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Clemens Brentano: Godwi - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodwi
authorClemens Brentano
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-009394-5
titleGodwi
pages3-15
created19990905
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1801
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Godwi an Römer.

Hat sich die Zeit in ihrem Gange verändert? – Kein Tag schleicht mehr mit seinen gähnenden Stunden, und keiner stürzt mit seinen Augenblicken hinab. –

O welche stille Wechsel in mir, im gemessenen Takte schreiten die Augenblicke wie Töne zu einer schönen Melodie des Lebens hin, und irret mein Geist durch alle Akkorde auf harmonischen Wegen einen dem andern verbindend, so gelangt er nicht selten, der schönen Folge zur wunderbaren Erquickung, auf einen Gipfel, wo aller Takt weicht, und das Lied gleichsam einen freien ungebundenen Blick in die Ewigkeit thut, und neuerdings kehrt die Melodie zurück, wie das Athmen unsers Busens, das ein sanfter Seufzer unterbrach.

Hier eilt das Leben nicht, ich sehe ihm nimmer nach, auch weilt es nicht träg, und ich brauche es nie zu treiben.

Ich gehe ruhig mit den Stunden, und jede bietet mir das volle Leben an; so lange ich hier oben bin, habe ich noch nicht an die Zeit gedacht.

Der Morgen ist schon wieder da, und alle Farben, alle Töne und Gestalten singen ihm ein Lied, das noch nie gesungen ward, so oft er auch die Welt begrüßte, die ihm jedesmal mit schönen Worten geantwortet.

So ist und bleibt der Stoff, der des Dichtens werth ist, ewig derselbe und einfachste, der eben darum unerschöpflich ist. Denn nach dem einzigen Punkt, der in der Mitte der Welt liegt, kannst du die meisten Linien ziehen, und nur von ihm aus zu Allem gelangen.

Hier folgt die Fortsetzung meines Tagebuchs.

So war der Wald, und wir – Tilie unterbrach unser Schweigen:

        Du hast mit meinem Vater lang geredet,
Wie war er, war er freundlich, warst du es?
Ich.
Ich sah ihn niemals so, Otilie, niemals
War seine Rede so voll süßer Worte,
Die alle zwischen Ernst und Wehmuth schwankten;
Sein Aug' war feurig und ein mildes Lächeln
Umschwebte seinen Mund, und um die Wangen
Schwamm eine zarte Röthe, wie ein Heil'ger
Sah friedlich er zum Himmel und zur Erde.
Er sprach von dir, von mir und von der Liebe,
Und hingerissen sank ich vor ihm nieder,
Umfaßte ihn und konnte ihn nicht lassen.
Von meinen Lippen drang der Nahme, Vater!
Da riß er sich von meiner Brust und zürnte,
Sprach wild zu mir: »Ich bin sein Vater nimmer,
Bin keines Menschen Vater; geh! o gehe
Zu meinem Kinde hin«; so komm' ich zu dir.
Tilie.
Es thut mir weh, o Freund! denn du wirst glauben,
Daß du den Vater so mit deiner Rede
Gekränkt hast, und das könnte dich verführen,
Was nimmer gut ist, dich in Acht zu nehmen.
Ich.
Was nimmer gut ist?
Tilie.
                                Nein, denn die Natur,
Sie nimmt sich nie in Acht, drum handelt sie
So mächtig und so rein, stets zur Genüge.
Willst du gleich Alles schon zum voraus seyn,
So kannst du in der Handlung nie genügen.
Ich.
Ich konnte nicht, denn alle meine Sinne,
Und alles, was geheim in mir verborgen,
Hat er erweckt mit wunderbarem Leben.
Die tiefsten Wünsche kühn in mir bewaffnet,
Ihr Ziel, sonst unerreichlich, zu erreichen.
Ich fühlte mich wie neu geboren, dankend
Nannt ich ihn Vater!
Tilie.
                                Vater, und er zürnte –
Er liebt den Namen Vater nicht, und nimmer
Darf ich ihn anders, als nur Werdo rufen;
Und er hat recht, denn es ist sonderbar,
Den einzelnen im Leben so zu nennen,
Da wir ja nur ein einziges Leben kennen.
Beruhigtest du ihn?
Ich.
                                Nein, ich vermied es,
Weil es nach ihm nur eine Ruhe giebt,
Die in der Nacht, wo alle Farben sterben,
Die in der Ferne, wo der Ton verklingt,
Und Grabesruh, die die Gestalt verschlingt.

