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Clemens Brentano: Godwi - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodwi
authorClemens Brentano
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-009394-5
titleGodwi
pages3-15
created19990905
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1801
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Godwi an Römer.

Ich bin krank, und diese Krankheit ist mir nicht schmerzlich, denn ich hoffte viel für meine Genesung, ich hoffte Genesung für meine Krankheit, und mein voriges Leben von ihr.

Ich bin nicht in dem Zeitraume zwischen diesem und meinem letzten Briefe krank geworden; ich bin es, seit ich dir von meinem Spatziergange mit Tilien in den Wald schreibe, nur in dieser Minute fühle ich es, daß ich es bin.

Ich bitte dich, habe hier keine voreiligen bürgerlichen Gedanken, und denke nicht, daß ich mich sicher verkältet hätte. Es wäre mir fatal, wenn ich glauben müßte, daß in solchen Momenten man sich verkälten kann, in denen man glüht, und doch ist es leider so; aber ich will es nicht haben, daß ich es glaube, und du sollst es mir zum Gefallen thun, und es nicht glauben.

Meine Spannung, meine Überspannung, meine Abspannung und ein Schrecken, dessen Ursache nur in dem natürlichsten und künstlichsten Zustande uns eine ruhige Ansicht seyn kann, hat mich krank gemacht.

Tilie verpflegt mich und der Knabe. Der einzige Arzt in der Gegend ist der, der Tiliens Mutter, wie Werdo glaubt, umgebracht hat, und der Alte kann ihn daher nicht leiden; doch hat sie ihn einigemal heimlich zu mir gebracht, nur um ihn zu fragen, ob meine Krankheit gefährlich sey; aber er versteht nichts davon. Er sagt, es käme ganz allein von meinem Leben mit den seltsamen Menschen hier oben, die alle nicht klug seyen, das habe mich angesteckt, und der Geist wirke auf den Körper, und – er wäre ein Schaafskopf, dachte ich.

Seine Arzneien glaubte ich lange genommen zu haben, und war meiner Genesung schon nah, da sagte mir der Knabe, daß die Tränke alle von Tilien seyen; er suche die Kräuter und sie koche sie.

Ich habe nur einen Tag zu Bette gelegen, und länger konnte ich auch nicht; denn könntest du wohl ruhig liegen bleiben, wenn sich dir von jeder Seite deines Lagers eine weite, herrliche Aussicht öffnet, die mit allen Punkten ihres Eingangs dich ergreift, und mit Gewalt, den Eindruck und sich selbst immer mehr vereinzelnd, dich in den einzigen Punkt der Perspektive ihres Ausgangs hinreißt?

Ich habe mancherlei gedacht, indem ich so hinaussah, über Aussichten, ihre Ansicht und ihren Genuß, aber ich habe dennoch keine Ideen über Landschaften gehabt. Es ist wunderbar und macht mich immer für meine Nebenmenschen in der Gegenwart unnütz, daß ich nie eine Sache an sich selbst betrachte, sondern immer im Bezuge auf etwas Unbekanntes, Ewiges; und überhaupt kann ich gar nichts betrachten, sondern ich muß drinnen herum gehen, denn auf jedem Punkte möchte ich leben und sterben, der mir lieb ist, und so komme ich dann nimmer zur Ruhe, weil mit jedem Schritte, den ich vorwärts thue, der Endpunkt der Perspektive einen Schritt vorwärts thut.

Nur der Mensch kann glücklich und ruhig werden, der Etwas ansehen kann, und der nicht den Drang in sich hat, daß ihm alle Ferne Nähe sey.

Aus eben derselben Art zu fühlen kann ich auch nie spielen, weil ich platterdings mich nie entschließen kann, den anerkannten Zweck des Spiels für mich als Zweck und den Gewinnst für mich als Gewinnst gelten zu lassen. So stelle ich mir immer unter den Figuren des Schachbrets eine Menge Charaktere vor, die ich durch mein Spiel, gegen den gegenarbeitenden Mitspieler, der mir das Schicksal vorstellt, in eine dramatische Zusammenstellung zu bringen suche, und so weiß mein Gegner nie, wie ich nur so dumm spielen kann, gerade wenn ich am zufriedensten bin, und mein Held recht herrlich dasteht. Es wird dann meistens ein Trauerspiel, und ich stehe recht gerührt und mit tiefen Betrachtungen über das Geschick auf, während mein Gegner mir vorwirft, daß ich geizig sey, und unzufrieden, wenn ich gleich meinen Verlust selbst verschuldet hätte. So wie mancher Dichter allein seine Werke versteht, und tief gerührt von seinen Geburten, dem Publikum die gutmüthige Aeußerung abgewinnt, wenn er nur etwas Lesbareres schrieb, da würde er nicht vor Armuth Thränen weinen.

