Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Clemens Brentano: Godwi - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodwi
authorClemens Brentano
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-009394-5
titleGodwi
pages3-15
created19990905
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1801
Schließen

Navigation:

Godwi an Römer.

Ich will dir nun weiter erzählen, was Werdo sprach.

Als er sein Lied geendigt hatte, sagte er: »Sieh, keiner konnte mich mit Trost erquicken, drum habe ich in mir das Wort getilget, und lebe wie Natur, in freien und ungebundenen Tönen.

Du bist ein Mensch wie wenige gebildet, denn aus dir spricht, was andre träg verstecken, und was mir nur die leblose Natur gezeigt.

Die Sitte ist in dir Gesetz geworden, nach dem die Sonne auf und nieder gehet, und alles kann ich gleich erwarten, denn nirgends willst du überraschen, und nimmer folgst du ihr, die dich begleitet.

Doch das soll dich nicht eitel machen, denn ein Gedicht der ewigen Natur ist Demuth. Auch kannst du es nicht bilden, oder weiter in dieser hohen Gabe vorwärts schreiten, denn alles Wissen ist der Tod der Schönheit, die in uns wohnet, und dieselbe wäre, wär' gleich die Wissenschaft noch nicht erfunden.

Mein Lieber, vieles muß ich dir verbergen, und in den ersten Augenblicken warst du schrecklich. Die Vorzeit, die ich mir mit Mühe und vielen tiefen Schmerzen abgewöhnte, sie trat aus dir mir drückend bang entgegen, und Zukunft rann so hell aus den Augen, daß ich mit Sehnsucht schon hinüber sah.

Es war kein Bleiben sonst auf Erden, darum habe ich am Felsen dort den Quell zum Teich gehemmt, der immer mich auf seinen wilden Wellen in ferne Zeit mit Sehnsucht hingezogen.

Itzt steht er still, kein Schwinden und kein Kommen, und jede Welle, die sich regt, umarmt die andre, die ihr froh entgegen wallt. Und mir ward wohl!

Als du nun vor mich tratst, so wars, als wollte Vergangenheit mir schnell zum todten Bilde und Zukunft in der Gegenwart gerinnen. – Das Alles ruhet schon, ich liebe dich.

Auch Tilie, die holde, will dir wohl, und freue dich. Sie kennet keine Welt, von Menschenhänden trügerisch erbaut, und du bist wie Natur natürlich, liebt sie dich.

Sprich nie von ihr, denn auch der Wahrste lügt, will er mit Worten, was er fühlet, sagen, und nur die Aeußerung ist wahr, die unvermuthet und unverschuldet aus der Tiefe steiget.

Es leitet unwillkührlich die Natur die Sprache aus der Tiefe unsers Herzens durch die Oberfläche in sich selbst zurück, und enger, enger ziehen sich die Kreise und gehen endlich in den Tropfen über, die Thätigkeit so in sich selbst beschließend, die in der Ruhe stillen Spiegel fiel.

Ich weiß nicht, wo mein Kind nach meinem Tode ein Bündniß mit dem Leben schließen sollte, drum habe ich sie der Natur verbunden, und so muß sich in ihr schon alles finden, und nirgends braucht sie Rath zu suchen.

Es findet selbst ein blindes Kind die Brust der Mutter, deren Schooß es barg.

O stör' sie nicht, und liebe still, und stille Liebe wird dir danken – doch höre, hüte dich vor ihr, und bleib' dir ewig gleich, denn zarte Ordnung bildet ihr Gemüth; zerreißt du sie, so wird sie dir zur Marter.

Dem stillen heiligen Leben blieb sie treu, und fasset ohnbewußt vom Ganzen doch den Geist.

Nur wenige sind so, von der Natur in tiefen Schöpfungsstunden so geprägt, und hast du Zeit, noch mehr als Mensch zu seyn, füllt dir des Lebens Ernst nicht alle Thätigkeit, bist du ein Bürger? o so fliehe schnell!

Denn solchen Reiz bestehet keine Pflicht, sey sie auch noch so fest gehämmert, Natur ruft dich mit aller Weibes Allmacht hier, sie reicht die Arme dir so frei und schön entgegen, und ihres Busens Wellen dich verschlingen. Du kehrest nimmermehr zurück.

So muß es die Natur, sie meint es gut.

Die Mutter sehnt sich ewig nach dem Sohne, den sie aus ihrem Schooße hervorgerufen, daß er sich ihr an ihrem Busen angesaugt verbinde.

Er stehet oft fürs Ganze draußen im Kampfe, und sieht den Frieden nicht, der nur im Innern blüht.

Sie kennt den Ruhm, die Ehre nimmer mehr, der Lorbeer grünt in ihr, und auch die Myrthe, und beide liebt sie nur als frohes heitres Grün, das wir zur Hoffnung uns erwählten.«

Hier sah mir der Alte mit Begeisterung ins Auge, ich wußte nichts von seiner Rede. Das Ganze schwebte wie ein unbekanntes Element um mich her. – Nur einige seiner Aeußerungen über Tilien traten mir aus seiner sichtbaren unsichtbaren Rede entgegen. Sie wurden mir Gesetze, ich kannte keine Pflichten mehr, aller voriger Glauben sank wie ein gestürzter Götze.

Die Liebe fing mich ein mit ihren Netzen,
Und Hoffnung bietet mir die Freiheit an;
Ich binde mich den heiligen Gesetzen,
Und alle Pflicht erscheint ein leerer Wahn.
Es stürzen bald des alten Glaubens Götzen,
Zieht die Natur mich so mit Liebe an.
O süßer Tod, in Liebe neu geboren,
Bin ich der Welt, doch sie mir nicht verloren.

Ich sank ihm in die Arme, und rief ihn mit dem Namen: Vater! und alles zerrann um mich.

Er staunte mich an und sprach wild:

»Ich war sein Vater nicht, bin keines Menschen Vater, jetzt geh zu meinem Kinde hin.«

Lebe wohl!

 << Kapitel 19  Kapitel 21 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.