Als wir an einen kleinen runden Platz kamen, in dessen Mitte zwey junge Pappeln standen, sagte Tilie, auf die Pappeln zeigend:

              Dies ist Joduno, und dies hier Otilie.
Als wir vor zehen Jahren in dem Walde
Still mit einander wandelnd uns verloren,
Vertheilten wir uns, um den Weg zu suchen,
Daß eine doch nach Haus zu Werdo komme,
Den Abendtrunk in dem krystallnen Glase
Ihm freundlich vor dem Schlafengehn zu reichen.
Mich traf das Loos, den Rückweg bald zu finden,
Joduno irrte lang' im Walde hin,
Bis ich sie hier auf dieser freien Stelle
Am Boden ruhig sitzend fand, sie lauschte,
Wie eine Nachtigall die süßen Töne sang.
Ich setzte mich zu ihr, und wir verbanden
Mit kindschen Schwüren unsre kleinen Herzen.
Als sie mich drauf verließ, pflanzt' ich und sie
Die Pappeln hier zum ewigen Gedenken.
Und wie die Bäume wachsen, sieh, so sind wir
Uns lange gleich an Muth und Freud' geblieben.
Doch sie, Joduno, neigt die schlanken Aeste,
Sie trauert; sprich, wie hast du sie gelassen?
Ich.
Sie wollte bald zu dir herüber kommen.
Tilie.
Ich kann es kaum erwarten, bis sie kommt,
Und doch, ich weiß nicht, wie mir bangt,
Daß sie mich überraschen wird, die Gute;
Sonst freute sie mich, wie im Frühling
Die erste Blume, die sich regt, mich freut.
Ich.
Und jetzt – wird sie dich jetzt nicht freuen?
Tilie.
Sonst war sie jung und ihre Mutter brachte
Sie zu mir her. Wir waren beide Kinder;
Die Kinder theilen sich so gern ins Leben,
Weil ihnen allen gleich die Welt erscheint,
Doch meistens bildet sich die größre Jungfrau
Das Leben schon zur eignen Wohnung aus,
Und formt sich alles, wie's bequem und schicklich
Sich zu dem inneren Geschmacke füget.
So ist es wohl Jodunen auch ergangen. –
Ich blieb stets Kind, ich kenne keinen Zeitpunkt
In meinem Leben; wenn ich rückwärts schaue,
Ergießt sich alles still in tiefe Ferne,
Und nimmer habe ich mit Sinn gewechselt.
Joduno wird mir nun wohl nicht mehr gleichen,
Und sich nicht – Ach, mich wird es schmerzen!
Wenn ich sie sonsten sah, dacht ich zurücke
An's letztemal, es ward ein Wiedersehen.
Der Funke brach sich hell in vielen Spiegeln,
Bis zu den fernsten Bildern meiner Jugend
Erleuchtete die Liebliche mein Leben.
Wenn sie verändert mich nun hier umarmt –
Wie war sie, als du sie verlassen? sage –
Ich.
Sie sehnte sich nach dir, und war begierig,
Wie du und ich sich wohl vertragen möchten.
Tilie.
Vertragen möchten? – wir? Das ist nicht gut,
Hieraus wird mir kein Wiedersehen – ach,
Sie ist gewiß verändert, und ich finde
In ihr das treue Gegenbild nicht wieder.
Sie gab als Kind mir alles, was mir fehlte,
Jetzt fehlt mir nichts; wird sie auch Alles haben?
Ich glaube nicht, weil sie sich nach uns sehnt.
Sie möchte wissen, wie du mich veränderst,
Da sie durch dich sich selbst verändert fand.
Ich.
Verändert? ach! und hat vielleicht verloren,
Was sie, die Einsame, zu deiner Freundin
Gemacht? Es thut mir weh! Durch mich verloren?
Tilie.
Es thut dir weh? – So wolltest du's; ich bitte,
Ach! wolle, was dich einstens schmerzt, nicht wieder,
Was wird Joduno fühlen? wenn sie sieht,
Daß du nun nicht mehr willst, was du gewollt hast.
Ich.
O! Tilie, ich weiß nicht, ob ich's wollte.
Ich kam auf ihres Vaters Schloß, und trübe,
So trübe Stunden lagen hinter mir,
Schnell wie ein Blitz war eine große Freude,
Mit vieler Liebe mir hinabgestürzet.
Mein Leben war so dunkel, und ihr Auge
Erweckte freundlich blickend mir im Busen
Zuerst des Friedens holdes Weben wieder.