Auch mit dem Billardspielen geht mir es so; ich möchte immer gerne mit den schönen weißen Bällen irgend eine Gestirnstellung auf der grünen Fläche hervorbringen, und der andere stößt mir alles in die Löcher.

Ich schrieb dir meine Krankheit mit Fleiß nicht eher, bis ich wußte, daß ich leben bleiben mußte, und wäre ich gestorben, so hättest du nichts davon erfahren, denn nur im Vergessen wird man glücklich.

Hier folgt die Fortsetzung meines Tagebuchs, und – lebe wohl!

Godwi.

 
Fortsetzung meines Tagebuchs.

Ich fühlte plötzlich, daß ich mich in meiner Erzählung verloren hatte, und aus der Folge meiner innern Erneuerung getreten war.

Ich hatte mich auf meiner Erzählung in mein wirres Leben zurückgetragen, ich hatte meinen Talisman abgelegt. Meine ganze Umgebung sprach mich wieder fremd an. Ich war mit diesem zarten einfachen Leben uneins geworden, und schauerte in alle Farben der wilden Welt gehüllt, vor dem Umriß meiner Lage, die mich so farbenlos, wie ein Geist anredete – die Natur kommt uns armen unnatürlichen Menschen leider oft so übernatürlich vor.

Tilie, die an meinem Arme hing, schwieg. Ihr Anblick überraschte mich, und ihre Berührung machte mir bang; die ganze Reihe von Bergen um uns her, deren Häupter unsre Nachbarn waren, verschwammen im Mondenglanz in die Wolken, und thürmten sich regellos wie Dampfsäulen wechselnd in den Himmel.

Eine unergründliche Tiefe zwischen itzt und ehedem, wie die Thäler zu meinen Füßen, ohne eine einzige Gestalt, wie siedende Kessel voll weißer Nebel und Dünste, ein ganzes Klima zu erschaffen.

Alles um mich her, ohne eine einzige Stelle etwas hinzustellen, alles so voll und so wogend, wie ein Meer, und in mir die drückende Last und der Drang, mich ewig von den Erinnerungen zu trennen, die ohne Frucht üppig in Blätter und geruchlose Blüthen schießend, jedem Bessern die Nahrung stehlen.

Alles das hatte mich zugleich umfaßt, meine ganze Vergangenheit, die ich durch meine lebhafte Erzählung erweckt hatte, ergoß sich misgestaltend in meine Gegenwart, ich war ganz verloren, und wachte in dem abentheuerlichsten Traum.

Ohne irgend etwas zu denken, meine Seele wie in einem Wirbelwinde unter tausend Bildern und Ungestalten herumschwindelnd, blickte ich in den Wald, während ich mit vollem Bewußtseyn neben Tilien in der herrlichen Nacht hätte gehen sollen.

Ich blickte schon eine Zeitlang auf einen leuchtenden Punkt im Holze, der zwischen den Bäumen hin und her schwankend, in der Ferne zwischen die Blätter leuchtete, und das Grün der Bäume entzündend, schimmernde Zweige in der tiefen Nacht des Waldes erblühen ließ. Meine Zerstreuung suchte dieß nicht näher zu erforschen, sondern reichte bequem lieber zu dem nahen Gefühle, das mir so oft die erleuchteten Hüttenfenster auf meiner Reise einflößten.

Unwillkührlich malte ich mir eine kleine Bauernstube, und fühlte das Behagliche der Ruhe nach der Ermüdung; ich sah die Kinder rund um den Ofen, die Spinnräder und die Lampe nach der Reihe einschlafen, und dachte gar nicht dran, daß hier auf eine Meile Wegs keine Bauernhütte seyn könne.

Ich wollte schon anfangen, Tilien meine Gefühle über die Hüttenfenster mitzutheilen, als es mir auffiel, daß sie so lange geschwiegen habe.

Ach, es ist sehr traurig, wie ungeschickt uns unsre Erziehung macht; unsre Seele wird vom bürgerlichen Leben, wie von einem Tanzmeister, in eine wunderbare steife Konsequenz und eine auswendig gelernte Mannigfaltigkeit geschraubt, die, sobald wir in die Natur treten, zu höchstverderblicher Ungeschmeidigkeit und Einseitigkeit führen.

Mit meiner Rückkehr in meinen vorigen Seelenzustand verbanden sich nach und nach alle seine Schwächen, so wie ein Weltmann nicht leicht einen französischen Pas und einen natürlichen Sprung in der Mitte vereinigen kann.

