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Clemens Brentano: Godwi - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodwi
authorClemens Brentano
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-009394-5
titleGodwi
pages3-15
created19990905
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1801
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Godwi an Römer.

»Ich war sein Vater nicht, bin keines Menschen Vater, jetzt geh zu meinem Kinde hin.« Wunderbare Worte; o Römer, wie sie mich ergriffen!

Der Greis, der rührend vor mir saß, und mit dem Blicke in das Thal hinab und über die Berge hin, als sey er überall gegenwärtig, mir allen Druck vom Herzen nahm, dessen begeisterte Rede, ein sanfter leuchtender Engel, meine Wünsche wie abgeschiedene Seelen in einen freudigen Himmelsfrieden brachte, der nehmliche, der sich in seinem Liede, in seinen Worten der ganzen Welt so schön verbrüderte, – stieß mich wild zurück, da ich mit allen Mächten zu ihm hingezogen, an seinem Halse den Namen: Vater, nannte. –

Ach, soll ich keinen denn aus vollem Herzen so nennen können? Muß der es bleiben, der ein peinlich Leben mir, ohne daß ich leben wollte, gab? Die Worte dieses Mannes könnten mich befriedigen, könnten das Silber mir im Herzen bis zum Blicke glühen, wenn mir nicht jener durch eine unselige Mischung ein seltsames unerfüllbares Sehnen mitgegeben hätte.

So kann ich nur das Hohe unendlich lieben, so kann ich nur den Sinn verstehen, und nimmer den Leib, die herrliche Gestalt umfassen. Alles zerbricht mir unter den Händen, und ewig hoffe ich und will; doch feindlich tritt ein böser Geist zwischen Willen und Handlung hin, und reißt mich in mich selbst zurück, das Ziel stets weiter rückend.

Wo mich die Weisheit schon im Arme zu halten scheint, und ich ihr wie ein Schwur versichert in die Augen sehe, reißt mich der Wahnsinn wild zurück. Was kann ich nur ergreifen wie ein Schwerdt, uni jedes Leben, jede Rede zu zerlegen, damit mir nur das werde, was mir dient, denn keiner ist wohl in der Welt, dem ich so ganz angehöre, in den ich sorglos und kühn mit allen Zweigen verwachsen darf; und werde ich je das Leben selbst erschaffen, das alle diese Zwecke mir erfüllt, oder erschaffe ich jetzt die Welt mir so, daß keiner mir erreichbar ist?

Es ist mir, als stritten Wahnsinn und Poesie sich um Werdo's Geist, und siegend faßt ihn diese oder jener. Der Wahnsinn ist mir wie der unglückliche Bruder der Poesie, er ist im Leben verstoßen. Siegt er, dann führt er treu den schwer erkämpften Preis bis zu den Göttern, der Schwester aber tritt die ekle Wirklichkeit oft breit in den Weg, und oft muß sie für die Duldung, die man ihr gewährt, die harte Schmach erdulden, daß ihre Beute der Welt anheim fällt.

Ich verließ Werdo'n sehr zerrüttet, er hatte meine Ansicht der Dinge wunderbar verändert, mich fest mit seinem Glauben verwebt, daß alles, was mir entgegen trat, mir fremd und neu erschien. Seine letzten Worte hatten meine Hingebung wieder erschüttert, und ich stand wie ein unentschloßner, ungeschickter Gott da, der nicht weiß, wie er die Welt erschaffen soll, weil sie schon da ist.

Ich näherte mich den Gebüschen, die von einer Seite seine Wohnung einfassen, und hörte Tilien mit Eusebion sprechen. Der Ton ihrer Stimme rührte mich wie ein Zauber, es war der Ton, den ich verloren hatte, und alle meine Gedanken reihten sich, und alles war mir wieder wahr und gut, unbezweifelt – Liebe.

Eusebio saß zu ihren Füßen, versteckte sich bald, bald sah er traurig in die Höhe, doch sprach er nicht. Sie redete ihn an: »Eusebio, wie bist nur so still, versteckst dich und siehst dann wieder so traurig auf; des Knaben Herz muß froh und heiter seyn.«

Hier sprang er schnell auf und sagte:

»Tilie, ich will singen, fange an, ich will singen, daß ich froh werde wie ein Lied.«

Tilie sang:

Frei, frei
Von Trauer sey
Des Knaben Herz.
         

Hier fiel Eusebio ein,

        Von Trauer frei
Ist nicht sein Herz;
Schmerz, Schmerz,
Ganz tiefer Schmerz
Ist selbst sein Scherz.

Will nach der Buche,
Will nach der Buche gehn,
Wird sie dort freundlich stehn?
Will sie dort wiedersehn,
Die ich nur suche.

Sehnsucht!

Im Mondschein,
Ganz allein
Will sie bey mir seyn.
Fürchte mich nicht,
Ihr Gesicht
Ist Tageslicht.

