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Clemens Brentano: Godwi - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
booktitleGodwi
authorClemens Brentano
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-009394-5
titleGodwi
pages3-15
created19990905
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1801
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Godwi an Römer.

Werdo, der Vater Tiliens, ist heiterer, seitdem ich hier bin. Tilie dankt es mir, und nennt mich darum den Freund. Da ich sie zum erstenmal sprach, es war in der Gesellschaft des Alten, wartete für mich eine seltsame Zauberei über ihrer Rede. Sie sprach in weiten geisterischen Umrissen von der Welt, und ich fühlte, indem sie mit einer hohen Theilnahme und vielem Geiste die Leiden und das Uebel der Gesellschaft vermuthete, daß alles in der Welt recht sey, und wie es seyn könne.

Unsre Wirklichkeiten wurden unter der zarten Bestimmung ihrer Phantasie zu einer fremden freundlichen Poesie, so wie ihre Wirklichkeit unsre Poesie seyn könnte. Es ist mir, als sey der Genius der höchsten Kultur auch derselbe der einfachsten Natur, und habe seinem Kinde die Sitten der Kinder der Gesellschaft anvertraut, um sie durch die Darstellung jener Unzulänglichkeit für ihr eignes Leben empfänglicher zu machen.

Werdo, der mein Erstaunen über sein weissagendes Kind bemerkte, ergriff in einer seiner fraulicheren Stunden meine Hand, und sprach: »Mein Freund! du bist mein Hausgenosse geworden, und freuen soll es mich, noch lange in stiller Liebe so mit dir zu theilen! Ich schwieg bis itzt, ich glaubte, daß auch dich das Mitleid ekelhaft durchdringe, und alles müßte ich vor dir und deines Herzens Vorwitz bang verhüllen. Doch freudig habe ich des Herzens stille Theilnahme gefunden, vor der ich ohne Scheu, daß du in lautes Seufzen, in Verwundern, wie kein Mensch es darf, verfielest, die lang entwöhnte Offenheit ergieße. Mein Schmerz ist still, du hast ihn nie mit Klang und lauten Worten angeredet, so liebt er dich und mag dich wohl in seiner Ruhe leiden. Das Leben, das ich sonst um gar nichts fragte, es wollte mir auf alles Antwort geben, und that es rauh mit scharfen lauten Worten, so daß es mich hinausgedrängt. Itzt frag' ich nichts, und nichts mehr spricht mit mir; so lebe ich in tiefer Einigkeit mit Allem, was hier um und um mich lebet.«

Wenn der Sturm das Meer umschlinget,
Schwarze Locken ihn umhüllen,
Beut sich kämpfend seinem Willen
Die allmächt'ge Braut und ringet,

Küsset ihn mit wilden Wellen,
Blitze blicken seine Augen,
Donner seine Seufzer hauchen,
Und das Schifflein muß zerschellen.

Wenn die Liebe aus den Sternen
Niederblicket auf die Erde,
Und dein Liebstes Lieb begehrte,
Muß dein Liebstes sich entfernen.

Denn der Tod kömmt still gegangen,
Küsset sie mit Geisterküssen,
Ihre Augen dir sich schließen,
Sind im Himmel aufgegangen.

Rufe, daß die Felsen beben,
Weine tausend bittre Zähren,
Ach, sie wird dich nie erhören,
Nimmermehr dir Antwort geben.

Frühling darf nur leise hauchen,
Stille Thränen niederthauen,
Komme, willst dein Lieb' du schauen,
Blumen öffnen dir die Augen.

In des Baumes dichten Rinden,
In der Blumen Kelch versunken,
Schlummern helle Lebensfunken,
Werden bald den Wald entzünden.

In uns selbst sind wir verloren,
Bange Fesseln uns beengen,
Schloß und Riegel muß zersprengen,
Nur im Tode wird geboren.

In der Nächte Finsternissen
Muß der junge Tag ertrinken,
Abend muß herniedersinken,
Soll der Morgen dich begrüßen.

Wer rufet in die stumme Nacht?
Wer kann mit Geistern sprechen?
Wer steiget in den dunkeln Schacht,
Des Lichtes Blum' zu brechen?
Kein Licht scheint aus der tiefen Gruft,
Kein Ton aus stillen Nächten ruft.

An Ufers Ferne wallt ein Licht,
Du möchtest jenseits landen;
Doch fasse Muth, verzage nicht,
Du mußt erst diesseits stranden.
Schau still hinab, in Todes Schooß
Blüht jedes Ziel, fällt dir dein Loos.

So breche dann, du todte Wand,
Hinab mit allen Binden;
Ein Zweig erblühe meiner Hand,
Den Frieden zu verkünden.
Ich will kein Einzelner mehr seyn,
Ich bin der Welt, die Welt ist mein.

Vergangen sey vergangen,
Und Zukunft ewig fern;
In Gegenwart gefangen
Verweilt die Liebe gern,

Und reicht nach allen Seiten
Die ew'gen Arme hin,
Mein Daseyn zu erweiten,
Bis ich unendlich bin.

So tausendfach gestaltet,
Erblüh' ich überall,
Und meine Tugend waltet
Auf Berges Höh, im Thal.

Mein Wort hallt von den Klippen,
Mein Lied vom Himmel weht;
Es flüstern tausend Lippen
Im Haine mein Gebet.

Ich habe allem Leben
Mit jedem Abendroth
Den Abschiedskuß gegeben,
Und jeder Schlaf ist Tod.

Es sinkt der Morgen nieder,
Mit Fittigen so lind,
Weckt mich die Liebe wieder,
Ein neugeboren Kind.

Und wenn ich einsam weine,
Und wenn das Herz mir bricht,
So sieh im Sonnenscheine
Mein lächelnd Angesicht.

Muß ich am Stabe wanken,
Schwebt Winter um mein Haupt,
Wird nie doch dem Gedanken
Die Glut und Eil geraubt.

Ich sinke ewig unter,
Und steige ewig auf,
Und blühe stets gesunder
Aus Liebes-Schooß herauf.

Das Leben nie verschwindet,
Mit Liebesflamm' und Licht
Hat Gott sich selbst entzündet
In der Natur Gedicht.

Das Licht hat mich durchdrungen,
Und reisset mich hervor;
Mit tausend Flammenzungen
Glüh ich zur Glut empor.

So kann ich nimmer sterben,
Kann nimmer mir entgehn;
Denn um mich zu verderben,
Müßt' Gott selbst untergehn.

Die Harfe lag, während er sprach, schon an seiner Brust, wie ein Theil seines Gemüths und seiner Aeußerung.

Ich empfand erst in der Mitte seines Liedes, daß er sie spielte, so leise hatte er angefangen. Alles das hatte sich verschlungen und durchdrungen, ohne daß ich irgend einen Übergang sah.

Morgen schreibe ich dir weiter; ich habe den Greis verlassen, sitze hier auf meiner Kammer, weine und bete; der Abend kömmt schon, von ihm den Abschiedskuß zu fordern. O lebe wohl!

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