Ich war zu verwirrt, ich möchte sagen, zu erniedrigt, um Tiliens hohes, reines Leben voraussetzen zu können, und meine Frage, warum sie so lange geschwiegen habe, schien nur eine gewöhnliche Dame zu berühren. Ich vermuthete, sie sey ängstlich geworden, meine Erzählung von der weißen Marmorfrau, die Nacht und die Einsamkeit mit mir habe in ihr jene weibliche Furcht erregt, die uns Männern so hinreissend wird, weil sie eine der wenigen Aufwallungen ist, in denen sich das eigne innere Verhältniß noch äußert.

Es ist so selten, daß die bloße Liebe von beiden Seiten gleichthätig die Geschlechter näher verbindet, daß uns bis jetzt die raschere, bestimmtere Annäherung zugetheilt wurde; ebendeswegen thut es uns äußerst wohl, wenn wir einmal der feststehende und nicht der bewegte Theil sind, wenn eine Bewegung der Luft, oder das Gewicht der Reife, die Rosen oder die Früchte, die wir pflücken wollen, uns entgegen bewegt.

Tilie hatte im Gehen dann und wann ihre Hand fester auf die meinige gelegt.

Ich.
            Wie ist dir, Tilie, sag', warum so stille?
Tilie.
Daß ich nicht spreche, ist dein eigner Wille,
Wie konntest du das Alles so erzählen,
Nur diesen hohlen bangen Ton erwählen,
Der wie durch einen dunkeln, tiefen Gang
In deiner seltsamen Erzählung klang.

Im Anfang folgt' ich dir, verließ die helle,
Die sterngezierte Nacht, die ernste Schwelle
Neugierig überschreitend, drang ich vor,
Bis ich mich ganz in Dunkelheit verlor.
Du warst so weit, so tief hinein gegangen,
Und Tilie konnte dich nicht mehr erlangen.
Ich eilte rückwärts, hörte dich nicht mehr,
Nur deine Stimme klang noch zu mir her.

Ich setzte mich still an der Höhle nieder
Und liebte dich nicht, denn du kamst nicht wieder.
Ich schaute einsam durch die dunklen Räume,
Aus Waldestiefen kamen zarte Träume
Und spielten mit des Mondes Geisterbildern,
Um meines Freundes Abschied mir zu mildern.

Nur eins von allen blieb bey mir zurücke,
Die weiße Marmorfrau, und meine Blicke
Ließ ich durch Schatten und durch Lichter spähen,
Und hoffte fest, die Arme zu ersehen,
Aus den Gebüschen, glaubt' ich, müss' sie schauen,
Und könne mir allein ihr Leid vertrauen.

Mich ergriffen ihre Worte heftig, wohl war ich Armer in einem langen düstern Gang, und konnte nicht wieder heraus.

Ich konnte Tilien nicht antworten; ich wußte nichts, gar nichts, und hätte fast vom Wetter gesprochen, hätten mir die Hüttenfenster nicht eine freundliche Unterhaltung angeboten.

Tilie.
Hier oben – Hüttenfenster, sag, wie ist dir?
Hier oben sind ja keine Hütten –

Die Auflösung meines Irrthums, der sich nun schon eine ganze halbe Stunde lang in meine Gedankenreihe verflochten hatte, vollendete meine Zerstörung. Mit einem sehr häßlichen Unwillen fuhr ich fort:

                                                                Was denn sonst
Soll's seyn, was dorten leuchtet?
Sie.
                                                    Nun, es wird wohl
Ein stilles Licht seyn, kennst du diese nicht?
Ich.
Ein stilles Licht? – das ist ein Aberglaube.
Tilie.
Ein Aberglaube? – sag, was nennst du so?
Ich.
Ein Aberglaube? nun, ein falscher Glaube.
Tilie.
Wie sprichst du Mann, wie hast du dich verändert;
Die Worte, falsch und schief, versteh' ich nicht.
Woher sind sie gekommen, hast du sie
Aus deiner falschen Welt herauf gebracht?
Ich.
Ich meine, liebe Tilie, daß die Lichter
Aus der Natur entspringen, und daß jeder
Verschiedne Glaube ihres Ursprungs falsch sey.
Tilie.
Von allem diesem weiß ich nichts. Natürlich
Ist alles. Von den stillen Lichtern schweige,
Ich ehre sie, sie sind mir lieb. Sehr selten
Ist's, daß sich eines zeigt; es gehet dann,
In meinem Leben sicher etwas Seltnes
Und Wunderbares vor, sie schimmern
Wie Winke meines Schutzgeist's in der Nacht,
Und wandeln ferne in der Gegenwart,
Wie kühnere Minuten meiner Zukunft vor mir.
Eusebion lieben sie, er sprach schon oft
Mit ihnen, und sie tanzen freundlich um ihn.
Willst du mir meine zarten Freunde stören,
So gieb mir erst, was sie mir still gewähren.

So weit für heut, ich bin so müde.

Godwi.

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