Es war am Abend, ruhig sank die Sonne
Und mit ihr ging mein müdes Leben unter.
Sie sprach mit mir von Allem, was sie liebte,
Von ihrer Mutter, dir und deinem Vater –
Ich liebte nichts, mußt ich sie so nicht lieben?
Und ist mir dieser Wille nicht verzeihlich?
Der Wille? Tilie, der so leise war –

Tilie.
Ich fühle wohl, wie dies in dir und andern
So ist; mir selbst ist es schon so ergangen.
Wenn du die Fremde, die du Heimath nennst,
Mit bunten Bildern rauschend um mich weckst,
Von deinen Reisen so beweglich sprichst:
So liebe ich dich nicht; und wenn ich wieder
Für mich allein dran denke, reut es mich –
So ist es umgekehrt, was du gethan.

Doch, trübe Stunden lagen hinter dir,
Und eine große Freude war verloren,
Du Armer, sprich, wie war das Alles?

Ich.
                                                            Eins nur
Von Allem, was du mir gesagt, betrübt mich,
Sonst wollt' ich gerne Alles dir erzählen.
Tilie.
Niemals sollst du durch Tilien verlieren –
Ich.
Ich kann nun fernerhin nichts mehr verlieren,
Denn alle das Vergangne ist verloren,
Und nichts mehr kann vergehen, nichts mehr kommen,

Seit ich zum erstenmal das holde Leben
So gegenwärtig und geliebt empfinde,
Und das, Otilie, hast du mir gegeben,
Du wolltest, daß die Liebe mich entzünde.
Aus deinen Augen helle Lichter schweben,
Daß alles Dunkel rück- und vorwärts schwinde,
Doch sagtest du, du konntest mich nicht lieben,
Wenn ich das bunte Leben dir beschrieben.

So lasse mich vergessend hier gesunden,
Laß mich von meinem alten Leben schweigen,
Da du das neue schon mit grünen Zweigen
Und deiner Küsse Liebesblüth' umwunden.

Du öffnest mir die kaum vernarbten Wunden,
Und in die Wunden wie in Gräber steigen,
Sollt' deine holde Liebe von mir weichen,
Die ew'ge Freude und das Licht der Stunden.

Vertreibst du mich aus diesem Heiligthume,
So muß das junge Leben früh verstummen,
Das du mit Liebesseligkeit gewürzet.

Sind dann nicht alle Stunden ohne Schimmer,
Ist's weniger als Freude, die auf immer
So unerreichlich tief hinab mir stürzet?

Tilie.
Es sey dir Nacht, und nächtliches Entzücken,
Das mild der Sterne Blumengluth ergießt,
Erblühe dir aus meinen stillen Blicken.
Und wenn du mir nicht in die Augen siehst,
So will ich deinen Arm gelinde drücken.
Damit sich nie das Leben dir verschließt,
Sollst du an meinem Arme hängend fühlen,
Wie warm mein Herz, will deines gleich erkühlen.

So sprich mir dann von deinem jüngsten Leben,
Von deiner Freud' und Schmerzen Heiligkeit,
Denn über dieser wunderbaren Zeit
Kann nur der Schmerz, kann nur die Freude schweben.

Dem Aeltern sind die Stunden hingegeben,
Er führet sie zu Frieden oder Streit,
Er herrschst über sie. So Freud und Leid
Muß er allein sich selbst bestimmend weben.

Um Vater, Mutter und das Vaterland
Weint oft Eusebio so stille Thränen,
Und hat verloren, was er nie gekannt.

Auch mich hält fest ein tief unendlich Sehnen,
Der frühverlornen Mutter zugewandt;
Denn uns besitzt, was wir verloren wähnen.

Besinne dich ein wenig, was du sagest,
Denn selten, lieber Freund, sagst du das Rechte.

So sollte ich mich besinnen, Römer, und wußte doch von nichts, kannte niemand mehr, als sie. O, wie hat mich dies Weib gefangen genommen, und wie werde ich durch sie leiden müssen, Schmerzen, die sie nimmer verstehen kann. Sie heilt, wie die Natur, alle Wunden, ohne sich zu einzelnen hinzuwenden; sie heilt mit einer eigenthümlichen heilenden Kraft, mit einem Balsam, der wie ihre eigne Gesundheit in ihr lebt.

So bin ich denn einem Wesen hingegeben, das in seiner eigenthümlichsten Macht dasteht; ich liege in der Wiege der Natur, ihr Fußtritt bringt mein Leiden mit leichten Schwingungen in die Träume der goldnen Zeit; möge ich erwachend an ihrem Busen von einem Geiste beseelt seyn, für den meine jetzige Sprache ein Stammlen des Kindes ist. Oder werde ich sterben, wenn ich an ihrem Busen erwache, und die Form aller Formen mir vor den Augen und der Quell aller Nahrung und Wollust zwischen meinen Lippen schwillt? O wie werde ich dich dann nennen, Freund! mit aller Macht des Worts, allem Zauber der Poesie nennen können.

Godwi.

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