie hatte sicher erfahren, daß Franzescho von dem freisten, allgemeinsten Geiste der Liebe beseelt war, und keine gefesselte Unterabtheilung ihn zu beschränken vermochte.

Ich sah Cecilien selten, ja es gab eine Epoche, in der ich sie sorgfältig vermied, denn ich liebte sie; und warum soll ich es nicht gestehen, da alle diese Lieben nicht mehr sind? Ich fand einen großen Genuß darin, meinem Bruder ein stilles Opfer mit dieser Leidenschaft zu bringen. Francesco hatte sich der Malerkunst gewidmet, und würde es weit gebracht haben, hätte seine Schwärmerei, sein nicht ganz heitrer Blick in die Zukunft und sein durch den Umgang mit den zwei einzigen Weibern tief, aber einseitig bestimmter Umgang seiner Phantasie kühnere Bilder gereicht. Sein ganzer Stoff lag in ihm und seinem kleinen Zirkel. Er konnte nur stille, zarte und leidende Gestalten bilden, und das höchste war so ewig über seiner Gränze; er fühlte das innerlich, doch wußte er es nicht, und siechte, wie jede volle Seele leise hinwelkt, die von der Vollendung zurückgehalten ist. Es lag in allen seinen Bildern eine geheime Sehnsucht nach irgend einem andern Gegenstande, und es war mir oft vor ihnen, als sagten sie mit dunkeln unverständlichen Worten, wir sind die wahren nicht, sie schienen ewig zu entfliehen, um höhern Wesen die Stelle zu räumen, oder standen ängstlich da, als ständen sie nicht an der rechten Stelle. In Blumen, Stilleben hatte er es weit gebracht, und in seinen Arabesquen lag sehr viel Harmonie und Musik. Cecilie, welche eine sehr geschickte Stickerin war, hatte ihn zu diesem Theile der Kunst besonders gestimmt. So lebten wir drei Jahre lang in einem zarten Wechsel von Arbeit und traulicher Erholung in unserm kleinen Zirkel, der heilige Stunden umfaßte, Stunden, die mir mit seiner Zerstörung nimmer wiederkehrten.

Der traurige Zeitpunkt trat ein, in dem der innere Harm meiner Mutter ihren Körper besiegte. Sie bekam heftige Krämpfe auf der Brust. Cecilie und Franzesco verließen ihr Lager nicht, sie theilten den kostbaren Schatz ihrer letzten Augenblicke, und wenn ich einige Minuten von den Geschäften loskommen konnte, so trat ich zu ihnen, und wir alle hörten die Lehren und den Trost unsers sterbenden Glücks. Die fürchterliche Stunde kam heran, der Vater wagte es nicht, sich dem Krankenbette zu nahen, er reiste weg, ohne jemand zu hinterlassen, wohin. Vor ihrem Tode hatte jeder von uns dreien eine besondere Unterredung mit ihr. Ich war der letzte, sie starb in meinen Armen, mit den Worten: Antonio! du bist der stärkste, nimm dich Ceciliens und deines unglücklichen Bruders an. Die Zerrüttung war fürchterlich unter uns; von dem Sterbebette mußte ich auf die Schreibestube, der Vater war weg, Francesco war in Wahnsinn verfallen, und Cecilie stumm und ohne Bewegung, nur dann und wann löste sich die Wuth ihres Schmerzes in einem heftigen Schrei, der das ganze Haus durchschallte, und unter allem diesen Jammer arbeitete ich des Tags und wachte die Nacht bei den zwei Leidenden. Da Cecilie wieder etwas besser war, ließ ich sie in ein Kloster bringen, in dem eine Freundin unsrer Mutter Aebtissin war, weil sie ihren Kummer dort ruhiger zerstreuen konnte, bis ich mit meinem Vater weitere Maaßregeln mit ihr ergreifen konnte. In Francesco kehrte mit seinem Verstand auch seine Liebe zurück, und ich konnte ihn nur mit der Vorstellung über Ceciliens Abwesenheit beruhigen, daß ich sie meinem Vater und seinem Verdrusse hätte entziehen wollen.

Der Vater kehrte zurück und mit ihm seine Strenge. Er billigte mein Verfahren mit Cecilien, doch wohl nicht aus der Ursache, die mich bewogen hatte. Francesco und ich besuchten sie öfters, und unsre Zuneigung zu diesem lieben Wesen ward um so heftiger, als sie uns durch den Verlust der Mutter einziger und unentbehrlicher geworden war. Mein Vater war einst nach Tische vorzüglich guter Laune, und einige Mönche, die ihm und seinem Weine Gesellschaft leisteten, nicht minder. Er äußerte sich, er werde Cecilien eine Nonne werden lassen, und verbot uns daher für die Zukunft, sie zu besuchen, weil wir beide zu weltlich gesinnt wären. Meine Bitten rührten ihn nicht, und den schrecklichen Blick Francescos, der in seiner Gegenwart immer stumm war, verstand er nicht. Sie ward hierauf in ein anderes Kloster gebracht, und wir konnten sie nicht mehr sehen.

Franzesco hatte nun alles verlohren, was ihn ans Leben fesselte, er brachte den ganzen Tag auf einsamen Spatziergängen zu, und ängstigte mich mit seinem heimlichen, stillen Betragen sehr.

Eines Abends kam er in die Stube meines Vaters, seine Erscheinung war mir ungewöhnlich kräftig, er ging auf mich zu, umarmte mich heftig und trat dann vor den Vater mit den Worten:

»Vater! wo ist Cecilie?«

»Sie ist im Kloster, erwiederte dieser unwillig, und wird die künftige Woche eingekleidet werden.«

»Sie wird nicht eingekleidet, erwiederte Franzesco, denn sie liebt mich und ich sie; sie ist meine Braut, und ich werde ihr Gatte seyn.«

»Sie ist die Braut des Himmels, Bube! brach mein Vater im Zorne aus; denke wie du leben kannst; reiche ich dir nicht schon zwanzig Jahre Allmosen, Ketzer! An ein Weib denke nicht, denke an Brod.«

Franzesco erbebte im innersten, fürchterlich stand er da, wie ein Mensch, der sich von der Natur losreißt, die Bande des Blutes rissen tief in seiner Seele; ich faßte ihn in meine Arme, damit er seinem Vater nicht lästern möge, und er rief mit Wuth folgende Worte: Gerechter Himmel! Gott und meine Mutter seyen meine Zeugen, ich will mich nähren und sie, und kein Bissen mehr von deinem Tische! Große ungeheure Schuld über mir, ich muß dir alles wiedergeben, was du mir gabst, und habe gegen meinen Vater mich empört. Ich führte ihn nach seiner Stube, er stand starr und stumm, sein Blick wurzelte in den Boden, da floß ein Strom von bittern Thränen über seine Wangen, er umklammerte mich fest – ach! ich wußte nicht, daß dies der letzte Rest meiner Freude war, die ich zum letztenmale umarmte. – Er bat mich, ihn allein zu lassen; ich hörte ihn noch lange über mir mit schnellen Schritten auf und abgehen, bis ich einschlummerte.

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