Hier trat ich auf die Stelle, wo sie beide standen, Tilie kam mir freundlich entgegen und küßte mich; ich weiß nicht, wie mich gerade in dieser Minute eine wunderbare Verlegenheit ergriff, da ich sie in den Armen hielt. Der Knabe schien an Tiliens Klage über seine Trauer sich schalkhaft rächen zu wollen.

Er drängte sich an mich, faßte meine Hand, dann wendete er sich zu Tilien und sang:

Mild, mild
Von Liebe, schwillt
Des Mannes Brust;
Von Liebe schwillt
Auch Tiliens Brust.
Lust, Lust,
Ganz stille Lust,
Ihr unbewußt.

Sonst war der Liebe
Stille im Herzen bang,
Bis sie zum Auge drang
Und von der Lippe klang,
Ihr Spiel sie triebe.

Liebestrieb!

Im Mondschein,
Ganz allein
Will sie bey ihm seyn.
Fürchtet euch nicht,
Mondeslicht
So freundlich spricht.

Hier ließ er mich los und eilte in den Wald. Tilie rief ihm nach:

Eusebio! Eusebio! verspäte dich nicht –

Aber der Knabe war verschwunden, und das Echo rief aus dem Walde zurück:

– Verspäte dich nicht!

Tilie wendete sich zu mir und sprach:

Ich weiß nicht, was in diesem Knaben webet,
Je mehr er faßt, je mehr verschließt er sich,
Und sollte doch stets reicher auch mehr geben,
So wie Natur, die immer mehr uns bietet,
Je mehr sie Reichthum in dem Schooße faßt.

Wie rührt mich nicht des Frühlings Kindergabe,
Der, kaum des Winters hartem Geiz entflohen,
Schon freundlich grüne Sprossen bringt und Blumen.

Er trägt ein Kleid von dünnem Glanz gewebet,
Und sieht mit lindem Sonnenschein uns an,
Und weckt mit süßen Liedern alle Wesen.

Steht ihm auch gleich die Thräne noch im Auge,
Die Ihm des harten Winters Frost entlocket,
Und zittert gleich sein zarter Leib von Kälte,
Weil ihn so dünn der strenge Vater kleidet,
So regt er doch zum Tanze und zur Arbeit
Mit leichtem Flug die neugebornen Glieder.

Er schürzet sich, blickt in den festen Spiegel,
Der aller Flüsse wandelnd Leben decket,
Und unter seinem heißen Blicke springet
Der zarten Nymphen und Sirenen Fessel;
Sie fassen dankbar seiner Jugend Schöne
Und eilen, sie in alle Welt zu tragen,
Und tragen sie hinab durch alle Thäler.
Mit seinem frohen Bilde kindisch spielend,
Entzünden sie zu seinem Dienst die Ufer,
Durch die sie wollustmurmelnd freudig gehen;
Die Blumen all, die an dem Rande stehen,
Sie winken still hinab, ihr zitternd Bild begrüßend.

Er schwebet liebend über todte Wälder,
Die bang mit kalten Armen aufwärts langen,
Da zündet er den Wald mit grünen Flammen,
Und alle Blätter küssen sich so lieb zusammen,
Und blicken still, das Götterkind zu fangen.

So sprach Tilie noch lange vom Leben und Geben, und wahrlich, sie giebt alles, könnte ich nur alles nehmen; aber da wohnt eine unausstehliche Sparsamkeit in mir, die man immer in eurer ärmlichen Haushaltung von Leben davon trägt.

Dann stand sie auf und sprach:

Der Name Reichthum kommt allein von reichen;
Hinreichen sollen wir das eigen; allen,
Die arm sind, sollen froh wir geben,
Weil sie die Arme so gar traurig heben.

Wir wollen mit einander nach dem Walde,
Den Knaben, der allein ist, aufzusuchen;
Er sagte ja, er wollte nach den Buchen.

Hier nahm mich Tilie an der Hand und führte mich durch kleine schmale Wege in den dunkeln Wald; es war mir recht heilig zu Muthe.

Wir schwiegen lange, und horchten auf das Abendlied der Nachtigall, das mit glänzenden einzelnen Tönen durch die lebenden Gewölbe zog. Der Mond sprach wehmüthig mit einzeln zündenden Silben durch das Flüstern der Bäume, Ahndung wehte mit ihren dämmernden Flügeln durch die Büsche, und alle heimlichsten Gedanken wagten sich aus jeder Seele, wo sie sich vor dem geschäftigen vorwitzigen Tage versteckt hatten.

Morgen, Römer! hörst du weiter; ich muß nun schlafen. Tilie sagte heute, meine Augen seyen so verwacht, da bist du schuld dran.

Dies Mädchen besitzt einen so, daß man, um nur wenige Augenblicke nach einem Freunde zu sehen, fast vor Anstrengung erblinden muß. Schlafe wohl.

Godwi.

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